Im Gespräch mit dem scheidenden Vorstandsmitglied Wilfried Späth
Interview: Mathias Maurer | Foto: Ben Koechlin
Herr Späth, welches Motto begleitete Sie in den vier mal sieben Jahren als Delegierter – davon mehrere Jahre im Vorstand?
«Lernen, ein ganzes Leben vom Leben zu lernen – mit diesem Satz begann mein Eltern-Engagement im Team Öffentlichkeitsarbeit der Steinerschule Schaffhausen. Damals – Mitte der 1990er Jahre – wurde mit Ideen wie «Tage der offenen Tür», der Sprung über den mitunter hohen Schulzaun in die Öffentlichkeit gewagt.
Meiner Ansicht nach werden Vorurteile durch mangelnde Offenheit eher bestärkt. Vorurteile – von «Ist es wirklich so schlimm?» bis zu «Du bist privilegiert, dass du dort zur Schule gehen darfst» – können nur mit offenen Türen und nicht mit Abgrenzung abgebaut werden. Eltern, Schülerinnen und Schüler sind Botschafterinnen und Botschafter der Waldorfpädagogik. Sie tragen Erfolge, aber auch Misserfolge unserer Kindergärten und Schulen in ihr Umfeld.
Warum musste Schaffhausen schliessen?
Krisensituationen haben immer mehrere Ursachen und entstehen schleichend, peu à peu. Finanzielle Herausforderungen, Konfliktsituationen, Wegschauen und Relativieren führen schnell dazu, dass Eltern mit den Füssen abstimmen – ob diese Schule noch die richtige für ihre Kinder ist und ob sie sich diese leisten können oder wollen. Doch es entstand danach innert kurzer Zeit aus einer Elterninitiative wieder eine erfolgreiche Waldorfschule in den Gebäuden der Steinerschule. Die Liegenschaften wurden vorher in eine Immobilienstiftung überführt, um der neuen Schule eine sichere Grundlage zu bieten. Sie führt im Moment von der Elementarstufe bis zur 6. Klasse und ermöglicht den Schülerinnen und Schülern danach einen Übertritt an die Steinerschule Winterthur. Und sie ist als Waldorfschule Mitglied der ARGE.
Was bedeutet Ihnen die ARGE?
Eine Binsenweisheit zwar, aber ich möchte es doch betonen: Nicht «die ARGE» ist die Rudolf-Steiner- oder Waldorfschule. Es sind die Kinder, die Jugendlichen, die Eltern, die Lehrkräfte, die Schulvereine, die Kindergärten, Spielgruppen usw., aber auch die Ausbildungsstätten – sie, wir alle sind die ARGE.
Wenn wir Netzwerke bilden, wenn wir als Schulen zusammenarbeiten, schaffen wir konkrete Perspektiven für Schülerinnen und Schüler – wie damals mit der berufsweltorientierten Oberstufe in Winterthur, dem Netzwerk Oberstufen Schweiz oder der Atelierschule Zürich. Dies war – und bleibt – eine Aufgabe für uns alle. Denn Netzwerken beginnt mit Wollen und gegenseitigem Respekt und mit «Aber das muss für unsere Schülerinnen und Schüler doch möglich sein!»
Wir sind – ob Kindergarten, Schule, Koordinationsstelle oder Vorstand – immer eine Gemeinschaft und keine Einzelmasken – wie man an der Basler Fasnacht so schön sagt. In einer Gemeinschaft von Menschen aus unterschiedlichen beruflichen Hintergründen – Pädagogik, Wirtschaft, Elternschaft, Lehrkräfte – treffen verschiedene Ansichten, Auffassungen und Vorstellungen aufeinander. Unsere Aufgabe bleibt es, diese Vielfalt im Konsens von der Elementarstufe bis zum Abschluss gemeinsam zu begleiten.
Die Steiner- und Waldorfschulen haben die Freiheit, etwas auszuprobieren, wenn wir ein pädagogisches Bedürfnis erkennen. Damit konnten – und werden – wir noch viel erreichen, wenn wir es nur versuchen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass auch die Elementarstufe – von der Spielgruppe bis zur zweiten Klasse seit letztem Jahr voll in die Koordinationsstelle integriert ist. Die Kommission Elementarpädagogik ist ein wichtiger, ja elementarer Teil unserer Arbeitsgemeinschaft. Denn Spielgruppen und Kindergärten sind die Grundsteine unserer Schulen. Sie werden jetzt nicht mehr nur «mitgemeint», wenn wir von Schule sprechen.
Im weiteren war die Einführung von ENL, also der Ausbildungsunterstützung neuer Lehrkräfte in ihren Klassen, die Einbeziehung der Ausbildungsstellen als Gast am grossen Tisch. Die Einführung einer BVG-Lösung für unsere Lehrkräfte, die nur durch den unermüdlichen Einsatz von Peter Jäggli möglich war. Aber auch die verbindliche Zusammenarbeitsvereinbarung aller Schulen der ARGE, die abgeschlossenen Arbeiten zum Namensrecht und die gemeinsame Zukunftswerkstatt mit der Stiftung und Gästen waren grosse Marksteine der letzten Jahre.
