Bringt sie uns wirklich ins Gleichgewicht?
Text: Alain Denjean
Die Polarität von «Work» versus «Life» (Arbeit gegen Leben), die mit dem bekannten Begriff «Work-Life-Balance» angedeutet wird, zeigt, wie schwer es ist, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben zu finden. Dabei kann diese Begriffspolarität überraschen, denn man erwartet eher eine Polarität von Leben und Tod oder ein Gleichgewicht von Lebens- und Todesprozessen, wo übermässiges Leben (Wucherungen, Entzündungen) und übermässiges Absterben (Sklerose, Verhärtungen usw.) zu einem Ausgleich kommen müssen, damit der Mensch gesund bleibt. Die Polarität «Work» und «Life» bezieht sich also nicht auf den ganzen Menschen, sondern nur auf den Tagesmenschen zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen, den Menschen in der Zeit, in welcher er arbeitet.
Man muss sich also fragen, was man unter Arbeit versteht. Im Alten Testament (1. Buch Moses 3,19) spricht Gott zu Adam nach dem Sündenfall: «Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen.» Also mit der Vertreibung aus dem Paradies entstand die Arbeit, die harte Arbeit auf dem harten Boden der Erde. Von der Antike bis in das 19./20. Jahrhundert hinein arbeiteten Sklaven für Nicht-Sklaven. Doch schon im Mittelalter entstand eine neue Arbeitsethik durch die katholischen Benediktiner: «Arbeit» und «Nicht-Arbeit» verbanden sich im «Ora et labora» (Bete und arbeite), wodurch Arbeit wieder in einen «höheren» Kontext eingebettet wurde. Allerdings geriet die menschliche Arbeit seit der Industrialisierung verstärkt unter das Joch eines «Laborare ut vivas» (Arbeite, um zu leben).
Wie sich ein Begriff verändert
Der Begriff «Work-Life Balance» tauchte erstmals 1986 in der amerikanischen Frauenbefreiungsbewegung auf[1]. Es ging zunächst um die Versorgung der Kinder. Frauen forderten mehr arbeitsfreie Zeit, um sich mehr um ihre Kinder kümmern zu können – nicht um mehr Freizeit zu haben. Dieser anfänglichen Bedeutung des Begriffs «Work-Life-Balance» lag also eine pädagogische Intention zu Grunde.
Heute aber wird der Begriff «Work-Life-Balance» sehr verschieden verwendet. Arbeitgeber sehen darin eine Chance, die Arbeitseffektivität der Angestellten zu steigern. «Home- Office» ist ein Teil dieses Versuchs. Bei den Arbeitnehmern, besonders bei den Gewerkschaften, versteht man ihn als eine Schutzmassnahme gegen Ausbeutung durch die Arbeit. Aus Gründen der Arbeitserhaltung, so das Argument, benötige Arbeit eine Zeit der Nicht-Arbeit, eine freie Zeit, damit der Mensch gesund bleibt[2]. Die Unterscheidung zwischen sogenanntem «Eustress», ein positiver, motivierender und Kraft erzeugender Stress, und dem «Distress», ein zum Abbau der physischen und inneren Kraft führender Stress, gehört zu dieser Anschauung.
Aus soziologischer Sicht weisen die unterschiedlichen Generationen verschiedene Einstellungen gegenüber dem Begriff «Work-Life-Balance» auf. Die Boomer-Generation (1946–1964) erlebt Arbeit als belastend, die in der Freizeit ihren Ausgleich findet. Dagegen achtet die Generation X (1965– 1980) mehr auf einen wechselnden Ausgleich von Erwerbstätigkeit und Familienleben bzw. Kindererziehung. Andere Generationen erleben das «richtige» Gleichgewicht wiederum anders[3]. Man bekommt rasch den Eindruck, dass der Begriff «Work-Life Balance» dafür instrumentalisiert wird, eigennützige Ziele zu erreichen oder Befindlichkeiten zu rechtfertigen. Laut Umfragen und Studien wird der Umgang zwischen den Gruppen mit ihren unterschiedlichen Interpretationen von «Work-Life-Balance» immer rauer und aggressiver.[4]
Warum war «Work-Life-Balance» kein Thema im Mittelalter?
Im Mittelalter wurde das Leben als Einheit betrachtet. Das Leben barg alles in sich: die Arbeit auf der einen Seite und das religiöse Leben auf der anderen. Alles entfaltete sich und befruchtete sich gegenseitig innerhalb des Lebens: Das religiöse Leben, besonders in der Landwirtschaft, gliederte den Tages- und Wochenlauf. Die Handwerker arbeiteten mit religiöser Hingabe.
