Die Basler Steinerschule feierte ihr 100-Jahr-Jubiläum mit einer Festwoche. Die Gründung der Schule war zugleich der Beginn der Steinerpädagogik in der Schweiz.

Text: Daniel Hering

Ein Ball und ein Konzert, Vorträge vom ehemaligen Lehrer Markus Schneider, dem Zürcher Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach und dem Basler Soziologen Ueli Mäder, dazu ein Grusswort vom Bildungsdirektor: Die Rudolf Steiner Schule Basel startete mit einer Festwoche vom 27.April bis 3.Mai 2026 fulminant in ihr Jubiläumsjahr.

Bis heute grösste Privatschule in Basel-Stadt
Die Chronik auf der Webseite vermerkt: «Alles begann 1926 mit 30 Kindern.» Drei Klassen waren es, die am 26.April an der Lindenhofstrasse 9 im St.Alban-Quartier starteten, geführt von Franz Widmer, Emma Ramser und Marie Widmer.
Damals begannen nicht nur drei Klassen, sondern auch die Steinerpädagogik in der Schweiz. Aus diesem kleinen Anfang entstand eine Schule, die über die Engelgasse im Frühjahr 1931, erweitert um Gebäude in der angrenzenden Langen Gasse ab Frühjahr 1944, schliesslich an den Jakobsberg im Bruderholz-Quartier zog, wo sie seit Sommer 1967 beheimatet ist. Im Jahr 1973 unterrichtete sie über 800 Kinder. Bis heute ist sie die grösste Privatschule im Kanton Basel-Stadt.

Freie Schulen in der ganzen Schweiz
Franz Widmer war bereits seit 1923 Vorstandsmitglied des Vereins, der die Schule rechtlich tragen sollte. Laut Handelsregister hatte man Grosses vor: «Unter der Firma Schulverein für freies Erziehungs- und Unterrichtswesen, hat sich, mit Sitz in Basel, ein Verein gegründet, der zum Zwecke hat, im Gebiete der Schweiz, soweit dies nach den jeweilen geltenden kantonalen oder eidgenössischen Gesetzen zulässig ist, freie Schulen zu gründen.»
Es ging also nicht nur um eine Schule in Basel, sondern vielmehr um die Gründung freier Schulen in der ganzen Schweiz.

Die erste Schulbewilligung
Laut Handelsregister von 1923 war Franz Widmer erster Vorsitzender des Schulvereins und Rudolf Steiner dessen Stellvertreter: «Vorsitzender: Friedrich Widmer, Zeichenlehrer, von Gränichen b. Aarau, in Zetingen; Stellvertreter: Dr.Rudolf Steiner, Schriftsteller, österreichischer Staatsangehöriger, in Dornach; Schriftführer: Albert Steffen, Redakteur, von Bern, in Dornach; Rechnungsführer: Dr.Ernst Blümel, Lehrer, österreichischer Staatsangehöriger, in Arlesheim.»
Bereits im gleichen Jahr, nämlich am 13.November war es dann soweit: Der Regierungsrat beschliesst auf Gesuch des Erziehungsdepartements, dass «dem Schulverein für freies Erziehungs- und Unterrichtswesen in der Schweiz die Errichtung einer freien Privatschule im Gebiete des Kantons Basel-Stadt unter den im Schulgesetz enthaltenen Bedingungen grundsätzlich gestattet» wird. Trotzdem sollten noch mehr als zwei Jahre bis zum ersten Schultag vergehen.

