Im Gespräch mit Sophia Klipstein über das
Thema «Beziehungskunde und sexuelle Bildung»

Im Rahmen der Elterntagung auf der WBT 2026 haben Sie einen Workshop zum Thema angeboten. Was sind Ihre Motive?
Aus meiner Sicht besteht auf diesem pädagogischen Feld dringend Handlungsbedarf. Die Erkenntnis, dass eine klassische Aufklärungseinheit nicht reicht, ist zwar längst da, aber sie wird in der Praxis kaum umgesetzt. Die Vielfalt dieses Themenfeldes ist wunderbar und äusserst relevant für die Entwicklung der Individualität und der Beziehungsfähigkeit. Uns wird ja zunehmend alles fremd: unser eigener Körper, unsere Psyche, die anderen Menschen, die Welt. Ängste entstehen, wir dissoziieren uns, handeln nicht nach unseren Erkenntnissen. Auch die Beziehung zur Natur gehört für mich im weitesten Sinne dazu: Haben wir ein mechanistisches oder ein liebendes Verhältnis zur Mutter Erde? Ich möchte bei Eltern und Lehrkräften mehr Bewusstsein schaffen und den Jugendlichen Werkzeuge an die Hand geben, um sie handlungsfähiger zu machen.

Wie könnte ein Konzept für sexuelle Bildung altersgemäss differenziert aussehen?
Zunächst einmal müsste definiert werden, was eine ganzheitliche, zeitgemässe sexuelle Bildung alles umfasst. Forschungsergebnisse gibt es sowohl in den allgemeinen Erziehungswissenschaften als auch bei der Pädagogischen Forschungsstelle. Auch gibt es Abgrenzungen zu einem Schutzkonzept, bei dem der Schutz vor Gefahr im Vordergrund steht und nicht das selbstwirksame Empowerment. Ein Bildungskonzept mit konkreter Unterrichtsdidaktik und methodischen Anregungen sollte – analog zum Medienkonzept – schriftlich formuliert und verbindlich umgesetzt werden. Das kann an jeder Schule etwas anders aussehen, je nachdem, welches Personal und welche externen Kooperationspartner zur Verfügung stehen. Christian Breme, Michael Zech, Sven Saar und andere haben auf dem Feld schon viel geleistet, aber ich erlebe wenig lebendiges Commitment in den Kollegien. Zudem soll Sexualpädagogik laut Lehrplan gemeinsam mit Eltern konzipiert werden, da die kulturelle Diversität Teil der sexuellen Bildung ist, auf die Kinder übrigens ein Recht haben.

Welche Inhalte oder Themen in welchen Fächern können behandelt werden?
In der Unterstufe geht es darum, Sozialkompetenz zu erwerben. Konflikte lösen, Gefühle erkennen, benennen und regulieren lernen. Ein Gespür für gefährliche Situationen entwickeln. Dazu dienen erlebnispädagogische Spiele, Geschichten (von Märchen bis Ronja Räubertochter) und kurze Gesprächsrunden. Die Eurythmie und die vielfältigen Sinneserfahrungen gehören genauso dazu. Die Namen «Penis» und «Vulva» sollte jedes Kind von zuhause aus kennen, sexualisierte Sprache kann unaufgeregt verboten und ggf. kurz erklärt werden. Jede Lehrperson kann prüfen, ob sie geschlechtsspezifisches Rollenverhalten unbewusst verstärkt – das soziale Mädchen, der starke Junge –, und kann den Fokus ihres Stoffes auch mal auf die nicht typisch männlichen Ereignisse (z. B. in der Handwerker-Epoche, den mythologischen Erzählungen, der Geschichte) legen.
In der Mittelstufe braucht es mindestens eine dreiwöchige Epoche, um annähernd alles zu behandeln, was in den Kindern lebt. Grenzen setzen und verteidigen, Schönheitsideale hinterfragen, die Veränderungen des eigenen Körpers verstehen, wertschätzenden Umgang miteinander bewusst thematisieren, Einvernehmlichkeit üben, Sexualität sprechen, Liebe, Fortpflanzung, körperliche Freude und so weiter. Auch Mediennutzung, Bild­rechte und Kinderschutzrechte gehören dazu. Bei allem wäre zu prüfen, was in den Schülerinnen und Schülern gerade lebt, worüber gesprochen wird. Die Fortpflanzung von Tieren und Pflanzen gehört für mich in die jeweiligen Epochen, für die menschliche Fortpflanzung entwickeln die Jugendlichen noch kein gesteigertes Interesse, kann aber in der Unterstufe schon einmal aus nichtbiologisch-medizinischer Perspektive behandelt worden sein.
Im Übergang zur Oberstufe muss dann über Pornografie gesprochen werden, ebenso über geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Orientierungen. Vor allem in den politisch-gesellschaftlichen Fächern muss über die Auswirkungen von patriarchalen Strukturen und die Geschichte des Feminismus gesprochen werden. Auch in unseren fortschrittlichen Ländern ist da noch viel zu tun.

