Die aktuelle Lebenslage der Kinder und Jugendlichen und die vielfältigen Möglichkeiten der Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik
Text | Fotos: Tomáš Zdražil
Die Waldorfpädagogik ist vor mehr als hundert Jahren entstanden. Seither hat sich vieles in der Gesellschaft verändert und ein rasanter Kultur- und Lebenswandel stattgefunden. Eine voranschreitende Industrialisierung, die Technisierung und Digitalisierung des menschlichen Alltags stellen den Menschen vor grosse Hausforderungen und nötigen ihn freiwillig oder unfreiwillig, sich der Entwicklung anzupassen. Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo war sich bewusst, wie wesentlich es ist, wie sich der Mensch, nicht aus oberflächlichen Überlegungen oder im Zugzwang, sondern aus einem tiefen und besonnenen Menschenverständnis heraus dazu stellt: «Nun haben wir die Umwelt in kurzer Zeit grundlegend verändert, ein entsprechendes Menschenbild dafür haben wir aber noch nicht gefunden.» (Largo 2020, S.32) Mit «Menschenbild» meint Largo die Art und Weise des sozialen Zusammenlebens, die der Menschennatur entspricht. Er problematisiert zum Beispiel die voranschreitende Urbanisierung und das anonymisierte Leben der Menschen in den Grossstädten, die sie tendenziell unglücklich und krank machen. So auch die Art und Weise der Erziehung in den Klein- und Kleinstfamilien. Er fragt darüber hinaus nach einer Form der Schule, die die individuelle Entwicklung und die Resilienz der Kinder fördert, die alle individuellen Bedürfnisse der Kinder erfüllt, insbesondere das Bedürfnis nach Selbstentfaltung.
Vor diesem Hintergrund soll die Entwicklung der letzten 100 Jahre angeschaut werden mit der Frage nach der notwendigen Weiterentwicklung der entsprechenden pädagogischen Formen gemäss der sich wandelnden Zeit.

Die verschiedenen Generationen der Waldorfschüler
Auf dem Klassenfoto (siehe Seite 5) sehen wir die fünfte Klasse im zweiten Schuljahr der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe. Es handelt sich um das zweite Schuljahr 1920/21. Klassenlehrer war Alexander Strakosch, ein österreichischer Ingenieur, der 1920 an die Waldorfschule kam. Es war eine grosse, mehr als fünfzigköpfige Klasse. Die Kinder wurden etwa zehn Jahre früher – um 1910 – geboren, haben einen Grossteil ihrer Kindheit im Krieg verbracht und ihre Lebenserwartung lag bei 50 Jahren. Viele der Jungen dieser geburtenreichen Generation fielen im Zweiten Weltkrieg, eine Alterskohorte, die äussere Not und Armut erlebte. Ernst blickten sie in die Welt. Die meisten Kinder kamen aus einem Arbeiterhaushalt, besassen ein Paar Schuhe, waren schlecht gekleidet und hatten jeden Tag weite Schulwege zu laufen. Sie waren unterernährt und seelisch traumatisiert durch die Kriegsereignisse. Rudolf Steiner, der Schulleiter, der mehrmals im Jahr in allen Klassen hospitierte, berichtete anschliessend im Winter 1923 in Dornach: «Neulich, als ich nach Stuttgart kam und die Waldorfschule wiederum inspizierte, war ich zum Beispiel in der ersten Klasse, da haben wir 27 Kinder, von denen waren nur 9 da; die anderen waren alle krank. In einer anderen Klasse waren 15 krank. Und wenn man dem nachgeht, dann findet man Schauderhaftes. So zum Beispiel brachte man mir einen kleinen Buben aus einer Klasse ins Konferenzzimmer und sagte: Was soll man mit dem machen? Der Arzt hat ihn schon aufgegeben.» (GA349, Vortrag vom 19. Februar 1923) Es passierte, dass ein Schüler aus Schwäche und Erschöpfung starb. Akute Krankheiten bedrohten die Kinder, jeder achte Säugling überlebte nicht. Stuttgart war damals stark industrialisiert. Die Waldorfschule wurde von Emil Molt, dem Inhaber der Zigaretten-Fabrik Waldorf-Astoria für die Kinder seiner Arbeiter begründet. Rudolf Steiner beschreibt die damalige Situation: «Wir konnten nicht irgendwo in der schönen freien Waldnatur draussen ein Landerziehungsheim gründen … Wir hatten die Kinder einer Kleinstadt, mussten eine Schule in der Kleinstadt begründen …» (Steiner GA303, S.18) Das wunderschöne Gelände auf der Uhlandshöhe im Osten Stuttgarts, unweit des Stadtzentrums, das den Stuttgartern damals der Erholung diente, bot neben dem Schulgarten in unmittelbarer Nähe viel Natur. Die Kinder spielten täglich in den umliegenden Wiesen und Wäldern der Gänsheide.
