Fünf Kinder sitzen auf einer Fensterbank, in ihre Smartphones versunken. Sie nehmen weder sich noch einander wahr, ihre Beschäftigung nimmt sie ganz in Beschlag. Das Geleitwort verspricht Mündigkeit und «einen differenzierten Blick gegenüber den Medien». Ein «kurzer Disclaimer» sagt uns, dass «Ängste und Vorurteile einer tiefgreifenden Medienkompetenz im Wege stehen, und uns die Sicht auf echte Probleme und die wahren Ursachen versperren». Ein summarischer Blick auf unsere Zeitsituation umreisst diese Probleme und betont unsere Verantwortung dafür, Kindern ein «selbstbewusstes und kritisches Agieren» zu ermöglichen, die sich bietenden Chancen zu erkennen und die Risiken zu verstehen.

Mit dem ersten Kapitel «Die Grosse Angst» zeigt Kappe, dass Neuerungen immer zunächst misstrauisch betrachtet oder gar als schädlich abgelehnt würden; er lässt dabei allerdings auch erkennen, dass es ihm weniger um eine Analyse der «echten Probleme und wahren Ursachen» geht als um Medienakzeptanz. Entsprechend zeigen die folgenden Seiten, dass Ängste und Warnungen die rasant beschleunigte Zunahme der Mediennutzung in den letzten Jahrzehnten nicht aufgehalten haben. Das führe zu «Bewahrpädagogik», die er als «das ablehnende Verhalten gegenüber Neuerungen vor allem in Bezug auf Medien» versteht. Fachlich begründete Bedenken wie die von Weizenbaum oder Spitzer werden erwähnt, aber wir erfahren nichts von ihren Argumenten, sie werden mit ausgesucht absonderlichen Zitaten abgetan. Als aktuelles Beispiel wird der US-Psychologieprofessor Jonathan Haidt angeführt, der die Problematik im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte untersucht hat. Kappe erwähnt Haidts Lösungsansätze, geht aber auch hier nicht auf Inhalte ein, die ich als Leser erhofft hätte, sondern vermerkt kurzerhand, dass sich Haidt’s Befunde «anhand der Daten» nicht eindeutig nachweisen liessen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt Ängste, die oft mit Neuem einhergingen. Dabei zitiert Kappe Françoise Sagan mit einer Feststellung, die nichts mit Angst zu tun hat – er tut den darin erwähnten Familienkreis als «verklärte und idealisierte Sozialromantik» ab und nutzt das Zitat zu einem Exkurs, der in amtliche Empfehlungen für Bildschirmnutzung und kritischen Überlegungen zu entsprechenden Studien und Daten übergeht. Das Fazit überrascht nicht: «Wir müssen uns auf subjektive Aussagen verlassen.»

Auf 20 folgenden Seiten geht es nochmals um die warnenden Stimmen − «sich darüber Gedanken zu machen, ist menschlich und richtig und auch wichtig», sagt Kappe; bringt dann aber nur allerlei Presseverlautbarungen bis zu einem Bericht über die Einführung von Internet und Smartphone beim Volk der Marubo im Amazonaswald. Hier wäre es interessant, etwas Seriöses über die Auswirkungen zu erfahren; es bleibt jedoch bei schlagwortartigen Zitaten und dem Bestreben, kritische Bedenken zu entkräften.

«Eine Kindheit ohne Smartphone gibt es nicht!», sagt das nächste Kapitel. Es beschreibt die Situation, in der wir leben. Der Autor folgt aber weiterhin der fragwürdigen Methode, die er als «Bias» beschreibt: Er nutzt den Begriff «medienfrei» völlig undifferenziert und untermauert seine pauschale Aussage durch ein auf TikTok erfolgreiches Video, in dem «ein Kind in einem blauen Leinenkleid über eine Blumenwiese läuft und frisches Obst isst …» Das Urteil dazu besagt: «Erstens, weil es eine medienfreie Erziehung nicht gibt, und auch nicht geben kann, weil die Mutter dem Kind pausenlos die Smartphone-Kamera vor die Nase zu halten scheint», und zweitens «weil das Video ein pseudoromantisches Bild von Kindheit konstruiert, das es in der Realität so ebenfalls kaum gibt» −«beides steht echter Medienkompetenz im Weg, zementiert Vorurteile, und kann uns Eltern zusätzlich stark unter Druck setzen.» Denn damit will die Mutter wohl einen sozialen Status demonstrieren und sich selbst erhöhen, denn nicht jeder kann sich «diesen Luxus» (!) leisten. Also: «Medienfreie Erziehung scheitert an der Realität.» − An welcher Realität aber? In der Geschichte bezeugen Blaise Pascal, Nikola Tesla, Jakob Böhme und zahllose andere reichlich alternative Realitäten.

Nico Kappe ist sich bewusst, dass es seelische Realitäten gibt, die keiner Digitalität unterliegen, dass unsere Kinder auch in Zukunft Fähigkeiten brauchen, die ihnen helfen «flexibel und kreativ auf die ständig neuen Herausforderungen zu reagieren». Er nennt dazu «Imaginieren, kreatives und entdeckendes Spiel.» Damit kommt er zu Ergebnissen von Studien, die er anfangs in Frage gestellt hatte, und gelangt zum eigentlichen Thema des Buches, das ja Kinder in die Zukunft begleiten will. «Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen sie frei ihre Fantasie ausleben können − sei es durch Kunst, Musik oder einfaches Spiel», um «echte soziale Interaktion,» um «die Wichtigkeit der sinnlichen Wahrnehmung als Basis allen Lernens». In Kappes Buch sind Dinge gefordert wie kritisches Denken, Analysefähigkeiten, Verständnis von Algorithmen, souveräner Umgang mit digitalen Medien, «effektiv und reflektiert»; «wir sollten uns fragen, wer einen Inhalt mit welcher Absicht erstellt hat», und «welche Medien nutze ich warum, und wie beeinflussen sie mich?» Werden sich Kinder diese Fragen stellen? Wenn ich mir Darbietungen auf TikTok anschaue, kann ich kaum etwas davon finden, denn das Medium fordert nicht Vertiefung, sondern Schnelligkeit und Kürze, und fördert, wie Kappe anmerkt, «digitale Selbstdarstellung» im Kollektiv der «digitalen Gemeinschaft».

Ein Leser hofft nun, dass diese Erkenntnis konkretisiert wird, dass sich ein Blick auch auf die seelischen Auswirkungen richtet, aber es bleibt beim Plaudern, bei «Ach ja, Medienkompetenz …» In einer deutsch-amerikanischen Mischsprache – «Lieblings­creator, content-creator. coachender Influencer oder witzige challenge, ist die Message klar geworden?» − bekommen wir eine Menge Informationen auch über KI, erfahren schliesslich sogar wie TikTok funktioniert, dass es Influencer und Follower gibt, vorwiegend um Werbung und Geld geht. Am Ende stehe ich jedoch ratlos da und muss mir selbst überlegen, wie ich meine Kinder in die digitale Zukunft begleite – jedenfalls differenzierter.

Bruno Sandkühler

Niko Kappe: Generation TikTok. Keine Angst vor Social
Media und Ki −Wie wir unsere Kinder in die digitale Zukunft
begleiten. 224 S., EUR 20,–, Goldegg Verlag, Wien 2025.
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