Die Neue Waldorfschule Dresden ergreift präventive Massnahmen für Lehrkräfte und Oberstufe
Claudia Morawe-Weisheit ist Allgemeinmedizinerin in eigener Praxis und Schulärztin an der Neuen Waldorfschule Dresden. Zusammen mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Kunsttherapeutin Dorothea Sonntag und der Biologin, Heilpraktikerin und Körpertherapeutin Pia Ritter führte sie an vier aufeinander aufbauenden Seminaren Projekttage zur Resilienzförderung, Stärkung der Selbstwirksamkeit und Kommunikationsgestaltung für die Angestellten und Lehrkräfte der Schule durch. Die Präventionsmassnahme wurde von der Krankenkasse finanziell unterstützt. Anfang März diesen Jahres folgte ein Workshop für die Oberstufe (9.–12.Kl.) zum Thema «Mental Health».
Text: Mathias Maurer | Fotos: Neue Waldorfschule Dresden
Frau Morawe-Weisheit, was hat Sie veranlasst, für die Schule ein Präventionskonzept zu entwickeln und umzusetzen? Wie schätzen Sie die gesundheitliche Lage an Ihrer Schule ein?
Veranlasst hat mich die Wahrnehmung, dass im Laufe der Jahre eine steigende Anzahl von pädagogisch tätigen Kollegen und Kolleginnen unter wachsender Erschöpfung litten und der Krankenstand deutlich anstieg. Natürlich hatten und haben wir als Schule im Aufbau mit besonderen alltäglichen Belastungen umzugehen. So wurde fast seit Anbeginn in Containern unterrichtet und immer wieder das Improvisationstalent aller Beteiligten bis aufs Äusserste gefordert. Mittlerweile haben wir den ersten von drei Bauabschnitten gemeistert. Dies alles bei gutem bis hervorragendem Schulklima und innovativen Ansätzen im Schulkonzept mit Schultieren und als Integrationsschule u.a. Das Kollegium ist sehr engagiert, sonst würde es gar nicht gehen. Doch bei all dem gelebten Enthusiasmus wurde auch bald deutlich, dass die Resilienz-Pflege der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Aufmerksamkeit bedarf, sonst geht die Erschöpfungsspirale stetig weiter abwärts.
Dazu haben wir uns zusammen mit der Schulleitung ein Konzept zur Prävention und Resilienzstärkung in Kooperation mit der mkk-Krankenkasse entwickelt. So etwas wird von verschiedenen Organisationen ja durchaus auch schon angeboten. Unsere Idee ist jedoch die Folgende: Mit meinen beiden Kolleginnen ergänzen wir uns sowohl durch die Anwendung unterschiedlicher Methodiken als auch im besonderen Setting der Waldorfpädagogik sehr und können auf anthroposophischer Basis und in Kombination und Ergänzung mit verschiedenen anderen methodischen Ansätzen arbeiten. Die gesundheitliche Lage insgesamt würde ich mittlerweile als gut bezeichnen – vielleicht haben ja auch unsere Seminare schon ein klein wenig dazu beigetragen.
Worin besteht Ihr präventiver Ansatz?
Prävention im Sinne von «Zuvor-Kommen», «Vorbeugung» – was möchte ich abwenden? Das sind im schulischen Kontext der Lehrer-Salutogenese die Erschöpfungszustände. Was kann ich also in den Fokus nehmen und fördern? Die Achtsamkeit für meine eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit, die Pflege meiner eigenen Lebensfreude, das Gewahrwerden meiner Kommunikationsmuster. Ich kann für meine eigene Wertschätzung mir selbst gegenüber aufmerksamer werden. Danach kann ich es wunderbar auch auf das DU anwenden – und dann auf die ganze Gemeinschaft, Kollegium, Schülerschaft, Elternschaft.
