Über die Aktualität der Imagination
Text: Olga Schiefer
Wenn ich mit Studierenden arbeite und sie ein Bild gestalten lasse, geht es mir nicht nur um das Darzustellende, sondern vielmehr um Ausdruck und Stimmung. Denn das Bild beginnt nicht mit der Vorstellung, sondern mit einer inneren Bewegung – mit einer Ahnung, einer Spannung, einem Raum zwischen Welt und Mensch.
Im Rahmen eines Seminars war die Aufgabe, ein Tafelbid zu den heiligen Legenden zu gestalten – mit Tafelkreide auf schwarzem Hintergrund. Es war ein Thema, das manche innerlich ablehnten: Religion, Heiligkeit, der Begriff des Sakralen – all das wurde diskutiert, befragt, hinterfragt. Und doch begannen sie zu zeichnen. Als wir die Werke später betrachteten, war der Raum still. Niemand sagte ein Wort. Eine dichte, fast ehrfürchtige Atmosphäre trat ein.
Ich frage mich: Was ist es, was die Bilder zu Trägern einer – wahrnehmbaren und spürbaren – Wahrheit macht, die sich (vorerst) der Sprache entzieht? Dieses Beispiel zeigt, dass ästhetische Erkenntnisformen nicht primär an Sprache und Analyse ansetzen, sondern über das gestaltende Erleben. Die künstlerische Auseinandersetzung schafft symbolische Räume, in denen sinnliche, emotionale und geistige Dimensionen zusammenwirken – ein Geschehen, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst überrascht und berührt.
Genau das ist es, was ich mit Studierenden übe – diese kreative Vorstellungskraft – eine schöpferische Quelle in uns. Sie realisiert sich in einem individuellen schöpferischen Akt, im konkreten Augenblick, als eine Möglichkeit unzählig anderer Darstellungen. Sie verwirklicht sich als ein Übergang von der allgemeinen Vorstellung des Bekannten zur Imagination, die nur von einer konkreten Person realisiert werden kann.
So auch in diesem Schneewittchen-Bild von Lea Freese, das uns in dieser verzauberten Atmosphäre verweilen lässt. Mit den Worten eines Schülers: «Es fühlt sich an, als wäre ich wirklich da.»
Aber die Imagination ist nicht nur im künstlerischen Prozess vorhanden; sie ist auch überall im Alltag präsent. Wir sprechen oft von «Vorstellungskraft», als sei das eine einheitliche Sache. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt zwei sehr verschiedene Kräfte: die Vorstellung – und die Imagination. Ein besonders sprechendes Beispiel zur Differenzierung von Vorstellung und Imagination liefert die alltägliche Beobachtung eines Steins. Im Modus der Vorstellung wird ein Stein als Objekt mit bestimmten Eigenschaften erkannt – fest, schwer, rund. Im Modus der Imagination jedoch verwandelt sich das Objekt im Akt der Zuwendung: Ein bestimmter Stein – etwa am Strand unter vielen – zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, wird besonders, erhält Bedeutung. Er wird nicht anders begriffen, sondern anders gesehen. Die Imagination erschliesst eine andere Wirklichkeitsdimension, die in der blossen Vorstellung nicht enthalten ist.
Diese Transformation markiert den Moment ästhetischen Erlebens: Ein alltägliches Objekt wird zum Träger einer symbolischen oder affektiven Qualität, die nicht in ihm selbst liegt, sondern in der Wahrnehmung des Subjekts erzeugt wird. So gesehen ist jede Form ästhetischer Erfahrung von Imagination durchdrungen – sie verändert die Weise, in der wir die Welt erleben, ohne deren materielle Struktur zu verändern. Dies ist die schöpferische Kraft der Einbildung.
Diese Unterscheidung hat weitreichende Folgen für das Verständnis von Erkenntnis, das sich nicht auf rationalistische Strukturen reduzieren lässt. Ästhetische Erkenntnis – vermittelt durch Imagination – ist keine «niedrigere» Stufe der Erkenntnis, sondern eine andere, subjektiv leiblich verankerte Form vom Weltverständnis. Sie ist offen, mehrdeutig, emotional, aber nicht irrational.
In der deutschen Sprache existieren für das, was man im Englischen unter imagination versteht, mehrere Begriffe: Vorstellung, Einbildung, Einbildungskraft, Phantasie. Diese Vielfalt verweist auf eine differenzierte begriffliche Tradition, die nicht nur sprachlich, sondern auch konzeptuell auseinanderzuhalten ist.
Das griechische Wort phantasía ist einer der ältesten Begriffe, der die geistige Fähigkeit beschreibt, Bilder zu erschaffen und wiederzugeben, mit der Möglichkeit, sie frei zu gestalten. Im Lateinischen heisst es imaginatio. Der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493–1541) war der Erste, der den deutschen Begriff «Einbildungskraft» als Übersetzung des lateinischen vis imaginativa einführte. Erst später entwickelte sich im Deutschen das Konzept der «Vorstellung».
