Im Gespräch mit Pascal Mühry-Städeli (33),
Ingenieur und Solarpionier, ehemaliger
Schüler der Rudolf Steiner-Schulen Mayenfels und Basel-Jakobsberg.

Die Wende zu Erneuerbaren Energien ist im Gange. Bei den E-Autos hat China die Nase vorn und ist gleichzeitig einer der grössten Verbraucher fossiler Rohstoffe. Solardach und Wärmepumpe sind hierzulande nahezu Standard. Der Irankrieg zeigt jedoch, wie abhängig die Welt von fossilen Rohstoffen (noch) ist. Wie beurteilen Sie die internationalen Entwicklungen und die politischen Rahmenbedingungen?
Direkt eine grosse Frage! Ich bin zwiegespalten. Einerseits gilt es, ganz klar festzustellen, dass die Energiewende nicht mehr aufzuhalten ist. Dies hat einerseits mit einem steigenden Verständnis für Nachhaltigkeit und gewissen Rahmenbedingungen zu tun, zusätzlich hängen dahinter mehrere ökonomische Tatsachen. Betrachtet man den Strom, also nur einen kleinen Teil der Energie, welche wir täglich benutzen, dann produzieren Erneuerbare Energiequellen den günstigsten Strom. Genauer gesagt gehen die Grenzkosten bei Photovoltaik gegen Null, womit sie die lukrativste Form der Stromproduktion ist. Eine Defossilisierung ist also im Strombereich eine Frage der Zeit. Bei der restlichen Energie ist es etwas schwieriger, da es auch eine Frage der Verfügbar- und Speicherbarkeit ist. So ist ein zuverlässiges Stromnetz essentiell für den Umstieg auf Erneuerbare Energien für die globalen Fabriken und die globale Mobilität.
Was natürlich die geopolitische Lage auch zeigt, ist leider, dass es sich, zumindest in den Augen der Kriegstreiber, nach wie vor lohnt, um die die globalen Ölreserven zu kämpfen, eventuell sogar mehr denn je. Dem kann nur mit dem weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien entgegnet werden, damit wir Energie «im Überfluss» gewinnen.
Ganz persönlich finde ich die geopolitischen Entwicklungen natürlich völlig absurd und traurig. Für die nationale Entwicklungen hinsichtlich Erneuerbaren Energien könnte es jedoch sogar den Vorteil haben, dass wir schneller unabhängig werden wollen und deshalb Investments tätigen. Hingegen herrscht aktuell in der Schweiz eine Investitionsunsicherheit bei Photovoltaikanlagen, da die Vergütung von Solarstrom dynamisch wird und damit die Wirtschaftlichkeitsberechnung einem Blick in die Glaskugel gleicht. Unter anderem deshalb gab es in den letzten zwei Jahren eine Verlangsamung beim Ausbau. Auch das mögliche EU-Abkommen stellt eine solche Unsicherheit dar. Deshalb arbeite ich daran, dass Solaranlagen und Batterien sinnvoll und angesteuert werden können, was neue Einnahmequellen generiert und die Investitionsunsicherheit reduziert.

Sie veröffentlichten einen Beitrag «Warum in der Schweiz Batteriespeicher ungenutzt herumstehen» auf «linkedin». Was ist die Ursache dafür?
Seitdem Thema der Lithium-Ionen-Abbaus für Batteriespeicher in Salzebenen mit Grundwasser medial aufgegriffen wurde, wissen wir, dass auch die «neue» Welt gewissermassen ein Kompromiss darstellt und mit Ressourcen schonend umgegangen werden sollte. Dies ist auch der Grund, weshalb ich letztes Jahr mit einem IT-Unternehmen zusammen eine neue Unternehmung gründete. Wir möchten Batteriespeicher, welche bei Industrien und im landwirtschaftlichen Sektor zur Zwischenspeicherung von Solarstrom genutzt werden, auch zur Stabilisierung des Stromnetzes, nutzen. Doch hier sind im Detail noch regulatorische Hindernisse vorhanden, welche in dem besagten Artikel beleuchtet werden.

