Die Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz und Liechtenstein

Text: Vanessa Pohl, Robert Thomas

Die Arbeitsgemeinschaft entstand 1977 als Austauschplattform für die damals bestehenden Steinerschulen. Auslöser waren regelmässige Treffen der Oberstufenlehrkräfte in den späten 1960er Jahren, die sich zu halbjährlichen Gesamtkonferenzen entwickelten. 2003 wurde die ARGE als Verein unter dem Namen Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz und Liechtenstein eingetragen. Seit 2006 ist sie als gemeinnützige Institution anerkannt. Der Verband hat seinen Sitz in Aesch (Kanton Basel-Landschaft). Er koordiniert heute 26 Mitgliedsschulen und drei Ausbildungsstätten (AfaP, Fpas, Textil und Kunst) und das Institut Praxisforschung. Seine Hauptaufgaben umfassen die Vertretung der Schulen nach aussen, den Schutz der schulischen Autonomie, die Förderung der Zusammenarbeit und der Schulentwicklung sowie die Unterstützung von Schulen in Krisensituationen. Die Organisation besteht aus einer Delegiertenversammlung (zweimal jährlich mit Vertretern der Schulleitungen und Vorstände); einem Vorstand (dieser bearbeitet strategische Themen wie Pädagogik und Schulorganisation) und der Koordinationsstelle, die die operative Geschäftsabwicklung und die Beratung der Standorte führt. Finanzielle Unterstützung bietet die 1989 gegründete Stiftung zur Förderung der Rudolf Steiner Pädagogik, die Bauprojekte und Entschuldung der Schulen fördert. Die ARGE wird vor allem durch die Mitgliederbeiträge der Schulen finanziert und hat sich zu einer professionell strukturierten Interessenvertretung entwickelt. Der Verband ist Mitglied im Dachverband Private Bildung Schweiz und im Privatschulregister Schweiz. Die Bezeichnungen Waldorf und Rudolf Steiner kennzeichnen Einrichtungen der anthroposophischen Pädagogik; der Verein ist vertraglich zusammen mit dem Inhaber der Marke (Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland) verantwortlich für den Markenschutz der Waldorf/Steiner Schulen in der Schweiz.

Historischer Kontext bis heute
Die Schweizer Steinerschulbewegung begann 1921 mit einer Fortbildungsschule (Friedwartschule) am Goetheanum, gefolgt von den ersten öffentlichen Rudolf-Steiner-Schulen in Basel (1926) und Zürich (1927).[1] Die pädagogische Bewegung wuchs in den 1970/80er Jahren rasch. Bis heute werden Steinerschulen von einer Elternschaft geschätzt und gewollt, wie dies empirische Forschungen belegen.[2] Drei Ergebnisse dieser Elternbefragung sind für den Verein wichtig: Steinerschulen erfüllen die Erwartungen der Eltern, d. h. sie sind gut und können nur noch besser werden; Steinerschulen brauchen mehr Innovationskraft, d. h. die Aktualisierung der Methodik und Didaktik im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen ist eine Hauptpriorität; und Steinerschulen sind solidarisch, d. h. die soziale Gestalt ist die DNA dieser Schulen und steht im Zentrum der Zusammenarbeit.

Herausforderungen
100 Jahre nach dem Tod Rudolf Steiners sind die Grundanliegen der Waldorfpädagogik aktueller denn je. Pädagogisches Hauptanliegen ist, das einzelne Kind, den Jugendlichen, den werdenden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, seine Anlagen wahrzunehmen und gezielt zu fördern. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass die Beziehung zwischen dem Unterrichtenden und seinen Schülerinnen und Schülern ausschlaggebend für die Förderung der Lernprozesse ist. Nicht das Was (der Stoff) allein ist entscheidend, sondern das Wie (die Vermittlung) schafft eine vertrauensvolle und nachhaltige pädagogische Beziehung – das, was zwischen den Protagonisten geschieht, ist relevant und entwicklungsfördernd. Die Schülerinnen und Schüler brauchen über einen längeren Zeitraum ein Klima von Verlässlichkeit, Offenheit, Einfühlungsvermögen, Wärme, Weltinteresse und Klarheit, eingebettet in eine Umgebung der Selbstlosigkeit. Rudolf Steiner beschreibt diesen Impuls als den guten Geist der Waldorfschule, der eine Inspirationsquelle für das pädagogische Handeln sein kann, die Lehrpersonen befähigt, das im Menschen latent Vorhandene zu wecken und die sich in einer praktischen, individualisierten Methodik konkretisiert. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer bilden eine einzigartige Gemeinschaft, die Kräfte und Fähigkeiten entbindet, über sich selbst hinauszuwachsen. An dieser zukunftsweisenden pädagogischen und sozialen Vision orientiert sich die Arbeit der ARGE.

