Aus ihrer Diagnostik können präventiv
wirksame pädagogische Massnahmen
abgeleitet werden.– Ein Fallbeispiel.
Text : Bärbel Kahn
Im Verlauf eines Lebens ist die Phase zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr oft die gesündeste. Aber auch hier kann sich Seelisch-Belastendes als krankmachend erweisen, wenn das Schulkind dem länger ausgesetzt ist. Es spürt bzw. merkt, dass etwas nicht stimmt, kann aber die Situation nicht überschauen, einschätzen und reflektieren wie ein Erwachsener. Hält dieser emotionale Stresszustand über längere Zeit an, führt er dazu, dass das Kind seelisch immer dünnhäutiger und schlussendlich körperlich krank wird, ohne organische Auffälligkeiten zu zeigen. Erwachsene versuchen dem Kind zu helfen, doch oft schämt es sich oder kann die Situation nur vage beschreiben und kaum die richtigen Worte dafür finden.
In solchen Fällen haben sich seit Längerem Kinderzeichnungen als « diagnostische Hilfen » bewährt. Auch in Übergangssituationen, z. B. vom Kindergarten zur Schule, kann ein Bild– am geeignetsten sind Mensch-Haus-Baum-Bilder (MHB-Bilder)– Hinweise geben, in welcher Entwicklungsphase das Kind sich befindet und hilfreich sein, die Frage nach der Schulreife zu beantworten. Wichtig ist aber, dass die Wahrnehmung und das Kennenlernen des Kindes stets vorangehen müssen ! Das Bild allein ist keinesfalls aussagekräftig genug !
Im Zeitalter der « Bildersucht und -flucht » sind diese MHB-Bilder etwas ganz Besonderes. Sie erscheinen auf dem Papier als unbewusst ausgeführte Zeichenspuren aus dem Innern des Kindes und verweisen in diesem Alter insbesondere auf die Ausbildung der leiblichen Fähigkeiten, worunter das Beheimaten im eigenen Leib zu verstehen ist.
Neben anderen Erscheinungen macht der innere Ausdruck des Kindes Entwicklungshindernisse anschaubar, welche den Inkarnationsprozess des Kindes hemmen und sogar aufhalten können.
Anhand von Studien und Zeichnungen von Mensch-Bildern legt Rainer Patzlaff dar, wie sich durch den überproportional angewachsenen Medienkonsum die Entwicklung von Kindern in den letzten Jahrzehnten deutlich verzögert hat.[1] Unberücksichtigt bleibt darin allerdings, dass die Zeit, welche die Kinder mit den Medien verbringen (andere Sinneswahrnehmungen), woanders fehlt, vor allem für freies Spiel draussen mit Freundinnen und Freunden. Dieser Bewegungsmangel und die Abnahme sozialer Kontakte sind aus meiner Sicht vor allem dafür verantwortlich, dass viele Kinder heute motorisch und sprachlich entwicklungsverzögert und ihre sozialen Fähigkeiten wenig entwickelt sind. Das biologische Alter stimmt mit dem Entwicklungsalter nur noch selten überein, besonders bei Jungen im Einschulungsalter.
Malt ein Kind mehrere MHB-Bilder, entsteht eine ganze Entwicklungsreihe, die abbildet, wie sich das Kind durch die angewandten Massnahmen und Übungen entwickelt hat.
Eine derartige Bild-Reihe stellt eine « bildhafte Kontrolle » des Entwicklungsverlaufs über mehrere Monate oder auch Jahre dar und zeigt auf, welche Massnahmen wann und wie gewirkt haben oder auch nicht.
Die Kinder nach den Methoden der Waldorfpädagogik zu unterrichten, genügt heute oft nicht mehr und immer häufiger benötigen Kinder weitere Unterstützung.
Im Rahmen einer Kinderbesprechung können MHB-Bilder ergänzend zu den Beiträgen die Entwicklung des Kindes sichtbar machen und helfen, geeignete Hilfen und Massnahmen zur Förderung des Kindes zu finden. Der gemeinsame Suchprozess liegt im geistigen Miteinander und kann in gelingender Weise als anwesende Realität wahrgenommen werden. Veränderungen am Kind können manchmal schon am Folgetag in Erscheinung treten.
