Neues aus der Arbeit der Internationalen Konferenz
für Steiner Waldorf Pädagogik (« Haager Kreis »)
Text : Philipp Reubke | Fotos : Internationale Konferenz
In Waldorfschulen hat jede Lehrperson einen grossen Freiraum, in ihrem Unterricht das zu tun, was sie aus ihrem Studium der Menschenkunde und aus ihrer Wahrnehmung der ihr anvertrauten Kinder als das Richtige erkannt hat. Die Lehrperson arbeitet aber nicht nur in ihrem Klassenzimmer oder allein zu Hause, sondern trifft sich einmal die Woche mit den Kolleginnen und Kollegen zu einer gemeinsamen pädagogischen Studienarbeit, einer gegenseitigen Beratung und Hilfestellung.
Auf diese Weise hat jede Lehrperson die Möglichkeit, zu wachsen – und die Schule und der Kindergarten können dadurch eine grössere Dynamik entwickeln als die, die sich aus einer Addition der Begabungen jeder Einzelpersönlichkeit ergibt.
In der weltweiten Steiner Waldorf Bewegung hat jede Region, jedes Land ganz spezifische Herausforderungen und Möglichkeiten und entwickelt den anthroposophischen pädagogischen Impuls in eigener, besonderer Weise.
Um voneinander zu lernen und eine grössere Wirksamkeit zu entwickeln, treffen sich Vertreter der Schul- und Kindergartenbewegung zwei Mal im Jahr in der sogenannten « Internationalen Konferenz für Steiner Waldorf Pädagogik » (Haager Kreis) – ungefähr 40 Kolleginnen und Kollegen, die sich das letzte Mal im November am Goetheanum getroffen haben und im Mai in Budapest ihre Gespräche fortgesetzt haben.
Ein zentrales Thema ist zur Zeit das Verhältnis von «Kosmos – Erde – Mensch ». Angesichts unserer Tendenz, die Ressourcen des Planeten rasant auszubeuten und Luft, Wasser sowie Erde zu vergiften, angesichts der Tatsache, dass die Gründe hierfür im Denken, Fühlen und Wollen des Menschen liegen, stellt sich der « Haager Kreis » die Frage : Können wir unsere pädagogische Praxis so ausrichten, dass sie die seelisch-geistigen Qualitäten stärker als bisher fördert, um ein gesundes Verhältnis zur Erde und zum Kosmos zu entwickeln ?
Die Studienarbeit ging dabei in zwei Richtungen : Einerseits bewegten wir grundsätzliche philosophische Fragen, wie die Bewusstseins- und Kulturgeschichte der Menschheit mit der Entwicklung der Erde und des Kosmos zusammenhängt.
Hierbei wurde ausgegangen von Steiners letztem schriftlichen Werk von 1924/25, das unter dem Titel «Anthroposophische Leitsätze » veröffentlicht ist. Andererseits gab es Beiträge und Gespräche über unsere Erziehungspraxis : Was können wir konkret methodisch-inhaltlich in der frühen Kindheit, im Grundschulter und in der Oberstufe anders machen, um stärker als bisher das Verhältnis der Kinder und Jugendlichen zur Natur zu fördern ?
In den vergangenen « Haager-Kreis »-Sitzungen gab es eine grosse Themenvielfalt, wie beispielsweise :
• Das einfache Spielzeug und die Wichtigkeit der,Arbeit und der Prozesswahrnehmung im Kindergarten (Spanien und Frankreich)
• Lernen und Arbeiten auf einem Bauernhof in den Klassen 4 und 5 (Deutschland)
• Botanik- und Zoologie-Epochen in der Mittelstufe gestalten (Tschechien)
• Grundwasser und Wasserversorgung in der Mittelstufe (USA)
• Kunst und Poetik : Erlebnispädagogik im Urwald in der Oberstufe (Thailand)
• Die Themen Artenvielfalt und Artensterben in der Oberstufe (Deutschland).
Ein Dauerbrenner bei den Gesprächen des « Haager Kreises » sind zudem die Fragen :
• Kultivieren die in der Waldorfpädagogik engagierten Lehrpersonen eine Beziehung zu Rudolf Steiners ursprünglichem pädagogischem Impuls und entwickeln ihn gleichzeitig orts- und zeitgemäss weiter ?
• Sind wir uns im Klaren, was in unserer Erziehungspraxis wesentlich und was nur traditionsgebunden und vielleicht nicht ganz so wichtig ist ?
• Können wir uns als Gemeinschaft, die sich für die Weiterentwicklung der Steiner Waldorf Pädagogik verantwortlich fühlt, darüber verständigen, was wir heute als « Wesentliche Merkmale der Waldorfpädagogik » ansehen ?
Für diejenigen, die Einrichtungen gründen oder diejenigen, die darüber zu entscheiden haben, ob eine Einrichtung auf die « Waldorf World List » kommt oder nicht, ist das eine wichtige Frage. Daher gibt es schon seit über zwanzig Jahren Texte, die laufend aktualisiert werden und charakterisieren, was eine Waldorfeinrichtung zu einer Waldorfeinrichtung macht. Die letzte Version des Papiers stammt von 2016.1 Die Mitglieder des Haager Kreises haben den Eindruck, dass eine Überarbeitung notwendig ist.
Zwei weitere orientierende Texte dieser Art wurden vor Kurzem verabschiedet :
• «Richtlinien für Ausbildungszentren»² (Beschreibung von minimalen wesentlichen Zielen für Ausbildungsstätten, vor allen Dingen bei der Frage zu gebrauchen, ob ein Seminar in Ländern ohne Steiner Waldorf-Landesvereinigung auf die World Waldorf List gesetzt werden soll).
• Empfehlungen zur Gründung von Steiner Waldorf Landesvereinigungen.³
Für die Pädagogik der frühen Kindheit hat die International Association for Steiner Waldorf Education (IASWECE) entsprechende Texte formuliert.
• Wesentliche Merkmale für die Waldorferziehung in den ersten sieben Lebensjahren.⁴
• Richtlinien für die Ausbildung in Steiner Waldorf Pädagogik für die ersten sieben Lebensjahre.⁵
1 https://www.waldorfinternational.org/fileadmin/downloads/1605_Merkmale_IK_Arles.pdf
2 https://www.goetheanum.org/fileadmin/paedagogik/PDF/26_6SteinerWaldorf_Bed_DE.pdf
3 https ://www.goetheanum-paedagogik.ch/fileadmin/paedagogik/Haager_Kreis/20_11_24_Empfehlungen_ntwicklung_nationale_Vereinigung.pdf
4 https ://iaswece.org/waldorferziehung-in-den-ersten-sieben-lebensjahren/
5 https ://iaswece.org/ausbildung/richtlinien-fur-die-ausbuildung/

