Robert Thomas, langjähriger Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz, wird verabschiedet

Interview: Mathias Maurer | Fotos: Robert Thomas


Wie kommt man nach einem Studium der Psychologie und der Sozialwissenschaften an der Université de Paris-Descartes als Französischlehrer an eine Volksschule in Ägypten?
Ich wurde in den 1960- und 1970er Jahren in Frankreich sozialisiert, zunächst durch ein klassisches Gymnasium und später durch die Denkweise von André Malraux, Victor Hugo, Michel Foucault und Gaston Bachelard. Auch Michel de Montaigne und C.G. Jung bildeten meinen inneren Kompass. Durch das Studium durfte ich ein Praktikum unter der Führung von Jean-Louis Barrault – ein berühmter Schauspieler – machen und entdeckte die Welt des Künstlerischen als Ausdruck tieferer menschlicher Qualitäten. Der obligatorische Militärdienst liess mich nach einer Alternative suchen und ich bekam die Möglichkeit, zwei Jahre Militärersatzdienst als Französischlehrer im Ausland zu absolvieren. Im ersten Jahr wurde ich an eine staatliche Schule in Alexandria geschickt und durfte unvorbereitet pädagogische Erfahrungen als Lehrer machen; im zweiten Jahr bekam ich eine Stelle an der Universität von Alexandria; diese Zeit war stark geprägt von Reisen durch das Land und die Auseinandersetzung mit der alten ägyptischen Kultur und Geschichte sowie mit dem damaligen Krieg mit Israel.

In Alexandria, Ägypten


Und wie kommt man von dort an das Pädagogische Seminar am Goetheanum in Dornach zu einem Studium der Waldorfpädagogik?
Meine Suche nach einem allgemeinen, universellen Horizont als Motiv der menschlichen Handlung setzte sich fort bis zur Entdeckung der «Philosophie der Freiheit» von Rudolf Steiner. Die Lektüre der «Geheimwissenschaft im Umriss» hatte mich schon positiv irritiert. Ein Brief von Steiner an einen Freund weckte mein besonderes Interesse:

«Lieber getreuer Freund! Es war die Nacht vom 10. auf den 11 Januar, in der ich keinen Augenblick schlief. Ich hatte mich bis ½ 1 Uhr mitternachts mit einzelnen philosophischen Problemen beschäftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein Bestreben war voriges Jahr zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: ‹Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit, in unser innerstes, von allem, was von aussen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.› Ich glaubte, und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben – geahnt habe ich es ja schon längst –; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine schlaflose Nacht gegen solch einen Fund! (Brief an Josef Köck: 13. Januar 1881).»

Das Motiv des Allgemein-Menschlichen als Kern der Individualität des Menschen führte mich zur Pädagogik und den Waldorf-/Steinerschulen. Ideen und Praxis wurden dort endlich gleichwertig respektiert. Das Schicksal gab mir die Möglichkeit, in Dornach während der zweijährigen pädagogisch-künstlerischen Ausbildung die Bekanntschaft und Freundschaft mit dem norwegischen Lehrer Jörgen Smit – Leiter der Pädagogischen Sektion und der Jugendsektion am Goetheanum – zu schliessen, was bestimmend war für meine Laufbahn als Anthroposoph und Waldorflehrer.

Danach begann Ihre langjährige Karriere als Waldorflehrer an der Rudolf Steiner Schule Zürich in den Fächern Französisch, Kunstgeschichte, Geschichte, Philosophie und Religion. Was erlebten Sie als die beglückendsten Momente in dieser Zeit?
Der Arzt Hans-Werner Zbinden lebte noch und beeinflusste durch sein Charisma das ganze Kollegium mit mehr als 80 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Rasch wurde ich ins Kollegium als selbständig erwerbendes Mitglied aufgenommen. Werner Spalinger und Andreas Suchantke wurden meine Mentoren. Was rückblickend für mich bis heute bleibt, war, dass die offensive Verteidigung von Freiräumen für diese Pädagogik stark ausgebildet war: Vorstand, Elternschaft und Kollegium bemühten sich solidarisch um Autonomie und pädagogische Freiheit. Zuerst habe ich Französisch unterrichtet (1. bis 12. Klasse), dann wurde ich Klassenbetreuer der Oberstufe: 9. bis 12. Klasse. Meine autodidaktischen Bemühungen erlaubten mir, mit Begeisterung Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie zu unterrichten. Das Anliegen des freien Religionsunterrichts und deren Handlungen prägte stark meine Zeit bis 1996.

