Eine siebte Klasse aus Ittigen stellt sich einer einmaligen Herausforderung in freier Natur

Text / Fotos: Dolors Rius und Hendrik von Tengg

Früh klingelt heute der Wecker, an einem Donnerstag Mitte Juni 2025. Endlich ist es soweit. Wir begleiten unseren Sohn zum Hauptbahnhof. Versammlung ist am «Treffpunkt» um 7:15 Uhr. Die Herausforderung Alpenüberquerung war bis heute eine intensive Vorbereitung, aber gleich geht es tatsächlich los. Und wir Eltern werden eingeladen zu vertrauen, dass es unserem Kind und der gesamten 7.Klasse auch ohne Elternpräsenz gut gehen wird. Die innere Aufregung der Familienmitglieder ist spürbar gross!
Insgesamt starten 19 Siebtklässlerinnen und Schüler, ihre Klassenlehrerin Rahel Ott plus drei Erwachsene als Begleitung: eine Koch-Coachin (Larissa Steinhart), eine Sportlehrerin (Wanda Kubicek) und ein Arzt (Benedikt Huber).
Die Herausforderung: In neun Tagen will die Klasse samt Begleitung von Meiringen im Berner Oberland über das Hochgebirge der Alpen nach Ponte in der Region Domodossola in Italien wandern, im Zelt übernachten und sich selbst versorgen, knapp 6.000 Höhenmeter, über eine 83 Kilometer lange Wanderstrecke. Das wird nur im gut funktionierenden Team gelingen!

Auf dem Grimselpass


Vorbereitungen – Vorfreude auf das Highlight der 7.Klasse
Zum Jahresbeginn wird eine intensivere Vorbereitung für uns Eltern sichtbar, orchestriert durch Rahel Ott, einer erprobten Alpenüberquererin: sich steigernde kleinere Probewanderungen ohne und dann mit Traggewicht (gefüllte PET-Flaschen), Packliste mit den Schülerinnen und Schülern besprechen, Probeaufbau der Zelte, Rucksackprobepacken … Mehrere Elternabende unterstützen neben E-Mails die Kommunikation und die Vorbereitungen im Elternhaus und den Austausch zwischen den Eltern.
Schon früh muss die Koch-Coachin den Ernährungsplan erarbeiten, der Frühstück, Zmittag, den Abend, aber auch kleinere Stärkungen für kürzere Pausen umfasst. Zwei Essenslieferungen per Elternauto werden für die gesamte Route mit eingeplant. – Wir sind beeindruckt, als die konkrete Wanderroute inklusive der Übernachtungsorte der Schulklasse mitgeteilt wird. Dabei spüren wir kaum, wie im Hintergrund auch mögliche Gefahren durch Schnee oder Steinschlag sowie die Wetterlage und mögliche Alternativen bedacht werden.
Dazu gehört auch die Ausrüstung: Alles sollte möglichst (ultra)leicht sein und dennoch für kalte Temperaturen im Hochgebirge sowie Schlechtwetterlagen geeignet sein. Unser Standardfamilienzelt mit gut vier Kilogramm erweist sich dafür als ungeeignet. Ähnlich unzureichend sind zu flaches Schuhprofil der bisherigen Wanderschuhe, zu grosses Volumen der Isomatten oder zu kleines Volumen des relativ schweren Elternrucksackes.
Für die festen Kochgruppen (drei, vier Schülerinnen und Schüler) braucht es beispielsweise ultraleichtes Kochgeschirr, einen platzsparenden Gasbrenner mit Windschutz und Hochtour-geeignete Gaskartuschen. Nach dem Motto «je leichter im Rucksack, umso schwerer wiegt‘s im Geldbeutel» galt es einen Kompromiss zu finden, um die Gesamtkosten überschaubar zu halten. Eine hilfreiche Idee zur Reduzierung der Anschaffungskosten und zur Koordinierung der vorhandenen Ressourcen war der Versand einer Tauschliste an die Eltern durch die Klassenlehrerin.
Das Vertrauen in meinen Sohn und die gesamte Schulklasse ist gross – doch muss man lernen, im entscheidenden Moment loszulassen, auch wenn die physischen und mentalen Herausforderungen gross erscheinen.
Wir bekommen von Aussenstehenden auch zu hören, dass sie sich nicht vorstellen könnten, dass eine Alpenüberquerung mit einer 7.Klasse und grossem Gepäck «gut gehen» würde. Dieses Vorhaben sei eine klare Überforderung für die Jugendlichen! Wir vertrauten aber der Wanderleitung, Schultradition und den Kindern, dass alles gut gehen wird. Aber etwas mehr Respekt vor der alpinen Herausforderung konnte man schon bekommen. Wären wir selbst fit genug für eine solche körperliche Herausforderung?

