Johannes Sturm ist seit fast 30 Jahren Lehrer an der Rudolf Steiner Schule in Birseck. Davor war er schon drei Jahre an der Rudolf Steiner Schule in Arlesheim. In seinem gesamten Berufsleben hat er einmal ein Freijahr genommen. Heutzutage ist es selten geworden, dass Menschen sich mit ihrem Arbeitsplatz, ihrem Wirkungskreis so verbunden und Jahrzehnte engagiert haben. Sandra Chougrani, verantwortlich für den Newsletter der Schule, blickt mit ihm zurück und in die Zukunft.
Text: Sandra Chougrani | Foto: Johannes Sturm
An welche schönen Ereignisse erinnern Sie sich?
Was mich gefreut hat im Unterricht mit den Kindern oder im Austausch mit den Eltern, war, wenn etwas Ungeplantes spontan entstehen konnte, wenn eine unvorbereitete, glückliche Handlung möglich wurde. Dann spürte ich, wie sich in der Atmosphäre etwas öffnete und eine Geistoffenheit entstand. Die Anlässe waren sehr verschieden. Das konnte eine spontane Frage sein, die im Unterricht von einem der Kinder gestellt wurde, oder auch zum Beispiel ein Aprilscherz, den meine Klasse in diesem Frühling organisiert hatte: Ich kam ganz normal zum Unterrichtsanfang und die Klasse hatte im Geheimen einen Ausflug mit mir vor. Sie hatten sogar Proviant für mich vorbereitet. Nur das Ziel war offen und so gingen wir auf die Eggfluh und von da nach Nenzlingen.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich immer wieder gemeinsame Prozesse ergaben, in denen wir miteinander auf einem Entwicklungsweg waren – mit Kolleginnen und Kollegen, vor allem mit Schülerinnen und Schülern, aber auch mit Eltern. Diese Prozesse schufen tragende Verbindungen.
Ein Beispiel war die Durchquerung der Schweiz, die wir in fünf grossen Etappen gewandert sind und auf denen auch Eltern mit dabei waren. Es gab immer wieder Ereignisse, die den einen oder anderen an seine Grenzen geführt hatten, und wir mussten das Vertrauen finden, dass wir da gemeinsam durchkommen werden. Diese Erfahrungen, die wir geteilt hatten, haben uns verändert und natürlich unsere Beziehungen untereinander auch.
Und dann gab es noch eine dritte Sache, die mich mit Freude erfüllt hat. Und zwar, wenn ich Anregungen und Entwicklungsimpulse, die an der Zeit waren, wahrnahm und mithelfen durfte, dass sie wirksam werden konnten. Beispiele dafür waren die Fortbildungstage mit Marshall Rosenberg in Gewaltfreier Kommunikation oder die Hilfen bezüglich gegenseitiger Hospitation und Intervision, die dem Kollegium durch den niederländischen Arzt Joop van Dam zugeflossen sind.
Was erlebten Sie als schwierig oder herausfordernd in Ihrer Aufgabe als Lehrer oder als Kollegiumsmitglied?
Konflikte, in denen kein Dialog mehr möglich war. Das war schwierig für mich. Wenn ich den Dialog anbot und hoffte, dass diese Möglichkeit ergriffen wird und es trotzdem nicht gelang. Es war schmerzhaft, wenn mein Angebot nicht ergriffen wurde.
Herausfordernd für mich war auch in manchen Situationen der Umgang mit der Wahrheit. Wenn Unwahrhaftigkeiten im Raum standen und kein wirkliches Interesse an Aufklärung bestanden hatte. Das war in einzelnen Momenten bitter. Aber es liegt ja an mir, wie ich damit umgehe, damit ich am Bitteren aufwachen lerne und es verwandeln kann. Ich habe daran auch gelernt, dass ich letztlich nur vor mir selbst geradestehen kann.
Zweimal stand ich im Laufe meiner Berufstätigkeit existentiell vor der Frage, ob ich weiter Lehrer sein könne. Das erste Mal war das nach etwa zehn Jahren. Ich hatte die Empfindung, vor einer Mauer zu stehen. Alle Strategien im Unterricht, die ich bis anhin kannte, hatten nicht gefruchtet. Ich war tief ratlos: Wie soll, wie kann es weiter gehen? Da kam ein Hinweis von aussen und eine Drittperson schuf quasi eine neue Öffnung in der Mauer für mich. Ich konnte wie durch eine Tür, die ich vorher nicht gesehen hatte, hindurch und einen neuen Unterrichtsstil entwickeln und weiter forschen.
Was würden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen für die Zukunft mitgeben wollen?
Den Lehrpersonen in der Zukunft wünsche ich den Mut, dass sie radikal an ihre Muster, Ängste und Traumata herangehen und Wege finden, mit ihren Gefühlen umzugehen. Diese Prozesse sind sehr wichtig, denn es wird nicht mehr so darauf ankommen, besonders gescheit zu sein. Nein, ehrliche Prozesse müssen ergriffen werden. Das ist ein Selbstentwicklungsweg, der nie aufhören wird. Die Umgebung ist für die Entwicklung des Kindes entscheidend. Und am hilfreichsten ist es, wenn dieses Umfeld, das Lehrpersonen und Eltern dem Kind schaffen, in gemeinsamer Entwicklung gestaltet wird – mit allen Höhen, Tiefen, Nadelöhren, Stagnationen und Geburten, die dazu gehören. Der bildungsbürgerliche Hintergrund wird nicht mehr so einen Stellenwert haben, denn den Unterrichtsstoff kann der Schüler im Internet finden und sich selbst oft rasch aneignen. Doch das, was das tiefste Menschliche ist, dass wir prozesshafte Wesen sind, müssen wir vorleben. Das ist Kulturtat.
Ausserdem sollten wir uns immer bewusst machen, dass die Kinder einen Erfahrungsvorsprung aus der geistigen Welt mitbringen. Wir sollten mit übersinnlichen Wahrnehmungen und Hinweisen rechnen.
Es ist ja interessant, dass schon jetzt für die Kinder die Sozialprozesse das Allerwichtigste sind, nicht so der Stoff des Unterrichts. Es ist ja das Eigentümliche der sozialen Prozesse, dass sie nicht vorhersagbar sind. Sie sind immer spontan, situationsbedingt, von Gruppendynamiken und von vielen Unwägbarkeiten abhängig und in diesem Sinn ganz echt, einzigartig.
Hilfreich, so paradox das klingt, ist, wenn ich zur echten Empfindung komme: «Ich weiss nicht, wie es geht – aber ich will es versuchen.»
Hilflosigkeit und Ratlosigkeit sind grosse Helfer: Sie führen zur Geistoffenheit im Moment. Dann kann Neues eintreten. Dann kann ich mit Dankbarkeit und Demut Unerwartetes zulassen.