Aus dem MHB-Bild eines Kindes geht hauptsächlich hervor, inwieweit die seelisch-geistigen Bildekräfte den sinnlich-physischen ergriffen und den ätherischen Leib des Kindes durchformt und durchströmt haben und ob sie dem Kind in ihrer Freiwerdung als Lernkräfte zur Verfügung stehen oder noch an die Leibesgestaltung gebunden sind.
Das MHB-Bild vermittelt einen momentanen Gesamteindruck von :
- der Körpergeografie,
- der Raumesorientierung und
- der Seitigkeit, die sich nach und nach von einem wechselseitigen Rechts-Links-Gebrauch der Hände und Füsse bis zur Festlegung der Körperdominanz im siebten Lebensjahr entwickelt.
Mit der Seitigkeitsentwicklung und der Raumesorientierung hängt die Entwicklung von Fühlen, Denken und Wollen zusammen, was ebenfalls aus dem MHB-Bild ersichtlich werden kann. - Die Rechts-Links-Ebene stellt die Fühlebene dar.
Steht der Mensch auf der einen, der Baum auf der anderen Seite des Hauses ? - Die Ebene Oben-Unten verweist auf die Denkebene. Gibt es Himmel und Erde ?
- Die Ebene Vorn-Hinten stellt die Willensebene dar.
Gibt es Perspektivisches ?
Beim MHB-Bild steht der Entwicklungsaspekt im Vordergrund. Daneben können Erkenntnisse zum Gleichgewicht, zur seelischen und gesundheitlichen Verfassung u.a. gewonnen werden. Ebenso drücken sich auf dem MHB-Bild Gefühle wie Freude und Trauer, Beziehungen zu anderen Menschen, meist zur Familie, zu Tieren sowie zur Umwelt aus. Daneben gibt das Bild auch Aufschluss über die Zeichenfähigkeit des Kindes.
Das HAUS stellt in seiner archetypischen Form mit dem Hauskörper als Quadrat den physischen und den ätherischen Leib dar. Das Dachdreieck ist als Ausdruck des Seelisch-Geistigen zu verstehen.
Die Einzelheiten des Hauses, wie Fenster, Tür, Balkon, Schornstein u.a. zeigen die Körpergeografie, die die seelisch-geistigen Kräfte in den ersten sieben Lebensjahren aufgebaut hat.
Die GESTALT DES MENSCHEN verweist in seiner dreigliedrigen Darstellung von Kopf, Rumpf und Gliedmassen (Arme und Hände, Beine und Füsse) darauf, in welchem Mass die freigewordenen Kräfte des Ätherleibes nach dem Zahnwechsel für das Lernen zur Verfügung stehen. Malt ein Kind die Gestalt bis in die Fingerspitzen und in die Füsse hinein vollständig, dann ist es körperlich wirklich schulreif.
Der BAUM steht in vielfältiger Weise mit dem rhythmischen System im Zusammenhang und verweist auf den Einfluss des Atems auf das Nervensystem. Als « Lebensader » zeigt der Baum in seiner detaillierten Darstellung mit Wurzeln, Stamm und Krone den Weg der Seele in die Atem organisation hinein und im Laub wird der Lungenbereich sichtbar. Die Gestaltung der Ast- und Zweigstruktur deutet auf die Ausbildung des Nervensystems (Denkstrukturen) hin.
Nachfolgend wird anhand eines Beispiels dargestellt, was abgelesen/erkannt und gedeutet bzw. bewertet werden kann und welche Massnahmen dem Kind in seiner Entwicklung gesundend geholfen haben.
KLARA– ein Fallbeispiel
Erste Überprüfung : Aufgrund einer schulärztlichen Untersuchung sollte Klara im August 2005 eingeschult werden, jedoch waren die Eltern nicht sicher, ob sie wirklich schon reif genug für die Schule war. Durch die Lerntherapie ihres Sohnes hatten sie mich und meine Arbeitsweise kennengelernt und so stellten sie mir im Mai 2005 die kleine blonde Klara, sechs Jahre und vier Monate alt, zur Überprüfung ihres Entwicklungsstandes und der Schulreife vor. An ihrer linken Hand waren von Geburt an die letzten zwei Finger verkürzt.
Es stellte sich heraus, dass Klaras Körperdominanz noch instabil war, serielle Bewegungsabläufe (Hampelmann u.a.) fielen ihr sehr schwer und sie verfügte noch nicht über die nötige Rechenreife. Um Klara noch Zeit für ihre körperliche Entwicklung zu geben, empfahl ich den Eltern sie ein weiteres Jahr im Kindergarten zu lassen, zumal sie ihn auch gern besuchte. Später erfuhr ich von ihrem Bruder, dass Klara doch eingeschult worden war.
