«Und dann etwas, was leichter gesagt als bewirkt wird, was aber auch eine goldene Regel für den Lehrerberuf ist: Der Lehrer darf nicht verdorren und nicht versauern.» (Rudolf Steiner, 6.9.1919, GA 294).
Text: Henrik Löning | Foto: Chris/flickr.com
Edu sass mir gegenüber und strahlt mich an. Edu heisst eigentlich Eduard, aber er nennt sich lieber Edu. Ich finde das passend, denn wie ein Eduard sieht er nicht aus. Wir sitzen in einem Strassencafé in Zürich. Edu hat mich angesprochen. Er ist Leibwächter. (Er sieht ein bisschen aus wie der Pflegehelfer aus «Ziemlich beste Freunde».) Er kommt ursprünglich aus Spanien und lebt jetzt in Barcelona. Aber er liebt die Einsätze im Ausland, vor allem in der Schweiz und in Deutschland. Als ich ihn fragte, warum das so sei, sagte er mir, dass er sich hier so frei fühlte wie nirgendwo sonst auf der Welt. Er erzählte mir, dass er schon viel herumgekommen sei. Ich konnte ehrlich gesagt nicht verstehen, warum er sich hier freier fühlen sollte. Ich sagte ihm, dass er auch in Spanien machen könne, was er will. Edu antwortete mit grosser Geste und leuchtenden Augen, dass er hier einfach am See spazieren gehen könne. Ich verstand nicht, was das heissen sollte.
Edu wechselte das Thema, ich versank in Gedanken.
Im deutschsprachigen Raum hat das Spazierengehen eine kulturelle Tiefe, die weit über das körperliche Bewegen hinausgeht. Ich denke dabei eher an eine Haltung, nämlich die Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, sich der Veränderung und dem Aussen anzuvertrauen und darauf zu vertrauen, dass das Leben einen führt. Der «Taugenichts» ist ein romantisch verklärtes Bild für diese Haltung. Die in der deutschen Kultur tief verwurzelte Tradition der Wanderschaft nach der Lehre symbolisiert den Aufbruch in die Welt, über das Bekannte hinaus.
Das Lied «Geh aus, mein Herz, und suche Freud» beschreibt einen ähnlichen Akt: das Heraustreten aus der Enge des Ichs, aus der Geschlossenheit der eigenen Gedankenwelt – hin zur Welt, zur Schöpfung, zur lebendigen Gegenwart. Es ist ein poetischer Aufruf zur Selbsttranszendenz, getragen von einer geistigen Offenheit für das, was ist.
Freiheit ist hier nicht Abgrenzung, sondern Entgrenzung. Die Freiheit des Menschen zeigt sich nicht im Rückzug, sondern in der Bereitschaft zur Begegnung. In der Bewegung nach aussen wird das Ich durchlässig und erfährt sich neu – als Teil eines grösseren Ganzen.
Und die Methodik dieses Freiheitsansatz ist ganz einfach – Freude.
Das klingt erstmal banal. Vielleicht auch ein bisschen einfach. Und fast ein bisschen unseriös, weil Freude vielleicht dem ernsten Anspruch eines Schulalltags und des Lernens widerspricht. Aber anders als Vergnügen ist Freude kein passives Konsumgut, sondern ein aktives Lebensprinzip – ein Motor menschlicher Selbstverwirklichung (Erich Fromm) und, wie Schiller sagt, ein nährendes Naturprinzip («Ode an die Freude»).
Freude ist eine innere Haltung: die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, zu staunen, sich einzulassen. Sie ist die Voraussetzung für wirkliches Lernen. Wenn ich an meinen Unterricht denke, wird mir klar: Freude ist der Impuls, der Verbindung schafft – zur Klasse, zu einzelnen Schülerinnen und Schülern, zum gemeinsamen Tun. Und sie ist das, was bleibt, wenn etwas gelungen ist.
Die Freude ist Ursprung und Frucht jeder echten Lernbewegung. Sie öffnet uns für das, was uns begegnet, und wächst zugleich aus dieser Offenheit heraus.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es mich, wie selten die Schule ein Ort der Freude ist. Ihr Fehlen ist besonders deutlich spürbar im Lehrerzimmer, in Besprechungen, bei Vorbereitungen und in kurzen Gesprächen auf dem Flur. Ich weiss ja nicht, wie es an eurer Schule ist. Aber an meiner Schule ist Freude eher nebensächlich und glänzt zu häufig durch Abwesenheit.
Mir scheint, dass es nicht nur bei uns so ist.
Die grosse Anzahl von Ratgebern mit Titeln wie «Die eigene Freude wiederfinden» oder «Wie aus Arbeit Freude wird» lässt mich vermuten, dass fehlende Freude ein weit verbreitetes Phänomen ist. Betrachtet man die Kernbotschaft dieser Ratgeber, stellt man immer wieder fest: «Tu das, was du gerne tust.» Eine einfache Botschaft. Und in ihrem Umkehrschluss weist sie auf das Kernproblem hin. Wir sind überwiegend fremdbestimmt von Dingen, Vorgaben, Ansichten usw.
Die Begegnung mit Edu erinnert mich an etwas, das ich oft vergesse: Wir sind nicht hier, um zu funktionieren, sondern um frei zu sein. Und Freiheit beginnt dort, wo wir dem folgen, was uns wirklich Freude macht.