Was halten Sie von der Renaissance des Gedankens, Strom wieder aus Kernkraft zu gewinnen?
Nichts. Das kann ich begründen. Es ist ganz einfach zu wenig wirtschaftlich. Bereits seit Jahrzehnten laufen Kernkraftwerke defizitär, weil sie zu teuer Strom produzieren.
Als das Stromnetz vor hundert Jahren aufgebaut wurde, war es dafür ausgelegt, dass es von einzelnen zentralen Kraftwerken gespeist wird – Strom wird auf oberster Ebene des Stromnetzes eingespeist. Mit der Solarenergie dreht sich das um: Strom wird mehr und mehr auch von der untersten Ebene ins Stromnetz eingespeist und dort auch zwischengespeichert. Dieser Umbau dauert noch gut ein Jahrzehnt. Beginnen wir heute mit der Planung eines Kernkraftwerkes, wird es erst in 20 bis 30 Jahren ans Netz gehen – bis dahin hat sich das Stromnetz komplett verändert und eine Stromquelle, die stets die gleiche Menge an Strom abgibt, passt dann nicht mehr ins System.
Was empfehlen Sie einem Hausbesitzer, wenn er sein in die Jahre gekommenes Haus energetisch sanieren möchte?
Eine fachliche allgemeine Antwort zu geben, wäre hier unangemessen, denn da muss jedes Haus separat betrachtet werden. Es lohnt sich, die staatlichen und kantonalen Fördertöpfe zu nutzen und das Haus von einem Spezialisten begutachten zu lassen, zum Beispiel einer GEAK-Expert:in.


Man sagt, dass Schüler von Steinerschulen in den MINT-Fächern eher schwach abschneiden und später eher ins Künstlerische oder Soziale gehen. Halten Sie das für ein Vorurteil? Sie sind in einem technischen Beruf tätig. Es herrscht das Vorurteil in der Gesellschaft bei Schülern von Steinerschulen: Das Interesse für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) seien bei ihnen nicht so stark ausgebildet …
In einer resilienten Gesellschaft braucht es Kunst, Kultur und Integration, was den Zusammenhalt stärkt. Wenn Abgehende von Steinerschulen in diese Bereiche gehen, haben sie dies erkannt. Steinerschulen leisten damit einen sehr wertvollen Beitrag für eine stabiles Sozialgefüge und damit unsere Zukunft. Nur damit können wir auch die grossen Herausforderungen wie den Klimawandel angehen. Ich glaube aber sehr wohl auch, dass man an einer Steinerschule die Faszination für MINT-Fächer erfahren kann, um auch dort mit der nötigen Offenheit neue Lösungen zu entwickeln.
Übrigens: Kunst hilft auch, kreativ und offen neue Herausforderungen anzugehen. Ich habe sogar bereits künstlerische Workshops in einem technischen Startup durchgeführt.

Was hat Sie in dazu gebracht, ein Ingenieursstudium aufzunehmen und wie sind Sie zur Solarenergie gekommen?
Seit Ende meiner Schulzeit wusste ich, dass mich die Solarenergie fasziniert. Als ich mich nach einem Studium umschaute, konnte man neu an der Fachhochschule Nordwestschweiz Energie- und Umwelttechnik studieren. Das schien mir genau das Richtige: Ingenieur mit praktischem Bezug. Ich begann als Praktikant und später als Projektleiter von Photovoltaikanlagen zu arbeiten. Ich durfte auch ein eigenes Installationsunternehmen mitgründen (EWG Basel), welches genossenschaftlich und nicht gewinnorientiert wirtschaftet. Dies veranlasste mich dazu, noch den Master in Nachhaltiger Wirtschaft an der Alanus Hochschule in Deutschland zu studieren.

Was würden Sie rückblickend auf die Schulzeit sagen, was sie am stärksten geprägt hat und warum?
Die Offenheit für Neues und Progressives, um mit offenem und nicht vorteilbehaftetem Blick selbst sich Gedanken zu machen und auf Ideen zu kommen. Ebenfalls geprägt haben mich meine Mitschülerinnen und -schüler. Mit manchen verbinden mich nach wie vor tiefe Freundschaften.

Würden Sie selbst nochmals auf eine Steinerschule gehen wollen oder würden Sie Ihre Kinder auf diese Schule schicken?
Tatsächlich kann ich das nicht eindeutig sagen, da das Kind aus meiner Sicht zum Beispiel zur Lehrperson passen sollte – und umgekehrt. Aktuell sind wir noch mehrere Jahre von der Einschulung und damit diesem Entscheid entfernt.

Was könnten Steinerschulen aus Ihrer Sicht verbessern?
Vieles macht die Steinerschulen speziell und sehr wertvoll, wie zum Beispiel der Umgang mit der Kindheit und der soziale Umgang. Dabei bleibt es eine Herausforderung, mit der Zeit zu gehen. Mit neuen Schulkonzepten und auf das Kind angepasste Bildung und Angebote haben klassische Schulen einiges erreicht und hier ist es nun die Aufgabe der Steinerschulen, ebenfalls Schritt zu halten.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.
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