Text: Henrik Löning | Foto: Atelierschule

«Steinerschule distanziert sich von Anthroposophie.»[1] So lautet die Headline der Berner Zeitung. Ja – was soll man sagen? Das ist mittlerweile fast schon Mainstream innerhalb der Schulbewegung. Die Lektüre des Artikels bestätigt dann auch die Ahnung, dass es sich bei der Überschrift leider nicht um boulevardesken Journalismus handelt, sondern um eine sachliche Beschreibung dessen, wie heute viele Steinerschulen mit einer komplexen Fragestellung umgehen, ohne die eigentliche Dimension des Problems wirklich zu erfassen.
Ich möchte den Berner Kolleginnen und Kollegen nicht an den Karren fahren. In Zürich sind wir keinen Deut weiter – im Gegenteil. Während die Berner immerhin eine klare Position beziehen, haben wir an der Atelierschule waldorfpädagogische Elemente weitgehend entsorgt und verstehen uns dennoch als Waldorfschule. Das ist zweifellos raffinierter, weil es weniger aneckt und niemanden dazu veranlasst, eine Kolumne darüber zu schreiben.
Die Distanzierungsversuche von Anthroposophie und Rudolf Steiner erlebe ich weniger als Ausdruck einer weltoffenen, kritischen Reflexion mit dem erklärten Ziel, die Waldorfpädagogik weiterzuentwickeln. So wird es zwar häufig deklariert. In der Praxis wirkt diese Distanzierung jedoch eher wie ein Ausdruck von Hilflosigkeit im Umgang mit einer gewachsenen Entfremdung – und mit der Verlegenheit darüber, was an ihre Stelle treten soll.
Aus dem reformpädagogischen Repertoire werden dann jene Begriffe hervorgeholt, auf die sich heute nahezu alle einigen können: eine Pädagogik mit Kopf, Herz und Hand, mit Empathie, Kreativität, ethischem Bewusstsein, Selbstbestimmung, Eigeninitiative, ökologischem Denken, Realitätsbewusstsein, Medienkompetenz und so weiter. Als Zukunftsversprechen sind diese Begriffe unstrittig – als Profil bleiben sie jedoch blass. Man fragt sich unweigerlich, welche Schule sich ernsthaft die gegenteiligen Ziele auf die Fahnen schreiben würde: «Wir stehen für Gefühlslosigkeit, Konformismus, moralische Gleichgültigkeit, Passivität, Weltfremdheit und unkritischen Medienkonsum. Spätestens hier wird deutlich, wie leer diese Begriffe für Schulprogramme letztlich sind.
In diesem Licht erscheint der sogenannte moderne Umgang mit Anthroposophie weniger als mutige Erneuerung denn als Ausdruck institutioneller Willenlosigkeit. Der Umgang mit Steiner und der mit ihm verbundenen Anthroposophie bleibt zögerlich und defensiv. Begriffe und Positionen werden relativiert, abgeschliffen und entschärft – bis ihnen jede Eigenart und letztlich auch jede Wirksamkeit fehlt.
Wolfgang Müller eröffnet sein Buch Zumutung Anthroposophie mit den Worten:
«Warnung. – Eigentlich müsste man denen, die sich der Anthroposophie nähern, sagen: Stellt euch auf maximale Verstörung ein! Auf die Umstülpung aller Anschauungen. Was ihr bisher missachtet oder gemieden habt, wird eine neue Bedeutung gewinnen. Denn die Wahrheit ist, dass die Anthroposophie – mit Rudolf Steiners Worten – das Denken, das ganze Sinnen des Menschen, die gesamte Seelenverfassung in eine andere Richtung bringt als jene, die heute gang und gäbe ist.»[2]
Steiner selbst sprach sich in Fragen der Waldorfpädagogik und Anthroposophie deutlich gegen Kompromisse aus: «Die Leute, die Kompromisse schliessen wollen bis zu dem Grade, dass sie die Anthroposophie untergehen lassen möchten in dem, was die Menschen gewohnt sind, die findet man schon sehr zahlreich.»[3]
Dabei geht es nicht darum, Anthroposophie oder Waldorfpädagogik unter Denkmalschutz zu stellen oder sie vor dem Aussterben zu bewahren – im Gegenteil. Anthroposophie muss in die Öffentlichkeit, ihre Nische verlassen und hinaus in die Welt. Und ja, dabei stösst man auf erhebliche Schwierigkeiten, denn der Stallgeruch der Gegenwart verträgt sich nur schlecht mit dem Gedankengut der Anthroposophie. Man kann jedoch auch fragen, ob der Stallgeruch der Gegenwart, mit dem wir in die Probleme unserer Zeit hineingeraten sind, tatsächlich geeignet ist, diese Probleme zu lösen.
Ich habe Mühe, mir vorzustellen, wie aus einer derart kraftlosen Auseinandersetzung etwas Tragfähiges, ja Stärkendes entstehen soll. Am Ende scheint es jedoch genau darauf hinauszulaufen: Wir richten uns ein, Entfremdung zu verwalten. Sie wird moderiert, sprachlich entschärft und institutionell bearbeitet, damit sie möglichst wenig stört. –
Es ist mir leichtgefallen, zu meckern und zu kritisieren. Anderen aufzuzeigen, was sie nicht richtig machen, ging ebenfalls leicht von der Hand. – Aber wie lässt sich eine Pädagogik weiterentwickeln, die aus einem bestimmten weltanschaulichen Kontext hervorgegangen ist, ohne dogmatisch zu werden und ohne sich selbst zu entleeren? Diese Frage ist weit komplexer, als es eine kolumnistische Zuspitzung mit Schlagworten nahelegt. Wäre sie einfach zu beantworten, wäre sie wohl kaum eine offene Frage.
Als ich mich an den Schreibtisch setzte, fiel mein Blick auf den Klappentext von Hartmut Rosas Buch:
«Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.»[4]
Mit diesem Satz eröffnete sich für mich eine Perspektive. Handeln betont die Verantwortung des Einzelnen. Beim Reden – oder Schreiben – bleibe ich im Schutz der Möglichkeiten. Im Handeln setze ich mich aus, weil ich mit den Folgen leben muss. In diesem Sinne begrüsse ich den Schritt der Berner Kolleginnen und Kollegen. Auch wenn ich inhaltlich anderer Meinung bin, haben sie einen Schritt gewagt.


  1. Berner Zeitung, https://www.derbund.ch/bern-steinerschule-distanziert-sich-von-anthroposophie-986881689327 ↩︎

  2. Wolfgang Müller:, Zumutung Anthroposophie, Frankfurt 2021, S. 17. ↩︎

  3. Ebd., S. 108. ↩︎

  4. Hartmut Rosa: Situation und Konstellation, Berlin 2026. ↩︎

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