Bericht und Reflexionen des begleitenden Vaters
Nach zweitägiger Solo-Wanderung erwarte ich am Nachmittag ihres vierten Tages die Klasse in Chuenzentännlen. Ich bin beeindruckt, wie sich die Jugendlichen nach einer langen Tageswanderung diszipliniert um ihre Zelte, frisches Wasser zum Kochen und die selbstständige Vorbereitung ihres Abendessens kümmern. Lebensmittel und Kochausrüstung war möglichst fair verteilt worden. Ein Abspültrupp kümmert sich um den Abwasch des gesamten Geschirrs. Danach versammelt die Klassenlehrerin die Jugendlichen ohne uns Erwachsene. Im Rahmen dieser Versammlung wird konkret erlebtes Heimweh mitgefühlt sowie ein Missverständnis zwischen ein paar Schülern geklärt. Dann bereitet man sich auf die Nachtruhe vor.

Auf dem Furtwangsattel

Reflexion 1: Für die soziale Entwicklung ist nicht nur das gemeinsame Wandern von Bedeutung und die Überwindung physischer Schwierigkeiten. Das Zelten in der Gemeinschaft fördert Gruppenzusammenhalt, Empathie und Kooperationsfähigkeit. Offen besprochene «Konflikte» können die Konfliktfähigkeit verbessern, insbesondere, wenn eine erwachsene Person moderierend unterstützen kann.
Morgens in der Früh werden wir sanft durch die Zeltwand von Frau Ott geweckt. Es bleibt nicht viel Zeit für Katzenwäsche, Rucksackpacken inklusive Zeltversorgung, ein knappes Frühstück, Abspülen, Proviant einpacken, Wasser auffüllen, kurzem Gruppencheck. Ich spüre, wie der logistische Aspekt bei so einer Wanderung die Aufmerksamkeit aller erfordert und dafür die zuvor besprochenen Zeiten eingehalten werden müssen. Und los geht´s. Die noch steifen Muskeln und Sehnen kommen etwas schwerfällig in die Gänge in Richtung Grimselpass mit wunderbaren Naturerlebnissen. Verweile ich an einer bezaubernden Hochgebirgspflanze, die ich fotografieren will, ist der Tatzelwurm schnell mal ausser Sichtweite und es gilt wieder aufzuholen. … Mir wird die stärkere Fokussierung auf «Kilometer abwandern» deutlich, keine Zeit für Ablenkungen, sonst fällt man schnell zurück. «Schritt um Schritt» soll die Tagesetappe möglichst in Gemeinschaft bis zum frühen Nachmittag erreicht werden. Die Leitung erzählt mir, wie es in den ersten Tagen vor allem darum geht, ein gemeinsames Tempo zu finden. Immer so schnell, wie das gerade schwächste Glied. Am fünften Tag ist dann die Gruppe so weit, dass auch Jugendliche führen, und somit das Tempo vorgeben können. Es ist berührend, wie verantwortungsvoll die Vordersten, die zuvor sich noch beklagten, dass sie in ihrem persönlichen Lauftempo gehindert werden, immer wieder zurückschauen, um zu kontrollieren, dass der Tatzelwurm nicht abreisst. Was für eine prägende Übung an Gemeinschaft!
Während kurzer Pausen erzählt die Klassenlehrerin über die geographischen, biologischen oder meteorologischen Zusammenhänge. Wir geniessen aus dem persönlichen Beutel Nüsse, Mandeln, getrocknetes Obst und trinken Wasser und es werden Müsli-Riegel verteilt.
Aus dem Tal bei Ulrichen kommend erreichen wir das Gipfelkreuz gegen 12:30 Uhr. Wir haben uns eine Brotzeit verdient, mit Hartkäse, Gemüse (Gurke, Karotte), Obst (Apfel), Wurst und veganen Alternativen.

Reflexion 2: Das naturnahe Erlebnis fördert die Erfahrung im «Hier und Jetzt». Erhöhte Achtsamkeit und Präsenz, da das Tagesleben in den Bergen viel langsamer vorangeht als in der Stadt. Mal gar nicht digital, sondern ganz analog. Diese Entschleunigung des Alltags ist im heutigen Tagesablauf gar nicht mehr so einfach möglich. Körperliche Aktivität und digitale Entlastung wirken nach vielen publizierten Studien stimmungsaufhellend, stressreduzierend und stabilisierend auf das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen.
Ein langes Schneefeld am Griespass auf ca. 2.450m Höhe wird mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen überquert. Die alpinerfahrene Sportlehrerin läuft vor und prüft u.a. die Schneefestigkeit. Als keine besondere Gefahr vorgefunden wird, überqueren die Jugendlichen in Kleingruppen und in Begleitung erwachsener Personen das Schneefeld am felsigen Schräghang. Ein besonderes alpines Erlebnis, das u.a. am Griessee vorbeiführt und die Gruppe über den berühmten Gebirgspass vom Walliser Äginental ins Val Formazza nach Italien führt.