Auf dem zweiten Klassenfoto aus dem Jahr 1950 schauen uns Fünftklässler an, Kinder, die im Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Ihre Klassenlehrerin war Bettina Mellinger. Auch hier handelt es sich um eine grosse Klasse aus der Nachkriegsgeneration, der sogenannten Baby-Boomers, die ihr Leben in der zweiten Jahrhunderthälfte verbringen wird. Es cheint, eine glücklichere Generation zu sein, die Kinder lächeln mehr als die Kinder vom Foto davor. Ihre Lebenserwartung liegt bei 65 Jahren. Im Jahre 1950 gab es in Deutschland 24 Waldorfschulen. Sie unterschieden sich in ihren pädagogischen Methoden wohl nur wenig von denen, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg etabliert hatten.
Auf dem nächsten Bild – es ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen – sehen wir die fünfte Klasse im Jahr 1975 mit ihrer Klassenlehrerin Michaela Stegmann. Die Kinder sehen gesund, kräftig, gross aus. Sie wuchsen im Wohlstand auf und ihre Lebenserwartung liegt bei 70 Jahren. Man wird sie später die Generation X nennen. Kein Kind sieht unterernährt, kein Kind übergewichtig aus. In der Regel sind beide Eltern berufstätig, man spricht bei den Kindern von der «Schlüssel-Generation», weil sie vor ihren Eltern nach Hause kamen.
In der Zeit des Wirtschaftswunders werden Rechenmaschinen und automatisierte Produktionsvorgänge zur Regel. Plattenspieler, Kassettenrekorder, Tonband, Radio und das Fernseh-Gerät ziehen in die Familien ein. Im Jahre 1975 gibt es in Deutschland immer noch nur 35 Waldorfschulen.
15 Jahre später – 1990 – ist das Jahr der Generation Y («Millennials»). Die Folgen des Wohlstands, der mit einem veränderten Lebensstil mit Falsch- und Überernährung wie auch mit Bewegungsmangel einhergeht, wird spürbar. Allergien, Asthma, Unverträglichkeiten, Übergewicht, psychosomatische Beschwerden wie auch andere chronische Erkrankungen begleiten diese Generation. Für ihre Eltern, von denen nicht wenige in der Anti-Atom- und Abrüstungs- und Ökobewegung aktiv waren und politisch den Grünen nahestanden, bildeten handwerkliche Tätigkeiten, musische Erlebnisse, ganzheitliche, nicht früh spezialisierte Bildung ohne Noten, Sitzenbleiben und Schulstress eine attraktive Alternative zum staatlichen Schulsystem. Die Waldorfschulen breiteten sich schlagartig aus. 1990 gab es bereits 120 Waldorfschulen in Deutschland.

Aktuelle Lage der Kinder und Jugendlichen
Nach 2000, vor allem nach 2010 kommt es gesamtgesellschaftlich zu gravierenden Veränderungen, die nicht immer als solche sofort realisiert wurden. Die Psychologen Jean Twenge und Jonathan Haidt gehören zu denen, die die Veränderungen im Hinblick auf die Kindheit der Generation Z (1995–2010) und der Generation Alpha (2010 bis heute) wohl am präzisesten beschrieben haben. Twenge ging der Frage nach, wie sich das Verhalten und die emotionale Verfassung der Teenager über die letzten Jahrzehnte hin entwickelte. Bei einem Vergleich der Daten fiel ihr auf, dass sich um das Jahr 2012 das Verhalten der Jugendlichen – statistisch gesehen – abrupt veränderte und auch ihre emotionale Verfassung eine andere wurde. Das Leben der Teenager ist physisch sicherer als je zuvor, sie sind aber seelisch verwundbarer als jede andere Generation vorher. Der Beginn der Änderungen im Jugendverhalten fällt exakt mit dem Moment zusammen, in dem mehr als die Hälfte der US-Amerikaner ein Smartphone besassen. In Europa entwickelte sich die Lage ähnlich.