Fünf Goetheanum-Vorstände
Bereits 1924 erscheint der Verein mit neuem Namen im Handelsregister, nämlich «Goetheanum Schulverein für Erziehungs- & Unterrichtswesen auf Grund echter Menschenerkenntnis». Damit blieb der Name programmatisch. Zugleich stellte er das «Goetheanum» in den Vordergrund.
Das war kein Zufall. Denn bis heute waren fünf «Goetheanum»-Vorstände im Schulverein oder unterrichteten an der Schule. Da war zunächst Rudolf Steiner, der bereits 1925 starb und den Start der Schule nicht mehr erlebte. Das Handelsregister hielt lapidar fest: «Dr.Rudolf Steiner, Stellvertreter, ist infolge Todes ausgeschieden und damit dessen Unterschrift erloschen.»
1927, im zweiten Jahr nach der Schulgründung, waren Albert Steffen, der den Vorsitz von Widmer übernahm, und Ita Wegman im Vorstand. Wegman war neu dazu gestossen und blieb bis 1930. 1932 wurde Rudolf Grosse in den Vorstand des Schulvereins gewählt. Heinz Zimmermann wiederum kam 1967 als Lehrer an die Schule. Steiner, Steffen, Wegman, Grosse, Zimmermann: Die Basler Schule und das Goetheanum standen sich nicht nur geografisch nahe, sondern auch personell.

Festakt mit Bildungsdirektor Mustafa Atici
Zurück ins Jahr 2026: Die Jubiläumswoche endete am 3.Mai mit einem Festakt im Grossen Saal. Die Grussworte sprach Mustafa Atici, der Bildungsdirektor aus Basel-Stadt. Die Schule «stelle den Menschen mit all seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten ins Zentrum», sagte er. Das mache sie zu einer wertvollen Alternative und bereichere die Schullandschaft.
Der Mensch im Zentrum? Damit bestätigte Atici das Selbstverständnis einer Rudolf Steiner Schule, die 1926 mit Epochenunterricht, Fremdsprachen ab 1.Klasse und Entwicklungsberichten statt Noten gestartet war. Alles sollte kindgerecht sein und koedukativ. Koedukation war damals noch revolutionär. Denn am 26.April 1926 sassen nicht nur 30 Mädchen und Jungen gemeinsam im Klassenzimmer, sie besuchten auch denselben Unterricht. Das hiess zum Beispiel: Jungen strickten und Mädchen schmiedeten. Darüber hinaus gingen Mädchen und Jungen gleich lange zur Schule. Damit war die Steinerschule den Basler Volksschulen um Jahrzehnte voraus.

Kommende Herausforderungen
Danach sprach Vanessa Pohl, Koordinatorin der Rudolf Steiner Schulen Schweiz. Die Ansätze der Steinerpädagogik seien vor 100 Jahren revolutionär gewesen, sagte sie. Heute aber seien viele davon Allgemeingut geworden. Praktisch jede Schule, ob privat oder öffentlich, habe in ihrem Profil Elemente, mit denen die Basler Steinerschule gestartet sei. Und jede Pädagogik stelle das Kind ins Zentrum. Für eine Steinerschule heisse das heute: Sie müsse sich neu erfinden, ihre Identität weiterentwickeln, um – wie es Atici genannt habe – eine «wertvolle Alternative» zu bleiben.
Das ist herausfordernd für eine Schule, die revolutionär startete, sehr erfolgreich war, es bis heute geblieben ist, sich nun aber einer 100-jährigen Tradition gegenübersieht. Und das macht dieses Jubiläum auch anspruchsvoll: Geht es doch nicht nur darum, die eigene Geschichte zu feiern, sondern Zukunft aus ihr zu gewinnen.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Rudolf Steiner Schule Basel, und viel Erfolg für die kommenden Herausforderungen.

Daniel Hering war 2005 bis 2014 Deutsch- und Geschichtslehrer und 2011 bis 2013 Vorstandsmitglied an der Rudolf Steiner Schule Basel. Heute koordiniert er die Bildungspolitik für die Steinerschulen in der Schweiz.

Die Rudolf Steiner Schule Basel
Die Rudolf Steiner Schule Basel entstand 1926 als erste Steinerschule der Schweiz. Die doppelt geführten 1. bis 12.Klassen, fünf Kindergärten, drei Spielgruppen und zwei Eltern-Kind-Gruppen besuchen heute rund 600 Schülerinnen und Schüler. Seit 2016 bereitet die Schule auf die Schweizerischen Maturitätsprüfungen vor.

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