Tanzen als Prävention
Walzer, Tango, Foxtrott … sind grossartige Gelegenheiten, sich selbst und andere neu wahrzunehmen, vorausgesetzt, mit dem Körper gerät auch die Seele und das soziale Gefüge in Bewegung. Im Gespräch mit Johannes Labudde, der seit mehr als 30 Jahren Tanzunterricht an Waldorfschulen, in Jugendzentren, heilpädagogischen Einrichtungen – und gelegentlich auch Lehrerkollegien – gibt.
Wodurch unterscheidet sich die Bewegung im Tanzen von der Bewegung im Sport?
Beim Tanzen geht es vor allem um seelische Bewegungen. Gerade mit 15, 16 Jahren, wo nicht nur das Körperliche, sondern auch das Seelische verkrampft ist. Auch das soziale Gefüge gerät in Bewegung. Der Tanz ist ein Mittelding zwischen Eurythmie und Sport. In der Eurythmie steht das gemeinsame Bewegen ohne Anfassen im Vordergrund, in den Kontaktsportarten ist es ein gemeinsames Bewegen, jetzt nicht zur Musik – es sei denn, es handelt sich um rhythmische Sportgymnastik. Bei Ringkämpfen geht es um Kontakt. Wer ringt den anderen auf die Matte nieder? Beim Tanzen geht es um ein harmonisches Zusammen und Miteinander! Allerdings merkt man schon, dass, wer viel Sport macht, es beim Tanzen einfacher hat. Wenn ich mit Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun habe, die nicht schon acht, neun Jahre Eurythmie gemacht haben, ist Tanzen manchmal ein Mysterium: Was ist vorne, was ist hinten, was ist kurz, was ist lang? … Man beginnt den ersten Tag mit Vorbehalten und Fragezeichen und nach einer Woche geht man locker aufeinander zu und jeder tanzt mit jedem!
Wie verändert sich das Soziale?
Wir tanzen eine Woche zusammen, jeden Tag sechs Stunden. Was kommt da nicht alles in Bewegung! Die Klasse wird von rechts auf links gedreht, seelisch und physisch, weil man mal etwas ganz anderes macht. Alle wissen ja voneinander: Wer ist hier das Mathe-Ass? Wer die Sportskanone? Welche Frau kann super Englisch oder Französisch? Das alles gilt nicht mehr. Mit den bekannten Begabungen wird tabula rasa gemacht, die Schülerinnen und Schüler lernen sich komplett neu kennen und entdecken plötzlich neue Begabungen: Oh, der Finn kann zwar nicht rechnen, aber so gut tanzen! Die Paare finden erst einmal nach dem Zufallsprinzip zueinander, aber später gibt es auch viel Raum, dass man aktiv auf jemanden zugehen kann. Am Ende der Woche sind das vielleicht ganz andere Personen als zu Beginn. Es gibt zwar Lieblingspartner, aber man lernt sich auch neu kennen. Die eingefahrenen sozialen Dynamiken – das ist der Klassenkaspar, das ist der Philosoph, das ist die Streberin – das alles ist nach zwei Stunden uninteressant, und zuletzt sind alle ganz offen füreinander. Tanzen ist ein soziales Schmieröl. Man kann nur hoffen, dass das wahrgenommen wird und diese Erfahrungen mitgenommen werden.
Also über den Kopf lernt man nicht gut tanzen?
Es geht ja erst einmal darum, dass man den Kopf ein bisschen ausschaltet und sich einfach mal locker bewegt, eben nicht nachdenkt. Vor allem beim Foxtrott ist das wichtig, denn wenn man da anfängt zu grübeln, warum die Füsse einen Dreiertakt tanzen und die Musik einen Vierertakt spielt …
Um was geht es dann in erster Linie?
Es geht darum, körperliche und seelische Haltung zu gewinnen. Ich finde, das kann man in der Gegenwart und für die Zukunft gar nicht genug üben, nicht nur «herumluscheln» mit den Gliedmassen. Das ist wunderbar zu beobachten: Zu Beginn hängen die jungen Menschen noch so aneinander herum, und schon nach ein, zwei Stunden werden sie aufrecht und nehmen Haltung ein. Und die Mädchen fordern die Jungs auf: «Mach doch mal richtig Druck, du musst mich hier führen! Du musst Haltung haben!» Ja, und plötzlich braucht es sogar Tanzschuhe. Jetzt sage ich etwas ganz Unmodernes: Auch mal stilvoll sein! Das hat ja alles gar nichts mit Knigge oder Spiessigsein zu tun, sondern mit Haltung haben. Das ist nicht vorrangig Aufgabe von zum Beispiel Mathematik oder Gartenbau, da geht es um etwas ganz anderes.

Was wirkt beim Tanzen präventiv?
