«Mitten unter uns, über die Erde verbreitet, in allen Zonen und Klimabedingungen, lebt ein Volk, das seine Botschaft nicht aussprechen kann, das sich in seiner Tätigkeit, im Spiel, auch ohne Dolmetscher versteht, die Kinder. Glaube, Liebe und Hoffnung aller Menschen knüpfen sich immer wieder an ihr Erscheinen.
Die Kinder kämpfen nicht für ihre Rechte und ihren Lebensraum. Sie erscheinen mit ständig sich erneuerndem Vertrauen, mit unsagbarem Liebehunger und setzen voraus, dass wir Erwachsene weise und gut sind und dass wir besitzen, was wir am Kinde lernen müssen: Selbstlosigkeit.» Helmut von Kügelgen, 1916–1998
Diesen Text von Helmut von Kügelgen möchte ich dem Blick auf das Buch von Norbert Carstens voranstellen. Er spricht in besonderer Weise das Wunder der Kindheit und deren Entwicklung und Begabung, aber auch deren Verletzlichkeit aus. Diesem Geheimnis des Kindseins, des universellen Menschseins geht Norbert Carstens in seiner grossen Sammlung und seiner Forschung zu den Kinderzeichnungen nach. Er zeigt in seinem Buch, wie die Kinder in ihren Zeichnungen ein umfassendes Mensch-Werden zum Ausdruck bringen, lebensvolle Schöpferkräfte voller Weisheit und Urbildlichkeit, bevor sie im Älterwerden immer individuellere, selbstbewusste Zeitgenossen in einem bestimmten Kulturkreis werden. Der Blick auf die Kindheit kann uns ermutigen zu versuchen, etwas von dieser Reinheit, Universalität und diesem Reichtum in unsere sozialen Verhältnisse der Erwachsenenwelt mit hinüber zu nehmen. Es ist eine Sammlung von Kinderzeichnungen aus vielen Erdteilen und Kulturen und zeigt eindrücklich, wie alle Kinder über die Welt hinweg, unabhängig davon, welchem Volk, Kontinent oder welcher sozialen Schicht sie angehören, in den ersten Kinderjahren dieselben Formen und Motive zeichnen. Sie bringen in ihrem Malen etwas zum Ausdruck, was sie in sich tragen als werdende, sich in ihrem Leib nach und nach beheimatende Menschen. Die Kinder offenbaren uns in ihren Zeichnungen, wo sie altersmässig und in ihrer Entwicklung stehen, zeigen in den Bildern die lebendigen Kräfte, die in ihrem leiblichen Wachsen und Werden schaffen. So zeigen die Bilder auch oft die momentane Gesundheits- oder Krankheitssituation, vorausgesetzt wir lernen die Zeichensprache zu lesen, lernen zu sehen und zu entschlüsseln, was sich unserem Verstehen zunächst meist verbirgt. Den Impuls zu malen bringen alle Kinder mit. Sie tun es aus sich heraus und sie können malen und zeichnen, wenn man sie sich frei entwickeln lässt und ihnen Gelegenheit dazu gibt. Sie können es, bevor man versucht, es ihnen beizubringen, bevor man ihnen Themen, Vorgaben, Anleitungen gibt. Vor allem aber wenn man sie davor schützt, durch zu viele fertige Bilder von aussen gehindert zu werden, ihre eigenen Bilder zu schaffen.
Der Band gibt beim Betrachten der Bilder reichlich Antwort auf die Fragen: Warum malen Kinder? Was bedeutet Malen und Zeichnen für die Kinder selber?
Müssen Kinder zeichnen lernen? Gibt es schöne oder hässliche Bilder? Man sieht es den Bildern an: Es ist ein innerer Drang, eine Freude, ein Freiwerden von Lebenskräften, die nach seelischem Ausdruck suchen in Form und Farbe. Kinderbilder aus 25 Ländern der Erde sind abgebildet und zeigen, dass alle Kinder dieser Welt eine gemeinsame Bildsprache sprechen, unabhängig von landschaftlichen und kulturellen Unterschieden. An den Bildern kann man sehen, dass dies für die ersten fünf bis sechs Jahre so ist. Was die Kinder malen, ist eine aus dem Inneren kommende universelle Formensprache der Menschwerdung. Erst mit sechs bis sieben Jahren, wenn die Kinder schulreif werden und sich das seelische Erleben und die Beziehung zur Aussenwelt ändern, werden kulturelle Unterschiede und charakteristische Landschaften der Umgebung auf den Bildern sichtbar. Dann lösen Palmen den archaischen Baum ab und landestypische Häuser, wie sie das Kind in seiner Umgebung sieht, ersetzen das vorher bei allen Kindern gemalte typische Haus, das aus Viereck und Dreieck besteht.
