Lyrik – Klang – Bewegung

Text: Heidrun Weber | Fotos: RSS St. Gallen


Die Lyrik-Epoche im 10.Schuljahr ist einer der «Klassiker» des Lehrplanes. Sich mit der «verdichteten» Sprache auseinanderzusetzen, die Entwicklung der Lyrik durch die Jahrhunderte und Stilepochen hindurch kennen zu lernen und zu verstehen, Gedichte zu analysieren und zu deuten – und auch selber kreativ Gedichte zu schreiben: Das sind die Inhalte, die «normalerweise» in diese Epoche gehören.
Den beiden Fachlehrpersonen in Deutsch und Eurythmie war es ein Anliegen, die Lyrik neben diesen herkömmlichen Herangehensweisen auch von einer anderen Seite erfahrbar zu machen: nämlich durch das Spiel mit Klängen und Wort-Bildern. So planten die beiden Lehrkräfte eine gemeinsame Epoche mit Sprache, Klang und Bewegung.
Die Grund-Idee war, dass die Schülerinnen und Schüler zunächst einmal ganz einfache, schlichte lyrische Versuche machten – ob Haikus oder andere kleinere drei- bis sechszeilige Gedichte. Es ging darum, erst einmal eine Sammlung an selbst geschriebenen kürzeren Gedichten zu erstellen, die möglichst klare, stimmungsmässig fassbare Bilder in sich tragen.
In einem zweiten Schritt brachten die Schülerinnen und Schüler verschiedene Gegenstände mit, mit denen man interessante Klänge erzeugen kann: Gläser, eine Noppenfolie, Bürsten, Zeitungspapier, Reis in einer Metallschale, einen Eierschneider, Topfdeckel … der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Mit diesen klängeerzeugenden Gegenständen wurde nun an zwei Tagen geübt, Klangbilder herzustellen.


Danach teilten sich die Schülerinnen und Schüler in fünf Gruppen auf für den dritten Schritt. Dieser bestand darin, dass jede Gruppe sich aus den selbst geschriebenen Gedichten eines aussuchte, um es in ein Klangbild zu «giessen». Es ging also darum, mit den verschiedenen Gegenständen eine Klang-Collage zu entwickeln, die sowohl zeitlich wie räumlich die Stimmung des Gedicht-Textes wiedergibt, ohne aber ein Wort aus dem Gedicht darin zu sprechen! Diese Aufgabe war einerseits eine grosse Herausforderung, weckte aber die Kreativität der Jugendlichen auf ungemein belebende Weise. Bald waren alle vertieft in die Kreation ihrer Klang-Collagen und es entstanden unglaubliche Bilder – rein durch die erzeugten Klänge.
Da es leider hier in schriftlicher Form nicht möglich ist, einen Eindruck dieser Klang-Collagen zu vermitteln, seien hier wenigstens drei der Gedichte wiedergegeben, zu denen eindrückliche Klangbilder entstanden:

Winter
An einem späten Winterabend
Still liegt der Schnee auf den Strassen.
Neu rieselt es leise,
Auf die Gleiche stille Weise,
Und Frieden in Häusern und Gassen.
Victor Kesseli
Des Himmels düstre Last
Der Wolken schwere Last ruhet über
Des gold’nen Kornes Feldern wieder
Ein kühler Wind Bedrohung bringt
Verdeckt von Wolken ruht die Sonne
Es scheint als tät’ der düstre Schleier
Zu sinken immer tiefer ab.
Der Donner mahnt aus nahen Fernen
Bald tobt des Himmels Wut herab.
Der Regen schlägt vom Himmel nieder
Und Donnerblitze zucken über
Der weiten Lande Felder, Ähren
Im Schein des gold’nen Lichtes liegen.
Carina Mitterlechner
Wünschen
Laternen steigen gen Himmel schnell
Und leuchtende Wünsche erstrahlen hell
Weit in die Höhe entschwinden.
Gedanken und Hoffnungen schweben dort droben,
bis alle die Funken zum Himmel entstoben,
Die Blicke im Äther sich finden.
Gianna Hasler

Die von einer Gruppe erstellte Klang-Collage zu dem Gedicht «Wünschen» wurde schliesslich in einem vierten Schritt ausgewählt, um darauf dann mit einer grösseren Gruppe von Schülerinnen und Schülern eine eurythmische Choreographie zu entwickeln, die diese klangliche Stimmung wiedergibt. Natürlich war der Anspruch, dass das Gedicht durch die Bewegung, die sich an dem «komponierten» Klangbild orientierte, wieder in Erscheinung tritt respektive hindurchschimmert.


