Impulsgeber für diesen Beitrag war ein Artikel in der Berner Zeitung mit dem Titel «Berner Steinerschule will sich von Esoterik abgrenzen». Er berichtet, dass die Schule hundert Jahre nach dem Tod Rudolf Steiners über eine Umbenennung nachdenkt und sich kritisch mit ihrem geistigen Erbe auseinandersetzt.

Der Artikel macht ein Symptom sichtbar, das über eine einzelne Institution hinausreicht. Die darin zitierten Stimmen aus dem Kollegium benennen Fragen, die in nahezu allen Steinerschul-Kollegien in unterschiedlicher Intensität präsent sind, zum Beispiel:
«Wir können nicht so tun, als stünden wir heute noch dort, wo Rudolf Steiner vor hundert Jahren stand.»
«Der Name Steinerschule erklärt längst nicht mehr, wofür wir pädagogisch stehen – er überlagert es.»
«Es geht nicht darum, unsere Geschichte zu leugnen, sondern klar zu benennen, was wir heute nicht mehr vertreten können.»
«Viele von uns ringen damit, wie viel Steiner noch nötig ist, um gute Pädagogik zu machen.»

Solche Aussagen sind Ausdruck eines ernsthaften inneren Ringens: Wie lässt sich eine Pädagogik weiterentwickeln, die aus einem bestimmten welt­anschaulichen Kontext entstanden ist, ohne in Dogmatismus zu verfallen und ohne ihre Substanz zu verlieren? Die Debatte um Namen, Begriffe und Abgrenzungen verweist damit weniger auf eine Krise einzelner Schulen als auf eine Reifungsphase der Waldorfbewegung insgesamt.
Es ist für mich mehr als eine lokale Schulgeschichte. Vielmehr zeigt sich darin exemplarisch, wie sehr die Steinerpädagogik heute im Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung steht. Die Debatte um eine mögliche Umbenennung und die bewusste Distanzierung von «esoterischen Inhalten» verdeutlichen, dass es nicht nur um äussere Anpassungen geht, sondern um grundlegende Fragen der Identität und Ausrichtung. Dies berührt nicht nur die Geschichte einer einzelnen Schule, sondern wirft grundsätzliche Fragen auf, die für die gesamte Bewegung von Bedeutung sind.
Als Erziehungswissenschaftler und als jemand, der die Steinerpädagogik seit vielen Jahren kennt, lese ich solche Berichte mit ambivalenten Gefühlen. Einerseits erkenne ich vieles wieder: das Ringen um zeitgemässe Sprache, die Sorge um sinkende Schülerzahlen, die berechtigte Distanzierung von problematischen Aussagen Rudolf Steiners, insbesondere dort, wo sie aus heutiger Sicht als rassistisch, eurozentrisch oder esoterisch-dogmatisch aufgefasst werden können. Andererseits irritiert mich, wie diese Debatten in den Medien oft verkürzt geführt werden – als ginge es darum, Steiner entweder zu verteidigen oder endgültig hinter sich zu lassen.
Gerade die im Artikel zitierten Lehrerstimmen machen deutlich, dass es hier nicht um nostalgische Loyalität oder pauschale Abrechnung geht, sondern um eine tiefere Identitätsfrage: Was bleibt von der Steinerpädagogik, wenn man sich konsequent von ihrem weltanschaulichen Hintergrund lösen würde? Und umgekehrt: Welche pädagogischen Potenziale gehen verloren, wenn man aus Angst vor öffentlicher Kritik alles verwirft, was historisch belastet erscheint?
Ich halte es für notwendig, diese Fragen nicht nur institutionell oder strategisch zu diskutieren, sondern grundsätzlicher.
Mein Anliegen in diesem Beitrag ist es, klärende Gesichtspunkte beizusteuern: zur Rolle von Anthroposophie in der Pädagogik, zum Verhältnis von Tradition und wissenschaftlicher Kritik und zur Frage, wie sich eine pädagogische Bewegung erneuern kann, ohne ihre eigenen Voraussetzungen zu verleugnen.
Der Berner Artikel ist ein geeigneter Ausgangspunkt dafür, weil er sichtbar macht, wie dringend diese Klärung geworden ist.

