Christian Boettger von der Pädagogischen Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen in Deutschland, die seit der ersten Ausgabe die Arbeit am Lehrplan koordiniert und intensiv begleitet, betonte auf der internationalen Konferenz (Haager Kreis) am 31. Mai 2025 in Budapest, begleitet mit einem grossen Dank an Tobias Richter für seine unermüdliche, über 33 Jahre anhaltende und inspirierende Arbeit an diesem sich fortwährend in Entwicklung befindenden Werk – wir blicken zurück auf sieben Überarbeitungen /Auf‌lagen –, die Wichtigkeit dieses Werkes für die weltweite Waldorfschulbewegung. Ein weiterer Anlass ist die im Januar fertiggestellte, vollständig überarbeitete Ausgabe dieses Buches «Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – Vom Lehrplan der Waldorfschulen»[1].

Robert Thomas

Text: Christian Boettger | Fotos: Robert Thomas

Wenn man heute – 106 Jahre nach dem ersten Lehrerkurs – die Entwicklungsgeschichte des Lehrplans verfolgt, so findet man, dass Rudolf Steiner schon vom Anfang an mit den angehenden Lehrkräften intensiv an Lehrplanfragen gearbeitet hat. In den dann folgenden fünf Jahren in den Konferenzen mit dem ersten Kollegium an der Schule auf der Uhlandshöhe in Stuttgart war die Entwicklung des Lehrplanes ein fortlaufendes Thema (Zdrazil 2019[2]). Die dann nach 1925 folgende erste Ausgabe eines Lehrplanes von Caroline von Heydebrand[3], der auch heute noch erhältlich ist, und die detaillierte Zusammenstellung von E. A. Karl Stockmeyer[4] würden heute – so wichtig sie früher waren – für die Waldorfschulen im deutschsprachigen Raum und weltweit nicht mehr ausreichen.

Der Herausgeber, die Pädagogische Forschungsstelle, war sich in den zurückliegenden Jahren immer des Spannungsverhältnisses bewusst, die solch eine Publikation erzeugen kann. Es war zum Beispiel für das verantwortliche Team erstaunlich zu erfahren, dass für einige Lehrerinnen und Lehrer die zahlreichen, sorgfältig ausgewählten Charakterisierungen der Entwicklungssituation der Altersstufen, der methodischen Anregungen und der vielfältigen inhaltlichen Angebote als eine Einschränkung ihrer Arbeit in der Klasse erlebt wurden. Das Gegenteil war intendiert. Es sollte sich gerade auf der Grundlage dieser Verschriftlichung die Intuitionsfähigkeit in der Begegnung mit den Schülerinnen und Schülern steigern. Wenn wir in der Schulbewegung dieses Werk und die ständige Arbeit daran nicht hätten, wären wahrscheinlich die staatlichen Vorgaben auch für die Waldorfschulen noch präsenter, als sie jetzt schon insbesondere in Bezug auf die Abschlüsse sind; die Fächerhierarchie der staatlichen Lehrpläne wäre vielleicht noch stärker an den Waldorfschulen zum Tragen kommen und wir hätten weniger in der Hand, um die positive Wirkung des angestrebten Gleichgewichts von künstlerisch-handwerklichen und kognitivem Fächern zu sichern oder auszubauen. Mit der Arbeit von den über 100 Kolleginnen und Kollegen in allen Fachbereichen an der neuen Ausgabe – und wenn man zurückblickt auf die letzten 33 Jahre, so waren es sicher über 300 Menschen – entsteht in der Schulbewegung ein kontinuierliches Bewusstsein für die Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik und eine Anpassung an die Entwicklungsherausforderungen, die die jeweils aktuellen Generationen von Lernenden mitbringen. Und dieser «Richter-Lehrplan», wie er verkürzt genannt wird, ist schliesslich für viele Eltern zur beliebten Nachschlagequelle geworden, wenn sie sich über die Arbeit in der Schule und die Entwicklungssituation ihrer Kinder- oder Jugendlichen informieren wollen. Auch diesbezüglich sichert das Buch die Arbeit in den Schulen. In vielen Bundesländern Deutschlands gilt dieser Lehrplan sogar den Schulbehörden als Genehmigungsvoraussetzung einer Schule in freier Trägerschaft. Man könnte verkürzt sagen, dass die Arbeit an diesem Lehrplan, der sich als Orientierungsplan versteht, zu einem Schutzschild der Waldorfpädagogik nach aussen geworden ist.

Gleichzeitig sei aber an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auch Gefahren aus dem Umgang mit der Publikation entstehen können, wenn zum Beispiel die vorgeschlagenen bzw. möglichen Unterrichtsinhalte als Normen einer «Waldorfschulbehörde» aufgefasst werden. Keine Lehrperson sollte als Begründung für einen ausgewählten Stoff sagen müssen, das stehe so im Lehrplan und gehöre daher auch in ihren Unterricht. In Aus- und Fortbildungen müssen wir deutlich vermitteln, dass die Begründung für jeden Inhalt individuell im Zusammenhang mit den Bedingungen der Kinder, der Schule und der gesellschaftlichen Situation erarbeitet sein sollte. Rudolf Steiner nannte das im ersten Lehrerkurs «Ideal und Schmiegsamkeit».

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Die zweite Gefahr besteht in einer fortlaufenden Addition von gelungenen Unterrichtsthemen und Anregungen. Dies würde zu einer zeitlichen Überforderung der Lernenden und Lehrenden führen. So ist in der neuesten Publikation das Kapitel «Synergien» zu finden, wo fächerübergreifende Themen oder der jahrgangsübergreifende Unterricht dargestellt sind. In diesem Feld liegt für die nächsten Jahre sicher ein starkes Potential. In Zukunft gilt es, immer stärker das Exemplarische für jedes Fach und jede Jahrgangsstufe zu finden.

Die dritte Gefahr liegt in der Übertragung der im deutschen Sprachraum intensiv entwickelten Themen auf andere Kulturräume. Bei von der Pädagogischen Forschungsstelle selbstverständlich genehmigten Übersetzungen sei immer darauf hingewiesen, dass sich alle Inhalte zunächst auf den deutschen Sprachraum in Europa beziehen und nur als Anregungen gelten können, etwas Entsprechendes in anderen Kulturräumen zu entwickeln. Gleichzeitig gilt, dass es notwendig erscheint, in allen Kulturräumen des 21. Jahrhunderts die Multiperspektivität zu fördern.

Ein grosser Dank gilt den vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich für diese Arbeit eingesetzt haben. Insbesondere aber dem Leitungsteam um Tobias Richter als Herausgeber, Petra Hamprecht-Krause (Klassenlehrerin in Nürtingen), Vanessa Pohl (Fremdsprachenlehrerin in Münchenstein/CH und Koordinationsstelle ARGE/CH), Rita Schumacher (Oberstufenlehrerin Deutsch in Kassel), Alexander Hassenstein und Christian Boettger (beide von der Pädagogischem Forschungsstelle).


  1. Tobias Richter: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – Vom Lehrplan der Waldorfschulen, Stuttgart 2025. ↩︎

  2. Tomas Zdrazil: Freie Waldorfschule in Stuttgart 1919–1925, Stuttgart 2019. ↩︎

  3. Caroline von Heydebrand: Vom Lehrplan der Waldorfschulen, Stuttgart 2009. ↩︎

  4. E.A.Karl Stockmeyer: Angaben Rudolf Steiners für den Waldorfschulunterricht, Stuttgart 2017. ↩︎

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