Text: Karin Michael | Foto: pexels-johanna-59968841-16186378

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Quelle: J.W.Goethe, Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Zahme Xenien, Kap.3

Immer mehr Menschen brauchen eine Brille. Kurzsichtigkeit (Myopie) nimmt auf der ganzen Welt besonders rasant zu! Auch unter trockenen Augen leiden zunehmend viele Menschen.
Woher nimmt das Auge seine Kraft? Wie pflegen wir unsere Augen gut?
Bei Kurzsichtigkeit entwickelt der Augapfel eine ovale statt runde Form. Es kann einem das innere Bild auftauchen, als würde sich das Auge vor Sehnsucht nach Sonnenlicht in die Länge ziehen. Die von der Linse gebrochenen Lichtstrahlen kreuzen sich vor statt an der Netzhaut und das Sehen in der Ferne wird erschwert und unscharf. Diese Form hat leider auch Folgen für die weitere Gesundheit des Auges. So führt die Spannung der Netzhaut zur leichteren Ablösung und Degeneration, sie wird dünner und schlechter durchblutet.
Genetische oder andere anlagebedingte Formen der Kurzsichtigkeit gab es schon immer. Die Ursache für die enorme Zunahme der Kurzsichtigkeit in der heutigen Zeit ist aber der Mangel an Sonnenlicht-Exposition im Kindes- und Jugendalter. Zuviel Nahsicht- und Bildschirmarbeit trägt auch zur Entwicklung und Verstärkung von Kurzsichtigkeit bei, jedoch weit weniger als der Mangel an Sonnenlicht. Goethes Gedicht «Wär nicht das Auge sonnenhaft …» bekommt eine neue Aktualität und wissenschaftliche Untermauerung: Die Exposition des Auges am Sonnenlicht im Freien führt zur Dopaminausschüttung und Dopamin hemmt das Längenwachstum des Auges.
Die Entwicklung des Sehens und der Sehschärfe nimmt am stärksten im ersten Lebensjahr zu, setzt sich jedoch im zweiten und dritten Jahr noch fort. Wachstum und Reifung des Augapfels mit Hilfe des Sonnenlichts dauern sogar bis ins Jugendalter an und die längliche Verformung des Augapfels bei Lichtmangel ist bis ins Erwachsenenalter möglich! Das räumliche Sehen ist erst mit etwa neun Jahren voll entwickelt und das Gesichtsfeld auch dann noch rund 30 Prozent eingeschränkt. Es erweitert sich circa noch bis zum 12.Lebensjahr.
Bewegungs- und Vitamin-D-Mangel (der auch vermehrt zu Trockenheit und Entzündungen am Auge führt) gehören mit all ihren Folgen für die Gesundheit des gesamten Organismus zu den Problemen unserer heutigen Innenräume bevorzugenden Lebensweise hinzu. Viele Schlafstörungen sind durch einen gestörten Rhythmus verursacht. Nur wenn das Melatonin durch den Aufenthalt im Sonnenlicht vormittags gut abgebaut wird, steigt es am Abend zur richtigen Zeit wieder an und lässt uns müde werden und schlafen. Dazu gehört aber auch das rechtzeitige Ausschalten der Bildschirmmedien, die insbesondere mit ihren blauen Lichtanteilen dem Organismus weiter Tag statt Nacht suggerieren.
Man kann also die Bedeutung für die Gesundheit von Spiel im Freien und ausreichender Bewegung am Sonnenlicht insbesondere auch vormittags nicht hoch genug schätzen!
Da sich Kurzsichtigkeit nicht heilen lässt, sondern nur mit Sehhilfen oder chirurgischen Massnahmen korrigierbar ist, ist die Vorbeugung vom Kindes- bis ins frühe Erwachsenenalter so ausserordentlich wichtig!
Wir haben natürlich wunderbare und wirksame Augentropfen*, die die Augen pflegen, wenn wir mal zu viel am Bildschirm arbeiten mussten, aber bei Kindern und Jugendlichen sollte es dazu gar nicht erst kommen.
Wir alle, aber insbesondere Kinder und Jugendliche sollten mindestens zwei Stunden am Tag oder 15 Stunden in der Woche im Freien verbringen. Dafür müssen wir immer mehr Tätigkeiten wieder ins Freie verlegen. Kitas im Freien zeigen längst einen wunderbaren Effekt auf Gesundheit und gesunde Entwicklung. Bei Schulen ist noch viel Nachholbedarf angezeigt. Wie kann man mehr Unterricht auf den Schulhof und in Bewegung verbringen? Dialogspaziergänge im Freien sind inzwischen Teil vieler Tagungen geworden, würden sich aber auch zum Lernen in der Schule eignen. Gehirntätigkeiten wie Auswendiglernen werden vom Gehen sogar unterstützt (das wussten schon die alten Griechen, die Peripatetiker). Welche Fächer lassen sich sonst mit Tätigkeiten im Freien verbinden? Ginge Aufforstung auf Französisch, um Sprachunterricht mit den Bedürfnissen unseres Planeten zu koppeln?
Wir müssen jedenfalls kreativ werden, um die Gesundheit von Mensch und Erde heute besser zu fördern und unsere Zivilisationsseuchen zu reduzieren. Die Sonne würde uns jeden Tag zur Hilfe kommen!

*Heilmittel (Beispiele, die immer ärztlich indiziert und begleitet sein sollten):
Für trockene gereizte Augen: Euphrasia Augentropfen (Wala) oder Visiodoron Malva® Augentropfen (Weleda) mehrmals täglich 1 Tropfen in den inneren Lidwinkel, Augen eine Weile geschlossen halten und dabei entspannen.
Für entzündete Augen: Visiodoron Calendula® Augentropfen (Weleda) oder Echinacea Quarz comp. Augentropfen (Wala) mehrmals täglich je einen Tropfen in den inneren Lidwinkel nach Reinigung des Auges mit einem Kosmetiktuch und klarem Wasser oder Calendulablütentee.

Metaanalyse zum Thema: https://doi.org/10.1136/bjo-2024-325427
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