Anthroposophie als individueller Erkenntnisweg – nicht als pädagogische Dogmatik
Ein zentraler, in der öffentlichen Debatte oft missverstandener Punkt betrifft das, was unter der «Esoterik» der Anthroposophie tatsächlich zu verstehen ist. Rudolf Steiners pädagogische Grundlagenwerke sind gerade nicht als geschlossenes Theoriegebäude zu lesen, das Lehrpersonen lediglich übernehmen und auf Kinder «anwenden» müssten. Eine solche Vorstellung widerspricht sowohl dem Selbstverständnis Steiners als auch dem inneren Anspruch der Waldorfpädagogik.
Steiner wandte sich explizit gegen eine Trennung von Theorie und Praxis im Sinne einer rein rezeptiven Wissensaneignung. Pädagogisches Wissen sollte nach seiner Auffassung nicht mechanisch umgesetzt, sondern individuell verarbeitet, verinnerlicht und verwandelt werden. Was heute häufig als «esoterisch» kritisiert wird, meint in diesem Zusammenhang keinen dogmatischen Lehrbestand, sondern einen inneren Erkenntnis- und Verarbeitungsprozess, der bei jeder Lehrperson unterschiedlich verläuft. Es geht um die Fähigkeit, pädagogische Inhalte so zu durchdringen, dass sie zu einer eigenen, lebendigen Handlungskompetenz werden.
Steiner veranschaulichte diesen Prozess mit dem Bild der geistig-seelischen «Verdauung»: Pädagogische Inhalte müssen zunächst rational aufgenommen werden, vergleichbar mit dem bewussten Kauen eines Butterbrots. Entscheidend ist jedoch der nachfolgende, weitgehend innere Verarbeitungsprozess, durch den das Aufgenommene in Eigenes verwandelt wird. Erst dadurch entsteht jene pädagogische Geistesgegenwart, die nicht auf Regeln, sondern auf situatives Verstehen und schöpferisches Handeln gründet. Das blosse Festhalten an «grossartigen pädagogischen Prinzipien» ohne diese innere Verarbeitung führt nach Steiner gerade nicht zu guter Pädagogik.
In diesem Sinne ist die Waldorfpädagogik ausdrücklich keine Form von «Rezeptpädagogik». Sie verfolgt nicht das Ziel, Kinder nach vorgefertigten Ideen zu formen, sondern versteht Erziehung als das Schaffen günstiger Bedingungen, in denen sich das individuelle Wesen des Kindes entfalten kann. Dies setzt voraus, dass auch die Lehrperson in Entwicklung bleibt, Gewohnheiten hinterfragt und bereit ist, pädagogische Ansätze immer wieder neu zu durchdenken und weiterzuentwickeln.
Wo sich im Laufe der Jahrzehnte verfestigte Unterrichtspraktiken etabliert haben, die als verbindlich oder «typisch Steiner» gelten, handelt es sich weniger um eine Konsequenz von Steiners Denken als um das Beschreiten institutioneller Trampelpfade. Diese Verfestigungen widersprechen dem ursprünglichen Impuls, der auf individuelle Verantwortung, schöpferische Initiative und kontinuierliches Lernen der Lehrperson zielte. In diesem Sinne ist die Esoterik der Anthroposophie nicht das Gegenteil von Kritik, sondern das Gegenteil von Dogmatik. Sie verlangt kein Befolgen, sondern ein persönliches Durcharbeiten, kein Festhalten an Formen, sondern ein lebendiges Weiterentwickeln. (vgl. dazu das Handbuch «Pädagogische Entwicklung durch Praxisforschung», Kap. 3)
Gerade unter den Bedingungen einer sich rasant wandelnden Gegenwart liegt hierin eine oft übersehene Stärke der Waldorfpädagogik. Dort, wo Lehrpersonen nicht als Vollzugsorgane eines Systems verstanden werden, sondern als eigenständig denkende, fühlende und handelnde Pädagogen, wird Erziehung zu einer situativen, am einzelnen Kind orientierten Praxis. Nur in diesem Sinn kann von einer zeitgemässen Weiterführung der Steinerpädagogik gesprochen werden – nicht als Traditionspflege, sondern als fortwährender Prozess individueller und institutioneller Selbstbildung.