Die Vorstellung wird in philosophischen wie psychologischen Kontexten meist als ein reproduktives Bild verstanden – eine mentale Repräsentation eines früher Wahrgenommenen oder Gelernten. Sie ist gebunden an bereits Bekanntes und dient der Wiedererkennung oder Einordnung. Die Imagination (Einbildungskraft) hingegen beschreibt ein produktives Vermögen: die Fähigkeit, Neues zu schaffen, das nicht unmittelbar aus der Wahrnehmung abgeleitet ist.
Etwas Neues zu erschaffen, ist jedoch oft mit Illusionen und Irrtümern verbunden. Je nachdem, wie ausgeprägt oder unausgereift unsere Einbildungskraft ist und wie wir sie in konkreten Fällen einsetzen, erschaffen wir ein echtes oder verzerrtes Bild der Welt. Diese Spannung – oder vielmehr dieser Widerspruch – zeigt sich auch in vielen verschiedenen Forschungen, die bis heute Philosophen und Wissenschaftler beschäftigen.
Dennoch wusste bereits Aristoteles, dass die Vorstellungskraft – die phantasía – ein Bestandteil des Denkens überhaupt ist. Aristoteles erkennt in der phantasía eine vermittelnde Instanz zwischen Sinneseindruck und begrifflichem Denken. Besonders interessant ist seine These, dass selbst das abstrakte Denken auf phantasía angewiesen ist – denn ohne Bilder könne der Geist nicht operieren.
Immanuel Kant sprach von «ästhetischen Ideen» – Vorstellungen der Einbildungskraft, die mehr denken lassen, als der Verstand fassen kann. Dabei entsteht eine Art von Sinn, der sich weder vollständig begrifflich fassen noch eindeutig kommunizieren lässt: «Eine ästhetische Idee ist […] diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlasst, ohne dass ihr doch irgendein bestimmter Gedanke, d.i. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann». (Kant, 1790, §49)
Diese Freiheit der Einbildungskraft (weiter in Text als Imagination) – nicht gebunden an Begriffe, aber produktiv für das Denken – markiert einen ästhetischen Erkenntnismodus, der nicht in Widerspruch zur Vernunft steht, sondern diese voraussetzt und erweitert. Das Schöne ist für Kant nicht blosse Form, sondern Ausdruck einer Idee, die nur über Imagination vermittelt werden kann.
Goethe beschrieb die Einbildungskraft als «umsichtig», als eine Fähigkeit, die nicht nur gestaltet, sondern auch verknüpft, verbindet, verwandelt. Sie kann sowohl natürliche Objekte als auch abstrakte Konzepte transformieren, indem sie vielfältige Denkprozesse in lebendige Bilder überführt. Nach dieser Denkweise stellt die Natur eine Gesamtheit von Formen dar, die ästhetischen Analogien folgen. Wissenschaftliches Verstehen der Welt wird so zu einem Teil des ästhetischen Prozesses, der durch Imagination vermittelt wird. Goethe verbindet also naturwissenschaftliches Erkennen mit der ästhetischen, kreativen – und damit auch erkenntnisbildenden – Fähigkeit, durch ästhetische Formen Bedeutung zu konstruieren. Unser Denken bedient sich ästhetischer Formen oder Urbilder, die wir bereits in uns tragen. Bedeutet das nicht, dass diese ästhetischen Formen, die sich im Leben als Erkenntniswerkzeuge entwickeln, auch unser Weltverständnis beeinflussen?
Die Forschungen von Francisco Varela, einem Pionier der Kognitionswissenschaften, deuten darauf hin, dass wir nicht nur mit dem Gehirn, sondern mit dem ganzen Körper imaginieren. Imagination umfasst das Zusammenspiel vieler kognitiver Fähigkeiten, darunter Gedächtnis, Sprache, Affekte und sensorische Erinnerungen. Wenn wir uns etwas vorstellen, modellieren wir gewissermassen einen verkörperten Erfahrungszusammenhang, der auf unseren früheren Interaktionen mit der Welt beruht. «Der Geist ist voller Vorstellungen und repräsentiert nicht irgendwelche Tatsachen. Im Geist geht es darum, ständig die kohärente Realität, die die Welt ausmacht, aufzuspalten (…). Wahrnehmung ist so imaginär wie Imagination auf Wahrnehmung beruht (…). Vielleicht zeugt es davon, dass die Imagination und die Kunst, als das eigentliche Leben zu feiern wären.» (Varela 2000: 59)
Das bedeutet: Je reicher und lebendiger unsere Erfahrungen sind, desto vielfältiger und kreativer ist unsere Wahrnehmung. Und Imagination ist kein Beiwerk menschlicher Erkenntnis, sondern deren Grundlage. Der Geist ist eine verkörperte, autonome Struktur, die Bedeutung selbst hervorbringt. Der Mensch ist aktiv an der Sinnproduktion beteiligt – diese schliesst auch eine ethische Dimension ein.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine entwickelte Imagination beeinflusst die Komplexität unserer Weltsicht – und damit auch die Vielfalt und Mehrdeutigkeit der Erkenntnis. Eine objektive Aussenwelt in einem fixierten Sinn existiert nicht – sie ist ein Produkt unseres Denkens, dessen Grundlage wiederum die Imagination ist.