In dieser Zeit schaffte Renato Cervini (Klassenlehrer in Biel), Leiter der Arbeitsgemeinschaft der Steinerschulen in der Schweiz, eine Stelle als Koordinator. Ich wurde gewählt, um diese Stelle aufzubauen. Während fast 20 Jahren durfte ich diese Aufgabe mit vielen Unterstützungen übernehmen und gleichzeitig meine Tätigkeit als Fachlehrer an der Plattenstrasse fortsetzen. Diese doppelte Betätigung ergänzte sich: einerseits die Arbeit mit Jugendlichen und ihren Vorhaben und andererseits die Entdeckung jeder einzelnen Schule mit so vielen verschiedenen Charakteren und Umsetzungsformen der sozialen und pädagogischen Anregungen von Steiner. Es war faszinierend und lehrreich. Es war auch der Moment, in welchem die erste Schrumpfung der Schulbewegung in der Schweiz begann spürbar zu werden. Wenn es Initiative und Begeisterung für Erneuerung und Offenheit gab, erfüllte mich dies mit Freude. Die grossen Kongresse in Bern und Basel, initiiert und organisiert durch engagierte Eltern wie Elisabeth Hubbeling (Cham) und Lucie Hagnauer (Basel), sind gute Beispiele. Aber die basisdemokratische Vorstellung von Kollegialität ohne definierten Verantwortungsbereich und klare Kompetenz, führte zu langwierigen Wegen der Entscheidungen im Kollegium und wirkte zunehmend hemmend und unproduktiv.

Auf Klassenfahrt in Frankreich


… und welche als die schwierigsten?
Der Prozess, sich von alten Formen zu emanzipieren, sowohl in meiner Schule in Zürich wie auch in der Schulbewegung, war sehr anspruchsvoll. In Bezug auf die Altersvorsorge der Lehrkräfte gab es zahlreiche Auseinandersetzungen und heftige Diskussionen. Auch wenn es auf der menschlichen Ebene Enttäuschungen gegeben hat, so sind die Ergebnisse rückblickend erfolgreich. Die Möglichkeit, durch eine namhafte Spende (Stiftung zur Förderung) den Einkauf in eine berufliche Altersvorsorge zu ermöglichen, half zahlreichen Lehrerinnen und Lehrern ihre finanzielle Lage zu stabilisieren.

Die Gründung der Atelierschule in Zürich mit einer Hand voll Kolleginnen und Kollegen war für mich inspirierend und erlaubte uns, trotz vielen Widerständen, mit waldorfpädagogischen Elementen neue Wege der Diplomierung (Maturität) und Formen (Ateliers) zu verbinden.
Man spricht von einem Beweis, wenn sich eine Idee durch ihre Konsequenzen verifizieren lässt und fruchtbar wirkt.

Auf einer Veranstaltung der FPAS – Pédagogique Anthroposophique de Suisse romande


In den 1980er-Jahren begründeten Sie die Formation pédagogique anthroposophique de Suisse romande in Lausanne. Welche Ziele verfolgt die Formation?
In den 1980er Jahren war ich immer wieder in Lausanne, Fribourg oder Genève als Vortragender tätig und als Franzose wäre die Möglichkeit eines Schulwechsels ins Welschland eine interessante Option gewesen. Soweit ging es nicht, aber mit Herrmann Birkenmeier (Heilpädagoge) begann ich 1984 mit einem berufsbegleitenden pädagogischen Seminar in Lausanne bzw. Genf. Die Lehrerinnen und Lehrer der jungen Schulen im Welschland hatten noch keine wirkliche Waldorfausbildung. So hat das Seminar, heute Formation pédagogique de Suisse romande, FPAS genannt (dreijährige Kurse) bis heute 260 Menschen in die Grundlagen der Steiner Pädagogik eingeführt. Die Meisten unterrichten in der Schweiz. Teambildung und regelmässige praktische, künstlerische Tätigkeiten wie konsequente selbständige Auseinandersetzungen mit Texten von Steiner bilden das Rückgrat der Ausbildung. Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz und aus dem Ausland haben dazu Wesentliches beigetragen.

