Matthias Niedermann, Jahrgang 1984, ist ehemaliger Waldorfschüler und leitet die Geschäftsstelle, die Kommunikation und Projektentwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland (AGiD). Er arbeitete in Camphill Schulgemeinschaften und studierte an der Universität Witten/Herdecke. Seit 2016 organisiert er Veranstaltungen und Kongresse und ist in der Öffentlichkeitsarbeit der AGiD tätig. Seit 2024 arbeitet er in der Co-Leitung der Geschäftsstelle der AGiD im Rudolf Steiner Haus in Stuttgart.

Was beschäftigt Sie gerade?
Ich habe den Eindruck, dass wir seit einigen Jahren eine kulturelle Bruchstelle erleben, die es so noch nicht gegeben hat – nämlich, dass wir als Gesellschaft – global gesehen – in zwei grossen Wirklichkeiten leben: Einmal in einer Wirklichkeit, die man als «mediale Wirklichkeit» bezeichnen kann, und in einer sinnlichen Wirklichkeit, die entsteht, wenn man konkret Menschen oder sich selbst begegnet und verwandelt daraus hervor geht.


Was ist daran problematisch?
Diese zwei Wirklichkeiten erscheinen für die Gestaltung des gegenwärtigen Lebens gleichwertig oder gar identisch und prägen die Lebenswirklichkeit mit gleicher Kraft. Kurz gesagt: Problematisch scheint mir, das die Grenze zwischen diesen unterschiedlichen Wirklichkeiten verschwimmt, vergessen wird, dass die mediale Wirklichkeit eine menschliche Konstruktion ist und die Bandbreite an sinnlichen Erfahrungen in ihr nur noch reduziert stattfindet. Da frage ich mich mit Blick auf Kinder und Jugendliche, die in diesen Lebensrealitäten aufwachsen: Wo führt das hin? Sie stehen vor der Herausforderung, diesen Wirklichkeiten nicht entkommen zu können, selbst wenn sie es wollten, sondern in beiden Wirklichkeiten – der sinnlichen Lebenswirklichkeit und der medialen Wirklichkeit – bestehen zu müssen. Diese Problematik sehe ich genauso in der Politik, im gesellschaftlichen Zusammenhalt, in der Frage der Ökologie, in der Pädagogik.


Sie selbst sind farbig mit Migrationshintergrund. Erleben Sie persönlich in irgendeiner Form Rassismus in Ihrem direkten Umfeld?
Zuerst einmal: Nein, ich erlebe keinen Rassismus im Sinne einer Einteilung: Du bist farbig und deswegen ist dein Innenleben so oder so geartet – diese Festlegung erlebe ich nicht. Was ich so an Rassismus-Erfahrungen mache, ist fast schon witzig: Wenn ich als Afro-Europäer zum Beispiel im europäischen Kulturraum unterwegs bin, fragen sich die Leute: Wo kommt der her? Und wenn ich den Mund aufmache und spreche, dann erzeugt das die Reaktion: Ah, das ist einer von uns! Ob Deutsch, Französisch oder Spanisch. Umgekehrt, wenn ich in Ägypten bin, sprechen mich die Menschen auf Arabisch an, obwohl ich kein Arabisch spreche. Ich gehöre sozusagen von meinem äusseren Erscheinungsbild scheinbar dazu, und erst wenn ich spreche, gehöre ich nicht mehr dazu. Das finde ich eine interessante Erfahrung: Das Verbindende im Zwischenmenschlichen ist niemals das Erscheinungsbild, sondern die geteilte Sprache, das gemeinsame Gespräch und der Austausch von Gedanken und Ideen. Ein echter Anti-Rassismus müsste meines Erachtens auf solchen positiven Erfahrungen auf‌bauen. Vorurteile gegenüber dem Erscheinungsbild anderer Menschen lassen sich nur über gemeinsame sinnlich-spirituelle Erfahrungen überwinden, nicht durch die sprachliche Negation von Unterschieden.

Als neunjähriger Cello-Spieler


In den letzten Jahren wurde Rudolf Steiner von wissenschaftlicher und öffentlicher Seite immer wieder Rassismus und Antisemitismus zum Vorwurf gemacht. Wie stellen Sie sich dazu?
Ich habe mich damit eingehend befasst und mit meinem Kollegen Sebastian Knust eine Website zum Thema Anthroposophie und Rassismus (www.anthroposophie-gegen-rassismus.de) aufgebaut. Wir haben uns die kritischen Stellen angeschaut, wo sich Steiner im damaligen Sprachduktus geäussert hat und die heute als rassistisch bewertet werden. Für mich sind sie im Vergleich zu seinem Gesamtwerk marginal und lassen sich anhand von Steiners Grundgedanken selbst textimmanent kritisieren. Jedenfalls halte ich diese diskriminierenden Aussagen im Hinblick auf das Gesamte der Anthroposophie für irrelevant.