Zweite Überprüfung : Am Ende der ersten Klasse stellten mir die Eltern Anfang Juli 2006 ihre Tochter erneut zur Überprüfung vor. Klara war nun siebeneinhalb Jahre alt, schlank und wohl proportioniert, auf dem Kopf trug sie eine rote Kappe mit einem grossen Schild. Einerseits machte Klara auf mich einen fröhlich-kindhaften Eindruck, zugleich blickte sie mich ernst und nachdenklich an. Nachdem wir einige Zeit miteinander verbracht hatten, konnte sie mir gut in die Augen schauen. Auf meine Fragen antwortete Klara mit kräftiger Stimme und deutlich sprechend, grammatisch noch nicht immer richtig. Während der zwei Stunden arbeitete Klara konzentriert mit, die Aufgabenstellungen verstand sie überwiegend gut. Beim Verabschieden sagte ich zu ihr : « Mach‘s gut, Klara, vielleicht sehen wir uns wieder. » Daraufhin sah sie mich an und antwortete sicher : « Ganz bestimmt ! »
Wahrnehmungen und Fähigkeiten : Die wechselseitige, instabile Körperdominanz war im vergangenen Jahr unverändert geblieben. Klara schrieb und zeichnete mit der rechten Hand, benutzte aber auch öfter ihre linke Hand als Führungshand. Das linke Auge war führend, sodass eine gekreuzte Dominanz zur Schreibhand vorlag. Das Ohr war eindeutig rechts und der Fuss mehr rechts als links, aber auch noch instabil. Klara bewegte sich angespannt und beim Hüpfen kam sie hart auf (innerer Druck); serielle Bewegungsabläufe brachte sie durcheinander; verbindende Gedächtnisleistungen, wie die Buchstaben-Laut-Zuordnung, gelangen nur vereinzelt. So fiel ihr das Lesen auch mit Hilfe sehr schwer. Lesen und schreiben bereiteten Klara grossen Stress (körperlich angespannt, motorisch unruhig und flache, gepresste Atmung). Sie hatte begonnen, beides möglichst zu vermeiden.
Im Zahlenraum bis 20 « rechnete » Klara an den Fingern zählend hoch und runter, selbst 2 + 3 zählte sie an den Fingern ab. Mengen konnte sie nicht erfassen. Die körperliche und auch die seelisch-geistige Entwicklungsverzögerung betrug etwa ein bis zwei Jahre.
Am Ende der Überprüfung malte Klara in ihrem achten Lebensjahr ihr erstes MHB-Bild in knapp sechs Minuten. Bei der davor zu absolvierenden Bewegungsabfolge kam sie durcheinander.
Das erste MHB-Bild

Beschreibung : In der Mitte des Blattes befand sich auf grünem Untergrund eine grosse Menschengestalt. Das Gesicht und ein stehendes Rechteck (Hals, Oberkörper ?) waren kräftig schwarz umrissen. Eine blaue Kette mit einem roten Herzen zierte diesen Bereich. Die Arme kamen als gelbe Striche rechtwinklig aus der Körpermitte hervor, daran befanden sich gelbe « blumige » Finger. Die Anzahl entsprach genau fünf, obwohl Klara an der linken Hand nur zwei Finger und den Daumen hatte. Zwei schwarze Haarsträhnen standen steif vom Kopf ab, auf dem sich kappenähnlich ein schräg sitzender, hellvioletter Haarreif befand. Zwei dunkelblaue Augen und ein roter lachender Mund bildeten das Gesicht. Das Untere des Körpers bestand aus einem grossen Dreieck, welches bis zum Boden reichte und hellblau ausgemalt war, unten befanden sich einige horizontale, gelbe Striche (Schuhe/Goldgrund ?). Auf der linken Blattseite stand ein einfacher Baum ohne breite Basis, dessen starker, schwarz ausgemalter Stamm bis zum Blattrand hinunterreichte, nach oben verjüngte er sich leicht. Drei einfache Bögen bildeten die grün ausgemalte Laubkrone, Äste und Zweige gab es nicht. Das zartviolett gezeichnete, farblose Haus, war auf der rechten Blattseite nur halb zu sehen. Ein Strich trennte den Hauskörper vom Dach, worin sich je ein Fenster mit seitlichen Gardinen befand, das grössere im Hauskörper war mit einem Blumenstrauss geschmückt. Die Eingangstür, deren Knauf mittig sass, befand sich eng an der linken Hauswand. Wie der Mensch reichte das Haus bis zum Boden hinunter. Unter einem flüchtig ausgeführten, blauen Himmel waren zwischen drei dunkelblauen Wolkenumrissen mehrere schwarze Vögel zu sehen. Auf der linken Seite schien eine Sonne mit kurzen, dicken Strahlen.
