Eine Leserzuschrift
Text: Jan Respond
«Keine Systeme auf der Welt, auch keine Schule in diesem Land, sind besser als ihre Lehrerinnen und Lehrer. Sie sind die Lebensader des Erfolgs von Schulen. [….] Unterrichten ist, richtig verstanden, kein Transfersystem.»
Ken Robinson
Im «Schulkreis Frühjahr 26» fanden sich aufschlussreiche Beiträge zur Einordnung der Frage: «Wie verhalten sich Waldorfpädagogik und Anthroposophie zueinander?» Genau mit diesem Titel hatte Tomáš Zdražil in «Das Goetheanum» 25/2023 den ersten seiner vierteiligen Folge umfänglich thematisiert. Auch in «RoSE» (Research on Steiner Education) hat Martyn Rawson in einem zweiteiligen Beitrag 2025/2026 «Diskursarten über Anthroposophie im Zusammenhang mit der Waldorfpädagogik» dargestellt. In all diesen Artikeln ist schon viel theoretisch Allgemeines und Grundsätzliches dargestellt worden.
Eine markante Aussage macht Wolf-Ulrich Klünker: «… die Anthroposophie darf gar nicht mehr als Anthroposophie auftreten. Dann haben wir sofort das Etikett, und damit will keiner etwas zu tun haben.» Nun könnte man daraus ja schliessen, dass der eingeschlagene Weg der Berner Schulen im Sinne von «Abgrenzen von Anthroposophie» und «Hadern mit Steiner» in eine aufgeschlossenere, zeitgemässere Richtung geht.
Klünker fährt dann aber fort: «Wenn der Geist individuell ist, kann er nicht von demjenigen getrennt werden, der ihn in dieser Weise zum ersten Mal in die Welt gesetzt hat. Aber nochmal dieser Satz: ‹Ihr könnt nur Folger meines Werkes sein, wenn ihr es weiterdenkt im Sinne einer neuen Zeit›, da ist Entwicklung definiert. Ich muss einen geistig eigenständigen Standpunkt finden. Der ist dann die Weiterentwicklung des Steinerschen Ansatzes.»
Es geht also nicht um eine Distanzierung von Rudolf Steiner, auch nicht um ein Hadern mit der von ihm entwickelten Anthroposophie. Im Gegenteil: Man ist gefordert, mitzudenken, selbstständig Schlüsse zu ziehen und befähigt werden, flexiblen Umgang mit Erkanntem zu haben. Aufgenommen heisst noch nicht, einen eigenen Weg beschritten zu haben. Erkenntnismethodik und Schulungsweg sind dafür die Grundlagen.
Die Kernfrage ist also einerseits der öffentliche Auftritt, andererseits der individuelle Umgang mit anthroposophischen Inhalten. Also: Wie werden einerseits die Rudolf Steiner Schulen in der Öffentlichkeit wahrgenommen und wie erlangen andererseits die Lehrkräfte die methodische Befähigung, um mit Steiners umfangreichen Anregungen mit möglichst vertieftem Erkenntnishintergrund freier und souveräner umgehen zu können und in die heutigen Verhältnisse einzubringen?
Ein Beispiel aus der Biologie der Oberstufe – Herz und Kreislauf: Mehr oder weniger ist bekannt, dass es Rudolf Steiner bei seiner Ansprache zur Eröffnung der Waldorfschule am 7.September 1919 in Stuttgart, ausgerechnet an diesem grossen, öffentlichen Anlass wichtig war, auf das menschliche Herz zu sprechen zu kommen. Man kann sich fragen: Warum denn das?
«[…] aber man kann nicht – so grotesk das heute noch der Mehrzahl der Menschen klingen mag – mit einer Wissenschaftsgesinnung, die auf der einen Seite allmählich zur Überzeugung gekommen ist, das menschliche Herz sei eine Pumpe, der menschliche physische Leib sei ein mechanistischer Betrieb, man kann nicht mit den Gefühlen und Empfindungen, die aus dieser Wissenschaft heraus fließen, sich selber so beleben, dass man künstlerischer Erzieher des werdenden Menschen sein kann.» – Das Herz keine Pumpe? Sollte dies sogar an der Waldorfschule gelehrt werden? Ein typischer Fall, um sich heute deutlich von solchen (esoterischen) Aussagen zu distanzieren?
Nun haben aber anthroposophische Ärzte und Forscher sich über Jahrzehnte mit diesem Thema beschäftigt und heute liegen uns bedeutende und umfangreiche Forschungsergebnisse zur Autonomie der Blutbewegung und zur weitaus umfassenderen Aufgabe der Herztätigkeit vor (als nur eine Druck- und Saugpumpe zu sein). Also Steiner abstreifen, da er «groteske» Ansichten vertritt? Oder gelingt es hier Brückenbauer zu werden? «Ihr könnt nur Folger meines Werkes sein, wenn ihr es weiterdenkt im Sinne einer neuen Zeit.» Es wäre ein bedauerliches Versäumnis, den Diskurs in der Oberstufe nicht führen zu wollen und natürlich die übliche Lehrmeinung zu besprechen und dann zu ergänzen mit neuesten Forschungen, wie sie beispielsweise Branko Furst in «The Heart and Circulation» (2024) dargelegt hat. Die Weiterentwicklung von Steiners «grotesken» Äusserungen führte schliesslich zum «Brückenbau» in unsere Zeit, eine Hauptkulturaufgabe (Klünker) ist heute in dieser Frage nahezu erfüllt. Was Rudolf Steiner 1917 erhoffte: «Sind die beiden Wege, der anthroposophische und der anthropologische, in rechtmäßiger Art durchwandelt, so treffen sie in einem Punkte zusammen. […] Bei diesem Zusammentreffen ist eine wirklich fruchtbare Verständigung zwischen Anthroposophie und Anthropologie möglich.»

