Was sind die gesellschaftlichen
Probleme in den Niederlanden?

Text: Elard Pijnaken | Foto: bvs-schooladvies.nl

Es gibt viele gesellschaftliche Probleme in den Niederlanden. Die meisten dieser Probleme entstehen durch einen Mangel an gutem Sprechen und gutem Zuhören.
Auf dem Pausenhof der Waldorfschule in Rotterdam rennt ein siebenjähriger Junge zu seiner Lehrerin. Seine Stimme zittert. «Sie hören mir nicht zu. Ich mag nicht, was sie sagen. Sie nennen mich ständig ‹Erdnuss› (Peanut). Ich sage ihnen, sie sollen aufhören. Sie sagen, sie mögen Erdnüsse. Dass es ein Kompliment sei. Das stimmt nicht. Ich bin wütend. Sehr wütend. Ich weiss nicht, ob meine Hände auf mich hören werden.»
Die Lehrerin ist schockiert. «Komm zu mir. Das dürfen sie nicht tun.» – «Sie tun es, weil meine Mutter eine ‹Indo› (aus Indonesien) ist, das weiss ich.» Die Lehrerin tröstet den Jungen. Nach der Pause bespricht sie mit der Klasse Wörter, die verletzen, und Wörter, die schön sind. Aber sie sucht auch nach Wörtern, die sowohl angenehme als auch schmerzhafte Bedeutungen haben. Die verschiedenen Begriffe werden in kleinen Gruppen diskutiert. Plötzlich hebt ein Mädchen die Hand. «Es tut mir leid … Ich habe es nicht richtig gesagt … Ich habe ‹Erdnuss› gesagt und wusste, dass es wehtun kann. Es tut mir so leid.»
Im Buddhismus wird die «Rechte Rede» oder das richtige Reden (sammā-vācā) als der dritte Schritt auf dem achtfachen Pfad beschrieben. Dieser beinhaltet, nur das zu sagen, was wahr, hilfreich und notwendig ist. Worte für den Frieden zu finden, anstatt für den Krieg.
In den Niederlanden gab es in den letzten vier Jahren drei Wahlen, weil zwei Regierungen scheiterten – primär wegen der Migrationsfrage. Wir sehen, dass rechtsextreme Parteien an Boden gewinnen und das Land kaum noch regierbar ist. Das Wahlverhalten ist geprägt von Wut, Lügen und Einzeilern in TikTok-Videos, in denen ständig mit dem Finger auf Ausländer gezeigt wird, die meist gar kein Wahlrecht haben. Es gibt nicht genügend Wohnraum und Probleme in der Gesundheitsversorgung und im Bildungsbereich. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Immer mehr Menschen haben das Vertrauen in die Politik verloren. Politiker hören einander nicht zu. Was sagen sie eigentlich? Und ist das, was sie sagen, wahr, hilfreich und notwendig?
Die niederländische Dichterin Babs Gons schrieb dieses Gedicht (Auszug) als Reaktion auf das Wahlverhalten junger Menschen, die entweder gar nicht oder rechtsextreme Parteien wählen:

wenn du keinen traum hast
wenn du nicht wählen gehst
sag es so leise
dass Nelson Mandela es nicht hören kann
lass ihn für immer in frieden ruhen
wenn du nicht wählen gehst
dann sei bitte so diskret
dass unsere ahnen
sich nicht in ihren gräbern umdrehen
wenn du deine stimme nicht nutzt
(…)
Lass Martin Luther King nicht wissen
wenn du deine stimme nicht nutzt
lass ihn nicht wissen
dass du lieber schweigen würdest
wenn du keinen traum hast
nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt
nichts, wofür du dich stark machst
nichts, wofür du aufstehst
lass es diejenigen nicht wissen
die keine wahl haben