Auf dem Weg zur Windegghütte


Reflexion 3: Wenn Jugendliche über mehrere Tage eine anspruchsvolle Tour bewältigen, erleben sie «Ich kann das – auch wenn es anstrengend ist». Das fördert Selbstvertrauen, Problemlösefähigkeit und Durchhaltevermögen. Symbolische Bedeutung: «Wir haben die Alpen überquert» kann zu einem starken positiven Selbstbild beitragen und später als Referenz-Erfahrung dienen («Damals habe ich das geschafft, also schaffe ich auch anderes.»). Die Erziehungswissenschaft spricht von Selbstwirksamkeit, die als subjektive Einschätzung definiert wird, Handlungen, Verhalten und Kompetenzen erfolgreich realisieren zu können und die Fähigkeit, im Leben auch mit schwierigen Situationen und Hindernissen umgehen zu können, die ausserhalb der Routine liegen und Ausdauer und Anstrengung erfordern. So eine Alpenüberquerung führt idealerweise zu einer Stärkung der Selbstwirksamkeit.
Am Nachmittag erreichen wir gegen 16:30 Uhr unser Nachtlager. Die Zelte sind schnell aufgeschlagen. Die Überraschung ist gross, als wir ein Bächlein, anders als erwartet, entdecken. So haben wir mit den aufgefüllten Wasservorräten unsere Wadli am Nami ein extra Training gegönnt. Vielleicht wird deswegen heute der begleitende Arzt zur unterstützenden Behandlung von schmerzenden Blasen an den Füssen ein paar Mal gefordert. Ein rotes Tuch an einem Busch nahe einem kleinen Felsen signalisiert das «stille, aber luftige Örtchen», das mit einem Klappspaten zuvor ausgehoben und später artgerecht wieder verschlossen wird.
Die Koch-Coachin schaut, dass alle Kochgruppen ihre portionierten Zutaten erhalten, die gleich als leckere Mahlzeit zubereitet werden. Kartoffelstock mit Gemüse, dessen Zubereitung aufgrund von leichtem Wind teils etwas länger dauert, da das ein oder andere Wasser nicht aufkochen will. Am frühen Morgen ist der Wasserfilter zum Auffüllen der Trinkflaschen wieder im Einsatz – eine Massnahme zur Vermeidung von Magen-Darm-Problemen.

Reflexion 4: Die in den unteren Klassen erworbenen «Skills», wie der Umgang mit scharfen Messern, selbstständig Feuermachen, Kochen, regelmässige Waldtageausflüge, Pflanzenlager (5 Tage), Sternenkundelager (5 Tage) sind elementare Grundbausteine für eine förderliche mentale und physische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dies gilt nicht nur für die langjährig angelegte Vorbereitung einer Alpenüberquerung, sondern hat darüber hinaus einen präventiven, nachhaltigen Gesundheitseffekt auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen bis in das Erwachsenenalter hinein.
Am Abend stimmt Rahel Ott die Klasse zum gemeinsamen Abendritual im Kreise ein. Alle kommen recht flink zusammen, da braucht es keine aufwendigen Motivationsrufe. Zu Beginn erlebe ich einmal mehr die hoch entwickelte Musikalität der Klasse, als sie das schon im Klassenzimmer a capella geübte «Amazing Grace» mehrstimmig zusammen singen. Ein besonderer Moment unter freiem Sternenhimmel, der mich für einen Moment ein Hautkribbeln spüren lässt, wie wertvoll und kostbar es ist, frei und friedlich miteinander leben zu dürfen. In diesen all-abendlichen Kreisen ist selbstverständlich auch Raum geboten für diejenigen, die Erlebtes zum Ausdruck oder Fragen mit der Gruppe teilen wollen. Zum Ausklang wird aus dem Buch «Im Meer schwimmen Krokodile» vorgelesen, das von einem Jungen erzählt, der zu Fuss aus Afghanistan flüchtet.