Relevanter finde ich, dass zum Beipiel an Steiners Aussage zu Afrika und den Afrikanern deutlich wird, dass Steiner keine eigene Anschauung afrikanischer Kulturen hatte. Mir scheint, dass ihm, wie vielen Europäern heute noch, gar kein fundiertes Wissen zu ihrem Afrikabild zugrunde lag und liegt. Es wäre eine Forschungsaufgabe für die anthroposophische Community, um die afrikanischen Kulturen besser verstehen zu lernen, auf einer empirischen Grundlage die spirituelle Bedeutung afrikanischer Kulturen zu untersuchen und herauszuarbeiten.


Besonders aus dem amerikanischen Raum kommt in der Wissenschaft die Forderung, dass nur Menschen über einen wissenschaftlichen Inhalt arbeiten dürfen, dessen ethnischem Kontext sie entstammen. Sie seien legitimiert dazu, weil sie so der Gefahr des eurozentristischen oder westlichen Paradigmas in der Forschung entgingen. Bedeutet das nicht das Ende der Wissenschaft?
Ja, das würde ich schon so sehen – zumindest, wenn sich diese Überzeugung systematisch durchsetzt. Wissenschaftliche Forschung baut meiner Ansicht gerade auf Unterscheidung auf. Alles in der Wissenschaft, die Wahrnehmung, die Beobachtung, die unterschiedlichen Daten und Denkweisen und Positionen sind durchzogen von unterschiedlichen Perspektiven. Wenn das von vornherein durch formale Kriterien eingeschränkt wird, dann wird das wissenschaftliche Erkenntnisstreben massiv beschnitten.


Gelegentlich taucht die Forderung auf, sich von Rudolf Steiner aus oben genannten Gründen zu distanzieren, wenn nicht sogar zu verabschieden. Waldorfpädagogik zum Beispiel funktioniere doch auch ganz gut ohne Anthroposophie und Esoterik. Wie sieht das die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland oder wie sehen Sie das persönlich?
Die Anthroposophische Gesellschaft hat keine einheitliche Meinung, die für alle Mitglieder gilt, denn sie ist eine Gesellschaft individueller Mitglieder, in der jeder die Dinge etwas anders sieht – und das ist auch gut so. Sie hat aber die «Entfaltung menschheitlicher Gesinnung und der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur» als Aufgabe, und Mitglied kann jeder werden, der die Aufgaben der Gesellschaft fördern will. Das ist für mich eindeutig.

Eine Distanzierung ist für mich dann angebracht, wenn es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Steiners Ideen geht. Ohne innere Distanz entstehen keine Fragen. Erst aus einem «Nicht-Verstehen» kann man ins Verstehen kommen. Wenn man meint, man könne alles verstehen, was Steiner geäussert hat, dann richtet man Steiner zugrunde. Zugleich braucht es Interesse, Beziehungsfähigkeit und Wertschätzung seinen Ideen gegenüber, denn diese schliessen das Verständnis auf. Dadurch entsteht eigentlich erst eine Auseinandersetzung mit Steiners Ideen, die fruchtbar ist und vor allem eine innere Freiheit mit sich bringt.

Als Vierundzwanzigjähriger in Georgien


Anders gefragt: Müssen Waldorf‌lehrkräfte Anthroposophen sein?
Schwierige Frage! Anthroposoph sein – was heisst das? Das ist eine Selbstbezeichnung, die ich für mich will, fühle und denke. Das ist nichts, das ich von aussen jemanden anderen zu- oder absprechen kann. Deshalb kann nicht vorausgesetzt oder erwartet werden, dass ein Waldorf‌lehrer Anthroposoph ist. Allerdings halte ich die Bereitschaft, sich die anthroposophische Menschenkunde aneignen, sich aktiv damit auseinandersetzen, sein eigenes Verhältnis dazu finden zu wollen, für essentiell, da sie elementar für die Waldorf-, Sonder- oder Heilpädagogik ist.


Sie waren selber Waldorfschüler. In welchen Schulen waren Sie in der Schweiz?
Ich war von der 1. bis zur 6. Klasse in der Waldorfschule St. Gallen, wo ich eine schöne Grundschulzeit erlebt habe. Ich war ein sehr verträumter Schüler, aber ich habe den Eindruck, dass ich aus der Zeit sehr viel mitgenommen habe.

Vor Kurzem ist mir mein erstes Epochenheft mit den ersten Buchstaben wieder in die Hände gefallen. Ich habe das Heft aufgemacht und die Farben, die mir entgegenstrahlten, haben mich an mich erinnert. Dann war ich in der 7. Klasse in St. Gallen auf der «Fladä», einer katholischen Sekundarschule. Dort merkte ich vor allem im Kunstunterricht, wie mir die Waldorfluft fehlte.

