Die Elterntagung am Goetheanum

Das Thema der Weiterbildungstagung «Vertrauen bilden – gemeinsam Schule gestalten» stand auch im Mittelpunkt der Elterntagung. Die Themen Eurythmie, Formenzeichen (siehe Extrabericht) und Beziehungskunst standen im Fokus.

Text: Alexandra Marten

Beziehungen künstlerisch gestalten
Sophia Klipstein, Sexualpädagogin und Klassenlehrerin in Hamburg, hat uns am Vormittag in die Gedanken zur Beziehungskunde eingeführt. Darunter verstehen wir sowohl die Vermittlung von theoretischem Wissen über Partnerschaft, Sexualität und Kommunikation als auch eine Beziehungskunst, das heisst, die Fähigkeit, dieses Wissen auch emphatisch umzusetzen, um Beziehungen bewusst, respektvoll und individuell gestalten zu können. Sophia Klipstein hat uns eingeladen, durch den «Beziehungsgarten» zu gehen. Der Beziehungsgarten ist eine Metapher, die die verschiedenen Aspekte, die im Zusammenhang mit Sexualität und Beziehung stehen, charakterisiert. Denn Gestaltung, Pflege, Schutz und Wachstum, Kultivierung und Ernte finden sich nicht nur in der Natur, sondern auch auf der Beziehungsebene, wenn man gelernt hat und den Raum bekommt, offen zu reden und sich auszudrücken. In dem Workshop erlebten wir, wie wir uns auf einen Partner einstellen, seine Wünsche berücksichtigen, ihn fühlen können, um mit ihm «durch den Raum zu tanzen». Nach der Übung sprachen wir über Sexualität mit beiden Grundgesten: die der Hingabe als gebende und der Begierde als empfangende Seite. Hingabe zeige sich nicht nur auf rein körperlicher Ebene, sondern vielmehr auch auf geistiger Ebene. Dies bedingt jedoch eines sicheren Raums, der geschaffen werden muss und aus dem heraus der Heranwachsende sicher zu handeln lernt.
Wann ist es angebracht über Sexualität und Beziehung zu sprechen? Sowohl der Lehrplan der Waldorfschulen gibt dazu einen Überblick von der ersten bis zur zwölften Jahrgangsstufe als auch der Rahmenpräventionsplan der Waldorfschulsozialarbeit mit konkreten Anregungen für die Umsetzung.
Ein weiterer Punkt, der angesprochen wurde, war auf einer ganz anderen Ebene zu finden: Es wurde angemerkt, dass schon der Begriff Sexualität abweisend und erschreckend auf die Kinder wirken könnte und sie deshalb ein indifferentes Verhältnis zu dem Thema entwickeln könnten. Ein anderes Wording könnte eventuell dafür sorgen, dass Liebe nicht nur als etwas rein Körperliches verstanden werden könnte. Beziehungskunst umfasse viel mehr als die körperliche Ebene. Es sei sehr wichtig, individuelle Wege und Momente zu finden oder zu gestalten, in denen man sprechen und von sich erzählen kann, während «man in die gleiche Richtung schaut». In der Diskussion darüber wurden viele unterschiedliche Emotionen sichtbar. Wir kamen zu dem Schluss, dass es keine allgemein gültige Lösung gibt, sich diesem Thema zu widmen, denn es ist tatsächlich eine Kunst. Unsere gemeinsame Arbeit setzte sich am Nachmittag mit einem Vortrag fort, während alle mit Ton arbeiteten. Sophia Klipstein nahm uns auf einen Exkurs über Liebefähigkeit, Abgrenzung, Schutz, Safer Space versus Hingabe, Zuwendung und die Fähigkeit, geben zu können, mit. Der Titel des Vortrags lautete: «Liebe heisst, ich will, dass du bist» (Augustinus). Es gehe darum, sich nach all den Vorsichtsmassnahmen, die man versucht, den Kindern an die Hand zu geben, nicht zu vergessen, dass es genauso wichtig ist, die Kinder und Jugendlichen darin zu unterstützen, Liebe empfinden zu können, den anderen zu sehen und wahrzunehmen. Der vollständige Text des Vortrages kann bei uns angefordert werden.
Dank an Sophia Klipstein für die wunderbaren Worte, um uns in die Welt der Liebe und Beziehungen eintauchen zu lassen.

«Ich finde Vernetzung, Austausch, Zusammenarbeit immer eine wichtige Grundlage zur Begleitung der Kinder/Jugendlichen. Je mehr wir gelingende Zusammenarbeit – auch in Unterschiedlichkeit der Meinungen – vorleben, desto mehr Vorbild können wir sein.» (Eltern)

Eurythmie ist mehr als Tanzen
Stefanie Janisch, an der Akademie für anthroposophische Pädagogik als Heileurythmistin und in freier Praxis tätig, versuchte uns erfühlen zu lassen, wie Eurythmie auf den Menschen wirkt. Am Beispiel des Atemrhythmus wurde die unterschiedliche Wirkung der Bewegung im Raum in den unterschiedlichen Altersstufen dargestellt.
Was zu Beginn in den unteren Klassen zunächst nur in den Laufbewegung stattfindet, wird in den oberen Klassen durch vertiefend wirkende Gesten und Begleitung durch Worte intensiviert und auf die seelische Ebene getragen. Die praktischen Übungen liessen uns durch die Bewegung von Aussen- zum Innenkreis und zurück, ein sich Zusammenziehen und Ausdehnen, ein Ein- und Ausatmen, in das Gefühl für die Eurythmie eintauchen. Ein grosse Atembewegung findet sich auch in den Jahreszeiten vom sommerlichen Ausdehnen über das Zusammenziehen im Herbst und Winter bis zum erneuten Ausdehnen im Frühling. Begleitet wurden die Bewegungen von einem Spruch Rudolf Steiners:

«Im Herzen strahlt die Kraft der Sonne, in meiner Seele webt die Wärme der Welt.
Ich will atmen die Kraft der Sonne, ich will fühlen die Wärme der Welt
Sonnenkraft erfüllt mich, Wärme der Welt durchdringt mich».

