Die Rigischule befindet sich auf 1500 m. ü. M. in Rigi Kaltbad im Kanton Luzern. Der Unterricht findet überwiegend draussen statt und wird nach naturpädagogischen und altersdurchmischten Methoden gestaltet. Das Klassenzimmer für die elf Kinder ist eine Jurte. Durch das Arbeiten mit Naturmaterialien, das Wahrnehmen von Jahreszeiten sowie handwerkliche, musikalische und bewegungsorientierte Tätigkeiten sollen die Kinder Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit und innere Stärke erfahren. Und seit zwei Jahren gibt es das Schulfach «Glück».

Was verstehen Sie an der Rigischule unter «gesunde Schule» und wie wird im Unterricht konkret darauf eingegangen?
Jana Mumenthaler: Ich denke der wichtigste Punkt in der «Gesundheitsförderung» ist im Endeffekt der ganzheitliche Umgang damit. Gemeinsame Essenszubereitung von A bis Z, dass Unterrichtsinhalte Zeit und Raum bekommen, um eben in Ruhe angeschaut werden zu können. Auch beim Kochen: Welche Kräuter aus der Natur oder dem Schulgarten haben welche Wirkung? Was kann ich präventiv für meinen Körper tun, dass er resistent ist? Zudem: Alle zwei Wochen findet das Schulfach Glück statt, wo die Kinder konkrete Tipps zur Resilienzförderung an die Hand bekommen.

Ein Unterrichtsfach «Glück» ist an den meisten Schulen unbekannt. Mit welchem Ziel hat die Rigischule dieses Fach eingeführt?
Marion Fercher: Ich las einen Bericht über den Glücksunterricht in skandinavischen Ländern und Österreich, was mich sehr inspiriert und motiviert hat, dies auch an unserer Schule einzuführen. Ziel war, Resilienz, Empathie und Zuversicht zu stärken, vor allem wenn es im Leben grad nicht so rund läuft, das heisst Werkzeuge an die Hand zu geben, die die Selbstermächtigung fördern.
Marianne Camenzind: Wir wollen den Kindern von klein auf die Selbstwirksamkeit mitgeben, das Know-how, wie man sich nach starken Emotionen wieder stabilisieren, energetisch ausgleichen und stärken kann. Oder wie man sich motivieren kann, sich auf Neues einzulassen, Hindernisse zu überwinden und Schwächen zu akzeptieren. Wir greifen dafür auf Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Kinesiologie, Achtsamkeitslehre, Meditation oder Glückspsychologie zurück. Ziel ist es, eine ganzheitliche und praktische Ausbildung für Körper, Geist und Seele nach dem Motto «Ich kann das» zu vermitteln – ein Empowerment für starke «Leuchttürme» der Zukunft.


Welche praktischen Übungen machen Sie konkret?
Marianne Camenzind: Angefangen haben wir mit dem Wichtigsten – dem Umgang mit starken Emotionen: Das heisst, der kinesiologische Stressabbau mit einer Hand auf der Stirne und die andere aufs Herz legen. Oder Sich-Vergeben mit einem Herz-Reflexpunkt massieren und laut dabei sagen: «Trotzdem, dass ich … nicht gut kann, liebe ich mich.» Dann auch immer wieder die BrainGym-Übung «Hook-up» zum Runterfahren und Ruhigwerden, vor allem am Anfang der Lektion. Oder fürs «Anschalten»: die neurolymphatischen Reflexpunkte massieren, dabei einen positiven Satz energetisieren. Oder es wird ein Meridianpunkt beklopft, um die Bereitschaft zu stärken oder um Hilfe zu fragen oder sich zu motivieren, etwas Neues zu beginnen. Mit Augenkreisen oder mit den Augen einer liegenden Acht nachschauen, um ein blockiertes Thema in Fluss zu bringen. Oder mit «Cross Crawl» durch überkreuzende Bewegungen die Einseitigkeit des Denkens überwinden, dabei die beiden Hirnhemisphären vernetzen und ein motivierendes Ziel proklamieren. Der liegenden Acht entlang nachgehen mit freischwingenden Armen und dabei das blockierte Thema «freilaufen». Den Umgang mit «schwierigen Menschen» erleichtern durch die Vorstellung einer Verabschiedung im Guten. Oder sich im Innern, in seiner Fantasie einen sicheren Ort, einen «Safeplace» vorstellen, ihn mit allen Sinnen beleben und im physischen Körper dafür einen Ankerpunkt setzen. Den «Safeplace» bzw. Kraftort zeichnen und farbig ausmalen. Oder die Herzenskraft in Fluss bringen durch das Meridiane-Fahren, auch «Schutzanzug» genannt. Zur letzten Weihnachtszeit haben wir die Dankbarkeit vertieft, indem wir liebe Wünsche auf Papierherzen geschrieben haben, die im ganzen Dorf aufgehängt wurden. In diesem Advent basteln wir Wasserglas-Untersetzer mit schönen Worten, um das Wasser mit positiver Energie zu beleben. Es gibt so viele praktische Möglichkeiten, vor allem aus der Kinesiologie, welche die Energie innerhalb weniger Minuten stärkt, so dass es immer wieder eine Freude ist, aus dem Vollen zu schöpfen!

