«Wir reden hier viel von Waldorfschul-Prinzip, von neuer Pädagogik. Das Wichtigste ist, dass man im Wachstum bleibt.»[1]

Text: Henrik Löning | Foto: Foto: wikipedia.org

Seit einigen Jahren bin ich im September mit unseren neuen Zehntklässlern auf Kunstreise in Florenz. Ich nehme mir jedes Jahr die Zeit, die Bilder in den Uffizien anzuschauen. Dabei habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, jedes Jahr nur sehr wenige, aber immer die gleichen Bilder anzuschauen. Im Laufe der Jahre entwickelt sich daraus eine ausgesprochen schöne Beziehung zu den einzelnen Bildern. Eines der Bilder ist ein Gemälde von Tizian. Die Venus von Urbino. Mittlerweile freue ich mich schon auf das Wiedersehen und es scheint mir fast schon freundschaftlich, wenn wir uns begrüssen und eine halbe Stunde miteinander verbringen.

Die Szene ist schnell beschrieben: Eine junge Frau liegt nackt auf einem Bett mit weissen Laken und richtet ihren Blick direkt auf den Betrachtenden. Im Hintergrund ist eine beiläufige Alltagsszene zu sehen. Viele halten dieses Bild für sinnlich oder erotisch, in kunsthistorischen Deutungen wird genau das wiederholt betont. Und tatsächlich malte Manet mit seiner «Olympia» Jahrhunderte später eine provokante Neuinterpretation, die das Lustobjekt explizit zeigt.

Doch ich meine, dass Tizians Bild eine andere Sprache spricht. Ich habe es nie als erotisch empfunden. Und viele Deutungen, die das Bild auf «Sinnlichkeit» reduzieren, erscheinen mir wie Missverständnisse. Als ginge es nur um das Sichtbare. Als hätte Tizian nichts weiter getan, als einen schönen Körper zu malen.

Über die Jahre hat mich die Frage zunehmend mehr beschäftigt, worum es Tizian in dem Bild ging und was mich jenseits von Szenerie, Form, Farbe in dem Bild berührt?

Erst später ist mir aufgefallen, dass es für das Bild von Bedeutung ist, dass ich es betrachte. Erst durch den Blick des sich einlassenden Betrachters kann sich das Bild entfalten. Ohne diesen einlassenden Blick, wäre das Bild wahrscheinlich bedeutungslos und eben Gegenstand von kunsthistorischen Betrachtungen oder Ziel für bildungsbürgerliche Reisen.

Was ist ein guter Lehrer?
Die Frage kommt jetzt erstmal unvermittelt und klingt nach dem Betrachten des Bildes schon ein bisschen profan und platt. Und vor allem zusammenhangslos zum Vorhergehenden. Aber erstens schreibe ich ja hier für ein pädagogisch interessiertes Publikum und möchte natürlich auch einen Bezug zur Pädagogik herstellen. Und zweitens habe ich an dem Bild viel über meine Haltung im Schulalltag gelernt. Zuletzt finde ich die Frage bei aller Einfachheit immer wieder interessant.

Zugegebenermassen ist die Frage nicht so einfach, wie sie daherkommt.

Anfänglich wird jeder diese Frage beantworten können und hat dazu auch eine klare Meinung. Man muss nur Schülerinnen und Schüler, Eltern oder Kollegen befragen, um zügig eine klare Antwort zu erhalten, die auch immer mit einem der üblicherweise aufgezählten 5–10 Kriterien übereinstimmen wird. Und niemand wird darauf kommen, diese einzelnen Punkte – wie zum Beispiel eine gute Beziehung zur Schülerschaft oder Fachkompetenz – als Kernkompetenzen einer Lehrperson infrage zu stellen.

Da ich mit den Antworten aber nicht zufrieden bin und das Gefühl habe, dass das Wesentliche nicht gesagt wurde, drehe ich die Frage mal um.

«Was macht einen schlechten Lehrer aus?»

