Text: Karin Michael | Foto: flickr.com
Wie geht es Kindern und Jugendlichen?
Es steht nicht gut um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Laut WHO-Bericht vom Oktober 2024 leidet weltweit einer von sieben 10- bis 19-Jährigen an einer psychischen Störung, was 15 % der weltweiten Krankheitslast in dieser Altersgruppe ausmacht. Soziale Isolation, Depres-sionen, Angstzustände und Verhaltensstörungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Krankhei-ten und Behinderungen bei Jugendlichen. Suizid ist die dritthäufigste Todesursache in der Alters-gruppe der 15–29-Jährigen. (https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/adolescent-mental-health)
Man spricht von einer adoleszenten Vulnerabilität, die insbesondere durch den drastisch gestiegenen, zu frühen, undifferenzierten und ungesunden Ge-brauch digitaler Medien zu immer mehr Störungen führt. Dazu tragen suchtartiges Gaming, asoziales Verhalten in den «Social Media» und Traumatisie-rungen durch Wahrnehmung kritischer Inhalte und die gleichzeitige Abnahme gesunden Verhal-tens bei. Es fehlt an Schlaf, Bewegung, Pflege realer Beziehungen, kreativer Beschäftigung, vertieftem Lesen und Lernen, Teilnahme an Bildungsange-boten und realem kulturellem Leben. Das Erleben von Selbstwirksamkeit, sozialen Beziehungen und Sinnhaftigkeit als wertvolle Säulen der Resilienz kommt zu kurz.
Resilienz und Kräfte für die Zukunft entwickeln
Die Salutogenesefaktoren sind heute hinlänglich bekannt. Die Bereitschaft und der Wille, sich für sie alltäglich einzusetzen, erliegt vielfach auch schon bei Erwachsenen der digitalen Lähmung. Als erstes Heilmittel gilt daher der Grundsatz: Es wirkt nur, was wir wirklich tun! Dann können wir Achtsamkeit einsetzen und tat-sächlich reagieren, wenn der Körper ein Bedürfnis (wie Schlaf, Bewegungsdrang, Sättigung oder Hun-ger) anmeldet. Alle leiblichen Bedürfnisse werden nämlich bei der Beschäftigung mit Bildschirmme-dien schwächer wahrgenommen. Hier muss eine aktive Verteidigung unseres Le-benssinns und mit ihm unserer Lebens- und Gesundheitsquellen vorgenommen werden.
Das könnte – jeweils bildschirmfrei und off line (ist auch das WLANaus ?) – folgendermassen aussehen :
• Schön und lecker gestaltete Mahlzeiten mit an-regenden Gesprächen.
• Regelmässige und ausreichende Pausen und Schlafzeiten.
• Bewegung in der Natur, idealerweise im Wald (auch ohne Schrittzähler und sonstiges Moni-toring !)
• Mehrmals täglich schöne Sinneserfahrungen ohne virtuelle Ablenkung erleben, z.B. :
• An einer Blume riechen.
• Eine Massage bekommen oder sich selbst schenken – schon eine duftende Handeinreibung nach dem Händewaschen ist eine kleine Wohltat.
• Sich Luft verschaffen (Fenster auf).
• Freudige Bewegung durch Gartenpfl ege, Put-zen, Tanz, Sport, Gymnastik u.v.m.
• Barfuss laufen.
• Musik machen (singen unter der Dusche ...).
• Die Sterne anschauen.
• Kreativ sein : « Jeder Mensch ist ein Künstler. » (Beuys)
• Spielen. « Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt ». (Schiller)
• Abends eine Kerze anzünden.
Beziehung zu Menschen und Erde
Es kommt mehr denn je darauf an, Erziehung in unmittelbarer Beziehung zu erleben, denn : « Der Mensch wird am Du zum Ich. », wie Martin Buber es treffend auf den Punkt brachte. Wir brauchen mehr soziale Projekte, in denen man sich wirklich begeg-net und da draussen zusammen etwas unternimmt und erlebt ! Mehr Alpenüberquerung zu Fuss und mit dem Fahrrad, mehr Chöre und Orchester, mehr Jugendtheater und öffentliche Plätze für Musik und Tanz.
Die Sorge um die Zukunft kann erdrückend werden, wenn man nicht erlebt, wie man sie selbst mit ge-stalten kann. Sich durch Umweltschutz, gesunder Land- und Forstwirtschaft den Bedürfnissen unse-res Planeten und damit einer gesunden Zukunft zu widmen, wird den jetzt Heranwachsenden ohnehin ein Lebensthema werden müssen und es ist auch ein gutes Heilmittel gegen Klimaangst, wenn man hier ein handelnder Mensch wird. Sich grossen Zukunftsfragen gewachsen fühlen braucht viel Bestätigung, in vielen kleinen echten Wirksamkeitserfahrungen.