Welche positiven Effekte beobachten Sie?
Ivana Küttel: Als wir mit dem Glücksunterricht gestartet haben, gab es bei vielen Kindern persönliche Themen, zum Beispiel emotionale Ausbrüche, die den Unterricht beeinträchtigt haben. Auch die Gruppendynamik war teilweise anspruchsvoll. Seit einiger Zeit beobachte ich, dass besonders die älteren Kinder in der persönlichen Entwicklung profitiert haben, in sich gestärkt wurden und sich so die Gruppendynamik positiv entwickelt hat. Ob dies auf den Glücksunterricht zurückzuführen ist, kann ich nicht beweisen, aber er übt auf jeden Fall einen positiven Einfluss aus. Im Unterrichtsalltag haben wir mit den im Glücksunterricht erlernten Werkzeugen auch immer wieder die Möglichkeit, darauf zurückzugreifen, wenn es jemandem nicht gut geht. Das Gespür und Verständnis fürs persönliche Wohlergehen im Zusammenhang mit körperlichen und geistigen Vorgängen hat sich merklich verbessert. Das wird den Kindern immer wieder zu Gute kommen im Leben. Auch für meine persönliche Gesundheit und meine persönliche Weiterentwicklung als Lehrperson erachte ich den Glücksunterricht als sehr wertvoll.

Wie oft haben die Kinder das Fach «Glück»?
Marianne Camenzind: Ich komme nur für den Glücksunterricht jetzt im zweiten Jahr nur alle zwei Wochen. Das ermöglicht mir und den Kindern, dass wir uns in einer erfrischenden Unbefangenheit und wohltuende Neutralität im Miteinander begegnen können. Da ich aber aus dem Gespräch mit der Lehrperson weiss, welche Kinder mit welchen Schwächen ringen und was die Eltern sich für ihre Kinder wünschen, versuche ich, das eine oder andere Thema einfliessen zu lassen.

Gibt es im Fach Glück Hausaufgaben?
Marianne Camenzind: Nein, aber ich frage manchmal nach, ob die Kinder etwas vom letzten Mal zu Hause ausprobiert haben und welche Erfahrungen dabei gemacht wurden. Ich glaube, dass dieser Austausch auch jene motiviert, die nichts gemacht haben.


Wie lernen die Kinder, das, was sie im Glücksunterricht gelernt haben, im Alltag umzusetzen?
Marianne Camenzind: Wir vertiefen jedes «Glückswerkzeug» schriftlich in einem Arbeitsblatt. Das beinhaltet eine Zeichnung oder ein passendes Bild, einen Lückentext, den wir gemeinsam ausfüllen, um den genauen Ablauf zu memorisieren, und zum Schluss die Frage: «Wann brauche ich dieses Glückswerkzeug?» Damit machen wir uns alle Gedanken, wann genau uns das hilft. Ich erhoffe mir, dass damit der Praxistransfer eher geschieht. Ich weiss von Eltern, dass ihnen ihre Kinder gesagt hätten, was bei Sorgen und Stress ganz sicher und einfach helfe. Oder, dass die Kinder die kinesiologischen Übungen selber anwenden, wenn ihnen danach ist. Das zeigt, dass die praktische Umsetzung funktioniert!

