Im Gespräch mit Gilad Goldshmidt über die gegenwärtige Situation in Israel

Der Krieg in Israel und Palästina hat sich tief in die Seelen der Menschen eingeschrieben – auf beiden Seiten. Während der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 unermessliches Leid über israelische Familien brachte, hat die darauffolgende militärische Antwort Israels eine humanitäre Katastrophe für die palästinensische Zivilbevölkerung ausgelöst, insbesondere für Kinder in Gaza.[1] Gilad Goldshmidt beschreibt in einem persönlichen Bericht sehr klar seine politische Position als Israeli: «Die Militäraktion Israels im Gazastreifen, die massive Bombardierungen ziviler Gebiete, die Tötung und Verwundung Tausender Kinder, Frauen und älterer Menschen, die systematische Aushungerung grosser Bevölkerungsgruppen und die absichtliche Zerstörung ganzer Stadtteile umfasst, ist für mich und meine Angehörigen inakzeptabel.»[2] Inmitten dieser Realität drohen Mitgefühl und differenziertes Denken unterzugehen. Umso wichtiger sind Stimmen, die die Menschen jenseits von Feindbildern wahrnehmen und die sich weigern, Leid gegeneinander aufzurechnen.

Du arbeitest als Waldorflehrer in Israel – in einer Zeit, in der der Krieg bis in die Klassenzimmer hineinwirkt. Wie erlebst Du die gegenwärtige Situation?
Der traumatische Zustand zeigt sich heute in nahezu jedem Aspekt der Gesellschaft und Kultur. Wie beim einzelnen Menschen äussert er sich zunächst in einer Spaltung der seelischen Kräfte. Die israelische Gesellschaft ist zutiefst polarisiert und zersplittert, geprägt von Feindseligkeit und Misstrauen zwischen den verschiedenen kulturellen Gruppen. Diese Auswirkungen machen natürlich auch vor Kindern, Jugendlichen und jungen Studierenden nicht halt – ebenso wenig vor uns Lehrkräften. Wir sehen immer mehr Kinder mit Ängsten, eine stark gestiegene Zahl psychischer Probleme, zunehmende Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Täglich stellen wir uns die Frage: Wie muss Bildung in solchen Zeiten aussehen? Was ist wirklich notwendig – und worauf können wir verzichten?

Die Waldorfpädagogik stellt den Menschen als geistige Individualität in den Mittelpunkt. Was bedeutet dieses Menschenbild für Deine pädagogische Arbeit unter diesen Bedingungen?
Einige Dinge werden in dieser Zeit fast selbstverständlich: Hinaus in die Natur zu gehen, die künstlerischen und kreativen Bereiche zu stärken, Tiere in den Schulalltag einzubeziehen, den Tagesrhythmus fliessender zu gestalten. Und vielleicht am wichtigsten: die intensive innere Begleitung jedes einzelnen Kindes.
Gleichzeitig bleiben viele Fragen offen. Auch wir Lehrkräfte stehen vor denselben Herausforderungen wie die Kinder – nur in anderer Form. Immer stärker stellt sich die Frage nach dem eigenen inneren Weg zur Bewusstheit. Ich habe das tiefe Gefühl, dass wir ohne einen inneren, stillen Raum der Meditation und Betrachtung weder den Kindern mit den richtigen Kräften begegnen können – noch uns selbst.

Was meinst Du mit innerer Arbeit? Welche Rolle spielt sie in der Waldorfpädagogik?
In einigen Waldorfschulen versuchen wir, Meditation gemeinsam zu praktizieren – als eine Art Unterstützungsraum für die persönliche Arbeit jedes Einzelnen. In der Lehrerausbildung üben wir seit Beginn der Ausbildung und während ihres gesamten Verlaufs Meditation im anthroposophischen Sinne. Früher geschah das nur im letzten Ausbildungsjahr. Diese innere Arbeit ist kein Rückzug aus der Realität, sondern eine Voraussetzung, um den Kindern in dieser extremen Zeit überhaupt gerecht werden zu können.

Viele Kinder in Israel erleben Belastungen, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar waren. Wie zeigt sich das aus Deiner Sicht?
Kinder haben hier Stress- und Krisensituationen erlebt, die wir zuvor nicht kannten: schwere Bombardierungen der Zivilbevölkerung, tägliche Aufenthalte in Schutzräumen, Evakuierungen ganzer Gemeinschaften, Verlust und Trauer in Familien, belastende Medienbilder. Zwei Absolventen unserer Schule in Harduf sind im Krieg gefallen, mehrere wurden schwer verletzt. Viele Soldaten kehren psychisch traumatisiert zurück – und diese Traumata wirken in ihre Familien hinein.
Gleichzeitig ist mir wichtig zu sagen: Dieses Leid steht nicht isoliert. Was Kinder in Israel erleben, darf nicht vom unermesslichen Leid der Kinder in Gaza getrennt werden. Dort wachsen Kinder unter Bombardierungen, Hunger, Angst auf und haben ihre Eltern, Geschwistern und ihr Zuhause verloren. Als Pädagogen dürfen wir dieses Leid nicht ausblenden – unser Mitgefühl muss allen Kindern gelten.