Auswertung : Die Urbilder Quadrat und Dreieck sind bei dem halb abgebildeten Haus nicht vollständig abgebildet. Der mittig sitzende Knauf der Eingangstür deutet auf die wechselseitige Händigkeit. Diese instabile Körperlichkeit scheint dem Eingliedern des Seelisch-Geistigen wie im Wege zu stehen. Unter dem grossen dreieckigen Kleid der Menschengestalt sind die Beine/Füsse versteckt, d. h. sie sind noch nicht frei zum Gehen, was in ähnlicher Weise auch für die Arme/Hände gilt. Die schwarzen Haare können den Eindruck von seelischer Bedrücktheit hervorrufen. Ebenso wirken die Wolken und Vögel etwas bedrohlich (diffuse Ängste). Die Sonne auf der linken Seite deutet auf Freude und Sicherheit in der Vergangenheit des Kindes.
Elterngespräch : Im Diagnosegespräch legte ich den Eltern dar, dass Klara im gesamten Verlauf der ersten Klasse permanent überfordert war. Obwohl sie sich sehr angestrengt hatte, war sie dem Lernstoff nicht gewachsen. Ich empfahl den Eltern, Klara die erste Klasse wiederholen zu lassen. So würde sie Zeit zum Nachreifen der leiblichen Fähigkeiten, insbesondere zur Stabilisierung der Körperdominanz bekommen. Und in der Schule würde sie den Lernstoff ein zweites Mal ganz anders aufnehmen können. Die Eltern konnten sich nicht dazu durchringen und so begann Klara die zweiten Klasse in ihrem gewohnten Klassenverband. Parallel dazu entschlossen sie, sich ihre Tochter zu mir zu geben, um mit ihr an ihrem leiblichen Entwicklungsrückstand zu arbeiten.
Übungen : Mit Beginn der zweiten Klasse kam Klara regelmässig einmal wöchentlich für eine Stunde zu mir. Schreiben, Lesen und Rechnen spielten anfangs eine nebengeordnete Rolle. Meist fühlte sich Klara schlapp und müde, doch die Bewegungsübungen machte sie freudig mit. Besonders hatte es ihr das Seilspringen für die Körpergeschicklichkeit, die Verbesserung der Koordination und die Harmonisierung der Atmung angetan. Bei der Dominanz stärkenden Übung für die rechte Körperseite[2] strengte sich Klara sehr an und am Ende genoss sie liegend ruhig lauschend den Märchen. Im Zahlenbereich arbeitete ich mit ihr bis 20, vor allem mit Bällen. Am Schreibtisch wollte sich Klara nur unwillig mit den Zahlen beschäftigen. Dem Gedanken, dass nach der Neun der erste Zehner voll ist und dann mit den neuen Einerzahlen alles wieder von vorn beginnt, konnte sie kaum folgen. Fortschritte beim Rechnen blieben aus und für das Erledigen der Hausaufgaben benötigte Klara viel Zeit und Motivation. Der Leistungsabstand zu ihren Mitschülern wurde immer grösser, was sie bemerkte und immer trauriger werden liess. Ständiger Druck und Misserfolge führten bei Klara zu Stress und erheblichen Schlafproblemen. Sieben Monate nach dem ersten MHB-Bild malte Klara ihr zweites MHB-Bild in 15 Minuten; sie war gerade acht Jahre alt geworden. Mit der Bewegungsabfolge kam sie gut zurecht.