Eine erste Auswertung des Feedback-Bogens Ihrer Präventionsmassnahme zeigte interessante Ergebnisse. Am meisten wurden genannt: Wahrnehmung der eigenen Ressourcen. Was ist darunter konkret zu verstehen?
Ja, einiges hat auch uns überrascht in der Deutlichkeit, in der es sich dargestellt hat.
Das Arbeiten zu und mit eigenen Ressourcen hat sich dabei sehr bewährt und ist bei den Teilnehmenden auf sehr grosses Interesse gestossen. Im normalen Alltag nimmt die Beschäftigung gerade mit den eigenen Fähigkeiten und Kraftquellen oft keinen grossen Stellenwert ein. Im Gegenteil, als Pädagoge und Pädagogin ist die Wahrnehmung häufig eine andere: Da muss man sich rechtfertigen, begründen, wird angezweifelt u.v.m. Deshalb ist es hilfreich, sich noch einmal – oder überhaupt einmal – auf seine eigenen Stärken zu besinnen.
Und genau das ist unser Ansinnen: Dass sich die Pädagogen und Pädagoginnen, zu denen auch der pädagogische Hausmeister oder die Schulsekretärin gehören, in ihren eigenen Kompetenzen selber wieder wahrnehmen lernen. Da gibt es einige Aha-Erlebnisse, Betroffenheit und immer wieder grosse Freude, die wir im Seminar erfahren durften.
Methodisch arbeiteten wir u.a. mit dem Systemischen Konsensieren[1], das heisst, die Teilnehmenden erarbeiten sich in verschiedenen Schritten, erst individuell und dann gemeinsam, ihre aktuellen Tagesschwerpunkt-Themen, mit denen wir Seminarleiterinnen dann in der Gruppe weiterarbeiten.

Ein weiterer Punkt war: Sich selbst und andere wahrnehmen und wertschätzen lernen. Mit welchen Methoden erüben Sie diese Kompetenz?
Überhaupt ging es sehr viel um Wahrnehmungs- und Sinnesschulung: Wenn ich mich selber besser wahrnehme, mich traue und zeige, kann ich auch mein Gegenüber, das Du, besser hören, sehen und verstehen.
Dazu ist die sogenannte «Triaden»- Arbeit[2] sehr hilfreich. Des Weiteren kommen körpertherapeutische, interaktive und kunsttherapeutische Übungen zur Anwendung.
Wichtig ist, dass wir zwar ein Therapeutenteam sind, das heisst, professionell mit entsprechenden Situationen umgehen können, unser Anliegen ist jedoch in diesen Seminaren nicht therapeutisch, sondern explizit präventiv. Da bleibt es nicht aus, dass jede und jeder bis zu einem gewissen Grade mit sich selber konfrontiert wird, sonst bleibt es zu sehr an der Oberfläche. Wir wollen ja Prozesse in Gang bringen und dabei geht es nicht ohne eine Begegnung mit dem eigenen Selbst, eben mit Fähigkeiten, mit Ressourcen, die vielleicht lange verschüttet lagen und über die man sich so sehr freuen kann, wenn man sie als Teilnehmer und Teilnehmerin wiederentdeckt.
Häufig wurde auch die Wichtigkeit des Gemeinschaftsgefühls betont. Wo setzen Sie an und wohin geht es dann?
Dafür verschaffen wir Seminarleiterinnen mit all unseren verschieden Methoden einen gemeinsamen Erfahrungsraum, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre innere Haltung reflektieren lernen, um einen für sie gesünderen, weil aktiveren Umgang damit zu pflegen. Dort Erlebtes kann dann immer erst einmal nur ein Anfang sein, ein Beginn. Die Hinübernahme, die Transformation in den Alltag ist dann noch einmal ein weiterer Schritt. Erkenntnisse kommen durch Wiederholung im Handeln schliesslich als Gewordenes in unsere Ich-Haftigkeit und damit in unseren unmittelbar uns umgebenden gesellschaftlichen Umraum, also hier in den Schulorganismus.