Die Steiner- und Waldorfschulen haben die Freiheit, etwas auszuprobieren, wenn wir ein pädagogisches Bedürfnis erkennen.
Welcher Erfolg hat Sie neben den oben genannten besonders berührt?
Alle – die Koordinationsstelle mit Thomas Didden, der Vorstand, die Schulen sowie viele, viele Helferinnen und Helfer – konnten in kürzester Zeit auf den menschenverachtenden militärischen Angriff auf die Ukraine mit finanzieller Hilfe für die dortigen Waldorfschulen reagieren. Nicht nur finanzielle Unterstützung, auch praktische Hilfe für die in die Schweiz flüchtenden Schülerinnen und Schüler, Kinder, Jugendlichen und Eltern wurde von und an den Schulen geleistet.
Gab es auch Tiefpunkte?
Ein Tiefpunkt für mich, bereits vor meiner Zeit im ARGE-Vorstand, war das Aus für ein einheitliches Netzwerk Oberstufen Schweiz. Intention war: Es muss doch möglich sein, dass unsere Jugendlichen ihre Oberstufe schweizweit wählen können – und dass dies für die Eltern finanziell tragbar bleibt. Eine Vision war, dies auch international zu ermöglichen. Das grenzüberschreitende Netzwerk, für unsere deutschen Schülerinnen und Schüler, mit der Waldorfschule Wahlwies beweist, dass es gehen kann, wenn alle zum Wohle der Jugendlichen am gleichen Strang ziehen.
Warum gibt es keine hundert Steiner-Schulen in der Schweiz?
Für Eltern und Lehrpersonen werden die finanziellen Herausforderungen immer grösser. Lieber jedoch eine kleinere Anzahl sehr guter Kindergärten und Schulen, die auf soliden finanziellen Füssen stehen und in Pädagogik, Qualifikation sowie Aus- und Weiterbildung investieren können, als Schulen, deren Finanzen nicht mehr im Lot sind. Dass Eltern aber mit unseren Schulen sehr zufrieden sind und hoffentlich auch bleiben, zeigte die Studie von Heinz Brodbeck.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
In all den Jahren haben wir für die Kindergärten und Schulen Anlaufstellen geschaffen, an die sich Schülerinnen, Schüler, Eltern und Lehrkräfte wenden können, wenn Konflikte, Übergriffe oder Missstände auftreten. Damit diese funktionieren, dürfen wir nie wegschauen, wenn Kinder oder Jugendliche physischem oder psychischem Leid ausgesetzt sind oder dies geduldet wird. Dann müssen wir alle hinschauen, Verantwortung übernehmen und wir dürfen uns nicht hinter Entschuldigungen verstecken. Diese Verantwortung tragen wir alle – gemeinsam.
Und was schreiben Sie der ARGE zum Abschied ins Aufgabenheft?
Ich bin kein Freund von Hausaufgaben – auch in der Schule nicht. Der Unterricht soll so spannend und herausfordernd sein, dass wir alle – Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern – gerne bereit sind, etwas zu leisten, weil wir es wollen.
Schule leben – Verbindlichkeit untereinander – eine Hauptaufgabe für uns alle.
Das bedeutet für mich auch: Weiterbildung, Mentorinnen und Mentoren. Und dies nicht nur beim Berufseinstieg, sondern auch dann, wenn man schon viele Jahre als Lehrkraft tätig ist. Meiner Meinung nach braucht es verpflichtende Weiterbildung, die nicht nur einzelne Tage dauern und die nicht von den Lehrkräften selbst finanziert werden muss. Schulen sollten – nein: Schulen müssen, wenn sie ihrem Anspruch gerecht werden wollen – einen festen Betrag für Weiterbildung in ihr Budget aufnehmen. Nur so können wir den Schülerinnen und Schülern gerecht werden.
Und, wie Roswitha Ialá bei ihrem Abschied aus dem Vorstand sagte: Wir sollten die Künstlerische Intelligenz höher gewichten als die Künstliche KI, die nur zusammenreimt, was wir schon mal erdacht und geschrieben haben.
Georg W. F. Hegel: «Freiheit ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es nutzt.»
Was verbindet Sie persönlich mit den Steinerschulen?
Menschen! All die vielen Menschen, die ich in den vergangenen 28 Jahren und hoffentlich auch weiterhin kennenlernen durfte. Menschen, die mit Freude, Enthusiasmus und Offenheit den vielen Facetten unserer Kinder und Jugendlichen begegnen. Menschen, die mit Menschenverständnis – im Gegensatz zu Dogmen – auf jüngste und junge Menschen eingehen, damit diese sich in Freiheit, in individueller Freiheit gesund entwickeln können.
So wie Tomáš Zdražil dies im Schulkreis vom Herbst 25, dass Freiheit nur dort wachsen kann, wo Menschen einander wahrhaft begegnen, so treffend formulierte.
Ein letztes Wort?
Verabschieden möchte ich mich mit einem Satz von Georg W. F. Hegel: «Freiheit ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es nutzt.» Wir haben diese Freiheit, unsere Zusammenarbeit zum Wohle und mit der Jugend zu gestalten. Nutzen wir sie.