Erst mit der Industrialisierung entsteht ein Gegensatz zwischen Leben und Arbeit. Es ist nicht mehr das religiös-ethische Leben, das die Arbeit reguliert und dem entstehenden Werk Sinn und Schönheit gibt, sondern der Profitgedanke. Da, wo die Arbeit unmenschlich, unwürdig, ertötend wird (z. B. an den Maschinen), müssen Pausen entstehen: freie Zeiten. So gab es in Deutschland 1903 den ersten Urlaub als arbeitsfreie Zeit. Der Zentralverband der deutschen Bierbrauerangestellten erkämpfte eine bezahlte arbeitsfreie Zeit von drei Tagen im Jahr (Urlaub). An einem solchen Beispiel sieht man die Spannung zwischen Arbeit und freier Zeit entstehen, zumal «Urlaub» mit «urlauben / erlauben» zu tun hat. Hinzu kam, dass im 19. Jahrhundert das spirituelle, ethische, moralische, religiöse Leben begann zusammenschrumpfen, so dass auf der anderen Seite, der hypertrophierten Arbeit, ein Vakuum entstand. Zwar gab es für Schüler und Lehrer seit dem Mittelalter eine unterrichtsfreie Zeit an den religiösen Feiertagen («Ferien», aus dem Lateinischen «feriae» für «Feste feiern»), doch die Schüler und ihre Lehrer mussten die Feierlichkeiten mitgestalten, sie hatten keine Pause.
Das Bild der Waage

Quelle: https://www.onpulson.de/lexikon/work-life-balance
Aus dieser immer komplizierteren Situation ist nach und nach der Begriff «Work–Life-Balance» entstanden. Heute wird der Begriff meistens in das Bild einer Waage gebracht.
Selbst wenn ich den Inhalt der zwei Schalen variiere, fällt es mir persönlich schwer, mich mit dem Inhalt der «Life»-Schale zu identifizieren. Leben ist für mich viel mehr als, was in der Schale zum Ausdruck kommt, und Arbeit kann ich nicht vollständig vom Leben trennen – dann wäre ich ein Roboter. Ausserdem frage ich mich, wenn ich als lebender Mensch in der rechten Schale lebe, wer die Waage belegt oder hält. Wer sorgt für welches Gleichgewicht? Das Bild ist nur als abstrakte Einteilung verständlich; sobald man anfängt, konkret zu denken, passt das Bild nicht mehr.
Der Mensch als Waage

Quelle: Skills for jobs.de
Aus dieser Erfahrung heraus habe ich versucht, ein besseres, passenderes Bild zu finden und kam auf dieses:
Hier hat man wenigstens die Andeutung eines Menschen, der selber das Gleichgewicht reguliert. Aber, was ist das Leben jetzt, wenn der lebende Mensch die Waage ist? Auf diesem Bild ist die Schale «Leben» zur Freizeit geworden. Die freie Zeit, die zum Ausgleich für die Anstrengungen der Arbeit gehört, hat etwas verdrängt, das vorher unausgesprochen vorhanden war. Die freie Zeit, die hier als Freizeit dargestellt ist, gehört eigentlich zur linken Seite; sie ist eben der Ausgleich zu den Strapazen der Arbeit. Dieses Bild müsste also verändert werden.
Das fehlende Gegengewicht

Rechts ist das durch die Freizeit verdeckte fehlende Gegengewicht sichtbar geworden. Dieses Vakuum, dieses Etwas, das heute nicht mehr selbstverständlich im Bewusstsein lebt, hat mit der Sphäre des Spirituellen, Ethischen, Moralischen, Religiösen zu tun. Die Arbeit steht heute stark im Bewusstsein des Einzelnen. Das, was im 19. Jahrhundert nach und nach verschwunden ist, das spirituell-religiöse Element im Leben, lebt aber als unbewusste Sehnsucht, als Suche nach dem Sinn des Lebens in uns. Man denke an den Bestseller «Das Café am Rand der Welt», wo der Autor, John Strelecky, erzählt, wie er sich bewusst macht, dass Arbeit und Freizeit nicht den Sinn des Lebens abdecken: «Am schlimmsten aber war, dass ich mich an den meisten Tagen fragte, ob es nicht mehr im Leben geben sollte, als zehn bis zwölf Stunden täglich im Büro zu verbringen und auf eine Beförderung hinzuarbeiten».[5]
Die Bilder mit der Waage als Verbildlichung des Begriffs «Work-Life-Balance» sind abstrakt und werden der Situation, in welcher der moderne Mensch sich befindet, nicht gerecht. Es muss der Begriff aus seiner geläufigen Prägung als Waage herausgelöst werden. Denn in dieser Abstraktheit ist der Begriff ein Begriff mit Assistenzbedarf. Wir müssen dem Begriff helfen, sich in gesunden Vorstellungen ausdrücken zu können.