Nach einem fünfstündigen Ball sagte einmal ein Schüler nassgeschwitzt und total happy: «Wow, war das schön! Und ich habe es sogar noch mitbekommen!» Das heisst, er war es gar nicht gewohnt, dass man fünf Stunden Party macht, ohne dass man sich mit etwas anderem zuknallt.
An dieser Stelle sind die sozialen Medien tatsächlich sozial. Da gibt es Tanzgruppen, die sich zusammentun, im Ruhrgebiet, in Potsdam, im Bergischen Land, in Baden-Württemberg, und fast jedes Wochenende miteinander tanzen gehen. Dann macht man schon keinen anderen Mist. Ich erlebe es gelegentlich: Da findet eine Tanzveranstaltung im Wohngebiet statt, es wird die Polizei gerufen, weil es den Nachbarn zu laut ist. Dann kommt die Polizei, macht grosse Augen und ist begeistert. Sie ist natürlich ganz anderes gewohnt, wenn 300 Jugendliche Party machen. «Alles in Ordnung, macht weiter!» und sie ziehen wieder ab. Das ist Suchtprävention. Am Wochenende nicht die Birne zuknallen, sondern tanzen und dabei ein seelisch erfüllendes Erlebnis zu haben!
Es ist für eine Schule ein Unterschied, ob diese Form des Miteinanders und der Geselligkeit gepflegt wird oder nicht – und das ganz ohne Alkohol. Die Tanzstunden und der abschliessende Festball erhalten aus anderen Quellen ihren Schwung. Das ist besonders für die Schüler ein wichtiges Erlebnis, wo doch meist Alkohol zum Feiern bei Jugendlichen dazugehört – von anderen Rauschmitteln ganz zu schweigen.
Tanzen Waldorfschüler anders als andere Schüler?
Ja, es ist einfach ein Unterschied, ob man jahrelang Eurythmie gemacht hat oder nicht, abgesehen von einzelnen Ausnahmen. Aber als ganze Klasse ist es klar bemerkbar. Wo sind bewegungsmässige rhythmische Fähigkeiten schon vorhanden und wo nicht?
Du gibst seit vielen Jahren Tanzkurse für Jugendliche. Welche Funktion hat das Tanzen für Dich darüber hinaus?
Ich hänge mich jetzt einmal weit aus dem Fenster: Eigentlich müssten auch Erwachsene viel mehr miteinander tanzen – in Betrieben, unter Kollegen, wo es dauernd knirscht, und mindestens einmal im Quartal zwei Stunden tanzen, das würde einiges bewirken. Ich hatte das tatsächlich einmal gemacht in einem Schulkollegium, wo es hochschwierig zuging, die sich teilweise nur noch über Anwalt und Supervision verständigen konnten. Es war überhaupt nicht die Absicht, dort therapeutisch zu wirken. Ich wurde lediglich gefragt: «Kannst du in die Konferenz kommen zur Nachbesprechung von der Tanzwoche und dem Abschlussball. Wenn du schon da bist, könntest du nicht mal mit allen tanzen?» Warum nicht? Gesagt, getan. Dieses Kollegium, das es sozial so schwierig hatte, hat getanzt! Hinterher kam eine Lehrerin zu mir und sagte: «Was hat du gemacht?» Denn als ich sagte: «Jetzt mal alle Männer fünf Frauen weiter nach links» stand sie bei Kollege X, mit dem sie seit drei Jahren kein Wort mehr gewechselt hatte und musste mit ihm Tango tanzen! Und es hat geklappt! Wenn man so etwas regelmässig macht, fallen Blockaden! Es geht dabei gar nicht ums Können, sondern ums Machen. Auch in Betrieben. Von daher bietet Tanzen viel ungenutztes Potenzial.
Was motiviert dich, so vielen Schülerinnen und Schülern das Tanzen beizubringen?
Erstens, weil es mir Freude macht und zweitens, weil ich immer wieder gespannt bin, wer da alles kommen wird und wie die jungen Menschen drauf sind. Die Tänze sind ja immer dieselben, aber es wird immer etwas ganz anders daraus. In erster Linie will ich Freude und Begeisterung vermitteln. Es gibt heute genug, was einen runterzieht, und da muss man etwas dagegen tun. Ich bin von Natur aus kein Pessimist, aber wenn man sieht, wie das Zwischenmenschliche komplett ins Digitale abgerutscht ist, braucht es dringend einen Ausgleich … da kann man nicht genug machen, auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist. So analog wie diese Woche haben die Schüler noch nie Zeit miteinander verbracht in den letzten Jahren. Von Mensch zu Mensch, du und ich, und wir fassen uns an! Und nicht: Okay, da daddeln wir herum und verabreden uns mal …
Die Fragen stellte Sonja Wagner.