Unsere Gesellschaft ist laut «Gezondheidsraad» («Rat für öffentliche Gesundheit») «hypernervös» (Stand Oktober 2025). In allen Bereichen unseres Lebens erleben wir Spannung, Hast und grossen Druck. Wir müssen teilhaben, pünktlich und effizient sein, wir müssen Leistung bringen und sind weitgehend selbst dafür verantwortlich, dass all dies gelingt. Der Rat ist zutiefst besorgt um die kommende Generation. Denn wenn eine Gesellschaft hypernervös ist, wirkt sich das negativ auf Studenten und Schüler aus. Und die Zahlen lügen nicht: Kinder leiden unter Stress, brechen die Schule ab, und es gab noch nie so viele Schulverweigerer und junge Menschen mit Burnout-Symp­tomen. Die Jugendlichen haben das Gefühl, nicht mehr gesehen oder gehört zu werden. Sie müssen gute Leistungen erbringen, aber aufgrund ihres Stresses leisten sie weniger. Das ist das «Leistungsparadoxon».
Und die Waldorfschulen? Sie sind in den Niederlanden beliebter denn je. Können Waldorfschulen noch Raum für die eigene Stimme schaffen? Wird es ihnen gelingen, Räume zu öffnen und das Tempo zu drosseln, damit Schüler ihre eigene Stimme entdecken können? Denn was ist eine Stimme? Was ist ihre Stimme? Wie lehren wir unsere Kinder, zuzuhören und zu sprechen? Denn ist die Stimme nicht das Persönlichste und Verbindendste, was ein Mensch besitzt und einem anderen schenken kann?
«Geistige Wesenheiten leben in der Sprache des Menschen darinnen, wirken darinnen, und indem der Mensch Worte formt, Worte bildet, drängen sich in seine Worte hinein elementarische geistige Wesenheiten. Auf den Flügeln der Worte fliegen geistige Wesenheiten durch die Räume, in welchen sich die Menschen miteinander unterhalten. Daher ist es so wichtig, dass man achtet auf gewisse Intimitäten der Sprache, und dass man sich nicht einfach der Willkür des Leidenschaftslebens überlässt, wenn man spricht.» (Rudolf Steiner: Kunst im Lichte der Mysterienweisheit, GA 275, Dornach, 28. Dezember 1914)
Wenn die geistige Welt in den Stimmen junger Menschen mitschwingt, was ist dann nötig, um sprechen zu lernen? Kann ein Klassenzimmer gleichzeitig ein Raum des Sprechens und ein Raum des Zuhörens werden? Und was können Lehrer tun, um die Stimmen ihrer Schüler zu wecken? Damit ihre Stimmen Verbindungen schaffen können? Kann das «richtige Reden» Raum für die Gegenwart einer geistigen Welt schaffen, sodass die Gesellschaft durch die nächste Generation tatsächlich verändert werden kann?
Es gibt viele Möglichkeiten, das Zuhören und Sprechen zu üben. In der Schule in Amsterdam üben die Kinder den Sokratischen Dialog, inspiriert von dem, was wir über den wandernden Philosophen wissen, der stets neugierig war und seine Philosophie durch Fragen aufgebaut hat. Der Sokratische Dialog soll den Schülern beibringen, sich selbst und anderen zuzuhören, Fragen zu stellen und die Unterschiede zwischen ihren Klassenkameraden zu erkennen und schätzen zu lernen. Der Lehrer spielt dabei eine wichtige Rolle als Moderator und sorgt dafür, dass die Regeln der Unterhaltung eingehalten werden, z. B. dass niemand einem anderen ins Wort fällt und dass die Redezeit respektiert wird.
In der fünften Klasse bringen verschiedene Schüler jede Woche drei Fragen mit, die sie diskutieren möchten. Diese Woche lauten die Fragen der Schüler: Kann die Welt ohne Krieg existieren? Wie geht man mit seinen Feinden um? Wann ist jemand ein guter Freund? Die Sitzung beginnt mit der ersten Frage. Die Kinder haben zwei Minuten Zeit zum Nachdenken und Schreiben. Dann fragt der Lehrer, welche sieben Kinder diesmal im inneren Kreis teilnehmen möchten. Das Ziel ist es, dass jedes Kind mindestens einmal alle drei Wochen im inneren Kreis an der Reihe ist. Der äussere Kreis hört zu und schreibt mit. Die Kinder im inneren Kreis beantworten abwechselnd die zentrale Frage. Der Lehrer stellt vertiefende Fragen wie: «Warum denkst du das? Wer denkt anders? Kannst du das erklären? Wie bist du auf diese Idee gekommen?» Wenn die Diskussion beendet ist, fassen zwei Kinder aus dem äusseren Kreis sie zusammen. Dann fragt der Lehrer alle Kinder: «Wer hat etwas gehört, das ihn überrascht hat? Wer hat angefangen, anders zu denken? Und warum?» Und schliesslich: Wer hat eine Sokrates-ähnliche Frage zu der Frage?

Ich suchte meine Stimme in Worten. Ich kam, um in Liebe und Licht zu leben, welche Spiegelungen Gottes sind. Durch meine Stimme finde ich lebendige Worte, durch die ich im Tod weiterleben werde. (Kahlil Gibran)

Elard Pijnaken ist Leiter der Waldorfpädagogik an der Hochschule Leiden
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