Text: Henrik Löning | Foto: pixnio.com-USFWS

«Das soziale Leben wird in der Zukunft
nicht durch Programme, sondern durch
Menschenverständnis gefördert werden.»

Rudolf Steiner, GA 332a

Zu Beginn möchte ich eine kurze persönliche Geschichte über meinen Sohn erzählen. Es ist Sommer. Seine Schulzeit ist in absehbarer Zeit beendet und er freut sich auf die Welt. Er bewirbt sich auf einen Ausbildungsplatz, der ihm wie ein Traum erscheint, und wird schon wenige Tage später zu einem Gespräch eingeladen. Das Gespräch war sehr kurz und er erhielt die freundliche Mitteilung, dass er für diese Branche doch gar nicht geeignet sei. Er hat diese Freundlichkeit als Unverschämtheit empfunden und das Büro wütend, gekränkt und unverstanden verlassen.
Ich bin seit Jahren für das Personalwesen unserer Schule mitverantwortlich. In der Regel finden zum Sommer einige Personalwechsel statt. Manche sind erfreulich, andere traurig, ärgerlich oder überraschend. Meistens sind sie für eine Seite weniger schön, da sie mit Ungewissheit, Sorgen, Kränkungen oder auch schmerzhaften Erfahrungen einhergehen. Ein bisheriges Harmoniegefüge wird gestört. Da ich in meiner Rolle als Personalverantwortlicher häufig solche Prozesse mehr oder weniger gut begleitet oder auch initiiert habe und dieses Jahr selbst in einem Positionswechsel bin, hat mich der Prozess wieder mehr interessiert.
Dabei ist mir das Bild des Einsiedlerkrebses in den Sinn gekommen. Dem Einsiedlerkrebs ist es eigen, dass er keinen eigenen Panzer ausgebildet hat, um seinen Leib zu schützen, sondern sich in fremde Schneckenhäuser einnistet. Diese verlässt er nicht, bis sie ihm, weil er wächst, zu klein und eng werden und er sich ein neues Haus suchen muss. Die Analogie zum Stellenwechsel liegt nahe. Irgendwann passt die eigene Hülle aus Routinen, Bekannten, den täglichen Begegnungen, den vertrauten Menschen, den Arbeitsabläufen usw. nicht mehr und man muss sie aufgeben. Man spürt vielleicht, dass es eng wird, dass man hier nicht mehr wachsen kann, dass der innere Raum klein wird (manchmal wird man auch von aussen gestossen). Und mit dem Bedürfnis zu wachsen, sich zu entwickeln, entsteht irgendwann auch das Bedürfnis, die entstandene Enge zu verlassen. Und dann ist man für kurze Zeit im Ungewissen. Ungeschützt. Vielleicht weiss man nicht, wie es weitergeht. Und wenn man dann ein neues Schneckenhaus gefunden hat, sind die Abläufe und Routinen noch ungewohnt, so wie dem Krebs das Haus anfangs noch ein wenig zu gross ist und er in die neue Behausung hineinwachsen muss.
Das Bild ist klar und muss ja auch nicht überstrapaziert werden. Persönliche Entwicklung und Wachstum hängen auch damit zusammen, sich auszusetzen. In diesem Sinne sind die Personalwechsel zum Ende des Schuljahres etwas Schönes.
Wenn der Artikel erscheint, werden schon einige Wochen vergangen sein. Und die persönlichen Entscheidungen, mit denen ich mich gerade beschäftige, werden in einem anderen Licht erscheinen. Denn heute sehe ich noch nicht, was kommen wird, sondern kenne nur das, was ich jetzt verlasse.
Mein Sohn ist der Personalabteilung, die ihm einen abschlägigen Bescheid gegeben hat, rückblickend dankbar, weil er in diesem eher unangenehmen Prozess sein Ureigenes entdeckt hat, dem er heute beruflich folgt
So aus der Sicht des Einzelnen.
Was bedeuten personelle Wechsel jedoch für einen Sozialorganismus?
Beim meinem neugierigen Studium der Einsiedlerkrebse bin ich auf ein kurioses Phänomen gestossen: Einsiedlerkrebse werden ihrem Namen nicht gerecht. Sie sind keine Einzelgänger. Wird z.B. ein neues, grösseres Schneckenhaus frei, versammeln sich oft mehrere Tiere und positionieren sich der Grösse nach hintereinander. Passt das grösste Tier in das neue Haus, rücken die anderen nacheinander in die jeweils freiwerdenden Schneckenhäuser nach – wie in einer kleinen Tauschkette, einem sogenannten «Shell Exchange».
Der Wechsel des Einzelnen hat Konsequenzen für die gesamte Gruppe, die sich neu ausrichtet.
Ich hatte mir nun vorgestellt, dass das doch die Kolumne schön abrundet. Wenn einer die Stelle wechselt oder gekündigt wird, findet jeder sein nächstes passendes Schneckenhaus. Und kann wieder ein wenig wachsen. Das klingt dann nach einem ganz schönen, harmonischen Reigen.
Ganz so harmonisch ist es natürlich nicht. Denn personelle Wechsel lassen sich zwar organisatorisch verwalten, menschlich bleiben sie oft widersprüchlich. Jemand geht freiwillig, jemand wird gedrängt, jemand bleibt verletzt zurück. Und nicht jede freundlich formulierte Entscheidung fühlt sich für den Betroffenen auch freundlich an – mein Sohn könnte davon erzählen.
Vielleicht liegt gerade darin etwas Schwieriges unserer Zeit. Wir lernen zunehmend, auch soziale Prozesse gut zu organisieren: Gespräche werden moderiert, Konflikte methodisch bearbeitet, Kommunikation folgt erlernbaren Regeln und korrekten Verfahren. Das kann hilfreich sein. Gleichzeitig beschäftigt mich die Sorge, dass dabei etwas verloren geht – nämlich die unmittelbare menschliche Begegnung. Dass wir lernen, uns richtig zu verhalten, dabei aber immer weniger wirklich beteiligt sind. Der gute Wille bleibt dann leicht bloss Form. Man hat korrekt gehandelt, korrekt kommuniziert – und steht am Ende dennoch ratlos vor den Folgen.
Rudolf Steiner sah die soziale Zukunft des Menschen deshalb nicht in einer weiteren Technisierung des Zusammenlebens, sondern in der Fähigkeit des Einzelnen, aus innerer Einsicht und Verantwortung zu handeln. Er spricht von der «moralischen Intuition» des Einzelnen – von einem Handeln also, das nicht bloss einem mehrheitlich vereinbarten «Code of Conduct» oder einer Compliance folgt, sondern aus einer lebendigen Beziehung zur konkreten Situation und zum anderen Menschen entsteht.
Gerade ein Stellenwechsel ist deshalb mehr als das Schliessen einer Lücke. Mit jedem Menschen verlässt auch eine bestimmte Art zu denken, zu unterrichten und Verantwortung zu tragen den Sozialorganismus. Zugleich entsteht Raum für neue Fähigkeiten, neue Beziehungen und neue Impulse. Eine Schule lebt nicht allein davon, dass ihre Funktionen erfüllt werden, sondern davon, dass Menschen sie immer wieder neu mitgestalten.

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