Gibt es Unterschiede darin, wie Kinder verschiedener Altersstufen mit dieser Situation umgehen?
Ja, sehr deutlich. Säuglinge und kleine Kinder bis etwa fünf oder sechs Jahre können – sofern sie nicht direkt betroffen sind – noch relativ geschützt in ihrer eigenen Welt leben, vorausgesetzt, ihre Eltern können ihnen seelische Stabilität geben, was keineswegs selbstverständlich ist.
Mit Jugendlichen kann man sprechen, sich austauschen, heilende Kräfte über Gespräche sowie Gruppen- und Einzelbegleitung entwickeln.
Am verletzlichsten erlebe ich Kinder zwischen etwa fünf, sechs und elf, zwölf Jahren. Sie sind sehr sensibel und offen, haben aber noch nicht die Fähigkeiten, das Erlebte innerlich zu verarbeiten oder sprachlich zu fassen. Hier braucht es eher indirekte heilpädagogische Arbeit – über Rhythmus, Kunst, Bewegung, Natur, Beziehung.

Welche Rolle spielt dabei die anthroposophische Gemeinschaft?
Ich lebe in einer anthroposophischen Gemeinschaft im Kibbuz Harduf. Während des gesamten Krieges traf sich dort wöchentlich eine Gruppe von Freunden zur gemeinsamen Meditation für den Frieden, zum Gebet und zum bewussten Senden von guten Kräften – zunächst an die Geiseln, später auch an die gesamte Region, insbesondere angesichts dessen, was die israelische Armee in Gaza getan hat.
Zusätzlich organisierten wir Abende der Betrachtung zu Fragen von Bösem und Tod im Licht der Anthroposophie – durch gemeinsames Lesen, durch innere Ausrichtung und Singen. Fast jeder von uns kennt Menschen, die getötet oder schwer verletzt wurden.

Gibt es darüber hinaus eine breitere anthroposophische Bewegung in Israel?
In Israel gibt es keine offizielle anthroposophische Gesellschaft, aber viele Studiengruppen und eine grosse Vielfalt von Initiativen: Waldorfkindergärten und -schulen, biologisch-dynamische Landwirtschaft, medizinische Kliniken, Häuser und Dörfer für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Kunstausbildungen und Studienangebote.
Aus den schweren äusseren Ereignissen heraus haben wir drei landesweite Konferenzen für «Freunde der Anthroposophie» organisiert – in Harduf, Jerusalem und Tivon, jeweils mit über 200 Teilnehmenden. Die zentrale Frage war immer: Wie gehen wir geistig, menschlich und praktisch mit den Ereignissen unserer Zeit um?

Du engagierst Dich auch ausserhalb der Waldorfschulen. Warum ist Dir das wichtig?
Aus grosser Frustration und Hilflosigkeit heraus – als Bürger, der die Entscheidungen der Regierung nicht akzeptieren kann, weder im Umgang mit der palästinensischen Zivilbevölkerung noch im Versuch, die israelische Gesellschaft autoritär umzubauen – engagiere ich mich in Friedensinitiativen.
Besonders wichtig sind mir «Standing Together», eine jüdisch-arabische Organisation, die Solidarität, Schutz und konkrete Hilfe leistet, sowie «Road to Recovery», wo jüdische Freiwillige palästinensische Patienten aus Gaza und dem Westjordanland zu medizinischen Behandlungen fahren. In diesen gemeinsamen Fahrten entstehen Gespräche, Menschlichkeit, Hoffnung – jenseits aller Politik.

Was hat diese Zeit persönlich bei Dir verändert – auch im Blick auf die Waldorfpädagogik?
Diese Zeit hat mich paradoxerweise noch stärker an die pädagogischen Ideale glauben lassen, die ich immer getragen habe. Immer wieder führt mich alles zu der Erkenntnis zurück: Das Wichtigste für die Zukunft sind die Kinder und die Begleitung, die sie erhalten.
Gerade in dieser extremen Situation gibt es unendlich viel zu tun. Kinder kommen zu uns – mehr als in jedem anderen westlichen Land – und sie suchen Aufmerksamkeit, Beziehung und menschliche Bildung. Das ist meine Aufgabe.

Wie sieht Deine Zukunftsperspektive aus?
Waldorfpädagogik sollte jedes Kind erreichen – auch Kinder ohne finanzielle Mittel und auch Eltern, die vielleicht nie von ihr gehört haben. Deshalb arbeiten wir in Israel mit waldorfpädagogischen Qualitäten auch in öffentlichen Schulen aller Sektoren: in arabischen Gemeinden, in religiösen und sogar ultraorthodoxen Gemeinschaften.
Nicht immer tragen diese Schulen den Namen «Waldorf», aber sie arbeiten mit Kunst, Handwerk, Naturerfahrung, Epochenunterricht und intensiver Begleitung durch erfahrene Waldorfpädagogen. Meine Vision ist, dass es neben den rund 200 Kindergärten und 40 Schulen in Israel viele weitere Einrichtungen geben wird, die diese Qualitäten aufnehmen und an ihre jeweilige Gemeinschaft anpassen.

Die Fragen stellte Thomas Stöckli.
Foto: Gilad Goldshmidt.

Dr. Gilad Goldshmidt ist eine zentrale Persönlichkeit der Waldorf-Bewegung in Israel. Er ist Mitbegründer des Kibbutz Harduf (1982), der ersten anthroposophischen Gemeinschaft des Landes. Er war einer der Begründer der ersten Waldorf-Schule in Israel in Harduf (1989) und viele Jahre bis zum heutigen Tag vor allem Geschichtslehrer an der Schule. Goldshmidt ist Leiter von zwei akademischen Waldorf-Ausbildungen, die in einem grossen staatlichen Erziehungscollege integriert sind: das David Yellin Academic College in Jerusalem und das Oranim Academic College in Kiryat Tivon. Darüber hinaus ist er Vorsitzender des israelischen Verbandes für Waldorf-Pädagogik.


  1. Siehe dazu: «Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten Land» von Samar Yazbek. ↩︎

  2. Zeitschrift «Anthroposophie», Weihnachts-Ausgabe 2025, S. 353. ↩︎

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