Aus einem Epochenheft einer 10.Klasse einer anderen Schule («Yellow» von Nahtan Sawaya)
Ohne Zweifel: Wenn sich Schulen als «Rudolf Steiner Schulen» oder «Steinerschulen» bezeichnen (was m.E. kein entscheidender Unterschied darstellt), muss die Bemühung um die anthroposophische Pädagogik und deren Umsetzung im Leitbild weit oben stehen. (Ob mehr konservativ oder progressiv spielt in dieser Frage auch keine entscheidende Rolle).
Henrik Löning hat konturiert nachgezeichnet, dass ganz allgemeine Begriffe, wie «Pädagogik mit Kopf, Herz und Hand» nicht wirklich zielführend sind.
Lönings Einschätzung gemäss «haben wir an der Atelierschule waldorfpädagogische Elemente weitgehend entsorgt und verstehen uns dennoch als Waldorfschule». Was sagt uns das? Der Name «Atelierschule» macht neugierig, weckt Interesse, hat keine etablierte Etikette. In ihren Leitideen steht: «Die Atelierschule Zürich, Integrative Mittelschule der Rudolf Steiner Schulen Zürich, Sihlau, Winterthur und Aargau», und scheint praktisch ohne Steinersche Pädagogikansätze auszukommen. Erst im Kleingedruckten kommt man zu den fehlenden Ingredienzen der Atelierschule.
Vier Beispiele dafür, was daraus werden kann, wenn nur noch das Etikett «Rudolf Steiner Schule» oder «anthroposophische Pädagogik» dranhängt:

Aus einem Epochenheft 10.Klasse, aus der Ausstellung einer Rudolf Steiner Schule.
Dass mit einer Wissenschaftsgesinnung, demnach «… das menschliche Herz eine Pumpe […] und der menschliche physische Leib ein mechanistischer Betrieb sei …», man kein künstlerischer Erzieher werden könne – diese Bedingung Steiners, ist hier definitv über Bord geworfen worden.
«Stellen Sie sich vor, Sie würden aus 10 Billionen Legoklötzchen bestehen. Tatsächlich bestehen Sie aus so vielen Bausteinen. Diese Bausteine sind nicht leblose Legoklötzchen, sondern sehr aktive, energiereiche Zellen. Die Eigenschaften, welche uns zu einem Lebewesen machen, verdanken wir den Fähigkeiten unserer Zellen.»
Als bekannte Darstellung mag die folgende «Evolutionsreihe» ein ironischer, amüsanter Blick auf das Thema sein. Wenn aber weiter in einem Epochenheft der 12.Klasse es praktisch bei dieser Reihe ohne deutliche Richtigstellung bleibt, sollte es selbstredend nicht mehr mit Waldorfpädagogik in Verbindung gebracht werden.