Haidt bezeichnete diese Entwicklung als eine «Umstrukturierung der Kindheit» weg von einer überwiegend spiel-basierten Kindheit hin zu einer smartphone-basierten Kindheit. Diese Veränderung zeichnet sich durch einen Autonomieverlust der Kinder in der realen Welt und eine riskante, nahezu grenzenlose Autonomie in der digitalen Welt aus. Ein wesentlicher Teil des Lebens von Eltern, Jugendlichen und zunehmend von Kindern vollzieht sich im Kontakt mit den Bildschirmmedien und verschiebt sich in den digitalen Raum. Die sozialen Medien spielen bei Kindern und Jugendlichen eine zunehmende Rolle. Die Naturentfremdung nimmt zu. Die Zeit, in der sich die Kinder und Jugendlichen bewegen und aktiv den Körper bewegen, schrumpft. Die Kosten und Folgen dieses Wandels zeigen sich insbesondere in der psychischen Gesundheit und betreffen Aufmerksamkeitsdefizite, Schlafstörungen, Suchtverhalten, Ängste, Depressionen, Essstörungen, Lebensunzufriedenheit und Vereinsamung. Auf der einen Seite erhöht sich weiterhin auch bei dieser Generation die Lebenserwartung – sie wird vermutlich im Durchschnitt über 80 Jahre alt. Sie lebt aber auf der anderen Seite mit einer Krankheitslast, die in den nächsten Jahrzehnten zu den schwersten gesellschaftlichen Problemen zählen wird. Dies wird vor allem die chronisch körperlichen wie auch die psychischen Krankheiten betreffen.
Das ist die Lage, in der unsere Kinder der letzten Jahre aufwachsen. Diese herausfordernde Situation benötigt eine besonders starke und enge Partnerschaft von Familie und Schule, die für einen verlässlichen Schutzraum für Kinder und Jugendliche sorgt, so dass keine Umstrukturierung der Kindheit mit ihren potentiellen negativen Folgeerscheinungen durch die zunehmende Verschiebung in Richtung Digitalisierung bei den Kindern und Jugendlichen eintreten. Gefordert sind kompensatorisch wirksame natur-, spiel-, arbeits- und kunstbasierte Aktivitäten. Das Lernen in der Schule braucht den Boden der Geborgenheit und der stabilen Gemeinschaft. Es scheint immer notwendiger zu werden, dass in der Schule ein «verkörpertes Lernen» («embodied learning») stattfindet, das die Sinne und die Motorik des Körpers in den Mittelpunkt stellt und erlebnis- und erfahrungsbasiert ist. Kreativität, Fantasie und Selbstwirksamkeit müssen einen höheren Stellenwert im schulischen Zusammenhang erhalten.
Differenzierung der waldorf-spezifischen pädagogischen Ansätze
Die komplexe aktuelle Erziehungssituation und die angedeutete Lage der Kinder und Jugendlichen führten dazu, dass aus den ideellen Grundlagen und den bisherigen Erfahrungen der Waldorfschulen neue pädagogische Formen entwickelt wurden. Sie stellen waldorf-spezifische Modifikationen mit entsprechenden pädagogischen Ansätzen dar. Die Waldorfschulen haben zwischenzeitlich verschiedene Schwerpunkte und Profile entwickelt. Es gibt nicht die eine richtige Waldorfpädagogik, sondern eine Vielfalt an Möglichkeiten, wie man Waldorfpädagogik konkret praktisch umsetzt. Die im Folgenden angeführten Ansätze stellen skizzenhaft einige Beispiele vor.