Die Essentials der Waldorfpädagogik
So wird sich jede Steinerschule und jedes Kollegium fragen müssen, worin der unverzichtbare Kern besteht, damit «drin ist, was drauf steht». Dazu gehören m. E. folgende Essentials:

  • Die Waldorfpädagogik basiert auf einem ganzheitlichen, spirituell offenen Menschenbild. Der Mensch wird als Einheit von Körper, Seele und Geist verstanden. Lernen bedeutet daher nicht nur Wissensaufnahme, sondern die Entwicklung von Denken, Fühlen und Wollen in ausgewogener Weise.
  • Dies gilt auch für die Lehrperson, denn «jede Erziehung ist Selbsterziehung». Dabei kann die Anthroposophie und deren «Schulungsweg» sowie die eigene Praxisforschung Orientierung und Impulse geben.
  • Zentrales Anliegen ist ein spirituell erweitertes Weltverständnis, das Sinnzusammenhänge fördert, ohne zu dogmatisieren. Bildung soll dem Kind helfen, sich als handelndes, verantwortungsbewusstes Wesen in der Welt zu erleben.
  • Im Mittelpunkt steht stets das einzelne Kind – nicht seine Leistung im Vergleich zu anderen, sondern seine individuelle Entwicklung. Lerninhalte und Methoden sind altersgemäss gestaltet und orientieren sich an den jeweiligen Entwicklungsphasen.
  • Die Klassengemeinschaft spielt eine wesentliche Rolle: Kinder lernen über viele Jahre hinweg gemeinsam, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Begabung oder sozialem Hintergrund. Diese stabile Gemeinschaft fördert soziale Verantwortung, Empathie und gegenseitige Achtung.
  • Waldorfpädagogik versteht Bildung damit als Weg, junge Menschen in ihrer Einzigartigkeit zu stärken und sie auf ein selbstbestimmtes, sinnvolles Leben vorzubereiten.

Zeitungsartikel im «Der Bund» vom 22.12.25
Titel: «Hundert Jahre nach dem Tod von Rudolf Steiner hadert die Berner Steinerschule mit ihrem Gründer. Sie diskutiert sogar eine Umbenennung» (Autor: Andres Marti)
Zusammenfassung durch die SK-Redaktion:
Der Artikel beschreibt, wie sich die Berner Steinerschule kritisch mit ihrem Gründer und der anthroposophischen Tradition auseinandersetzt. Besonders seit der Coronapandemie steht die Waldorfpädagogik in der Kritik. An der Steinerschule Bern-Ittigen-Langnau sind die Schülerzahlen seit 2020 um fast 20 Prozent zurückgegangen.
Als problematisch gelten insbesondere rassistische und eurozentrische Aussagen Steiners. Die Schule verweist auf eine gemeinsame Erklärung der Waldorfschulen, in der man sich klar von solchen Positionen distanziert. Die Schulleitung betont zudem ihre persönliche Distanz zur Anthroposophie und hat unter ihrer Führung organisatorische Reformen, eine Modernisierung der Kommunikation sowie die Umbenennung in «Steinerschule» vorgenommen.
Viele Lehrpersonen verstehen sich heute nicht mehr als Anthroposophen. Mehrere von Steiners pädagogischen Konzepten, etwa starre Entwicklungsmodelle oder die Einteilung in Temperamente, werden als nicht mehr zeitgemäss betrachtet und nur noch eingeschränkt angewendet. Geschätzt wird hingegen die grosse pädagogische Freiheit innerhalb staatlicher Vorgaben.
Gleichzeitig hält die Schule an bestimmten Traditionen wie Eurythmie, Epochenunterricht und der zentralen Rolle der Klassenlehrperson fest, was sowohl als Stärke wie auch als Herausforderung beschrieben wird. Eltern schätzen weiterhin den geringen Leistungsdruck, die ganzheitliche Ausrichtung sowie den hohen Stellenwert musischer und handwerklicher Fächer. Trotz zunehmender Konkurrenz durch andere Privatschulen rechnet die Schulleitung für das kommende Schuljahr mit leicht steigenden Anmeldungen. (Zusammenfassung Thomas Stöckli)