Wie können solche Präventionsangebote eine nachhaltige Wirkung entfalten?
Man könnte nach dem Durchlaufen der vier Seminarblöcke zum Beispiel im Folgejahr zur Festigung einen Vertiefungskurs anbieten. Das würde die Nachhaltigkeit bestimmt noch einmal erhöhen. Gedacht ist ja auch, dass die Teilnehmenden Elemente in ihr Kollegium hineintragen und sich so allmählich eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit und Stärkung entwickelt.
Wir haben das Präventiv-Seminar auch für andere Waldorfschulen geöffnet, d.h. es waren nicht nur Teilnehmende unserer Schule dabei, sondern aus der zweiten Dresdner Waldorfschule, dem Lehrerseminar Dresden und der Waldorfschule Chemnitz. Der Austausch über das eigene Kollegium und die eigentlichen Seminarinhalte hinaus wurde als sehr bereichernd erlebt.
Erstmals fand auch ein Workshop «Mental Health» für die Oberstufe statt, an dem Themen wie Aggression, Autoaggression, Angststörungen, Depression, Essstörungen, Schlafstörungen und Sucht behandelt wurden. Was hat Sie veranlasst, diesen Workshop für Neunt- bis Zwölftklässler anzubieten?
Der Schüler-Workshop zu «Mental Health» wurde ganz aus einer aktuellen Klassensituation heraus geboren. Dort gab es mehrere quereingestiegene Schüler und Schülerinnen, die gravierende psychische Krankheitsbilder aufwiesen, was zu einer Verstörung in der Schülerschaft und der Zunahme von Schwierigkeiten im sozialen Miteinander geführt hat. Ich wurde als Schulärztin gebeten, mit den Schülern dazu zu arbeiten.
Anfang März nun fand dieser Workshop in einer 9. Klasse statt. Die Schülerinnen und Schüler waren aufgerufen, innerhalb dieser zwei Stunden, aktiv in Zweier-Gruppenarbeit mit vorgegebenen kurzen und passenden Fallbeispielen, die ich zuvor mit Frau Sonntag erarbeitet hatte, sich auseinanderzusetzen. Anhand von vorgegebenen Antwortmöglichkeiten – und Raum für eigene Ideen – haben wir die jeweiligen Krankheitsbilder besprochen, d.h. die Schülerinnen und Schüler waren äusserst aktiv in diesen Prozess eingebunden und ich habe jeweils dazu fachlich ausgeführt.
Wichtig war die letztendliche Botschaft: Es gibt immer eine Lösung. Wichtig ist es, zu reagieren, hinzuschauen, wertfrei und achtsam zu kommunizieren, selber zu helfen und (sich) Hilfe zu holen.
Wie haben die Jugendlichen darauf reagiert und mitgemacht?
Ich kann sagen, alle Schüler und Schülerinnen waren bis zum Pausenklingeln wach und engagiert inhaltlich dabei. Aus meiner Sicht, war es eine sehr gelungene Themenbewegung in der Klassengemeinschaft. Ich hatte sehr den Eindruck, dass sich ihr Verständnis von und für eine psychisch-seelische Erkrankung deutlich erhellt hat und Berührungsängste sich hoffentlich nachhaltig verringern werden, Verständnis- und Handlungsoptionen aufgezeigt und belebt wurden.
Insgesamt halte ich in der heutigen Zeit eine Aufklärung zu Mental Health-Themen in der Oberstufe für dringend notwendig, denn auch aus meiner Praxistätigkeit kann ich sagen, dass es eine deutliche Zunahme derartiger Krankheitsbilder gibt.
Ich danke sehr für Ihr Interesse und das Interview und freue mich ausserordentlich, wenn wir dazu auch mit und an anderen Waldorfschulen mit Lehrerkollegien und Schülerklassen arbeiten dürfen.
Kontakt: drmoraweweisheit@aol.com