Medienpädagogik
Aus dem waldorf-spezifischen Verständnis der kindlichen Entwicklung ist eine eigenständige Konzeption der Medienpädagogik mit dem Ziel der Medienmündigkeit entstanden. Dabei wird die Bedeutung einer «indirekten» Medienpädagogik hervorgehoben, die die Voraussetzungen eines souveränen Umgangs mit den digitalen Medien und Technologien schaffen sollen. Die Aufgabe der indirekten Medienpädagogik ist es, Kinder und Jugendliche anzuregen, diejenigen Fähigkeiten zu üben, die sie im Informationszeitalter notwendig brauchen, die sie aber im direkten Umgang mit Medien nicht erwerben können. Das betrifft beispielsweise körperliche Fertigkeiten, die mit der Entfaltung der Sinne und der Motorik zu tun haben, die Fähigkeit zur direkten Kontaktaufnahme und Gemeinschaftsbildung oder auch die Fähigkeit, aufmerksam zu sein oder sich konzentrieren zu können. Das führt bis zu einer gewissen Altersstufe zum Schutz gegenüber den Medien und damit zur Medienabstinenz. Die direkte Medienpädagogik beginnt dann in der Mittelstufe und betont eine gestalterische, produktive und aktiv-kreative Einführung. Die Medien sollten in die gängigen Unterrichtsinhalte integriert werden und Sinn und Weltbezug stiften.

Trauma-sensible Pädagogik
Aus der internationalen Arbeit der «Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners» ist die sogenannte Notfallpädagogik entstanden. Sie versucht, den Kindern und Jugendlichen mit belastenden und traumatischen Erfahrungen (Naturkatastrophen, Kriege, Flucht, aber auch familärenTraumata) zu helfen. Ziel ist es, die seelische Verwundung zu heilen und die potentiellen Folgestörungen der Verwundung abzumildern. Die Notfallpädagogik dient der psychosozialen Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen, die traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt waren. Mit waldorfpädagogischen, erlebnispädagogischen Methoden und kunst- wie auch psychotherapeutischen und verwandten Therapieformen werden Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene dabei unterstützt, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und zu überwinden.
Konkret dienen die angewandten Methoden z.B. dazu, psychosomatische Erstarrungen zu lösen, indem die Kinder spielend in Bewegung versetzt werden. Es wird versucht, in den Kindern beim Spiel wieder Spass und Freude zu wecken, um den negativen positive Erfahrungen entgegenzusetzen. In künstlerischen Übungen geht es darum, dass die Kinder wieder ihr (durch das Trauma verlorenes) Bewusstsein für ihren Körper, z.B. für ihre Hände, zurückerlangen. Die Kinder erfahren bei künstlerischen Übungen, dass sie nicht nur Opfer, sondern in der Lage sind, ihre Umwelt zu gestalten und kreativ tätig zu werden. Im Kriegskontext werden Aktivitäten angeleitet, die das Vertrauen in den Mitmenschen wieder stärken und dem Vertrauensverlust entgegenarbeiten. Ein weiteres wichtiges Element sind die nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten wie Malen, Basteln usw., durch die sich Kinder auch ohne die Verwendung von Sprache artikulieren und dadurch von dem Erlebten distanzieren können.
Es zeigt sich dabei die essenzielle Bedeutung von Beziehungsarbeit, Sicherheitgefühl und stabilen Strukturen, verständnisvollem, empathischen und geduldigen pädagogischen Handeln sowie der Förderung der sogenannten Selbstregulationsfähigkeit.
Immer mehr sind jedoch nicht nur Menschen aus den fern liegenden Ländern und Staaten von Traumatisierungen betroffen, sondern auch Menschen hierzulande. Durch die Migrationsströme und Flüchtlingswellen, wie auch durch die immer häufiger auftretenden traumatisierenden Erlebnisse (bspw. Vernachlässigung, Gewalt oder Verluste) ist heute mehr oder weniger jede pädagogische Einrichtung betroffen. Insofern gehört eine trauma-sensible Pädagogik in jede pädagogische Einrichtung.