Der vitruvianische Mensch

Der vitruvianische Mensch
Der erste Schritt dazu ist, von einem «Work-Life-Spiritual-Balance», also von einem Gleichgewicht zwischen Arbeit, Leben und Spiritualität zu sprechen. Der zweite Schritt besteht darin, ein anderes kreativeres, passenderes Bild zu finden, das für die Lebenslage des zeitgenössischen Menschen besser geeignet ist.
Das bekannte Bild von Leonardo da Vinci, der vitruvianische Mensch, entstand um 1490 als kleine Federzeichnung und stellt einen Menschen mit idealisierten Proportionen und im Gleichgewicht vor. Das Bild orientiert sich an den Gleichgewichtsstudien des römischen Architekten Vitruv. Es zeigt einen Menschen in einem ihn umgebenden Quadrat (homo ad quadratum) und in einem umgebenden Kreis (homo ad circulum).
In den meisten Mythen der Welt kannten die Götter zwei Arten von Spielen. Wenn die Götter mit Bällen spielten, ging es ihnen um kosmisch übersinnliche Angelegenheiten; wenn sie mit Würfeln spielten, beschäftigten sie sich mit den physisch-sinnlichen Angelegenheiten der Erde. Mit dem Bild des vitruvianischen Menschen haben wir den Menschen im Gleichgewicht zwischen Erde und Kosmos. Hier geht es um den ganzen Menschen, nicht nur um den arbeitenden und sich ausruhenden Menschen mit persönlichen Hobbys. Der lebende Mensch (ob schlafend oder wachend) strebt nach der Harmonie zwischen der Welt des Spirituellen, des Kreises und der Welt der Werke, der Arbeit, der irdischen Welt. Eine vertiefte Beschäftigung mit diesem Bild kann starke Anregungen für die eigene Lebensgestaltung zur Folge haben: Der Mensch ist Teil beider geometrischer Figuren, Teil beider Welten. Die Beine des Menschen sind vorwiegend in dem Kreis, berühren aber an einer Stelle die Grenze des Quadrats. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für mich? Die Arme sind vorwiegend in dem Quadrat, berühren aber an einer Stelle die Grenze des Kreises. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich hier für mich? Das Zentrum des Quadrats ist das Geschlecht, das Zentrum des Kreises ist der Nabel, der Kopf mit dem Gehirn endet mit der Quadratgrenze, befindet sich aber durchaus innerhalb des Kreises.
Die Alternative: «Work-Life-Spiritual-Balance»
Auf der Suche nach der «Work-Life-Spiritual-Balance» kann man bemerken, wie der Mensch seine durch die Knechtschaft der Technik verlorene Würde als «ganzer» Mensch wieder gewinnen kann und mit schwunghafter Kreativität seine Lebensfragen und -probleme neu anzupacken vermag. Das Verharren in Polaritäten hat nie etwas Heilsames. Erst durch das Dritte, durch die aktive Balance zwischen den Polen kommt man zu einem heilsamen, ichhaften Verhalten, das den Menschen aus einem geplagten Geschöpf einen schöpferisch tätigen Menschen macht.
Wer seine «Work-Life-Spiritual-Balance» mit Hilfe des vitruvianischen Menschen selbstständig gestalten will, fragt sich, was er tun kann, um Spiritualität und Sinn in seiner Arbeit zu entdecken oder in sie hineinzubringen. Auf der anderen Seite fragt er sich, wie er der schleichenden Bequemlichkeit des Lebens durch innere Arbeit begegnen und mehr Kreativität in die Routine seines Lebens bringen kann. Der «Komfortzoner» in uns befriedigt uns auf die Dauer nicht. Der Workaholiker in uns genauso wenig, wenn er vor den Problemen durch übermässige Arbeit flüchtet. Der vitruvianische Mensch kann in uns den Lebenskünstler anregen, der sich jeder Lebenssituation aus seinem gesamten Wesen heraus zu stellen weiss. Künstler kennen alternierende Phasen der fieberhaften Produktivität und der stillen Einkehr. Priester, Lehrer, Polizisten, Ärzte, Feuerwehrleute müssen mit Phasen übermässiger Arbeit leben, aber sie tun es, weil sie in ihrer Tätigkeit einen höheren Sinn sehen. Ein ehemaliger Waldorfschüler fragte sich einmal, ob diese für die Schüler angeblich gesundende Pädagogik auch für die Lehrkräfte eine gesundende sei. Ja, wenn der Lehrer in seiner Tätigkeit Spiritualität hineinbringt. Nein, wenn er oder sie mit sich selbst und seiner Aufgabe nicht im Einklang ist. Das gilt für jeden in jeder Lebenslage.