Das zweite MHB-Bild

Beschreibung : Die Reihenfolge der drei Haupt elemente war im Vergleich zum ersten MHB-Bild unverändert : links der Baum, in der Mitte der Mensch und rechts das halbe Haus. Die dreigegliederte Menschengestalt stand auf grünem Grund und war mit roten und rotvioletten Farben ausgemalt, Arme und Beine hatte Klara mit einem hautfarbenen Stift etwas dicker gezeichnet. Es gab einen Hals, die Arme kamen aus den Schultern und die fünf « blumigen » Finger waren rot umrandet, wodurch sie, genau wie die roten Schuhe, besonders auffielen. Das Gesicht war mit Augen, Nase und lachendem Mund hautfarben, die Haare gelb (rot unterlegt) gezeichnet. Der Baum verfügte über einen geraden, braun ausgemalten Stamm, dessen verbreiterte Basis leicht angedeutet war, kurze Wurzelfäden reichten in den Boden hinein. Von unten bis zur Krone hinauf rankten sich um den Stamm rotviolett blühende Rosen. Die leicht hellgrün ausgemalte Laubkrone war wellig ausgeführt, darauf lagen verteilt einige Kirschen. Links des Baumes hatte Klara auf einer grünen Wiese zwei grosse, violett blühende Blumen gemalt. Am linken oberen Eck war eine Sonne mit rot-orange-gelben Strahlen abgebildet. Die Ausformung des halben Hauses ähnelte dem Haus des ersten MHB-Bildes, doch waren Hauskörper und Dach, das obenauf mit Ziegeln belegt war, nun flächig rot ausgemalt. Rechts im Dach ist ein diagonaler Strich angedeutet. Die gelb gefärbte Haustür, deren Knauf sich auf der linken Seite befand, war mit zwei roten vertikalen Strichen versehen.
Auswertung : Für das zweite MHB-Bild hat sich Klara eine Viertelstunde Zeit genommen und die dreigliedrige Menschengestalt detailliert und farbig gezeichnet. Die Ausführung der Gestalt und die rotviolette Farbe verweisen deutlich auf das Entwicklungsgeschehen : Seelisch-Geistiges ist in die Körperlichkeit eingeströmt. An den Rosen am Baumstamm und den zwei grossen Blumen lässt sich Freude und seelisches Aufatmen ablesen. Die Kirschen deuten auf eine erste Ernte für die bisher geleistete Arbeit. Die bedrohlich wirkenden Wolken und die Vögel sind verschwunden, ebenso die Farbe Schwarz (kaum noch Ängste). Allerdings fällt die mehrfarbig gezeichnete Sonne spannungsreich auf. Das Haus ist wieder halb dargestellt, bekommt aber durch die rote Farbgebung Gewicht und Anziehungskraft; das Rot deutet auf innere Aktivität. Der diagonale Strich im Dach kommt mir wie ein perspektivischer Versuch vor, so wie auch die Wellen der Laubkrone. Der linksseitige Knauf der Eingangstür ist gut für Rechtshänder geeignet. Im Moment des Malens war die rechte Hand die Führungshand, ob das so bleiben würde, musste abgewartet werden. Die zwei Fenster, eins im Hauskörper und eins im Dachdreieck, ähneln denen im ersten MHB-Bild. Trotz steigender Anforderungen in der zweite Klasse hat Klara im Verlauf von sieben Monaten in ihrer leiblichen Entwicklung ca. ein halbes Jahr aufholen können.
In einem Elterngespräch, bei dem wir beide MHB-Bilder vergleichend betrachtet und besprochen hatten, berichtete die Mutter, die Klassenlehrerin hätte empfohlen, Klara mit Beginn der Osterferien in die erste Klasse zurückzuversetzen. Sie hätte durch die Lerntherapie in ihrer körperlichen Entwicklung aufholen können (gewachsen, kräftige Statur), doch sei der Leistungsabstand zu den anderen Kindern sehr gross. Über diese Empfehlung war ich sehr froh und machte den Eltern Mut, sich darauf einzulassen. Ihr Hauptargument dagegen waren die Freundschaften in der Klasse, sodass sie sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden wollten. Erst als ich ihnen verdeutlichte, dass die individuelle Entwicklung Vorrang haben müsse und Kinder in dem Alter rasch neue Freundschaften schliessen würden, willigten sie ein.
So besuchte Klara ab dem April 2007 erneut die erste Klasse, wo sie sich von Anfang an sehr wohl fühlte. Mehrmals erzählte sie, dass die Kinder und auch die Lehrerin sehr nett seien. Leider war Klara bis zum Schuljahresende des Öfteren krank (erschöpfte Lebenskräfte), so dass sie den Lernstoff nicht gänzlich wiederholen konnte.