Der Beziehungsgarten ist eine Metapher, um das weite Themenfeld zu visualisieren und eine übersichtliche Ordnung dafür zu finden. Gestaltung, Pflege, Schutz, Wachstum, Kultivierung und Ernte sind Vorgänge, die wir auch in der Natur finden (Zeichnung von Sophia Klipstein).



Es gibt mehrheitlich nur zwei biologische Geschlechter. An welchem Konzept der Geschlechtsidentität knüpft Ihr Konzept an?
Ich würde in diesem Kontext nicht von Konzept sprechen, es verfestigt da, wo Beweglichkeit erfordert ist. Menschen werden mit eindeutig erkennbaren äusseren Geschlechtsmerkmalen geboren, einige wenige mit uneindeutigen. Im Laufe ihres Lebens entwickelt sich eine Identität, die mehr oder weniger mit dem eigenen Körper übereinstimmt. Diese Feinabstimmung mit dem eigenen Körper zieht sich durchs ganze Leben und kann sich sichtbar verändern. Um es mal simpel zu sagen: Jeder Mensch kann sich fühlen und ausdrücken, wie er will. Heute spricht man von «labeln», d. h. jemand definiert sich oder wird definiert. Das passiert meist unbewusst, weil wir so die Welt ordnen und verstehen wollen. Wir sollten vorsichtig sein, jemandem eine feste Definition seiner Identität auf die Stirn zu kleben. Bezüglich der sexuellen Orientierung lässt sich ähnliches sagen. Aus spiritueller Sicht würde ich noch hinzufügen: Ich werde in einen Körper inkarniert, der vielleicht nur ein Kompromiss war, und verliebe mich in eine andere Seele, deren Körper nicht unwichtig, aber sekundär ist. Seelenbegegnung kann sich auch im Begehren ausdrücken. Eine offene, freilassende, wertschätzende Haltung ist hier Voraussetzung.

Das Internet ist voller sexistischer Inhalte, die den Kindern und Jugendlichen Körperideale vermitteln, die ihnen nicht entsprechen. Wie kann man dieser Manipulation entgehen?
Bis zum 14. Lebensjahr sind die Eltern dafür verantwortlich, ihr Kind durch Medienabstinenz weitestgehend davor zu schützen. Dennoch werden Kinder damit konfrontiert. Eltern können frühzeitig auf die Vielfalt von Schönheit aufmerksam machen, es gibt wunderbare Bücher dazu. Wir können mit den Heranwachsenden Filme schauen und diese zum Anlass nehmen, um über Aussehen und Normativität zu sprechen. Es gibt inzwischen auch Vorbild-Serien, die zeigen, wie man einander liebevoll begleitet. In der Schule sollten Körperbilder explizit besprochen und Methoden zur Wahrung der Selbstliebe – nicht Narzissmus – gelernt werden. Wir sollten uns mit dem Verhältnis zu unserem eigenen Körper auseinandersetzen, Worte finden und mit anderen Erwachsenen darüber sprechen üben. Wenn wir schweigen, tabuisieren, uns herumwinden, dann übernimmt das Internet die sexuelle Bildung.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.

Links
Filme: Wunderschön, Wunderschöner
Serien: Heartstopper, Atypical, Sex Education
Bücher
https://www.forschung-waldorf.de/download/beziehungskunst-elternarbeit
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