Text: Bärbel Bläser | Fotos: Windrather Talschule
Die Windrather Talschule in Deutschland arbeitet seit inzwischen 30 Jahren inklusiv. Unter schulischer Inklusion versteht man meistens die Integration von Kindern mit Behinderung in einen Regelschulalltag. Dieser Vorstellung haben wir immer das Bild einer auf allen Ebenen heterogenen Gemeinschaft entgegengestellt, die ihre Gestaltungsmassstäbe aus der Spannung zwischen Gemeinschaft und Verschiedenheit aller Kinder und Jugendlichen gewinnt. Das hier vorgestellte Projekt hat seinen Ursprung in einer Erfahrung, die diesen erweiterten Inklusionsbegriff stützt.
Seit Jahren beobachten wir, dass in immer grösserer Zahl Kinder und Jugendliche in unseren Klassen sind, die sehr individuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten haben, ohne in ein eindeutiges Raster von «behindert» oder «nicht behindert» zu passen. Würde man sie einer Diagnostik unterziehen, es ergäbe sich kein eindeutiger Befund. Dazu gehören immer häufiger Kinder,
- die eine besondere Empfindlichkeit gegenüber starken Sinnesreizen (Lautstärke, starke Gerüche, blendendes Licht usw.) haben,
- die in ihrer Kontaktaufnahme «speziell» sind, ohne dass man hier zu klaren Diagnosen kommen könnte (keinen Blickkontakt halten, besonders langen Blickkontakt halten, ängstlich reagieren, distanzlos reagieren),
- die sich nicht entspannen können,
- die eine uneindeutige sexuelle Orientierung haben,
denen Rückwärtslaufen, auf dem Rücken liegen, die Augen schliessen schwerfällt, - die überangepasst sind und alles perfekt machen wollen,
- die leichte Zwänge haben,
- die besonders viel Verantwortung tragen müssen (zum Beispiel Kinder chronisch kranker Eltern),
- die noch nie Verantwortung tragen durften usw.

Allen diesen Kindern ist eigen, dass sie durch ihr Verhalten zunächst wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen und oft übersehen werden – gerade wenn es in der Klasse noch dominantere Kinder gibt. Viele von ihnen laufen im Schulalltag einfach mit, bevor irgendjemandem auf einmal auffällt, dass ein Kind bestimmte Situationen immer meidet oder besonders zurückhaltend, melancholisch, einsam, verschlossen oder womöglich sogar autoaggressiv ist.
Diesen Kindern ist gemeinsam, dass sie verschieden sind und jedes einzelne sich nicht in Schubladen einordnen lässt. Vor allem aber ist ihnen gemeinsam, dass ihre Lebenssituation die Gefahr birgt, mit gesundheitlichen Folgeerscheinungen einherzugehen.
Dann haben wir es zu tun mit Kindern,
- die unter Kopfschmerzen leiden,
- die unspezifische Schmerzen im Bauch, den Gelenken, im Rücken haben,
- die zu Depressionen, Magersucht, Einsamkeit neigen,
- die mit Ängsten und Stresssymptomen zu kämpfen haben,
- die eine Neigung zu Suchtverhalten (insbesondere auf digitalen Feldern) haben.
Ziel der Arbeit im «Atelier» ist, diese Kinder und Jugendlichen sichtbar zu machen und ihnen ihre Würde und ihre Bedeutung für die Gemeinschaft, aber auch nicht zuletzt ihre eigene Entwicklung bewusst zu machen – und damit zu einer präventiven Gesundheitspflege beitragen zu können. Kunst kann das, insbesondere, wenn sie sich in das soziale Leben hineinstellt.

