Text: Henrik Löning | Foto: Jason Bagley (wikicommons)

«Am Ende unseres Lebens wissen wir, dass nur das wahr war, dem wir bis zuletzt die Treue halten konnten.»[1] (Hannah Arendt)

Bei der Fussball-Weltmeisterschaft 2026 sah der amerikanische Stürmer Folarin Balogun nach einem harten Foul die Rote Karte. Die Sperre für das nächste Spiel war eindeutig. Dann griff der Präsident der Vereinigten Staaten zum Telefon, rief den FIFA-Präsidenten an – und die Sperre wurde aufgehoben. Auf welcher rechtmässigen Grundlage das geschah, blieb bestenfalls nebulös.
Der Vorgang sorgte für einen kurzen medialen Aufschrei. Wenige Tage später war alles vergessen. Vielleicht war es gerade die Offensichtlichkeit dieses WM-Beispiels, die mich nicht mehr losliess. Wenn selbst dort nichts folgt – wo eigentlich alle sehen können, was geschehen ist –, wo erwarten wir dann noch Konsequenz?
Ich sprach mit Freunden darüber. Fast immer bekam ich dieselbe Antwort. Ja, natürlich sei das problematisch. Aber die Welt sei eben kompliziert geworden. Heute sei vieles nicht mehr so einfach. – Ist es das wirklich?
Mich beschäftigte dabei nicht der Fussball. Er machte nur etwas sichtbar, das mir immer häufiger begegnet – in der Politik, in den Medien, im Schulalltag und manchmal auch bei mir selbst. Etwas wird als problematisch erkannt. Eine Grenze überschritten. Ein Urteil gefällt. Und dann geht alles weiter wie zuvor.
Ich hatte keine grosse Empörung erwartet. Eher jemanden, der sagt: Bis hierher und nicht weiter – und entsprechend handelt. Einfach mit der Gelassenheit eines Menschen, der zu seinem Urteil steht und bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.
Mich beschäftigt, was geschieht, wenn Urteile keine Folgen mehr haben. Wenn wir als Einzelne oder als Gesellschaft zwar urteilen, daraus aber kein Handeln mehr entsteht. Man nennt das dann auch Haltungslosigkeit.
Wer heute vom Verlust der Haltung spricht, gerät rasch in ein Spannungsfeld: auf der einen Seite konservative Kulturkritik, auf der anderen die moralischen und sprachlichen Normen der Gegenwart. Aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich schon etwas erwartet: Mit einem grossem Lichtstahl (dazu im Hintergrund heroische Filmmusik) fährt der Held ein und stellt sich in den Kampf der Ungerechtigkeiten. Mit unbeirrbarer Sicherheit und aufrechter Haltung schwingt er sein Schwert und alles Dunkle und Durcheinander richtet sich in Schönheit daran aus und ich schwinge mich in diese Kraft mit einem begeisterten Ja ein …
Es fällt mir schwer, einzugestehen, dass solche naiven Erwartungen in mir schlummern. Ist aber so. «Oh Hilde, eins ist dir ja wohl klar: Der Junge auf dem weissen Pferd der kommt nicht mehr …, da müsstest du schon selber gehen», tönt es in meinen Ohren. So Marius Müller Westernhagen aus den frühen 1980er-Jahren als Antwort auf die nachklingende 1968-Bewegung.
Ja, selbstverständlich: Es ist schwerer geworden, eine Haltung zu haben und gut gemeinte Hinweise, was denn nun eine gute Haltung sei, haben sich nachhaltig als unbrauchbar erwiesen. Die Welt ist komplexer geworden. Die Problemstellungen lassen sich nicht auf Schlagworte reduzieren. Zu jeder These gibt es eine Gegenthese. Auffassungen, die sich nicht mit dem Kleingedruckten eines Quellenverzeichnisses absichern lassen, sind anrüchig. In einer Kultur, die alle Möglichkeiten offenhalten möchte, wirkt das Festlegen, das zu jeder Haltung gehört, befremdlich. Errungenschaften der Aufklärung, dass verschiedenste Auffassungen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, sind wertvoll. Die Aufklärung hat uns gelehrt, offen zu denken. Unsere Kultur macht es leicht, informiert zu sein, aber schwerer, zu einem Urteil zu kommen. Und sie macht es leicht, ein Urteil zu äussern, aber schwer, dafür einzustehen. Je aufgeklärter unsere Gesellschaft wird, desto schwieriger wird es, Haltung zu entwickeln. Denn Aufklärung verlangt Offenheit – Haltung verlangt Entscheidung. Da schliesst sich etwas aus. Beides zugleich zu leben, ist die Herausforderung unserer Zeit.
Freiheit braucht Haltung und wo Haltung fehlt, wird Freiheit zu Orientierungslosigkeit.
An die Stelle einer inneren Haltung tritt Konsumhaltung: Man nimmt auf, reagiert, kommentiert und verbraucht, statt selbst gestaltend in die Welt einzugreifen.
Haltung kostet zunächst Kraft. Sie verlangt, sich festzulegen, Widerspruch auszuhalten und einem Urteil treu zu bleiben. Doch gerade darin liegt ihr eigentlicher Gewinn. Aus der Bindung wächst Orientierung. Aus Orientierung wächst Kraft. Wer sich möglichst unverbindlich hält, spart vielleicht kurzfristig Energie, verliert aber allmählich seine innere Substanz.
Die Frage nach Haltung ist deshalb nicht nur eine moralische. Sie ist auch eine Frage nach Vitalität, Lebensfreude und innerer Gesundheit.
Haltung besitzt man nicht. Sie ereignet sich – immer dann, wenn aus einem Urteil eine Handlung wird. Hannah Arendt erinnert daran, dass jeder Mensch die zutiefst menschliche Fähigkeit besitzt, etwas Neues zu beginnen. Das ist Haltung: nicht im Befolgen einer Schablone, sondern in der immer neuen Antwort auf eine konkrete Situation.
Haltung fällt einem nicht zu. Sie will geübt werden. Denn es geht gar nicht darum, die richtige Meinung zu haben. Sondern so wach und parat zu sein, dass einem im entscheidenden Augenblick das Richtige einfällt.
Wer nur noch um sich selbst kreist, hört irgendwann vor allem nur noch sich selbst. Die Welt verstummt. Haltung ereignet sich dort, wo beides zusammenkommt: Mut und Resonanz.


  1. Alois Prinz: Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt. Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt. Weinheim, Basel 2002. ↩︎

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