Meine Eltern sind dann in die französische Schweiz umgezogen, nach Saint Prex, wo ich dann an der Steinerschule in Lausanne die Oberstufenzeit bis zur Matura verbrachte. Das war eine schwierige Zeit, da ich mich sprachlich nicht beheimatet fühlte und mir der Zugang zur Wirklichkeit über die deutsche Sprache fehlte. Ich hatte aber einige sehr gute Lehrer in Mathe und Geschichte und Kunst: Sie haben mir vermittelt, dass das Leben und die Welt voller Rätsel stecken, die geknackt werden können.


Sie waren nach ihren Ausbildungs- und Studienzeiten immer wieder im waldorfpädagogischen Kontext tätig oder stehen durch ihre jetzige Tätigkeit bei der Anthroposophischen Gesellschaft in Arbeitskontakt mit der Waldorfschulbewegung. Was würden Sie aus Ihrer Wahrnehmung heraus den Waldorfschulen ins Stammbuch schreiben hinsichtlich der kommenden Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten?
Die 100 Jahre nach dem ersten Gründungsimpuls fordern meines Erachtens einen neuen, zweiten Gründungsimpuls. Dabei stellt sich die Frage, ob es sich um einer Wiederholung handelt, oder hat sich in diesen über 100 Jahren etwas so grundlegend verändert, dass der zweite Gründungsimpuls – in geistiger Verwandtschaft – aber von ganz woanders herkommen muss.

Die ersten Waldorfschulen waren aus meiner Sicht sehr individuelle Gründungen, wobei durch Rudolf Steiner und seinen Mitarbeitern wie eine Art Denkschule der Waldorfpädagogik entstanden ist, die bestimmte Sozialformen und Unterrichtspraxen hervorgebracht hat.

Heute, nach 100 Jahren, habe ich den Eindruck, jeder weiss irgendwie, wo die Waldorfpädagogik herkommt, ihr gegenwärtiger Sinn scheint mir aber nicht mehr so greifbar.

Mit 26 Jahren im Tschad


Wo und wie lässt sich der Kern für einen zweiten Gründungsimpuls finden?
Ich denke, das hat viel mit der konkreten Begegnung mit dem Kind, seinen Entwicklungsbedürfnissen und in der realen Wahrnehmung seines seelischen-geistigen Wesens in der pädagogischen Praxis zu tun.

Mit Blick auf die Lehrkräfte würde ich sagen: Sie sind zunehmend gefordert, an ihrer eigenen Persönlichkeit zu arbeiten und sie umzugestalten, um nicht mit ihrer gewordenen Persönlichkeit der Entwicklung jedes einzelnen Kindes im Wege zu stehen. Entscheidend wird die spirituelle Beziehung zu den Kindern, zu sich selber als Lehrkraft und zu dem realen sozialen Umfeld sowie der Erde und ihren Nöten sein. Das wird den Kern bilden für den zweiten Gründungsimpuls. Da wünsche ich den Waldorfschulen, den Waldorf­lehrern, den Waldorfeltern viel Mut, solche Wege zu versuchen. Sie werden vielleicht erst einmal zehn Jahre scheitern, aber nach fünfzehn Jahren wird es klappen.


Wie wäre Ihre ideale Waldorfschule?
Meine ideale Waldorfschule? – Ich würde bei den Jugendlichen anfangen. Eine Waldorfschule ist nicht mehr nur Schul-Lehr-Lern-Raum, sondern sehr praxisorientiert eingebettet in ein ausserschulisches Netzwerk von Handwerk- und Dienstleistungsbetrieben. Zentrale Leitfrage könnte sein: Wo kann ein junger Mensch seine eigenen Lebensmotive finden? Hat er dafür einen Experimentierraum, einen Erfahrungsraum, wo er sich selber sehen lernt in seiner eigenen Zukunft? Zentral wären nicht die Abschlüsse, sondern als Hauptschulfach die Entdeckungsreise in die eigene Zukunft.

Was die kleineren Schüler betrifft, wünschte ich mir, dass sie viel mehr sinnliche und seelische Nahrung bekommen – äussere in der Natur und im Spiel, innere durch Geschichten und Erzählungen, wo es um das menschliche Ringen, um die Wahrheit und das Gute geht … Dass das freie und freudige Religiöse, die moralisch-geistige Anbindung, noch viel stärker gepflegt wird, nicht nur im Religionsunterricht, sondern als Grundstimmung, zwischen den Menschen, in den Klassen und im Kollegium lebt. Schliesslich das Künstlerische, was heute schon gut angelegt ist, aber im Curriculum mehr Raum bekommen sollte, gemeint aber auch als innere Unterrichtshaltung.

Mit 40 Jahren in Gent


Die Fragen stellte Mathias Maurer.

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