Der entscheidende Punkt
Der entscheidende Punkt dieser Betrachtung ist der Übergang von einer Zweiheit (Work-Life) zu einer Dreiheit (Work-Life-Spiritual): der Mensch im Gleichgewicht zwischen Kosmos und Erde, zwischen Geist und Materie. Nur durch ein drittes, spirituelles Element kann sich der Mensch als ganzes Wesen selbst erfahren. Ohne dieses spirituelle Element bleibt er in abstrakten Polaritäten stecken, die ihm nur punktuell helfen können. «Work-Life-Balance» kann man in seinem Kopf denken, aber mit dem Begriff «Work-Life-Spiritual-Balance» kann man leben.
Die Polarität von «Arbeit – Leben» («Work – Life») bleibt eine Polarität in dem Schema von «Arbeit – Pause, freie Zeit». Auf diesem Gebiet ein Gleichgewicht zu finden, ist Sache der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, schliesslich der Gesellschaft. Diese umgewandelte Polarität hat aber die eigentliche Frage aufgedeckt: Wie schafft der Einzelne ein Gleichgewicht aus «Arbeit – Leben – Spiritualität» zu finden? Die in der «Morgenröte» des Mittelalters im 6. Jahrhundert entstandene benediktinische Regel war ursprünglich eine dreifache: «Ora et labora et studia», die später auf «Ora et labora» verkürzt wurde. Der heutige, zeitgenössische, wissenschaftlich orientierte Mensch muss aus moderner Selbsterkenntniskraft («studia») heraus diese Dreiheit in sich erneut finden.
Da Vincis Radierung zeigt, dass der Mensch in zwei Welten lebt, ob er es weiss oder nicht. In der Anthropologie Rudolf Steiners wird der (äussere) Kopf als irdisch beschrieben (die Welt des Quadrats), aber die Aktivität im Kopf als eine geistige (die Welt des Kreises). Bei den Gliedmassen verhält es sich umgekehrt: Ihre Aktivität, die Bewegungen, sind irdisch, während ihre (innere) Substanz geistiger Natur ist.[6] Der ideale Mensch ist als ein Gleichgewichtswesen angelegt, als ein Geschöpf im Gleichgewicht. In der modernen Zivilisation sind Vereinseitigungen entstanden, die es gilt, immer wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Im Extrem kann selbst ein traumatisierter Mensch trotz seiner Verletzungen sein Leben im Gleichgewicht halten, dann spricht man von Resilienz.
In der «Work-Life-Spiritual-Balance» liegt ein salutogenetischer Ansatz, wie er an Waldorfschulen praktiziert werden sollte, damit unsere Kinder in der heutigen Weltlage halbwegs gesund und frei aufwachsen können. Den ersten Schritt gehen die Eltern, denn vor Schule, Kindergarten und Krippe sind sie ihre ersten Bezugspersonen.
Lockwood, Nancy (2003): Work/Life Balance. Challenges and Solutions Society for Human Resource Management, Alexandria. ↩︎
Pothmann, Achim (2019): Jobglück – Wie du den Montag lieben lernst. Hannover. ↩︎
Twenge, Jeanne u. a. (2010): Generational differences in work values: Leisure and extrinsic values increasing, social and intrinsic values decreasing. Journal of Management, 36(5), 1117–1142. ↩︎
DAK-Gesundheit (2025). Gesundheitsreport 2025: Generation Z in der Arbeitswelt. Online verfügbar unter: https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/gesundheitsreport-2025_142376 ↩︎
Strelecky, John (2007): Das Café am Rande der Welt, München, S. 9 f. ↩︎
Steiner, Rudolf (1982): Initiationserkenntnis, Vortrag vom 23.08.1923; Dornach, S. 104. ↩︎