Formen der Erlebnis-, Natur-, Waldpädagogik
Aus der Überzeugung heraus, dass das Leben der Heranwachsenden viel zu wenig Gelegenheiten bietet, die zunehmende Naturentfremdung («nature-deficit-disorder») zu kompensieren, entwickelten sich verschiedene Ansätze einer waldorf-spezifischen Erlebnispädagogik bzw. Wald- und Naturpädagogik. Sie integrieren ganzheitlich die Elemente des Spiels, des Abenteuers und der Herausforderung, der Gemeinschaft und der Natur und sind ausgesprochen erlebnis- und erfahrungsbasiert. Die Erlebnispädagogik fördert Selbstvertrauen, Mut, Empathie und die Fähigkeit, in Gruppen zusammenzuarbeiten. Die Natur wird als Lernort aufgefasst. Dadurch, dass die Aktivitäten draussen stattfinden, werden auch Naturerfahrung und Umweltbewusstsein mit gefördert.

Fliessend ist der Übergang zur Natur- und Waldpädagogik, die ebenfalls in der Natur, wo sich über Jahrtausende die meiste Zeit der Kindheit abspielte. Heute verbringen die Kinder ihre Freizeit in bebauten Städten oder an Bildschirmgeräten. Die Natur fördert die Sinne und die Motorik, Selbstständigkeit und Kreativität, sie regt Entschleunigung und Achtsamkeit an. Die Zeiten in der Natur leisten einen wesentlichen Beitrag zum seelischen Gleichgewicht. Wald- und Naturpädagogik sind besondere Formen der Umweltbildung bzw. Bildung für nachhaltige Entwicklung.
Handlungs- oder Arbeitspädagogik
Handlungspädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, bei dem Lernen in praktische, häufig landwirtschaftliche oder handwerkliche Zusammenhänge eingebettet ist. Handlungspädagogik möchte einen Lebensweltbezug herstellen. Die Inhalte und Aufgaben orientieren sich an der realen Welt und den Interessen der Lernenden. Es geht um ein Lernen durch Arbeiten und Tun, eigenes Erleben und praktische Erfahrungen. Die Lernenden sollen zunehmend selbstständig handeln, mitgestalten und – soweit es geht – selbst Verantwortung im Lernprozess und in den Arbeitstätigkeiten übernehmen. Das Lernen findet häufig ausserschulisch statt, hat einen Projekt-, Experiment- bzw. Rollenspiel-Charakter. Die Schüler sollen selbst aktiv werden – sie planen, entscheiden, reflektieren und lernen aus ihren Erfahrungen. Handlungspädagogik lässt sich zwar bereits in frühen pädagogischen Entwürfen Rudolf Steiner vorfinden (siehe Steiners sog. Volkspädagogische Vorträge), ist aber auch eng verwandt mit Konzepten wie der Erlebnispädagogik, Montessoripädagogik oder der sog. Projektmethode (John Dewey). In den handlungspädagogischen Initiativen ist es naheliegend, dass die Waldorfpädagogik mit der biodynamischen und der sozialen solidarischen Landwirtschaft eng verknüpft sind.
Arbeitspädagogik ist ein Teilbereich der Pädagogik, der sich bereits seit den 1950er Jahren in den Oberstufen von Waldorfschulen entwickelt hat und einen handwerklich-praktischen Zug sowie eine Integration von Elementen der beruflichen Bildung realisieren. Sie verbindet das Lernen von Jugendlichen nach pädagogischen Prinzipien mit den Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt. Das praktische Lernen vermittelt im Jugendalter das Erlebnis eines sinnhaften Lernens, bei dem das eigene Handeln sofort ein Feedback aus der realen Welt erhält.
Insbesondere im Nordrhein-Westfalen existieren mehrere sogenannte Berufskollege, die in die Oberstufen von Waldorfschulen integriert sind und Ausbildungsmöglichkeiten im sozialen oder im handwerklichen Bereich ermöglichen. Sie binden die Schule in das Umfeld von Betrieben, Firmen oder sozialen Einrichtungen ein.