Die Lage der Schule auf der Rigi ist einzigartig: ruhig, autark, naturumgeben. Inwiefern beeinflusst dieser besondere Lernort die seelische und körperliche Gesundheit der Kinder?
Jana Mumenthaler: Wir erleben die Kinder schon sehr ruhig und stark bei sich. Wie viel der Berg an sich, die kleinere Gruppengrösse, die individuelle Begleitung und die Zeit draussen ausmachen, lässt sich natürlich schwer ausmachen.

Der Unterricht findet häufig draussen statt, teils in einer Jurte. Welchen Effekt hat das regelmässige Draussenlernen. Gibt es dazu wissenschaftlichen Erkenntnisse?
Jana Mumenthaler: Explizite wissenschaftliche Erkenntnisse kann ich aus dem Stehgreif nicht zitieren. Wir stützen uns auf die Erkenntnisse des Netzwerkes der Stiftung SILVINA, die viele Gründe für das Draussen-Unterrichten aufführt, zum Beispiel, dass sich die Kinder viel bewegen und dadurch besser konzentrieren können, dass sie bewusster wahrnehmen lernen und Stress besser bewältigen können. Die Kinder lernen die Kraft der Natur kennen und diese zu schätzen. Die Motorik, Geschicklichkeit und Koordination wird andauernd gefordert und gefördert. Die Natur bietet unzählige spontane Lernfelder, die bei Interesse eines Kindes aufgegriffen werden können. Der Lehrperson wird zwar durch wetterbedingte oder unplanbare Ereignisse mehr Flexibilität abverlangt, kann jedoch den Unterricht besser auf die aktuellen Bedürfnisse der Kinder oder der Gruppe anpassen. Zudem lernen die Kinder, sich fokussiert auf etwas einzulassen, statt von den unzähligen Eindrücken drinnen überflutet zu werden. Durch die gemeinsamen Bewegungserlebnisse entsteht eine wertschätzende Beziehung zwischen den Kindern und der Lehrperson. Dies schafft neben der entschleunigenden Wirkung der Natur ein optimales Lernklima.

Welche Strukturen oder Routinen sind im Schulkonzept verankert, die die Resilienz stärken oder das Kohärenzgefühl anregen?
Jana Mumenthaler: Der Tag ist nicht strikt nach Lektionen strukturiert und auch der Stundenplan ist nach Jahreslektionen gesetzt. Es werden regelmässig Projektwochen durchgeführt, damit die Kinder richtig tief in ein Thema eintauchen können. Wir starten fast immer gemeinsam mit einem Input zu einem Thema. Später arbeiten die Kinder in der freien Lernzeit an Themen und Inhalten, die sie selbst aussuchen und üben wollen. Später haben die älteren Kinder Zeiten, in denen sie komplett frei bestimmen können, was sie tun.

Welche Haltungen, Kompetenzen oder Verhaltensweisen bringen die Lehrerinnen und Lehrer mit? Unterscheiden sie sich von herkömmlichen Schulen?
Jana Mumenthaler: Alle wollen dasselbe – und ich denke, diese gemeinsame Haltung unterscheidet sich von herkömmlichen Schulen, an welchen kaum jemals alle genau in diese Richtung wollen.
Die Eckpfeiler unserer Vision und der Haltung aller sind: Lernen soll das Herz berühren. Die Natur ist unser Lernraum und unsere Inspiration. Vertrauensvolle Beziehungen sind die Basis für das Leben und Lernen. Wir respektieren die Einzigartigkeit jedes Kindes und fördern seine Ressourcen individuell und bedürfnisorientiert. Das Lernen soll handelnd und für Kinder lebensnah stattfinden. Wir fördern Optimismus, Selbstfürsorge und Verantwortung, damit Kinder eine lebensmutige Haltung entwickeln.