Rudolf Steiner hat diese Frage eindeutig und klar in einem Satz beantwortet: «Wenn Sie am Anfang des Schuljahres wirklich das alles gekonnt hätten, was Sie nun am Ende des Jahres können, so hätten Sie schlecht unterrichtet.»[2] Wandlungsfähigkeit ist für Steiner von zentraler Bedeutung. Wiederholt spricht Steiner sich dafür aus, dass eine Lehrperson sich ständig verändern und sich an die Realität der einzelnen Schüler anpassen muss. Und dass das «das Wichtigste ist, dass man im Wachstum bleibt».[3] Zum Erstarken dieser Qualität sieht er auch die Notwendigkeit, eine neue Lehrer- und Lehrerinnenausbildung zu gestalten. «Dass alles gründlich von oben bis unten dem Wandel unterworfen werden müsse, dass wir eine andere Lehrerbildung brauchen, einen anderen Geist in der Schule, sogar eine andere Liebe, als sie jetzt durch die verbildete Lehrerschaft in die Schule hineingetragen wird …»[4]

Die Fähigkeit zum persönlichen Wandel wird zur Kernqualifikation von Lehrpersonen. Die Fähigkeit zur inneren Veränderung, zur Bewegung im eigenen Denken, Fühlen und Wollen, ist die zentrale Kompetenz des Lehrens. Nicht Wissen, nicht Methode, nicht Technik, sondern Wandelbarkeit.

Was mir, nebenbei bemerkt, die zentrale Fähigkeit einer Lehrperson zu sein scheint, der sich alle weiteren Kompetenzen unterordnen und die ein radikales pädagogisches Umdenken erfordert. Und ich meine auch eine Qualität, die am meisten missachtet wird.

Natürlich wird von lebenslangem Lernen gesprochen. Regelmässige Fortbildung gehören auch zum Aufgabenkatalog. Damit ist aber nicht das Prinzip des Wandels erfasst. Wandel kann nicht verordnet werden, da Wandel eine zutiefst individuelle und intime Angelegenheit ist, die ihren Ursprung in der Begegnung mit den Anderen hat. Mit dem einzelnen Schüler, mit der einzelnen Schülerin oder einer Klasse. Eine sich einlassende Begegnung, die einen auffordert, sich so zu verändern, dass man dem Gegenüber und der Situation gerecht wird. Dass man selber hineinwächst in das, was da werden möchte. Wandel zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man eigene Standpunkte und Vorstellungen darüber, wie, was und wann unterrichtet werden sollte, aufgibt und stattdessen Raum gibt, damit sich etwas entfalten kann. Die Annahme, dass Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern etwas beibringen, ist eine in der Pädagogik weit verbreitete, jedoch fragwürdige und sich hartnäckig haltende Vorstellung.

Unterricht ist aus meiner Sicht ein Prozess der gegenseitigen Wandlung mit offenem Ausgang. Alles andere, und so lebt es heute meist in Schulen, wäre ein Missachtung des Gegenübers.

Tizians Bild erzählt von dieser Qualität einer Begegnung, In der die eigene Identität zu Gunsten eines Werdenden aufgeben wird.

Ich erlebe es jedes Jahr wieder als einen schönen Moment, wenn man nach den Sommerferien die Schülerinnen und Schüler bei der Anfangsfeier wiedersieht. Die meisten haben sich sichtlich verändert, was deutlich macht, dass Wandel für Schülerinnen und Schüler das tägliche Kerngeschäft ist.

In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn ein Kollegium am Ende eines Schuljahres sich seiner eigenen Wandlungsprozesse bewusst wird und diese als Impulse ins neue Schuljahr trägt. Dadurch entsteht die Möglichkeit, dass Kollegien im Prozess des Wandels, der in der Regel mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden ist, sich gegenseitig unterstützen und die Lust am Wandel fördern.

Und was ist mit Tizian? Zurecht werden jetzt einige den vielleicht mangelnden Bezug von Tizian zum Thema «Wandel» hinterfragen und die Verbindung als etwas weit hergeholt empfinden. Ich fühle mich auch etwas genötigt, diesen Bezug stärker auszuarbeiten. Im Rahmen einer Kolumne kann ich das aber gerne offen lassen mit dem Kommentar, dass mich das Bild bis heute beschäftigt und ich vermute, dass ich noch einige Entwicklungsschritte vor mir habe, um mit dem Bild abschliessen zu können. Und von daher ist das Motiv des Wandels doch ganz passend.


  1. Rudolf Steiner: Das Leben der Welt muss in seinen Fundamenten neu gegründet werden, 20.7.1924, GA217a. ↩︎

  2. Rudolf Steiner: Meditativ erarbeitete Menschenkunde, in: Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis, GA302a, 4. Auf‌lage, Dornach 1993, S.19–20. ↩︎

  3. Siehe Anm.1. ↩︎

  4. Rudolf Steiner: Vortrag für die Eltern der Waldorfschulkinder, Stuttgart, 31.8.1919, GA297, 1.Auf‌lage, Dornach 1998, S.80. ↩︎

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