Text: Karin Michael | Foto: pxhere.com

Das Bedürfnis von Kindern, sich in Beziehungen und Umwelt insbesondere in den ersten drei Lebensjahren ganz unmittelbar und kleinräumig zu beheimaten, und die Sehnsucht der Eltern nach Abwechslung, vielseitigen Begegnungen, Freiheit und Abenteuer stehen nicht immer in einem harmonischen Verhältnis. Im Sommer überkommt die Grossen Fernweh, die Kleinen sind glücklich in Garten, Planschbecken und auf dem Spielplatz nebenan.

Sichere Bindungen und Beziehungen sind ein relevanter Faktor nicht nur für unsere Sozialkompetenz, sondern auch für unsere Gesundheit. Die Bindungsforschung hat das inzwischen gut belegt und «Bonding» – der elementar beziehungsfördernde Haut-zu-Haut-Kontakt nach der Geburt – ist längst Standard in jeder Geburtsklinik. Für die erfolgreiche neurologische Entwicklung braucht es ebenfalls einen Bindungs- und Beziehungsauf‌bau, nämlich den der Sinne zu ihrer Umwelt. Die erste Umgebung des Kindes sind seine Eltern. Nur ganz allmählich entsteht das Bedürfnis nach Erkundung eines grösseren Umraumes. Es ist wie ein zartes langsames Hineintasten in die Welt. Bis gegen Ende der Kindergartenzeit lieben Kinder die immer gleichen Rituale, Orte und Wege. Jeder Wechsel von Bezugspersonen stellt vor dem dritten Lebensjahr nicht selten eine Herausforderung, auch eine Überforderung dar, die Ängste und Unsicherheiten hervorrufen können. Die Fühlweite zwischen Eltern und Kind, die bei dem Haut-zu-Haut-Kontakt beginnt, dehnt sich nur allmählich aus, und das ist gesund. Erst wenn das Kind sprechen gelernt hat und «Ich» zu sich sagt, ist ein grösserer Abstand zum Du und sind grössere Wege in der Welt beschreitbar.

Das Bedürfnis nach sicherer Anbindung, Wiederholung von Abläufen und Wegen entspricht den neurobiologischen Entwicklungsbedürfnissen. Das Kind lernt durch die wiederkehrende Bahnung und die sich vernetzenden Sinneseindrücke und Bewegungsvorgänge. Ein Pfad durchs neuronale Dickicht entsteht nur, wenn er oft genug begangen wird. Dann wird er physische Wirklichkeit. Daher prägen sich uns die Orte und Eindrücke unserer Kindheit auch so nachhaltig und tief ein. Wenn wir an Omas Küche denken, haben wir den Duft ihrer Weihnachtsplätzchen in der Nase, die Rinde des Lieblingskletterbaums fühlen wir unter unseren Händen und Füssen, das Gefühl beim hohen Schaukeln spüren wir noch in der Magengrube …
Nie wieder ist unser Nervensystem so plastisch und viele der so gebildeten Synapsen dienen uns ein Leben lang – im Laufen, Handeln, Wahrnehmen. Die viel zu schnellen, abstrakten, technischen oder nur audio-visuell vermittelten virtuellen Welten leisten diese Ausbildung des Nerven-Sinnessystems nicht. Um so wichtiger ist heute die analoge Prägung und das Geschenk tiefer Erfahrungen und Erinnerungen in der frühen Kindheit.

Unglückliche, unerfüllte, erschöpfte Eltern sind aber auch nicht gut. Eine gute Lösung für das Fernweh der Eltern und die Gewohnheitsbedürfnisse der Kinder sind Sehnsuchtsorte. Wo sind Sie am liebsten? Wo können Sie durchatmen, entspannen, sich erholen, auftanken?
Ein Ort, den man ohne viel Stress regelmässig immer wieder aufsuchen kann, wird auch für Kinder in der Regel zum zweiten Paradies einer glücklichen Kindheit.
Zusätzlich beachten kann man, dass insbesondere in der Stadt lebenden Familien Orte in der Natur auch gesundheitlich sehr guttun:

  • In Wäldern oder auf dem Bauernhof regenerieren und bereichern wir unser Mikrobiom.
  • Am Meer reinigen wir unsere Lunge, lindern Asth­ma und Allergien. Weite und Licht tun Augen und Seele gut.
  • Auch die Luft in den Bergen ist für die abgasgeschundenen Atemwege erholsam. Zudem geben Gebirge Kraft und Gelegenheit, beim Wandern höchste Ziele zu erreichen.

Wir wünschen allen einen schönen, erlebnisreichen und erholsamen Sommer zu Hause und an Ihren Sehnsuchtsorten!

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