Wir konnten beobachteten, dass sich mit der Hinzunahme der Worte die Empfindungen, Ruhe und Gleichmass im Atem verstärkten. Der Atem sei einerseits etwas Physisches, aber auch etwas Seelisches, der kosmische Atem komme von aussen und der eigene Atem von innen. Zwei Polaritäten, die der Atem verbindet.
Warum nimmt die Eurythmie einen so grossen Stellenwert an Steiner Schulen ein? Unser eigenes Erleben zeigte, wie wir unterstützt durch unsere eigenen Bilder im Hören des Spruchs und durch unsere Körpersprache zu einem anderen inneren Ausdruck kamen. In der 7., 8.und 9. Klasse sei es oft wieder schwieriger, einen Zugang zur Eurythmie zu finden, da die Schülerinnen und Schüler dann meist «wegen Umbau geschlossen» seien. Gerade da sei es wichtig, gemeinsam den Raum zu gestalten. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die die Raumorientierung, Geschicklichkeit und Konzentration fördert. Es geht um die gleichzeitige Wahrnehmung von sich und Anderen.

Themen, die uns begegnen, erfassen,
um urteilsfähig und mündig zu werden

In der abschliessenden Gesprächsrunde zeigte sich, dass alle unsere angebotenen Themen auf reges Interesse und Diskussionsfreudigkeit gestossen waren. Ob KI an der Schule, Eurythmie oder Beziehungskunst – es ist wichtig, den Umgang mit den Dingen, die uns in der Welt begegnen, auch gefühlsmässig zu erfassen, damit wir urteilsfähig und mündig werden. Dies ist unsere Aufgabe, an der wir, Eltern und Lehrkräfte, gemeinsam arbeiten. Wir freuen uns auf die nächste Tagung in 2027.

Formenzeichnen –
mehr als ein Nice-to-have


Mit der Eurythmie und dem Formenzeichnen hat Rudolf Steiner zwei bis dahin nicht existente Fächer in den Unterrichtsplan integriert. Während er zur Eurythmie sehr viele Angaben gemacht hat, äusserte er sich zum Formenzeichnen nur einige wenige Male. Damit sind die Lehrpersonen aufgefordert, in der eigenen Arbeit mit den Kindern, in der Arbeit an der Menschenkunde und nicht zuletzt im persönlichen Tun, ein Fach, eine Kunst fortwährend neu zu entwickeln.
Der Workshop «Formenzeichnen – und seine menschenbildende Kraft» wollte anklingen lassen, wie der Umgang mit Formen unter Berücksichtigung der Entwicklung des Kindes viel mehr als eine Nice-to-have-Angelegenheit ist, sondern auch eine in hohem Masse wirkende Kraft auf Leib, Seele und Geist haben kann. Und über den « therapeutischen» Bereich hinaus weiter gepflegt wirken Formen so auch bis in die Oberstufe hinein. Ja, selbst wir Erwachsene können im Formenzeichnen in der Hektik des Alltags wieder zu uns und der inneren Ruhe finden.
Thomas Schaerer

Bericht einer Teilnehmerin an der
Elterntagung

Als Mutter war es für mich besonders wertvoll, Schule einmal ausserhalb des eigenen Schulalltags zu erleben und mit anderen Eltern sowie Lehrpersonen aus verschiedenen Schulen ins Gespräch zu kommen. Ich empfand es als bereichernd, Einblicke in pädagogische Hintergründe zu erhalten und zu erleben, wie offen und respektvoll diskutiert wurde.
Besonders intensiv habe ich den Workshop zum  Formenzeichnen  erlebt, an dem ich teilgenommen habe. Der Arbeitsgruppenleiter, ein pensionierter Klassenlehrer, führte uns Eltern behutsam in dieses Thema ein und machte deutlich, dass es dazu nur wenig Literatur gibt und sich auch Rudolf Steiner selbst nur sparsam dazu geäussert hat. Umso mehr wurde spürbar, dass Formenzeichnen weniger über theoretisches Wissen zugänglich ist, sondern darüber, dass man es  auf sich wirken lässt und selbst ins Tun kommt. Genau dies durften wir im Workshop erfahren: Durch eigenes Zeichnen und praktisches Arbeiten eröffnete sich nach und nach ein Verständnis dafür, was Formenzeichnen im Kind anregen und bilden kann. Besonders hilfreich war dabei die Führung durch die verschiedenen Klassenstufen, in denen aufgezeigt wurde, welche Formen jeweils erarbeitet werden und wie sich diese altersgemäss entwickeln. Diese praktische Erfahrung hat mir als Mutter einen lebendigen und nachvollziehbaren Zugang zu einem Unterrichtsbereich ermöglicht.  
Am Ende des Tages ging ich mit vielen neuen Eindrücken, Gesprächen und Gedanken nach Hause. Vor allem aber mit dem Gefühl, dass Eltern in diesem Rahmen als wichtiger Teil der Schulgemeinschaft wahrgenommen werden. Für mich war diese erste Teilnahme an der Elterntagung eine ermutigende Erfahrung, die Vertrauen gestärkt und den Wunsch geweckt hat, Schule weiterhin aktiv mitzugestalten.
Chantal Pietsch

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