Gesundheitsfördernde (salutogenetische) Pädagogik
Die Waldorfpädagogik versucht, sich an einem ganzheitlichen Menschenverständnis zu orientieren, in dem Körper, Seele und Geist gemeinsam betrachtet werden. Die Gesundheit wird entsprechend als volle und harmonische Erfüllung der Bedürfnisse gesehen, die mit diesen drei Ebenen des Menschen verbunden sind. Im letzten Drittel des 20.Jahrhunderts hat sich der Ansatz der sogenannten Salutogenese etabliert, der die Gesundheitsstärkung und -erhaltung und die Prävention in den Mittelpunkt der Bemühungen stellt. Die Salutogenese ist dem impliziten Verständnis einer gesundheitsfördernden Pädagogik bei Rudolf Steiner sehr verwandt. Steiner sprach von der Pädagogik als «Heilungsprozess» oder als «leisem Heilen» im Hinblick auf ihre präventiven und harmonisierenden Auswirkungen.

Die Perspektive eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums wie vor allem auch die multidimensionale Gesundheitsbetrachtung (biologisch-psychisch-sozial) ist sowohl in der Waldorfpädagogik wie auch im Konzept der Salutogenese ausschlaggebend. Für die Gesundheit ist demnach die innere subjektive Perspektive des Wohlbefindens mindestens ebenso wichtig wie die äussere objektive Perspektive des Befundes, wie auch der Erhalt und Aufbau gesundheitlicher Ressourcen (z.B. Burnout-Prävention / Lehrergesundheit). Insofern konzentriert sich eine gesundheitsfördernde Pädagogik auf die Pflege von Gesundheitsquellen. Dazu gehören die körperlichen Aspekte einer vollwertigen Ernährung und einer ausreichenden Bewegung, aber auch die Naturnähe, auf seelischer Ebene die vielfältigen Gemeinschaftserlebnisse und die kreative Selbstentfaltung (Kunst). Geistig wären es Sinnerleben und Spiritualität, die den Menschen erfüllen und stärken. Die Waldorfpädagogik sieht ihre Aufgabe als «Zusammenstimmen des Körpers mit dem seelisch-geistigen Leben» des Kindes und folglich als gelingende Weltbeziehung, als Einklang zwischen dem Menschen und der Welt («Kohärenzgefühl», A.Antonovsky). Insofern wäre die gesundheitsfördernde Aufgabe der Pädagogik eine übergeordnete Klammer, die die vorigen Ansätze umfasst. Eine zentrale Rolle spielen in den gesundheitsfördernden Bemühungen von Schule die Schulärzte und andere Schul-Therapeuten. Hand in Hand arbeiten die Pädagogen dabei mit den in der Medizin und Therapie Tätigen zusammen.
Waldorfpädagogik, Gesundheit, Freiheit
Die Waldorfpädagogik ist kein festes pädagogisches System. Es sollte gezeigt werden, wie die Waldorfpädagogik im Idealfall aufgrund der Einsichten in die sich wandelnde Lebenslage und die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ihre Formen verändert, erweitert oder ausdifferenziert. Es stellt sich dabei die Frage, was denn überhaupt eine Waldorfschule ist, wenn sich ihre Formmerkmale so stark verändern können. Gibt es denn überhaupt Formmerkmale einer Waldorfschule, nach denen man sie bestimmen könnte? Der Gründer der Waldorfpädagogik gab ihr den Impuls, die pädagogischen Formen aus der Erkenntnis des Kindes und Jugendlichen und ihren konkreten Bedürfnissen abzuleiten. Und aus der von den Pädagogen empfundenen Verantwortung für die gesunde Entwicklung, die Entwicklung zur freien Persönlichkeit. Rudolf Steiner begründete die gesundheitsfördernden Bemühungen der Waldorfschule wie folgt: «Welcher obersten Erziehungsmaxime entspringt denn gerade eine solche Anschauung? Sie entspringt nämlich dem absoluten Hingegebensein an die menschliche Freiheit, an menschliches Freisein. Sie entspringt dem Ideal, den Menschen so in die Welt hineinzustellen, dass er seine individuelle Freiheit entfalten kann …» (Steiner GA303, S.216).