In welchem Masse dieses von uns geschaffene Bild von Welt und Selbst eine Illusion oder Realität ist, bleibt offen. Inwiefern kann uns Imagination als ständig sich entwickelndes Konzept eine Antwort darauf geben?
Welche Rolle spielt die Imagination in der Pädagogik heute?
Wie kann Bildung ohne Bilder überhaupt gelingen? Bildung – das Wort selbst – trägt das Bild in sich. Es geht um Gestalt, um Form, um das «Sichtbar-Werden» von Menschsein. Ein Kind, das lernt, eignet sich nicht nur Wissen an – es formt sich, durch Weltbezug, durch Erfahrung, durch Imagination.
Und doch dominiert in unserem gegenwärtigen Schulsystem ein Denken, das das Visuelle – insbesondere das Bild – oft in die Randbereiche des Unterrichts verweist. Dabei zeigt sich zunehmend die Dringlichkeit, das Bild nicht nur als Illustration oder didaktisches Hilfsmittel zu begreifen, sondern als eigenständige Erkenntnisform. Es fordert einen reflexiven Umgang, der sein Potenzial nicht allein im Kunstunterricht, sondern im gesamten Bildungsprozess sichtbar macht.
Gerade hierin liegt eine der bleibenden Einsichten der Waldorfpädagogik: Seit ihren Anfängen hebt sie die schöpferische Kraft der Imagination, des Bildes und der künstlerischen Gestaltung hervor.

So prägte Rudolf Steiner die Waldorfschule massgeblich mit seinem Verständnis der Imagination als pädagogisches Mittel. Sie entfaltet in verschiedenen Altersstufen unterschiedliche Wirkungen. Bekanntlich wirkt sie in den ersten Schuljahren über sensomotorische Kräfte. Daher hat das Formenzeichnen eine besonders starke pädagogische Wirkkraft. Das Formenzeichnen wird körperlich geübt und gestaltet, und formt und einverleibt damit im wahrsten Sinne des Wortes das Denken. Auch andere künstlerische Tätigkeiten, wie Malen oder die bildliche Darstellung von Buchstaben, sind imaginative Bildungsprozesse. Folgt man dem Lehrplan, erkennt man überall den vergleichbaren anthropologischen Zusammenhang zwischen Imagination und Lernstoff. Das Bild wird dabei nicht nur als Mittel zur Vermittlung, sondern als Medium der Weltaneignung verstanden, das in besonderer Weise geeignet ist, sinnlich-emotionale, geistige und existentielle Erfahrungen zu verbinden.
In der heutigen, stark von digitalen Medien geprägten Umwelt verändert sich auch die Fähigkeit, eigene innere Bilder hervorzubringen. Kinder und Jugendliche wachsen heute in einem ständigen Strom vorgefasster (Bild-) Vorstellungen auf. Das klingt bereichernd – doch je dichter die Aussenwelt von (äusseren) Bildern besetzt ist, desto weniger Raum bleibt für die Innenwelt. Die digitale Bilderflut reduziert potenziell die Schaffung eigenständiger innerer Bilder und unsere Erkenntnisfähigkeit.
Imagination in einer digitalen Welt ist kein Produkt der schönen Beschäftigung – sie ist Widerstand. Und vielleicht auch Rettung.
Literatur
Betschart, Ildefons (1952): «Der Begriff ‹Imagination› bei Paracelsus», in: Nova Acta Paracelsica, VI. Jahrbuch der Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft, Einsiedeln, S.52–67.
Ficinus, Marsilius (1977): Lessico greco-latino: Laur. Ashb. 1439. A cura di Rosario Pintaudi, Roma.
Goethe, Johann Wolfgang von: Brief an Karl Ludwig von Knebel vom 21.Februar 1821 http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1821
Ho, Shu Ching (1998): Über die Einbildungskraft bei Goethe. System und Systemlosigkeit, Freiburg.
Huber, Hans Dieter (2004). Bildhafte Vorstellungen. Eine Begriffskartografie der Phantasie in: Visuelle Netze – Wissensräume in der Kunst, Ostfildern-Ruit, S.165–216.
Kant, Immanuel (1790): Kritik der Urteilskraft.
https://www.textlog.de/eisler/kant-lexikon/idee-aesthetische.
Sowa, Hubert (2012): Imagination im Bildungsprozess. Der sensus communis zwischen Aisthesis und Vernunft, in: Hubert Sowa (Hg.), Bildung der Imagination. Kunstpädagogische Theorie, Praxis und Forschung im Bereich einbildender Wahrnehmung und Darstellung, Bd.1, Oberhausen, S.22–73.
Suggate, Sebastian & Martzog, Philipp: Preschool screen-media usage predicts mental imagery two years later, Pages 1659–1672 | Received 09 Mar 2021, Accepted 26 Apr 2021, Published online: 16 May 2021 https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/03004430.2021.1924164?utm_source=chatgpt.com#abstract.
Varela, Francisco J. (2000): «imagination als das eigentliche leben» in 7 hügel_Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts, Henschel/Berliner Festspiele.
Bilder von Studierenden der Freien Hochschule Stuttgart