Beziehungspflege und individuelle Begleitung sind an der Rigischule zentral. Was trägt diese intensive Beziehungsgestaltung zur gesundheitlichen Entwicklung der Kinder bei?
Jana Mumenthaler: Die Kinder haben Zeit, sich selbst richtig kennenzulernen und sie dürfen so sein, wie sie sind. Und gleichzeitig ihre Rolle in der Gruppe kennenlernen und reinfinden. Die Sozialkompetenz der Klasse erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Alle werden so angenommen, wie sie sind und dürfen ihre Stärken in die Gruppe reinbringen. Gefühle und Konflikte nehmen oft die halbe Klasse in Beschlag, weshalb gemeinsam eine Lösung gefunden werden kann. Die Lehrpersonen haben mehr Zeit und Raum, um auf genau diese Themen zu schauen und führen regelmässig Coachinggespräche mit den Lernenden, um gemeinsam über die aktuelle Gefühlslage und Themen zu sprechen, die sie gerade beschäftigen. So wissen alle: Dein Wohlbefinden ist uns wichtig. Und so gehen wir auch mit den Lehrpersonen und Eltern um – alle schauen zueinander.
Welchen Herausforderungen begegnen Sie in Ihrem schulischen Alltag, zum Beispiel in organisatorischer, personeller oder pädagogischer Art?
Jana Mumenthaler: Seit Gründung der Schule beschäftigen uns immer wieder die drei Themen: Haben wir genügend Schülerinnen und Schüler? Stehen wir finanziell auf sicheren Beinen? Haben wir Räumlichkeiten, die allen Bedürfnissen gerecht werden? Glücklicherweise dürfen wir nun im Frühling in grössere Räumlichkeiten ziehen. Durch die unbezahlbare Grosszügigkeit von Markus Reinhard, der die reformierte Bergkirche auf Rigi Kaltbad gekauft hat und der Rigischule die gesamten Räumlichkeiten zu einem uns unschlagbaren Preis vermietet, bekommen wir die langfristige Möglichkeit und Sicherheit, dass die Rigischule auf dem Berg ihren Platz haben wird.

Nicht alle Kinder sind offene, naturorientierte Lernformen gewohnt. Wie gut können Schülerinnen und Schüler aus traditionellen Schulsystemen Ihr Konzept aufnehmen?
Jana Mumenthaler: Bisher hatten wir keine grossen Schwierigkeiten, wenn ein Kind zu einem späteren Zeitpunkt als dem Kindergarten an die Rigischule gewechselt hat. Die Kinder sind oft sehr dankbar über die Möglichkeiten hier. Sie kamen mit dem traditionellen Schulsystem nicht klar und die Eltern haben deshalb eine Lösung gesucht. Die Kinder kennen die Haltung der Schule von zu Hause aus. Durch den engen Betreuungsschlüssel an der Schule können die Kinder in ihrer Anfangszeit auch gut begleitet werden.

Welche Weiterentwicklungen und Veränderungen für die Zukunft wünschen Sie sich?
Jana Mumenthaler: Ich wünsche mir natürlich, dass noch viele weitere Kinder in den Genuss unseres Konzepts, aber auch des gemeinsamen Lebens auf dem Berg kommen. Eine Familie hat beispielsweise das Wohnprojekt «Rigion» ins Leben gerufen, in welchem Wohnraum für Familien geschaffen wurde. Sie teilen gewisse Räume und haben sich so ein bisschen das «Dorf» geschaffen, welches für das Begleiten von Kindern und Jugendlichen so wichtig ist. Und schulisch gesehen ist die Schule sowieso ständig im Wandel, nach den Bedürfnissen der Kinder, Lehrpersonen und Eltern.


Die Fragen stellten Sonja Wagner und Mathias Maurer. (Fotos: Rigischule)
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