Dann noch: Eine Neuntklässlerin hatte sich in einem öffentlichen Kurzreferat dem Thema «Abtreibung, eine schwierige Entscheidung» angenommen. Nach einigen guten Ausführungen wurde der Slogan «Mein Körper gehört mir» (aus der feministischen Bewegung aus den 1970ern stammend, im Kampf für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Schwangerschaftsabbruch) erläutert. Soweit prägnant von der jungen Frau vorgetragen. Der Abschluss ihres Vortrages missglückte inhaltlich vollständig: Im Zusammenhang mit der Fristenlösung (in der Schweiz legal bis zur 12.Schwangerschaftswoche) sprach sie einerseits vom schwierigen und oft belastenden Entscheidungsprozess, andererseits vertrat sie die Meinung, dass Embryonen ja eingefroren und wieder aufgetaut werden können, was belege, dass Leben nicht gleich Leben sei. Ein unmöglicher Vergleich, denn Kryokonservierung (bis spätestens zum 6.Tag der Befruchtung) kann mit dem Thema «Schwangerschaftsabbruch» per se gar nichts zu tun haben. Biologie an Steiner Schulen? Zumindest war die Veranstaltung als «Quartalsfeier der Rudolf Steiner Schule» so etikettiert.
Es geht hier nicht darum, Kolleginnen und Kollegen vorzuführen, sondern zu vermeiden, dass aus gut gemeinten Erneuerungsabsichten und -bemühungen, es zur Verwässerung und Unkenntlichkeit anthroposophischer Pädagogik kommt und damit im gesellschaftlichen Bildungsdiskurs kaum mehr unterschiedliche Konturen wahrgenommen werden können.
Zur Entwicklung der Schülerzahlen in der Schweiz und in den Niederlanden

Bemerkenswert ist, dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler an anderen, ebenso nicht subventionierten Privatschulen, in den letzten zehn Jahren um rund ein Drittel anstieg. Ohne ins Detail zu gehen, zeichnet sich ab, dass ein solch markanter Schülerschwund nur in der Schweiz stattgefunden hat und weiter stattfindet.
Grafik srf news online, 31.03.2025
Besonders deutlich ist dies im Vergleich mit den Niederlanden. Die niederländischen Vrijescholen (= Waldorfschulen) sind reguläre staatlich finanzierte Schulen innerhalb des nationalen Bildungssystems. Da staatliche und freie Schulen finanziell zu 100% gleichgestellt sind, haben die Eltern also eine echte freie Wahl. Eindrücklich erleben die Vrijescholen – auch in den letzten Jahren – einen starken Zuwachs. 2024/2025 wurden vier neue Schulen gegründet, damit gab es 133 Waldorf-/Steiner-Schulstandorte (102 obligatorische Schulzeit und 31 Sekundarstufe) mit total 33.472 Schülern.
Soweit mir bekannt ist, scheint es keine grosse Auseinandersetzungen mehr über die anthroposophische Pädagogik (ein Beispiel für: «Es steht nicht drauf, was drin ist» = Vrijescholen) zu geben, trotz der grossen Debatten um die Jahrhundertwende zu den wenigen «rassistisch oder diskriminierend» eingeschätzten Aussagen Rudolf Steiners.
In der Schweiz muss der markante Rückgang der Schülerzahlen und einzelner Schulschliessungen wohl primär mit der belastenden Finanzierung zu tun haben, doch möglichweise aber auch noch anderen Gründen geschuldet sein.

Grafik: Vereniging van Vrijescholen
Jan Respond, nach Abschluss der staatlichen und waldorfpädagogischen Ausbildung, 23 Jahre als Klassen- und Oberstufenlehrer tätig. Danach 16 Jahre Klassenlehrer der Abschlussstufe des Sonderpädagogischen Zentrums Solothurn.
(2000). Einige Aussagen wurden als eindeutig diskriminierend und problematisch bewertet. Gleichzeitig wurde die Gesamtbewegung nicht als rassistische Organisation eingestuft.
Vgl. auch: Hans-Jürgen Bader, Manfred Leist, Lorenzo Ravagli (2002): «Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit» – Anthroposophie und Antisemitismusvorwurf; Peter Selg (2020): Rudolf Steiner, die Anthroposophie und der Rassismus-Vorwurf.