In den letzten Stunden vor den Sommerferien holte ich mit Klara den waldorftypischen Rechenansatz der erste Klasse nach – die Einheit, die Eins, ist die grösste Zahl, alle anderen Zahlen sind in ihr enthalten. Ich hatte die Hoffnung, dass dies Klaras Einstellung zur Zahlenwelt verändern würde, denn Eins ist gut überschaubar !
Veränderungen und weitere Übungen : In den Sommerferien erholte sich Klara gut und bekam durch die anschliessende Wiederholung der zweite Klasse und die Fortsetzung der Lerntherapie die Möglichkeit, neben dem weiteren Nachreifen und Stabilisieren der leiblichen Fähigkeiten auch leistungsmässig an ihre Klassenkameraden anzuschliessen, sowohl beim Rechnen als auch beim Schreiben und Lesen.
Klara führte weiterhin verschiedene Körper strukturierende und serielle Bewegungsübungen aus. Zum Verbessern der Lesefähigkeit malte sie mit Aquarellfarben mehrmals das Bild « Gelbe Sonne am blauen Himmel ».[3] Sehr gern sprach sie Reime und Sprüche mit mir, die sie danach aufschrieb und las. Wir sangen einfache Kinderlieder, klatschten und trommelten und spielten auf dem Glockenspiel. Sie erlernte das Stricken und mit viel Willenskraft auch das Häkeln. Sie malte Mandalas aus und entwarf eigene Kreisteilungen.
Schon nach wenigen Monaten zeigte sich, dass Klara im zweiten Anlauf leistungsmässig mit den Kindern in der zweite Klasse mithalten konnte. Eltern und auch Lehrpersonen bestätigten, dass Klara geistig wacher geworden war und nun beim Rechnen zu den guten Schülern gehörte. Dazu hatten kinesiologische Überkreuzübungen[4], eine Konzentration stärkende Übung und ständige Wiederholungen im Leistungsbereich entscheidend beigetragen.
Einige Monate vor Vollendung des neunten Lebensjahres, mit Beginn der Rubikon-Phase, traten bei Klara vermehrt Probleme bei der Rechtschreibung auf. Ab da richtete sich meine Unterstützung vor allem auf das Erlernen des richtigen Schreibens. Rasch konnte Klara altersgemäss mit den wichtigsten Regeln umgehen; darüber hinaus konnte sie ihre Handschrift verbessern und das Schreibtempo erhöhen.
Ein Jahr und sieben Monate nach dem ersten MHB-Bild und ein Jahr nach dem zweiten malte Klara ihr drittes MHB-Bild in etwa 20 Minuten, sie war gerade neun Jahre alt geworden. Diesmal gelang ihr die Bewegungsabfolge leicht und fehlerfrei.
Das dritte MHB-Bild

Beschreibung : Auf den grünen Untergrund malte Klara zunächst ganz rechts den Baum, dessen hellbraun ausgemalter Stamm sich nach rechts neigte, die Basis war leicht verbreitert. Die wellige Laubkrone, deren linke Seite differenzierter als die rechte ausgeführt war, neigte sich etwas nach links, Früchte trug der Baum keine. Danach malte Klara in die Mitte des Blattes ein vollständiges Haus. Hauskörper und Dach waren voneinander getrennt und beide hellblau ausgemalt. Im Dach gab es ein, im Hauskörper zwei kleine und ein breites Fenster, alle mit seitlichen Gardinen versehen. Einen Schornstein zeichnete Klara nicht. Eine mittig angeordnete Haustür verfügte wieder über einen linksseitigen Knauf, geeignet für Rechtshänder. Als drittes gestaltete Klara zwischen Baum und Haus die Menschengestalt, dreigliedrig und fein ausdifferenziert. Das langärmlige Kleid war mit blauen Blüten und orangefarbenen Punkten geschmückt. Die hautfarben ausgemalten Hände differenzierten sich in je vier Finger, die Daumen fehlten. Die Füsse steckten in schwarzen Stiefeln. Das Gesicht bestand aus zwei orangefarbenen Augen, einer kleinen « Strichnase », einem breiten, orangefarbenen lachenden Mund und Ohren. Ein brauner Haarreif hielt die halblangen, blonden Haare hinter den Ohren zurück. Im (farblosen) Luftraum schwebte ein bunter Schmetterling, darüber malte Klara zwei blaue Wolkenumrisse. Oben zeigte sich über das ganze Blatt ein blauer Himmel; links war eine goldfarbene, leuchtende Sonne zu sehen.