Diese Eurythmie-Choreographie kam dann bei der ersten Quartalsfeier des Schuljahres zur Aufführung – und erzeugte eine unglaubliche Wirkung! Die Schülerinnen und Schüler bewegten dieses Klang-Bild in höchstem Masse ausdrucksstark und mit grosser Ernsthaftigkeit, die auf das faszinierte Publikum übersprang. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, denn abgesehen von den Tönen der Klang-Collage war es mucksmäuschen-still im Saal.
Diese besondere Epoche wird allen, die dabei waren, in Erinnerung bleiben als ein ganz besonderes, künstlerisch hochwertiges, gemeinsames Erlebnis, das vielleicht den einen oder die anderean die tieferen Schichten und die Schönheit der Lyrik herangeführt hat.
Florian Rothacker, Fachlehrer Deutsch; Eva Maria Hammon, Fachlehrerin Eurythmie

Wirtschaft, Politik und Recht
Die Epoche zu Wirtschaft, Recht und Politik für die 10.–12.Klasse findet jeweils an einer Woche im September und an zwei Wochen im Februar statt. Sie ist für die Schülerinnen und Schüler ein Moment des reflektiven Sich-Wiederfindens mit Bezug zum Alltag. Zu reflektieren über den eigenen Konsum, über die aktuellen Nachrichten aus Wirtschaft und Politik, über Vereinbarungen und Verträge, bei einigen auch über das baldige Wahl- und Stimmrecht, führt immer wieder zu Aha-Erlebnissen, aber auch zu kritischen Fragen oder gar kontroversen Debatten. Als Lehrkraft schätzt man diese Tage, weil vor allem junge Menschen schon verschiedene Erfahrungen mitbringen und aktuelle Fragen und weiterführende Gedanken mit sich tragen.


In der Wirtschafts-Epoche nutzen wir diese Phase bewusst, indem wir uns jedes Jahr immer wieder neuen Fragen und Themen zuwenden. Auf diese Weise erleben die Schülerinnen und Schüler über alle drei Jahre der Integrativen Mittelschule (IMS) hinweg unterschiedliche Zugänge. Im vergangenen September sind wir mit dem aktuellen Thema der Zölle aus den USA eingestiegen und haben versucht, gemeinsam zu verstehen, wie die heutigen globalen Waren- und Finanzströme gestaltet sind und wie Handelspolitik und die damit verbundenen Handelswege – gerade in diesem Frühling mit der Krise am Golf mehr denn je – davon betroffen sind. Die Abhängigkeiten und die Verbindungen zwischen Ländern und zwischen Unternehmen und Ländern stellen heute ein komplexes, fragiles Geflecht von Beziehungen dar, die gut mit Hilfe von Forschungspostern dargestellt werden können.


Ebenfalls mit Hilfe von Postern wurden einige Learning Outcomes für das Certificate of Steiner Education (CSE) erarbeitet. Die zehnte Klasse hat sich dabei mit Bevölkerungsfragen, die elfte Klasse mit der Wirkung der Digitalisierung in der Wirtschaft beschäftigt.
Firmenbesuche und Kaminfeuergespräche mit Persönlichkeiten gehören zu dieser Epoche immer dazu. In den zwei Februarwochen haben wir zuerst den Schweizer Staat mit seinen Besonderheiten durchleuchtet und dann auch die Rolle von politischen Parteien untersucht. Dabei ging es nicht nur um deren Inhalte und Versprechen, sondern auch um die Frage, warum und wozu sich Menschen überhaupt politisch engagieren. Dies haben wir eindrücklich kennengelernt anhand eines Gastes, der sich schon als 16-Jähriger an eine Jungpartei angeschlossen hat und mehrere Jahre aktiv Politik betrieben hat. Eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse für alle Beteiligten war die Tatsache, dass wir in der Schweiz eine offene Gesprächskultur über Parteigrenzen hinweg pflegen. Die Meinung von Andersdenkenden wird stets anerkannt und manchmal auch geschätzt. Dies hilft, zu gemeinsamen Lösungen zu kommen.
Pietro Beritelli, Fachlehrer Wirtschaft/Politik/Recht

Teile diesen Artikel