Die Oberstufe startete nach den Sommerferien mit frischem Schwung in ein neues pädagogisches Konzept, das Bewegung, individuelles Lernen und vertieftes Arbeiten miteinander verbindet. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Selbständigkeit zu fördern, ihre Lernfreude zu stärken und ihnen Raum zu geben, sich in verschiedenen Bereichen entfalten zu können. Da wir gerade erst mit diesem neuen Konzept begonnen haben, ist dies nun ein Bericht von einem Prozess, der immer wieder angepasst und verbessert werden muss. Hier die ersten Erfahrungen und Eindrücke.
Text: Vanessa Pohl | Foto: Andrea Gedda
Ein bewegter Start in den Tag
Jeder Schultag beginnt für die 7. bis 9. Klasse mit Bewegung. Ob Jonglieren, Bogenschiessen, Ballspiele, Tanz oder Eurythmie – die Angebote wechseln in drei- bis vierwöchigen Epochen. Diese halbe Stunde am Morgen dient nicht nur dazu, wach zu werden, sondern auch Ausdauer, Koordination und Konzentration zu fördern. Danach findet der klassische Hauptunterricht in Epochen statt.
Mehr Raum im Unterricht
Die Unterrichtslektionen wurden von 45 auf 55 Minuten verlängert. Dadurch entsteht mehr «Atem» für vertieftes Arbeiten, Diskussionen und kreative Phasen. Der Unterricht soll ruhiger, konzentrierter und nachhaltiger werden.
Begleitetes Lernen – individuell und selbstverantwortlich
Ein zentrales Element des neuen Konzepts ist das Begleitete Lernen, das in der 8. und 9. Klasse täglich eine Unterrichtsstunde umfasst. In dieser Zeit arbeiten die Schülerinnen und Schüler selbstständig mit Lern-Dossiers in den Fächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen. Lehrpersonen begleiten diesen Prozess, geben individuelle Unterstützung und fördern gezielt die Entwicklung auf dem jeweiligen Lernniveau.
So können die Jugendlichen in ihrem eigenen Tempo Fortschritte machen und unterschiedliche Niveaus erreichen: «Grundanforderungen», «Erweiterte Anforderungen» und «Expertenniveau». Zugleich wird Selbstständigkeit eingeübt und die Eigenverantwortung für den Lernprozess gestärkt. Die traditionellen Fachlektionen bleiben erhalten, wurden jedoch reduziert. Die Lernfortschritte werden durch sogenannte Lernchecks überprüft.
In der 7. Klasse wird das Begleitete Lernen einmal pro Woche geübt, damit es dann in der 8. Klasse eingeführt werden kann.
Kunst und Handwerk in Intensivblöcken
Auch die künstlerischen und handwerklichen Fächer erhalten eine neue Struktur: Sie finden nun in Intensivblöcken statt. Dreimal pro Woche wird über sechs Wochen dasselbe Fach unterrichtet – etwa Holzwerkstatt, Nähen, Malen oder andere praktische und künstlerische Fächer. So können die Schülerinnen und Schüler tiefer in kreative Prozesse eintauchen und sich intensiver mit einem Thema auseinandersetzen.
Erste Erfahrungen
Die Bewegungseinheit am Morgen hat sich bewährt. Auch wenn es anfangs Widerstand gab («Können wir nicht einfach anfangen?»), gelingt es den meisten Jugendlichen inzwischen gut, sich darauf einzulassen. Nach der halben Stunde sind sie wach und aufnahmefähig. Besonders beim Jonglieren und Bogenschiessen haben sich rasch grosse Fortschritte gezeigt. Bei der Eurythmie ist noch offen, ob das Format passt. Während motivierte Schülerinnen und Schüler schnell einsteigen, ist die halbe Stunde für andere zu kurz.
Beim Begleiteten Lernen waren nach dem ersten Quartal Anpassungen nötig. Viele Jugendliche waren zunächst überfordert, ein Fach frei wählen zu können. So kam es vor, dass manche über Wochen fast nur Deutsch machten und Mathematik oder Fremdsprachen vernachlässigten. Andere wiederum nutzten die Freiheit sehr verantwortungsvoll. Deshalb gilt nun: Wer mit der Freiheit umgehen kann, behält sie, während es für die übrigen feste Tage für bestimmte Fächer gibt – ein Modell, das sich bewährt hat. Schülerinnen und Schüler mit grösseren Lernschwierigkeiten werden zudem enger begleitet, unter anderem durch die Förderlehrerin, die in Kleingruppen arbeitet. In Mathematik hat sich gezeigt, dass eine einzige reguläre Übungsstunde pro Woche nicht ausreicht. Deshalb gibt es nun während des Begleiteten Lernens wöchentlich eine zusätzliche Stunde mit einem kurzen Input (ca. 20 Minuten) pro Klasse.
Wenn es gelingt, dass die Jugendlichen selbstständig mit den Dossiers arbeiten, erfahren sie unmittelbar, was sie können – oder eben nicht. Im Gegensatz zum regulären Unterricht, in dem man leicht «mitschwimmen» kann, wird das eigene Können oder Nichtkönnen hier sichtbarer. Das kann motivierend wirken, aber eben auch herausfordernd sein. Besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler profitieren besonders davon und kommen rascher voran. Was wir mit den Schülerinnen und Schülern auch noch gut üben müssen, ist der Umgang mit Korrekturen, damit ein Lernprozess stattfinden kann.
Auch bei den Nachmittagsateliers zeigte sich, dass das Intensivformat nicht für alle Fächer gleich gut geeignet ist. So ist der westafrikanische Tanz, der ein fester Bestandteil unseres künstlerischen Curriculums ist, für viele dreimal pro Woche zu anstrengend. Wir werden sehen, wie wir das anpassen können.
Alles in allem ziehen wir ein erstes positives Fazit. Das Konzept muss jedoch noch verfeinert werden. Vor allem müssen wir noch verbessern, wie auch die Schülerinnen und Schüler, die weniger selbstständig sind und es mit dem Lernen schwerer haben, möglichst viel profitieren können.