Kurz vor dem Griespass

Reflexion 5: Rituale spielen seit der menschlichen Existenz eine soziale und für die Persönlichkeitsentwicklung enorm wichtige Rolle. Geschichtenerzählung oder gemeinsames Singen vor dem Einschlafen ist ein wichtiges Ritual, um dem Tag eine stabilisierende Struktur und Rhythmisierung zu geben. Rituale erhöhen die Wahrnehmung des Einsseins mit anderen, was wiederum religiöse Werte unterstützt, und damit prosoziales Verhalten verstärkt. Das gemeinsame Ritual gibt den Teilnehmenden u.a. die Sicherheit, dass alles in Ordnung ist, dass sie beruhigt die Augen schliessen können. Nach dem Motto «Einem guten Schlaf folgt ein guter Schritt».
Am neunten Tag versammeln wir uns am Morgen auf dem Campingplatz bei Ponte zu einer reflektierenden Abschlussrunde im Kreis. Alle Teilnehmenden äussern sich kurz zu einem Aspekt ihrer persönlichen Wahrnehmung oder Einschätzung der gerade gemachten Alpenüberquerung im Klassenverbund. Ich bin berührt von ganz unterschiedlichen Impressionen, die die im Kreis anwesende Personen – ganz ohne Zwang – jeweils mit allen teilen möchten.
Während der Busfahrt von Ponte nach Domodossola wird mir bewusst, dass selbst mit bester Ausrüstung, erfahrener Begleitung und ausreichend Müsli-Riegeln, es am Ende der eigene Körper, die eigene Leistung ist, die Wandernde an ihr Ziel bringt. Man kann die Planung einer erfahrenen Person überlassen, die weiss, was für die Alpenüberquerung benötigt wird und was eher hinderlich ist. Auch wenn man nur den Anweisungen eines andern folgt und einen bereits erkundeten Weg bewandert, so muss trotzdem jeder einzelne Schritt – immerhin ca. 210´000 davon – von Wandernden selbst gegangen werden.

Wie schön, dass Du wieder da bist!
Aufgeregt warten im Bahnhof Bern die zurückgebliebenen Eltern, Geschwister, Omas und Opas sowie Freunde auf die erprobten Alpenwadli! Und dann ist es so weit: Der Tatzelwurm bewegt sich auf den Treffpunkt zu, angeführt von Rahel Ott. Ein Willkommensplakat und die wartenden Eltern lässt sie innehalten und nach ihren Schulkindern schauen, bis sie sich als Gruppe finden. Dann laufen alle unter dem grossen Plakat hindurch … Im Hintergrund erklingt der Song «We are the champions» und es ertönt gebührender Applaus für die Ankömmlinge, ein paar begeisterte Pfiffe … Was für ein Geschenk, dass die Klasse als komplette Gemeinschaft ohne Verletzungen ankommt! «Es hätte ruhig noch ein paar Tage länger gehen können», so der erste Satz meines Sohnes.

Neun Tage Unterrichtsausfall – Was haben unsere Kinder davon gehabt?
Als Eltern sind wir froh diese aus unserer Sicht bedeutsame Unternehmung haben mittragen zu dürfen. Wir sehen, wie heute eine Welt der zu- und einnehmenden Digitalisierung, die Gefahr aufbaut, dass Jugendliche keine realen persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in freier Natur sowie im Austausch mit Freunden oder Familie und sogar innerhalb der Schulgemeinschaft haben. Eine Alpenüberquerung in diesem Lebensalter ist ein starker Gegenpol zu den heutigen Mainstream-Konsumangeboten und bietet hoffentlich eine lebenslange Quelle positiver Energie für die weiteren Herausforderungen des bevorstehenden Lebens.

Zeltplatz unterhalb des Grimselpasses

Literaturhinweise
Gebhard, Ulrich (2023): Naturerfahrung und seelische Gesundheit bei Kindern – theoretische Ansätze und ausgewählte empirische Befunde.
https://pub.uni-bielefeld.de/download/2979862/2991009/s00103-023-03729-w.pdf
Kaltenbacher, Melanie (2022): Der Einfluss von mehrtätigen Wandertouren auf das psychische Wohlbefinden. Masterarbeit. https://ulb-dok.uibk.ac.at/ulbtirolhs/download/pdf/7247350
Helden e.V. (2023): Warum Naturerfahrungen besonders für junge Menschen wichtig sind.
https://www.helden-ev.de/blog/warum-naturerfahrungen-besonders-fuer-junge-menschen-wichtig-sind
Manfred Spitzer (2022): Rituale: Kultur und Psychologie, Pro und Kontra. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/a-1755-7982.pdf
Museum für Kommunikation Bern (2013): Rituale – ein Reiseführer zum Leben. https://www.mfk.ch/fileadmin/files/01_Besuchen/04_Schulen/05_Lehrmittel/RITUALE_Lehrmittel.pdf

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