Der Aufbau des Buches ist klar gegliedert in zehn Kapitel. In der Mitte des Buches findet sich eine «Entwicklungsspirale» auf der die Motive, wie sie im Laufe der Entwicklung von eins bis sechs Jahren auftreten, angeordnet sind und die Metamorphose dieses universellen kindlichen Zeichenweges zeigt. Ein interessanter Versuch und Forschungsaufgabe.
Das Buch geht in seinen Kapiteln aus von den gegenstandsfreien grafischen Bewegungen, die wie Bewegungsspuren, Striche, Bögen, Wirbel, Punkte auf dem Blatt erscheinen. Zeigt dann den typischen Entwicklungsweg durch die klaren Elemente wie Spirale, Kreis, Viereck, Dreieck, Kreuz und den Kreis mit Zentrum sowie die Kopffüssler und die immer wieder in den Bildern auftauchenden Doppelsonnen. Dann geht es über zu den urbildlichen Bildern vom Menschen, Haus, Baum. Ein Kapitel über die Farbe und das Thema Geburt und Tod schliessen sich an. Dem Thema der Doppelsonne, dem gemeinsamen Auftreten von Kopffüssler und Sonne, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Es scheint hier, als ob in den Bildern der Weg des Kindes zur Erde aufscheint, indem mit der Zeit die eine Sonne am Himmel verbleibt und der Mensch auf der Erde ankommt.
Kurze verbindende Texte geben Hinweise, aber insgesamt sollen die Bilder selber sprechen, und sie tun es stark, man fühlt sich erfrischt und belebt durch ihre Bildsprache und Dynamik.
Zu manchen Bildern sind auch Aussprüche der Kinder vermerkt, die sie spontan beim Malen machten und die ihr Erleben und die Bedeutung des Gemalten ahnen lassen. Die begleitenden Texte sind durchgehend zweisprachig in Englisch und Deutsch.
Ausgesucht und zusammengestellt wurden die Bilder zu diesem Band aus einer Fülle von über 30.000 gesammelten Bildern. Neben vielen Vorträgen und Ausstellungen in aller Welt hat Norbert Carstens 2022 den Verein Child Art. gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, in uns Erwachsenen den Blick auf die Kinderzeichnungen zu schärfen und das Erleben und die Wertschätzung dieses universellen kreativen Ausdruckes kindlicher Entwicklung zu intensivieren. Child Art. e. V. hat ein internationales Zentrum für Zeichnungen der frühen Kindheit begründet. Die Sammlung befindet sich seit 2024 im Kunstbunker Bochum. In grossen Ausstellungen und Seminaren werden durch Norbert Carstens die Bilder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich hoffe, dass mein Hinweis auf dieses Buch und den Verein Child Art. viele Leser anregt, Kontakt aufzunehmen und Ausstellungen zu organisieren.
In der Sammlung von Child Art. sind auch Bilder blind geborener Kinder, eine Abbildung ist im Buch enthalten und legt uns gleich die Frage nahe, was nötig ist, damit auch diese Kinder sich und ihre Entwicklung frei in Zeichnungen ausdrücken können.
Dieses Buch aufzuschlagen hat mich vom ersten Moment an begeistert. Ich möchte es jedem empfehlen, der Kinder begleitet und sie und das Mensch-Werden besser verstehen lernen möchte. Es sollte in keinem Kindergarten, keiner Schulbibliothek fehlen. Ärzte, Eltern, jeder, der Kinder liebt, sollte sich mit dieser universellen Lebens- und Zeichensprache der Kinder beschäftigen. Die Forschung und Arbeit von Norbert Carstens ist eine unschätzbare Ergänzung zu all den Büchern und Forschungen, die es zu diesem Thema der Kinderzeichnungen bisher gibt.
Claudia Mckeen
Norbert Carstens: Kleine Menschen, grosses Wirken. Kleinkindzeichnungen aus aller Welt und ihre gemeinsame Sprache, kart., 219 S., EUR 35,–. Zu beziehen über den Autor: Norbert Carstens, Steinstrasse 7, DE-44866 Bochum, E-Mail: norbert.carstens@gmx.de