Das mobile Atelier
In den letzten Monaten ist ein Mobiles Atelier mit einem grossen Fundus an wunderbaren Farbpigmenten, Pinseln und Papieren entstanden. Die Malutensilien lagern in einem Kämmerchen zusammen mit Handwerkszeug zur Gestaltung von Räumen und Wandflächen. Von dort aus werden die Materialien auf einen Wagen geladen und an jeweils den Ort transportiert, an dem künstlerisch gearbeitet werden soll. Das kann ein Werkraum, ein Klassen- oder Nebenraum sein, es kann aber auch ein Flur oder die Eingangshalle der Schule sein. Je nach Projekt haben die Jugendlichen vorab die Wand neu gestrichen und lasiert, bevor jetzt an Ort und Stelle für diese Wand gemalt wird. Wir legen grossen Wert darauf, dass die Kinder und Jugendlichen vorher die ganze Schönheit der angebotenen Materialien geniessen konnten. Die Gruppen werden je nach Projekt unterschiedlich zusammengestellt, mal bilden wir eine Gruppe von vier oder fünf Schülerinnen und Schülern aus einer Klasse, mal bildet sich eine kleine Gruppe aus verschiedenen Klassen, mal kommen zwei Freunde, mal Schülerinnen und Schüler, die sich bis dahin noch nicht kannten. Die Arbeit im «Atelier» ist freiwillig und findet parallel zu anderen Unterrichten statt. Dadurch gibt es kein zeitliches Raster – die Jugendlichen können für eine halbe Stunde kommen oder auch für zwei. Immer ist die Arbeit projekthaft mit einem klaren Anfang und einem Abschluss.
Wichtig für den Charakter der Arbeit ist die besondere Haltung der Erwachsenen. Unsere Kunstlehrerin, die das Mobile Atelier leitet, arbeitet im Atelier aus einer anderen Haltung heraus als im Unterricht. Sie ist die ganze Zeit offen für die Impulse und Anliegen der Kinder und Jugendlichen, greift sie auf, verstärkt sie oder führt sie in einen Dialog mit anderen Impulsen. Die kleinen Gruppen und die grundsätzlich freibleibende Haltung machen das möglich.
Die Idee entstand aus der unmittelbaren Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler. Jugendliche hatten eine solche Arbeit selbst angefragt und es waren genau diejenigen, für die auch wir Erwachsenen ein solches Angebot erhofft hatten. Diese «Stimmigkeit» zog sich durch das ganze Jahr hindurch. Immer durften die Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden, ob sie zum «Malen» gingen oder lieber in der Klasse blieben, und jedes Mal stellte sich heraus, dass sich die Auszeit aus dem Klassenalltag positiv auswirkte. Nicht selten waren wir auch überrascht, dass sich Kinder meldeten, bei denen wir erst auf den zweiten Blick erkannten, wie notwendig eine solche Arbeit für sie war. Kinder und Jugendliche, denen wir ein solches Angebot nahelegten und die es ablehnten, behielten die Hoheit über ihre Entscheidung. Meistens aber beantworteten wir mit unserem Angebot eine Hoffnung, die schon lange in der Luft lag, sodass es dankbar angenommen wurde.
Blicken wir auf die Wirkung der Mal-Zeiten, so konnte man schnell beobachten, dass eine entspannte, frei-atmende Atmosphäre um die Gruppen entstand, die den Kindern sichtlich guttat. Hier war alles auf die Eigeninitiative des Einzelnen ausgerichtet, und das spiegelte sich in der Haltung und Wachheit der Jugendlichen. Die meisten beendeten «ihr» Projekt mit grosser Zufriedenheit: «Ich habe etwas geschafft, das kann sich im Schulhaus sehen lassen! Menschen, die an meinem Bild vorbeigehen, sind beeindruckt und erfreut, das höre ich in ihren Kommentaren und Rückmeldungen. Auch meine Klasse und meine Klassenlehrerin würdigen, was ich geleistet habe.»
Durch die intensive Aufmerksamkeit, mit der die Schülerinnen und Schüler begleitet wurden, konnte sich gleichzeitig eine malerische Sensibilität ausbilden, die sich im Unterricht sicher nicht entwickelt hätte. So entstanden im grossen sozialen (Schul-)Raum Werkstücke, in denen der Einzelne sich selbst differenziert und verfeinert wiederfinden konnte.
Um einem Kind, das unter häufigen Kopfschmerzen oder latenter Übelkeit leidet, wirklich Linderung zu verschaffen, braucht es am Ende sicher mehr. Aber das Mobile Atelier ist ein Baustein geworden, um Kindern, die in sehr unterschiedlicher Weise aus dem Gleichgewicht geraten sind, ein Angebot zur Selbstermächtigung zu machen.
Eine der Jugendlichen ist mir in diesem Jahr besonders aufgefallen: Sie ist – inzwischen eine Neuntklässlerin – seit zwei Jahren immer stiller geworden, schirmt ihr Gehör im Schulalltag am liebsten mit Ohrschützern ab und zieht sich in den Unterrichten immer mehr zurück. Obwohl sie auf mathematischem und auf sprachlichem Feld eine ausgesprochen hohe intellektuelle Begabung hat, wirkt sie im Alltag oft wie eine Trauernde, wie ein Schattenkind. Jetzt hat sie in einer kleinen Gruppe von drei Jugendlichen über viele Stunden mitgemalt und dabei malerisches Talent entfaltet, von dem sie selbst vorher nichts wusste. Wann immer ich in ihren Arbeitswochen an ihr vorbeiging, hat sie gelächelt …
Fünf solche Projektzeiten haben seit Projektbeginn im Januar 2025 stattgefunden:
- im Februar/März sechs Wochen mit Kindern der 6.Klasse,
- im Mai/Juni vier Wochen mit einer gemischten Gruppe aus der Oberstufe,
- im Juli eine Woche mit Kindern der zweiten Klasse,
nach den Sommerferien eine Woche mit Eltern und Oberstufenschülerinnen und -schülern, - im September vier Wochen mit einer gemischten Gruppe aus der Oberstufe.

Es sind viele kleine Bilder auf Papier und Pappe entstanden sowie sieben grossformatige Bildplatten auf Aluminium (2,20m x 1,80m), die die Wände in unseren grossen Fluren schmücken. Das Malen auf überlebensgrossen Formaten braucht viel Mut! Aber ein Bild, das grösser ist als der Maler selbst, offenbart in besonderer Weise die Kraft und Gestaltungsfreude des Malers und lässt ihn über sich selbst hinauswachsen.
Solche Prozesse und Möglichkeiten brauchen wir dringend für immer mehr Kinder und Jugendliche, vor allem für solche, die sich so nachhaltig unserem diagnostizierenden Blick entziehen.