Heute sind die meisten Steinerschulen regional vernetzt und bieten ein Angebot von der Spielgruppe bis zu kantonalen oder nationalen Abschlüssen (Matura, IMS, CSE und Baccalauréat français). Die ARGE sorgt dafür, dass der Austausch unter den Schulen gepflegt und die Bedürfnisse der Eltern wahrgenommen werden. Der Verband setzt pädagogische Impulse und bietet pädagogische Weiterbildungsmöglichkeiten an. So organisiert die Koordinationsstelle neben zwei Delegiertenversammlungen pro Jahr auch zwei pädagogische Arbeitstreffen pro Jahr, in denen spezifische pädagogische Themen (z. B. ökonomische Bildung, Sexual- und Beziehungserziehung, neue Lernformen) behandelt werden. Ziel ist die Weiterentwicklung der Pädagogik und der Austausch zwischen den Schulen. Zusammen mit der Pädagogischen Sektion am Goetheanum und der Akademie für anthroposophische Pädagogik organisiert die Koordinationsstelle auch die gesamtschweizerischen Weiterbildungstage. Neu arbeitet die Koordinationsstelle auch mit einer Elterngruppe zusammen und hat bereits zweimal eine gesamtschweizerische Elterntagung organisiert. Auch in den Bereichen Prävention und Intervention, Personalführung und Selbstverwaltung bietet die ARGE regelmässig Angebote an. Die Koordinationsstelle hilft auch bei Verhandlungen mit den kantonalen Behörden und berät die Schulen bei strukturellen und anderen Problemen. Auch im Bereich der Prävention und Intervention, im Bereich der Personalführung und der Selbstverwaltung, gibt es regelmässig Angebote.

Baustellen
Lehrerinnen- und Lehrerbildung
Die Grundausbildung der Lehrerinnen und Lehrer muss zunehmend auf die Herausforderungen der Zeit (Digitalisierung, KI, Politisierung, Klimawandel, Diskriminierung, Radikalisierung, psychische Gesundheit) Antworten entwickeln; sie verlangt von den Lehrpersonen solide künstlerische, soziale, gesundheitsfördernde und wissenschaftliche Kompetenzen, die sie in der Auseinandersetzung mit den zahlreichen Impulsen und Anregungen von Rudolf Steiner individualisieren können. Die Heranwachsenden brauchen in ihrer Schulzeit mehr denn je innere Orientierung und salutogenetisch wirksame Angebote, um die Ausbildung von Resilienz und Initiativkraft zu ermöglichen. Die Waldorf/Steiner Ausbildungsstätten in ihrer Funktion als komplementär pädagogische Einrichtungen werden dafür priorisieren müssen, was für sie wesentlich ist.

Generationswechsel
100 Jahre lang haben mehrere Generationen von Eltern, Lehrerinnen und Lehrer diese pädagogische Bewegung dank ihres grossen Engagements und finanziellen Opferbereitschaft aufgebaut; sie waren Kinder ihrer Zeit, des 20.Jahrhunderts. Heute ist die Welt radikal anders geworden. Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen haben nicht mehr die gleichen Orientierungsmassstäbe wie früher. Neue Wege müssen gesucht werden, damit Gemeinschaft entsteht, die kompromisslos die geistige Natur des Menschen ernst nimmt und sich dafür einsetzt. Zwischen Tradition und Innovation ist der Weg der Waldorfpädagogik ein Forschungsgebiet, das täglich hinterfragt und bestätigt werden muss. Wie kann es den Schulen gelingen, junge Menschen für diese Pädagogik zu begeistern? Wie müssen die Schulen geführt werden, damit sie für junge Menschen attraktiv sind und diese ihren Platz in den Institutionen finden können? Wie sieht Elternarbeit heute aus? Was brauchen junge Eltern, damit sie sich an den Schulen wohlfühlen und damit ihre Erwartungen an Schule erfüllt werden? – Fragen, die mit allen Beteiligten bewegt werden müssen.

Teil der Zivilgesellschaft
Die Steinerschulen wurden bei staatlichen Lehrkräften oftmals als Geheimtipp oder als Nische für anspruchsvolle Schülerinnen und Schüler wahrgenommen. Heute sind die Steinerschulen anerkannter Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft. Wollen sie sich den sozialen Herausforderungen stellen und sich nicht gegen Gesellschaft, Wissenschaft und Politik positionieren, sondern proaktiv mit ihnen in Beziehung treten? Diese Haltung des Dialogs jenseits von Vorurteilen und Dogmatik verlangt eine innere Sicherheit, eine klare Vision und den Willen, durchzuhalten. Für die ARGE als Wahrnehmungsorgan der pädagogischen Einrichtungen stehen diese Baustellen für die kommenden Jahre im Fokus.


  1. Heinz Zimmermann, Robert Thomas: Die Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz: eine Dokumentation, Zürich 2007. ↩︎

  2. Heinz Brodbeck: Rudolf Steiner Schule im Elterntest – Lob, Kritik, Zukunft, Aesch 2018. ↩︎

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