Qualität statt Weltanschauung: Ein Vergleich mit Medizin und Demeter
Ein Blick auf andere anthroposophisch geprägte Praxisfelder hilft, die Debatte einzuordnen. Anthroposophische Medizin etwa wird von Ärztinnen und Ärzten ausgeübt, die eine entsprechende fachliche und menschenkundliche Ausbildung haben. Patientinnen und Patienten müssen jedoch keine anthroposophische Philosophie übernehmen, um behandelt zu werden. Entscheidend ist allein, ob sie eine positive, heilende Wirkung erfahren. Gleichzeitig dürfen sie erwarten, dass die Fachpersonen über das notwendige Hintergrundwissen verfügen – alles andere wäre Etikettenschwindel.
Ähnlich verhält es sich in der biodynamischen Landwirtschaft. Demeter-Produkte richten sich an Konsumentinnen und Konsumenten, die auf Qualität, Nachhaltigkeit und Transparenz vertrauen. Nicht die Kundschaft, sondern die Landwirtinnen und Landwirte müssen sich intensiv mit den biodynamischen Grundlagen auseinandersetzen. Wer Demeter anbietet, verpflichtet sich zu bestimmten Standards. Dass diese Standards anthroposophisch begründet sind, muss man nicht glauben. Man darf aber erwarten, dass sie fachlich ernst genommen und professionell umgesetzt werden.
Überträgt man dieses Prinzip auf die Waldorfpädagogik, wird die Rolle klar: Eltern und Kinder nehmen ein pädagogisches Angebot in Anspruch, das von Lehrpersonen mit einer waldorfpädagogischen Ausbildung getragen wird. Sie müssen keine Weltanschauung «mitkaufen». Zugleich dürfen sie erwarten, dass das, was als Waldorfpädagogik bezeichnet wird, auch inhaltlich fundiert ist und im Kollegium der Schule lebt.
Bietet eine Schule – im Namen oder im Profil – Waldorfpädagogik an, dann steht sie in der Verantwortung, diese nicht nur als Etikett, sondern als qualifizierte pädagogische Praxis als Kollegium zu vertreten. Alles andere würde das Vertrauen untergraben, auf dem dieses Bildungsangebot beruht.

Zukunftspotenzial der Steinerschulen
Steinerschulen werden von Eltern aufgesucht, wenn sie als gut für ihr Kind und dessen Zukunft befunden werden und dies auch ausstrahlen. Dann kann sich der Trend von abnehmenden Schülerzahlen umkehren. Angesichts der Herausforderungen unserer Zeit wird jede Schule sich immer wieder um eine grössere Perspektive bemühen müssen. Wenn die Schulen das «Big Picture» sehen, eröffnet sich ein klarer Zukunftspfad: Die Waldorfpädagogik vermittelt Fähigkeiten und Qualitäten, die in einer sich rasant verändernden Welt besonders wertvoll bleiben, gerade in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz zunehmend Routineaufgaben, Datenanalysen und sogar kreative Prozesse übernimmt. Die zentralen Stärken der Waldorfschulen liegen in der Förderung von Empathie und Mitgefühl, kreativer Originalität, ganzheitlichem Lernen, ethischem Bewusstsein, Selbstbestimmung und Eigeninitiative. Sie schulen ökologisches Denken, Medienkompetenz und Lebensunternehmertum und bereiten junge Menschen so auf Berufe und Lebenssituationen vor, die von KI nicht ersetzt werden können.
Indem die Schulen diese Fähigkeiten konsequent pflegen, erkennen sie ihr eigenes Potenzial: Sie bilden Menschen aus, die nicht nur beruflich handlungsfähig sind, sondern die auch die gesellschaftlichen, ökologischen und ethischen Herausforderungen der Zukunft gestalten können. Wer diese Stärken ernst nimmt, sichert nicht nur die Zukunftsfähigkeit der Schule selbst, sondern trägt dazu bei, dass junge Menschen in einer technisierten und komplexen Welt ihr Menschsein in voller Tiefe entfalten können.

Zum Autor: Dr. Thomas Stöckli, Erziehungswissenschaftler, forschend und publizistisch tätig im Institut für Praxisforschung und der AfaP, vor allem im Bereich «Lebenslernen», Jugendpädagogik, Praxisforschung zur Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik, www.institut-praxsforschung.com

