Die Autorin, aufgewachsen in einem Bergdorf im italienischen Aostatal, studierte allgemeine Linguistik und Philologie und promovierte an der Universität Salzburg über die Auswirkungen von Bewegung auf das Gedächtnis. Am Max-Plank-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, wo einer von nur vier weltweit existierenden Super-Hirnscanner steht, forschte sie zu den Vorteilen des sensomotorischen Lernens, also wie beispielsweise Worte und Vokabeln mit gleichzeitiger körperlicher Bewegung um ein Vielfaches besser gelernt werden. Derzeit ist sie an der Universität Linz tätig.
Manuela Macedonia beschreibt ihre eigene Kindheit zwischen den höchsten Bergen Europas als «archaisch«, mit vielen Kühen, viel Mist und viel Schnee. Schon früh war ihre Ausdauer gefordert, ihr vier Kilometer langer Schulweg ging nur bergauf und bergab. Ihre Schulzeit war geprägt von hartem Leistungsdruck, Ehrgeiz und einem ständigen Sich-Durchbeissen-Müssen. «Auch jetzt bin ich noch hart zu mir selbst.» Während einer Art Lebenskrise mit viel Stress, Schlaflosigkeit und Versagensängsten entdeckte sie die heilsame Wirkung von körperlicher Aktivität, und sie begann mit Radfahren und täglichem Laufen; oft frühmorgens in der Kälte bis zu zwölf Kilometer. Was anfangs Überwindung kostete, wurde zunehmend zum Bedürfnis. Sie bemerkte an sich selbst, wie nicht nur der Schlaf und das Allgemeinbefinden sich verbesserten, sondern auch ihr Gedächtnis. Die Idee, ihre Erfahrungen aufzuschreiben, kam ihr während einer Alpenüberquerung mit dem Fahrrad und es entstand ein authentisches Buch.
Es ist in sieben Kapitel gegliedert und beschreibt gut verständlich und unterhaltsam den Einfluss von regelmässiger Bewegung – es muss nicht immer Leistungssport sein – auf das Gehirn. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Anekdoten ergänzen die zahlreich aufgeführten wissenschaftlichen Studien zu einer anregenden, informativen und gut verständlichen Lektüre. In den Text sind immer wieder zahlreiche, z.T. auch humorvolle Zeichnung zum besseren Verständnis eingefügt.
Es beginnt mit einer Einführung in die Grundlagen der Neurowissenschaften. Schon hier wird deutlich, wie bedeutsam körperliche Aktivität für die gesunde Entwicklung und Funktion des Gehirns ist. Statt uns mehr an der frischen Luft zu bewegen, wie es im Grunde der Natur des Menschen entspricht, nehmen wir Pillen gegen Schlafstörungen, Übergewicht, Depressionen und Konzentrationsstörungen, machen Gehirnjogging am Computer zur vermeintlichen Demenzprophylaxe, – und mit all dem werden glänzende Geschäfte gemacht: Zitat: «Wir leben in einer Gesellschaft, die Träume verkauft.»
Mittlerweile wissen wir vieles besser. Neben den verschiedenen kognitiven Testverfahren und zahlreichen Laborparametern, die die Stressbelastung des Menschen erfassen können, stehen heute auch moderne bildgebende Verfahren zur Verfügung, die die langfristigen Auswirkungen von körperlicher Aktivität, aber auch von chronischen psychosozialen Stressoren auf verschiedene Hirnstrukturen deutlich sichtbar machen.
Die wesentlichen, mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien untermauerten Kernaussagen des Buchs lassen sich wie folgt zusammenfassen.
Körperliche Bewegung sollte an der frischen Luft stattfinden, sollte Freude machen und individuell angepasst sein. Stress und überhöhter Leistungsdruck wirken sich negativ auf die Hirnfunktionen aus. Das Risiko für die meisten unserer Zeitkrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, psychische Erkrankungen, v.a. Depressionen und Stresserscheinungen, lässt sich durch regelmässige Bewegung langfristig meist effektiver reduzieren als durch Medikamente.
Ein ganzes Kapitel widmet sich der Frage, wie wir einer dementiellen Entwicklung vorbeugen können. Auch hier ist durch neurologische Untersuchungen gut belegt, dass nicht nur die körperliche Aktivität, sondern auch ein gutes soziales Miteinander, reges Interesse, Neugier, Austausch und Beschäftigung mit geistigen Inhalten die wirksamsten Schutzfaktoren sind. Ausführlich beschreibt die Wissenschaftlerin die bekannt gewordene Nonnenstudie, bei der sich gezeigt hat, dass hochbetagte Ordensfrauen mit ihrem besonderen Lebensstil trotz zum Teil ausgeprägter Amyloid-Plaques im Hirngewebe, der vermeintlichen Hauptursache der Demenz, bei geistiger Gesundheit sehr alt geworden sind.