Auswertung : An der Menschengestalt wird sichtbar, wie die Kräfte der Seele das Kind völlig durchströmt haben : Wie fein ist das lachende Mädchen gezeichnet und wie schön ist es gekleidet ! Arme und Beine sind kräftig ausgeführt und ausgemalt. Anstatt fünf hat es nur vier, dafür aber richtig geformte und farbig gestaltete Finger. Der lange Hals erlaubt dem Kind, sich zu drehen und zu wenden, um die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Mit den Ohren kann es hören, was ringsherum geschieht – alle Sinne sind zum Wahrnehmen weit geöffnet.
Das kleine, hellblau ausgemalte Haus ist nun erstmals vollständig abgebildet und steht zu Recht in der Mitte des Blattes. Weil ihre Körperlichkeit reif dafür war, konnte Klara entwicklungsmässig hauptsächlich daran tätig sein. Die seitlichen Gardinen an allen Fenstern bestätigen den Eindruck, dass sich Klara in der Rubikon-Phase befindet. Sie muss sich schützen können ! Passend dazu ist der sich etwas nach rechts neigende Baum. Die Sonne auf der linken Seite sowie Himmel und Wolken beleuchten und beschützen alles, der grüne Untergrund trägt und verbindet Mensch, Haus und Baum (obere und untere Dimension).
Die Zeichenrichtung verlief von rechts nach links, entgegen der üblichen Schreibrichtung. Die Menschengestalt hätte sehr gut auf die linke Blattseite gepasst, aber Klara malte sie zwischen Haus und Baum, wodurch das Bild eine rechtsseitige Betonung erhält. Später füllte sie den leeren Platz auf der linken Seite mit einer Blume aus (unsichere Seitigkeit).
Veränderungen und neue Übungen : Klara hatte gelernt, dass sie sich anstrengen muss, um eine Übung richtig und schön ausführen zu können, und das nicht nur einmal, sondern auch ein zweites und drittes Mal. Es fiel ihr selbst auf, dass sie ständig gute Fortschritte machte und sie wollte immer schwierigere Dinge tun. Eines Tages überraschte sie mich mit dem Vorschlag, das Häkeln erlernen zu wollen. Bei den verkürzten Fingern ihrer linken Hand musste sie sich dabei sehr bemühen. Doch Klara wollte es unbedingt und weil sie auch zu Hause daran gearbeitet hatte, war schon bald ein bunter Teppich für ihr Puppenhaus fertig.
Neben strukturierenden und seriellen Bewegungsübungen arbeiteten wir weiterhin an verschiedenen Rechtschreibregeln und übten die Reihen des kleinen Einmaleins (serielle Übung).
Ab August 2008 besuchte die neuneinhalbjährige Klara die dritte Klasse. In den Sommerferien war sie sehr gewachsen und in unseren Stunden zeigte sich, dass sie körperlich stärker und auch geschickter geworden war. Sie erschien seelisch ausgeglichen, geistig wach und machte ausdauernd und selbstständig mit. Beim Rechnen und im Fach Deutsch und auch in anderen Fächern erbrachte Klara gute schulische Leistungen und berichtete stolz davon.
Kurz vor Ende unserer gemeinsamen Zeit malte Klara, neun Jahre und acht Monate alt, das vierte MHB-Bild in 17 Minuten, acht Monate nach dem dritten Bild. Zwischen dem ersten und dem vierten MHB-Bild lagen zwei Jahre und drei Monate. Wieder gelang ihr die Bewegungsabfolge leicht und richtig.
Das vierte MHB-Bild

Beschreibung : Mitten auf dem Blatt befand sich auf hellgrünem Boden eine sehr grosse, orange-blau gekleidete Menschengestalt. Ein grosser roter, lachender Mund, eine Nase und blaue Augen mit Pupillen bildeten das Gesicht, die blonden Haare wurden von einem hellblauen Haarband mit Schleife gehalten. Die fünf Finger der gesunden Hand und die zwei Finger und der Daumen an der anderen Hand waren gut zu sehen. Die kugeligen Füsse steckten in braunen Schuhen. Neben dem Kind befand sich links der Baum mit einem fast geraden Stamm, aus dem einige Wurzelfäden in das Erdreich hineinwuchsen. Der Übergang vom Stamm zur Krone war leicht verbreitert (verdeckte Äste ?), spiralförmiges Laub bildete das Blattwerk und reife Kirschen hingen paarweise am Baum. Das Haus befand sich auf der rechten Blattseite. Der Hauskörper war hellblau, das Dach rot ausgemalt und mit einer Ziegelstruktur versehen, einen Schornstein gab es nicht. Die zwei oberen und das untere breite Fenster im Hauskörper verfügten über seitliche, zartlilafarbene Gardinen. Die Eingangstür mit linksseitiger Klinke befand sich direkt an der linken Hauswand und war rotviolett ausgemalt. Himmel und Wolken, Sonne und Blumen waren nicht zu sehen.