Offener Brief an die Schule
Als ehemalige Schülerin, Schulmutter, dann 16 Jahre Eurythmistin an der Schule in Ittigen und aktuell Grossmutter von vier Kindern an der Schule möchte ich gerne Stellung nehmen zu dem Artikel im «Bund» und die damit verbundenen Fragen.
Mir ist durchaus bewusst, dass Journalisten in der Regel ihre eigenen Wege gehen und ein solcher Artikel nicht unbedingt den Intentionen der darin erwähnten Personen entspricht. Nach den Mainstreamberichterstattungen des letzten Jahres scheint es mir, dass der Journalist keine wirkliche Recherchearbeit geleistet hat, sondern sich ganz einfach in gewissen Vorurteilen bestätigt sah (Esoterik, Eurythmie, Anthroposophie, Impffrage).
Ein oft gehörter Vorbehalt gegen spirituelle Bewegungen ist ja der, dass sie eine «Abkehr» von der aktuellen Zeit seien und zu einer Trübung des klaren Bewusstseins führten. Dies mag sogar berechtigt sein und in manchen «Sumpfgebieten» der Anthroposophie vorkommen. Richtet man den Blick auf diese Phänomene, dann wird man ganz bestimmt fündig. Ich selber kenne das aus meinen ureigensten Reihen der Eurythmie, die ja dafür noch besonders anfällig ist (LEIDER!!!). Dennoch – und es ist mir unglaublich wichtig, das zu betonen – ist die von Steiner inaugurierte Grundrichtung genau das Gegenteil von einer kuscheligen Heimeligkeit zu ungunsten von Klarheit. Ich habe Anthroposophie immer so verstanden, dass sie sich der ganzen Tiefe der Wirklichkeit mit voller Schärfe stellen möchte. Anthroposophie möchte nicht glauben, sondern erkennen.
Für mich war Anthroposophie stets eine Methode und kein Inhalt. Selbstverständlich setzt Methode stets bei MIR an. Steiner selbst sagte einmal anlässlich eines Vortrags, man dürfe die Dinge, die er vorträgt, niemals hinnehmen als eine «Sonntagsnachmittagspredigt». Und genau darin liegt der Kern der ganzen Sache. Anthroposophie soll und darf kein spiritueller Konsum werden. Sie ist keine preisgünstige Spiritualität, sondern eben eine Arbeit an mir selbst mit oft bestimmt auch kleinem Erfolg. Den Lehrpersonen seiner Zeit rief Steiner zu: «Werden Sie ZEITGENOSSEN!» Das bedeutet in letzter Konsequenz: Nimm das, was diese Epoche hervorbringt, in der du lebst, ernst. Sei ein kritischer, eigenständiger Mensch, der sich nicht auf Traditionen oder Offenbarungen stützt.
Und auch wenn ich mich als ein der Anthroposophie nahe stehender Mensch bezeichnen möchte, ist das eine persönliche Entscheidung, die nicht auf andere übertragbar ist und auch nicht sein soll. Ich habe keine Mission. Dennoch gibt es jetzt wahrscheinlich einige Stolpersteine zu bewältigen. Und diese Steine sind wahrscheinlich vor allem intern zu finden: Extern wird der Artikel wahrscheinlich einige Wellen werfen. Es wird Leute geben, die sich bestätigt sehen und solche, die sich ärgern. Aber die Wogen werden sich glätten und diejenigen, die ehrliches Interesse an der Sache haben, werden sich nicht abwenden.
Es ist mir natürlich völlig bewusst, dass es in der «anthroposophischen Szene», in der mentalen Grundfigur eine Haltung gibt, die überzeugt ist von der Unantastbarkeit der eigenen Wahrheiten. Es ist dann eine Art wohlmeinende Herablassung zu spüren.
Das schmerzt. Dies vor allen Dingen deshalb, weil solche Haltungen eine Polarisierung herbeiführen, die der Sache schaden.
Dabei sind es wohl eher unterschiedliche Herangehensweisen an das «Wesen» Anthroposophie.
Versucht um Himmels Willen einen interessierten, lauschenden Zugang zueinander zu finden, der fremde Gesichtspunkte ernst nimmt und in einen Dialog treten kann. Dies könnte sogar eine grosse CHANCE sein.
Gelänge es, die Selbstverliebtheit in die eigenen Erkenntnisse wegzulegen, dann könnte die Diskussion in eine interessante Richtung gehen. Dies verlangt vom Einzelnen viel. So viel wahrscheinlich wie der unbequeme Steiner vorgeschlagen hat: Selbsterziehung und Umwandlung. Das wäre dann die Kraft innerer Auseinandersetzung und Aneignung.
Über all den Wellenbewegungen, die jetzt entstehen mögen (dies meine private Einschätzung) wünsche ich mir an diesem Sylvesterabend 2025 eigentlich nur dies:
Egal ob man sich nun Anthroposoph nennen mag oder der Anthroposophie nahe steht oder eben auch gar nicht: Seid in einem Dialog des Sowohl-als-Auch und nicht des Entweder-Oder!
Dies insbesondere im Interesse der euch anvertrauten Kinder und Jugendlichen.
Dann könnte vielleicht etwas entstehen, das der Dichter Rainer Maria Rilke so beschrieben hat:
Die Nacht von wachsenden Sturme bewegt
Wie wird sie auf einmal weit
Als bliebe sie sonst zusammengelegt
In die kleinlichen Falten der Zeit!

Ich wünsche euch allen in diesen vielleicht stürmischen Zeiten Herzensweite und einen kraftvollen und ehrlichen Dialog

Sehr herzlich
Regula Stettler

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