Manuela Macedonia motiviert all jene zur Bewegungs-Initiative im Freien, die durch chronische Stressbelastungen und den Folgen einer zunehmend unnatürlichen Lebensweise gesundheitlich gefährdet sind. Wir sprechen heute auch von Nature deficit disorder und meinen damit all die vielen pathologischen Folgen einer schleichenden Entfremdung von der Natur und damit auch von unserem eigenen Körper. Zunahme von Allergien, Autoimmunerkrankungen, aber auch geistige Erschöpfung und Depressionen sind die Folge. Das Zeitalter der künstlichen Intelligenz scheint unserer natürlichen nicht gut zu tun.
Somit ist das Buch auch ein Appell an die Pädagogik; es unterstreicht die Bedeutung einer am ganzen Menschen orientierten Unterrichtsgestaltung, die nicht nur einseitig kognitive Fähigkeiten fördert. Offenbar denken wir später mit denselben Strukturen, die wir in der Kindheit unserem Gehirn durch eine entsprechende Bewegungskultur einprägen. Die Beweglichkeit und Initiativkraft im Denken, Vorstellen und Lernen scheint auf dem Boden von Körperlichkeit, kreativem Spiel, Handlungspraxis, Sport, Bewegungskunst u.v.m. zu gedeihen. Praktische Intelligenz wird ganz wesentlich durch körperliche Geschicklichkeit erworben.
Anhand zahlreicher Studien wird gezeigt, wie körperliche Aktivität nicht nur die Hirndurchblutung, Zellaktivität, Neurogenese, also die Neuentstehung von Nervenzellen v.a. im Hippocampus, eine für die Gedächtnisleistung zentrale Hirnstruktur, fördert, sondern auch stimulierend auf die Synapsenbildung wirkt. Die vielen Billionen Kontaktstellen der Neurone untereinander bilden die neurobiologische Grundlage der Hirnplastizität und -flexibilität und damit auch des Lernens und überhaupt der «Lebendigkeit» des Gehirns. Kognitive Kontrolle wird eine Funktion des Frontalhirns genannt, die für die Aufmerksamkeitssteuerung, Affektkontrolle, Prioritätensetzung, Fokussierung, Konzentration und das in modernen Zeiten besonders wichtige Multitasking zuständig ist. Wie diese Funktion durch Bewegung nachweisbar ausgebildet und gefördert wird, beschreibt die Autorin anschaulich.
Dass chronischer Stress, überhöhter Leistungsdruck und all die mit den schulischen Ausleseverfahren verbundenen Versagensängste sich äusserst negativ auf das Gehirn auswirken, darf heute als Stand der Wissenschaft betrachtet werden. Das Stresshormon Cortisol beispielsweise hemmt die Ausschüttung von BDNF (Brain Derived Neurotopic Factor), ein Botenstoff, der wie eine Art Dünger für die gesunde Hirnentwicklung und -funktion essentiell ist und neben der natürlichen Bewegungsfreude auch durch die Erfahrung von Wertschätzung, Zuspruch und Vertrauen freigesetzt wird und damit die kindliche Lernfähigkeit entscheidend befördert. Schulangst ist heute der Stressor für Kinder und Jugendliche. Dauerhaft steigert ständige Angst das Risiko, später an Depressionen, Demenz und anderen neurodegenerativen Störungen zu erkranken. Die Autorin beschreibt diese Zusammenhänge hauptsächlich hinsichtlich der psychotraumatischen Stress-Erfahrungen im Alter, aber die Grundlagen der Anfälligkeit für dementielle Erkrankungen im Sinne einer Resilienz-Schwäche werden meist schon in der Kindheit gelegt: Je früher der Stressor einsetzt, umso fataler und schwerer korrigierbar sind die Auswirkungen im späteren Leben.
Macedonias Buch unterstreicht eine alte Erkenntnis der Neurobiologie: Use it or loose it! Mit anderen Worten: Unser Gehirn wird das, was wir daraus machen. Körperliche Aktivität fördert auch die geistige Kreativität. Wenn Kinder ständig Angst haben, bleiben die entsprechenden Hirnzentren überaktiviert und diejenigen für Phantasie und Spiel schrumpfen mit der Zeit nachweislich dahin.
In Zeiten, in denen die Kinder und Jugendlichen im ständigen virtuellen Online-Raum einer schleichenden Natur- und Selbstentfremdung, ja Entkörperlichung mit all den pathologischen Folgeerscheinungen ausgesetzt sind, ist Manuela Macedonias Schrift ein wertvoller Beitrag.
Thomas Hardtmuth
Manuela Macedonia: Beweg Dich! Und Dein Gehirn sagt Danke. Wie wir schlauer werden, besser denken und uns vor Demenz schützen. 183 S., EUR 25,–, Brandstätter Verlag, Wien 2024.