Auswertung : Bevor Klara mit dem Malen begann, fragte sie : « Also, ich soll versuchen einen richtigen Menschen zu malen ? Der Mensch ist immer das Schwierigste. Aber ich weiss schon, wie. Das wird ein grosser Mensch ! »
Die prächtige, dreigliedrige Menschengestalt ist völlig durchformt, sie strahlt Freude und Stärke aus. Lediglich die kleinen Füsse deuten an, dass das Kind noch nicht ganz « geerdet » ist. Haus und Baum sind zum Menschen proportional eher klein ausgeführt. Das Haus erscheint als Ganzes, das Dach ist mit Ziegeln versehen und leicht rot gefärbt, Denkstrukturen sind angelegt, Kognitives wird gut bewältigt. Der Baum trägt saftige, reife Früchte im Sinn von Ernte für das in der Vergangenheit Geleistete. Klaras Entwicklung war hauptsächlich auf die menschliche Gestalt und das Haus gerichtet, weshalb Himmel, Wolken, Sonne und Blumen auf diesem Bild fehlen (dürfen).
Zur Reihenfolge des Malens : Zuerst hat Klara links den Baum, dann rechts das Haus und zuletzt mitten hinein die grosse Menschengestalt gemalt, von der sie eine klare Vorstellung hatte, denn selbst die unterschiedliche Anzahl der Finger hat sie berücksichtigt. Somit verläuft nun die Zeichenrichtung von links nach rechts entsprechend der üblichen Schreibrichtung.
Schlussbemerkungen : Durch die Dominanz stärkenden, die strukturell-seriellen, intermodalen und vielen anderen Übungen hatte Klara in gut zwei Jahren ihren körperlichen und seelisch-geistigen Entwicklungsrückstand vollständig aufholen können. Doch um welchen Preis ! Auf Grund der ungenügenden Schulreife war für Klara die erste Klasse eine ständige Überforderung gewesen, ebenso der Start in die zweite Klasse. Dass ihre Lehrerin den Eltern vorgeschlagen hatte, Klara nach den Osterferien in die erste Klasse zurückzuversetzen, war ein grosses Glück und kam gerade noch rechtzeitig für sie. In die neue Klassengemeinschaft hatte sich Klara rasch hineingefunden und auch mit dem Lernstoff kam sie gut mit. Doch drückte sich in den häufigen Erkrankungen ihr Erschöpfungszustand aus, der sich auf Grund der langen Überforderungssituation eingestellt hatte. Nach der Erholungsphase in den Sommerferien konnte sich Klara mit Beginn der dritten Klasse gesund entwickeln und ihre tatsächlichen Talente zum Ausdruck bringen.
Ein Schulstart mit Nicht-Mitkommen-Können und Wiederholung wirkt sich immer seelisch und körperlich schwächend aus. Die anhaltende Überbelastung ist mit dem Gefühl des Versagens und des Nicht-Genügens verbunden und beeinträchtigt das Selbstwertgefühl. Es kommt zu Stress, zu psychosomatischen Erscheinungen und kann bis zu depressiven Verstimmungen führen.
Zum Abschied überraschte mich Klara mit einem gehäkelten Zwerg, den sie mir mit lieben Dankesworten freudestrahlend überreichte.
Auszug aus dem Buch « Mensch-Haus-Baum-Bilder, Kinderzeichnungen lesen lernen » von Bärbel Kahn, das bei der Pädagogischen Forschungsstelle erscheinen wird.
Rainer Patzlaff : Kindheit zwischen Lockdown und Digitalisierung, Medizinisch-Pädagogische Konferenz, Heft 99/2022, S. 7 ff. ↩︎
Vgl. Audrey McAllen : Extrastunde, Stuttgart 2020, S. 169 – 174. ↩︎
Ebd., S. 204 ↩︎
Ludwig Koneberg und Gabriele Förder : Kinesiologie für Kinder, München 2005, S. 63 – 70. ↩︎

