Die diesjährigen gesamtschweizerischen Weiterbildungstage am Goetheanum vom 16. bis 17. Januar 2026 widmeten sich einem Thema, das die Grundlage jeglicher gelingenden Beziehung darstellt: Ohne Vertrauen – in der Familie, im Unterricht, in der Schule als Ganzem – wird man nicht fruchtbar zusammenleben und -arbeiten können. Ein dominantes Thema bildete der Umgang mit KI an Schulen. Rund 380 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Eltern und Lehrkräfte, waren gekommen.

Text: Mathias Maurer | Foto: Marco Versch/ccnull.de

Mit seinem Einleitungsvortrag führte Philipp Reubke (Pädagogische Sektion) in das Tagungsthema ein. Er betonte, wie das Gegenteil von Vertrauen – Angst und Macht – zur Aushöhlung des Gemeinschaftlichen führt und wir dadurch nichts mehr voneinander lernen. Vertrauen kann nur durch Wärme und Verständnis wiedergewonnen werden. Es folgte ein sprachgestalterisches Warm-up mit Agnes Zehnter, und schon ging es ab in eine der 20 Arbeitsgruppen. Das Themenangebot reichte von Tanzen, Malen, Theater, Wollefärben, Salbenherstellung, Formenzeichnen, Musik, Anthroposophie, Sexueller Bildung[1], Kollegiumsarbeit, Künstliche Intelligenz und Medienpädagogik.

Die Bedeutung der KI für die Schule
Insbesondere Letzteres steht zur Zeit in der öffentlichen Diskussion und wirft viele Fragen auf, wie die Schulen auf die rasante Entwicklung reagieren sollen. Was tun, wenn Hausaufgaben von den Lernenden mit KI erledigt und von Lehrenden mit KI korrigiert werden? Einen Einblick in die Arbeitsweise von KI gaben in der theoretisch orientierten Arbeitsgruppe der Medienpädagoge Henrik Sutter von der Steinerschule in Zürich und der Computerlinguist Michael Amsler von der Universität Zürich, und in der anwendungsorientierten Arbeitsgruppe die Medienpädagogen Yves-Michel Claude von der Rudolf Steiner Schule Basel und Thomas van der Heide von der Rudolf Steiner Schule Zürcher Oberland. Neben dem vermittelten Hintergrunds- und Anwendungswissen kristallisierte sich eine pädagogisch relevante Frage heraus: Was macht das Menschsein (noch) im Gegensatz zur KI aus und wie spiegelt es sich in unseren Bildungszielen? Es gilt für den Unterricht das Prinzip: Erst das Erlebnis, dann die Reflexion. Dominieren sollten deshalb praktische, handlungspädagogische Zugänge, mündliche Präsentationen, Projektwochen, Theater und alle performativen und künstlerischen Ausdrucksformen. Eine Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften ist für die Pflege einer kind- und entwicklungsgemässen Medienkultur unerlässlich.

Auswirkungen des Medienkonsums
Dem schloss sich der Tandemvortrag von Severin Pöchtrager (Klinik Arlesheim) und Ilja Karenovics (Universität Basel) zu dem Thema «Digitale Medien: Was heisst hier Kompetenz?» an. Sie führten ein erhellendes Experiment vor dem Auditorium durch: Das Märchen Rapunzel gelesen im Vergleich zu einem gesehenen Zeichentrickfilm des gleichen Märchens. Es wurde deutlich: Die individuelle «kreative Umsetzungskompetenz» bei der Rezeption des Inhalts bleibt beim Film auf der Strecke, was auch als «mental imagery» bezeichnet wird. Kinder haben noch keinen Schutz gegen diese Bilderberieselung, da sie «noch ganz Sinn, ganz Auge» sind. In Bezug auf die Gefahren für Kinder und Jugendliche verwiesen sie auf die Leitlinien zum dysregulierten Medienkonsum. Die Tatsache, dass die neurologischen Steuerungsfunktionen erst um das 21. Lebensjahr ausgebildet sind, die die über Bildschirmmedien stark stimulierenden Inhalte regulieren könnten, ruft zu zurückhaltendem Medienkonsum auf. Darüber hinaus verschlechtere sich die Schlafqualität, fördert die Kurzsichtigkeit, schränkt durch Bewegungsmangel die Sinnesentwicklung ein, was sich in der defizitären Ausbildung der Fein- und Grobmotorik und in der verminderten Sprach- und Lesefähigkeit zeige. Besonders frappierend, ist die Feststellung, dass sich bei Säuglingen, während die Mütter beim Stillen auf das Smartphone schauen, kein Sättigungsgefühl einstelle. Das Konzept der «indirekten» und «direkten» Medienpädagogik sei deshalb eine entwicklungsgemässe Antwort auf die digitale Herausforderung[2]. In den Arbeitsgruppen wurde immer wieder hervorgehoben, dass die Steinerschulen eigentlich die ideale Pädagogik zur Abminderung und zum Ausgleich der negativen Folgen das ideale Medienkonzept bereitstelle und damit in der öffentlichen Diskussion punkten sollte.

Schulen als Schutzburgen der Menschlichkeit
Constanza Kaliks (Pädagogische Sektion) schloss mit ihrem Vortrag die Weiterbildungstage ab und eröffnete die anschliessende Elterntagung. Angstgesteuertes Handeln, so Kaliks, blockiere das Lernen, das vielmehr vom mutigen Zutrauen zu sich selbst und vom Vertrauen in andere Menschen lebt. Da man nie sicher sein kann, welche Folgen das eigene Handeln auslöst, sind wir auf die Menschlichkeit der Mitmenschen grundlegend angewiesen. Dass die eigene Befreiung im anderen liegt und die Bereitschaft, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen, darauf hat Rudolf Steiner im sogenannten Jugendkurs hingewiesen[3]. Kaliks zitierte den brasilianischen Pädagogen Paul Freire und den argentinischen Philosophen Enrique Dussel, die diese konstitutive Gegenseitigkeit des Menschen behandelten und verwies auf die partizipative Aktionsforschung in Kolumbien (Empowerment-Programme). Schulen sollten «Schutzburgen« der Menschlichkeit, Angstfreiheit und der gegenseitigen Ermutigung sein.

«Der Zugang zu Tools wie ChatGPT ermöglicht es, ein Problem zu lösen, ohne vorher die Bausteine oder Grundlagen zu verstehen. Das führt zu einer falschen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.»
Sverrir Thorgeirsson, ETH Zürich


  1. Siehe das Interview mit Sophia Klipstein zum Thema «Beziehungskunde und Sexuelle Bildung» in diesem Heft. ↩︎

  2. https://www.waldorfschule.de/lernen/zukunftskompetenzen/medienpaedagogik-an-waldorfschulen
    Siehe auch: https://media.mundi.info ↩︎

  3. Vgl. den sog. Pädagogischen Jugendkurs. Rudolf Steiner: Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation. Pädagogischer Jugendkurs, 6. und 7. Vortrag, Dornach 1988 ↩︎

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