Interview mit Nicola Schneider

Interview: Mathias Maurer | Fotos: Nicola Schneider

Nicola, Du hast in den 1980er-Jahren die Steinerschule in Zürich besucht. Was war für Dich prägend aus Deiner Schulzeit?
Dass man in der Steiner Schule nicht dressiert, sondern inspiriert wird. Weniger «Lehrplan», mehr «Lebensplan». Ich habe früh gelernt: Wenn du etwas willst, baust du es dir selbst – im Notfall aus Karton, Draht und purem Willen.
Die Steinerschule hat mir vor allem ein grosses Vertrauen in die eigene Kreativität mitgegeben. Ich habe dort gelernt, dass Kopf, Herz und Hand zusammengehören und dass Lernen mehr ist als reines Faktenwissen. Für mich war prägend, dass individuelle Stärken gesehen wurden. Ich durfte ausprobieren, scheitern, neu anfangen. Diese Freiheit, eigene Wege zu gehen, hat meinen späteren beruflichen Werdegang enorm beeinflusst.

Man liest, dass Du zusammen mit Deinen Geschwistern und der alleinerziehenden Mutter aufgewachsen bist. Warum schickte Dich Deine Mutter auf eine Steinerschule, obwohl ihr jeden Rappen zweimal umdrehen musstet?
Ich weiss es nicht genau, wie sie das hingekriegt hat, aber so viel ich weiss, sind die Schulgelder dem Einkommen angepasst. Für meine Mutter war klar, dass Bildung mehr sein sollte, als ein Pflichtprogramm. Sie wollte, dass wir in einem Umfeld aufwachsen, das uns als ganze Menschen sieht – nicht nur als Schüler.


Zürich war damals bekannt für seine offene Drogenszene am Platzspitz und Lettenbahnhof. Wie kamst Du auf die Idee, mit 18, Anfang der 1990er Jahre, Deine erste Bar zu eröffnen?
Für mich war das Nachtleben immer mehr als Party – es war ein Ort, an dem Menschen sich begegnen können, unabhängig von Herkunft, Status oder Geschichte. In den 1990ern war Zürich rau, widersprüchlich und gleichzeitig voller Energie. Ich wollte einen Raum schaffen, der diese Energie kanalisiert, der ein Gefühl von Zuhause gibt und gleichzeitig offen für Neues ist.

2006 hast Du den legendären Hive Club im Geroldareal gegründet und bist dessen künstlerischer Leiter. Der Club hat über 100 Mitarbeiter und ein Platzangebot für 500 Gäste in unterschiedlichen Locations. Was hat euch zu den «Trendsettern des Nachtlebens» gemacht?
Wir haben nie versucht, Trends zu kopieren. Wir haben immer auf unsere Community gehört, Künstler unterstützt, die anfangs vielleicht nicht ins Raster passten, und Räume geschaffen, in denen Kreativität sich entfalten kann. Dass der Hive heute eine Institution ist, hat viel mit dieser konsequenten Haltung zu tun. Wir sind laufend im Wandel und bleiben uns doch selbst treu! 
Das Konzept das ich damals geschrieben habe, hiess Morphing clubbing, das befolgen wir nach wie vor. So bleibt es auch für die vielen Stammgäste spannend.
Der Name hive heisst auf Englisch Bienenstock – das wirkt sehr anthroposophisch für einen Club. Meine Idee war, dass die Räume modular und multifunktional bleiben, wie die Waben, aber auch formbar wie Wachs und dass der Club summt und brummt …


Die nächste Idee war HiveAir: Während der Corona-Pandemie ein Open-Air-Festival, zuerst auf dem Birrfeld-Gelände, dann in Wohlen. Jedes Jahr kommen 15000 Besucher zu dem eintägigen Event. Dafür reichen 100 Mitarbeiter nicht aus …
Weil Stillstand keine Option war. Kultur in den Lockdown schicken? Nicht mit uns. Wir haben gezeigt: Wenn’s nicht mehr drinnen geht, geht’s draussen – und zwar gross. 15’000 Leute, hunderte Mitarbeitende, Null Routine. Leider hatten wir uns damit auch ein bisschen übernommen.

Vor mehr als zehn Jahren kam es zum Erwerb des Schlosses Fougerette im Burgund. 55 Zimmer, 20 Hektar Land. Selbstversorgung, Biodiversität, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit ist das Programm. Heisst das für den gelernten Gärtner raus aus der Stadt und back to the roots?
Nicht back to the roots. Forward to the future. Schloss Fougerette ist für mich eine logische Weiterführung all dessen, was mich seit jeher begeistert: Natur, Kultur, Gemeinschaft, Gestaltung. Es ist kein «Fluchtprojekt», sondern ein Labor für Zukunftsmodelle. Die Kombination aus Landwirtschaft, Handwerk, Kultur und nachhaltigem Denken ist etwas, das mich zutiefst bewegt.
Ein Ort, an dem Kreislaufwirtschaft wirklich kreist – nicht nur im Marketing. Mit der Permakultur produzieren wir bio-logisch das Essen für unseren jährlichen Rave.


Du hast eine Tochter, mit der Du in Wipkingen gerade eine Ausstellung machst. Was ist euer gemeinsames Thema?
Es ist vor allem die gemeinsame Zeit in meinem Atelier. Mathilda Siegenthaler fängt Emotionen ein, zeichnet oder malt Gesichter oder Tiere mit jedem erdenklichen Medium. Ich produziere Leuchtkästen mit Satellitenbilder. Sie erinnern mit einem Blick von aussen auf unsere wunderbare Welt, dass wir nur eine haben und ihr Sorge tragen sollten! Titel der Ausstellung: «What a wonderful world». Die Ausstellung ist im www.LOK.AL und war für uns beide eine sehr wertvolle Erfahrung .

Geht Deine Tochter auch auf eine Steinerschule oder woher kommt ihr künstlerisches Talent?
Sie besuchte die Gesamtschule Unterstrasse und geht ihren eigenen Weg. Ich wollte nie, dass sie nur in meine Fussstapfen tritt. Sie soll neugierig sein, frei denken und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Dass wir heute gemeinsam ausstellen, zeigt, dass dieser Ansatz funktioniert. Auch mit der Musik ist sie auf einem spannenden Pfad, singt und produziert, was mich sehr berührt.


Im Hinblick auf die allgemeine Weltlage: Wie werden wir die Zukunft meistern, auf was wird es in Zukunft ankommen?
Wir müssen wieder lernen, gemeinschaftlich zu denken und zu handeln. Die grossen Herausforderungen – Klimawandel, Ressourcen, sozialer Zusammenhalt – lassen sich nicht mit alten Rezepten lösen. Es braucht Mut, Experimente, resiliente Strukturen und vor allem Menschen, die Verantwortung übernehmen. Mehr tun, weniger Konsum.
Wir brauchen Orte, an denen Neues entsteht, und Menschen, die bereit sind, die Ärmel hochzu­krempeln. Zukunft passiert nicht – wir gestalten sie. Die Bilder muss ich noch suchen.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.
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