Klassenlehrer Andreas Günther kam 2020 an die Rudolf Steiner Schule Birseck. Davor war er 14 Jahre in Pratteln am Mayenfels und 21 Jahre in der Rudolf Steiner Schule in Schaffisheim. Seine Berufstätigkeit ging nun zu Ende und wir blicken zurück auf eine 39-jährige Lehrerlaufbahn.

Wenn Sie auf Ihre berufliche Laufbahn zurückblicken – was haben sie daraus gelernt?
Ich habe vor allem Menschenkunde gelernt. Besonders für das schulpflichtige Alter weiss ich jetzt aus Theorie und Praxis, was ein Kind oder eine Schulklasse in einem bestimmten Alter eigentlich braucht. Diese Erfahrung hat mir einen Blick dafür gegeben, wo die wirklichen Bedürfnisse der Kinder liegen – und es erschüttert mich, oft zu sehen, dass viele heutige Angebote für Kinder diesen Bedürfnissen so wenig entsprechen.
Können Sie schon erkennen, welche Früchte Ihr Engagement getragen hat, oder ist es dafür noch zu früh?
Das ist eine interessante Frage, denn der Lehrerberuf funktioniert da anders als viele andere Berufe. Ein Bauer sieht die Früchte seiner Arbeit schon nach einer Saison, aber als Lehrer? Da dauert es manchmal Jahrzehnte, bis sich zeigt, was aus dem geworden ist, was man gesät hat. Manchmal begegne ich ehemaligen Schülerinnen und Schülern und frage mich dann: Habe ich ihnen etwas mitgegeben, das sie stärkt? Oder habe ich vielleicht unbewusst etwas blockiert? Vielleicht erfahre ich das nie – oder erst viel später.
Welche Herausforderungen mussten Sie meistern?
Die grösste Herausforderung war es immer, im Unterricht den Blick aufs Ganze zu bewahren. Nicht nur beim Stoff, den ich vermitteln wollte, sondern vor allem bei den Kindern selbst und ihrer Entwicklung. Wo muss ich streng sein, um eine Entwicklung zu ermöglichen? Wo ist es besser, beide Augen zuzudrücken, um Freiraum zu lassen? Dieser Balanceakt begleitete mich jeden Tag. – Die Übung darin wird vielleicht einmal so etwas wie Altersweisheit mit sich bringen …
Was würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben wollen?
Weiter mit aller Kraft, so gut es geht, die Grundideen der Steinerpädagogik umsetzen!
Was, glauben Sie, brauchen Kinder heute und in Zukunft vor allem?
Neben den anderen pädagogischen Zielen der Steinerpädagogik sehe ich heute eine ganz besondere Aufgabe durch den Einfluss der digitalen Medien: Kinder brauchen dringend die Fähigkeit, zwischen der realen Welt und der virtuellen Welt zu unterscheiden. Rudolf Steiner hat gesagt: «Die Welt, sie zeigt mir überall als göttlich Urbild des eigenen Abbilds Wahrheit.» Was passiert, wenn Kinder heute stundenlang in einer menschengemachten, oft verzerrten virtuellen Welt verbringen und die reale, gottgeschaffene Welt kaum noch richtig kennenlernen? Wie sollen sie dann Zugang zu ihrem eigenen inneren Urbild finden, das sie in der realen Welt entdecken können? Diese Frage beschäftigt mich sehr.
Woran hatten Sie an Ihrer Arbeit am meisten Freude? Und welche Pläne haben Sie für die nächste Lebensphase?
Mein Vater war Ingenieur, und ich durfte ihm schon als Kind beim Löten helfen und die elektrischen Drähte halten – das hat meine Faszination für Physik geweckt, die mich bis heute begleitet. Nach dem Abitur 1979 studierte ich einige Jahre Informatik. Auch als Lehrer war Physik immer mein Lieblingsfach. Für die Zukunft sehe ich es als eine wichtige Aufgabe, dass Schülerinnen und Schüler ein besseres Verständnis für die Funktionsweise der Elektrotechnik entwickeln. Sie sollten ansatzweise verstehen, wie Computer und Handys als menschengemachte Geräte funktionieren, um sich nicht so von ihnen beherrschen zu lassen. Auf diesem Fachgebiet möchte ich mich künftig engagieren und Material zu einer besseren technischen Bildung beitragen.
Die Fragen stellte Sandra Chougrani