Die Stiftung zur Förderung der Rudolf Steiner Pädagogik in der Schweiz entstand durch die Initiative von Peter Jäggli, Werner Spalinger und Gustav Mugglin. Was ist die Aufgabe dieser Stiftung?
Die Stiftung entstand 1989 vor der Gründung der Koordinationsstelle der Arbeitsgemeinschaft und des Vereins Steinerschule (2003) mit dem Ziel, pädagogische Projekte zu unterstützen und mehr Verbindlichkeit in der Zusammenarbeit der Schulen zu fördern. Das Startkapital zur Gewährung von Darlehen nach dem sogenannten «Schaffhauser Modell» bildet den Grundstock für zinslose Darlehen an Steinerschulen zu deren langfristigen Entschuldung. Der Stiftungsrat, in welchem ich bis heute mitwirken darf (u.a. Ursula Piffaretti, Karl Stroppel, Christof Ammann, Christin und Heinz Brodbeck), hat auch durch die Jahre viele Projekte unterstützt, mitfinanziert und dies immer im Einklang mit der Arbeitsgemeinschaft: Öffentlichkeitsarbeit, wie zum Beispiel Kongresse, Publikationen, Übersetzungen, einheitliche Abschlüsse, wie zum Beispiel IMS, Zeugnisformen, Lehrerweiterbildungen, wie die Weiterbildungstage und Fachtagungen, Vergleichbarkeit durch die jährliche Statistik, Altersvorsorge und bildungspolitische Arbeit.

In Florenz


In der Schweiz haben – im Gegensatz zu Deutschland – die «Privatschulen» einen schweren Stand – sowohl hinsichtlich ihrer Finanzierung als auch ihrer öffentlichen Akzeptanz. Worin liegt dieser begründet?
In der Schweiz sind die privaten Schulen eher geduldet als gefördert. Die Folge ist, dass diese pädagogischen Einrichtungen oft als «Luxus» wahrgenommen werden und nicht als eine Bereicherung des pädagogischen Angebotes durch die Methodenfreiheit. Der Anspruch, dass der Staat das pädagogische Monopol ausüben muss, ist stark ausgeprägt. Unabhängig davon sind die staatlichen Schulen oft sehr gute Schulen. Mit dem Profil der Steinerschulen war es bis 2000 leichter, ihre Identität sichtbar zu machen. Heute ist die Bildungslandschaft ganz anders geworden – einige Elemente der Waldorfpädagogik sind Allgemeingut geworden, wie zum Beipsiel Hauptunterricht, künstlerische Fächer, Frühfremdsprachunterricht, Jahresarbeiten, projektorientierte Didaktik, kindorientierter Unterricht, altersgemässe Praktika usw. Die alleinige Finanzierung durch eine Elternschaft, die sich wirklich mit den Grundlagen beschäftigt, ist anspruchsvoller geworden; einerseits ist die Vielfalt der privaten Schulangebote, ob nachhaltig oder nicht, sehr gross geworden und andererseits ist die klare Darstellung des spezifischen pädagogischen zeitgemässen Profils eine Herausforderung.

Sie sind seit vielen Jahren auch in der internationalen Waldorfwelt unterwegs. So zum Beispiel im sogenannten «Haager Kreis», dem Sie eine Zeit lang vorsassen. Welche Entwicklungen beobachten Sie in den unterschiedlichen Ländern und welche Themen sind aktuell?
Es war auch eine glückliche Fügung des Schicksals, dass Jörgen Smit und Ottfried Dörfler (Lehrer in Basel) mich 1991 vorgeschlagen haben, um in diesem internationalen Gremium die «Stimme» der Schweiz zu vertreten. Die jährlichen zwei Treffen von etwa 40 bis 50 Kollegen und Kolleginnen aus der ganzen Welt sind natürlich einmalig, um hautnah zu erfassen, wie die pädagogischen und sozialen Impulse von Rudolf Steiner umgesetzt werden. Unabhängig von den kulturellen und politischen Rahmenbedingungen haben einzelne Menschen oder Gruppen von Menschen das Anliegen von Steiner individualisiert und lebendig gepflegt. In mehr als 30 Ländern, die wir besuchten, wurde klar, dass das Allgemein-Menschliche und der Impuls der Freiheit in den meisten Einrichtungen das Kernmotiv ist. 1180 Schulen und 2000 Kindergärten weltweit bestätigen das Vorhaben und die Vision von Steiner. Das dreibändige Werk von Nana Goebel – Die Waldorfschule und ihre Menschen schildert ausführlich und präzis, wie lebendig und resilient der Geist einer anthroposophischen Pädagogik 100 Jahre nach seiner Entstehung wirkt.

Ich trete nun zurück und freue mich, von aussen die weiteren Entwicklungen zu verfolgen. Beim Gehen zeichnet sich der Weg ab.

… und wohin wird Sie der Weg führen?
Sicher werde ich mehr Zeit für Lektüre, Spaziergänge, Kochen und Konzertbesuche haben, da die klassische Musik (von Bach bis Schostakowitsch) mich immer wieder begleitet hat. Das Werk von Steiner bleibt ein gigantisches Feld, das ich weiter explorieren will, um die Komplexität und Vielfalt besser zu verstehen. Mich interessieren die inhaltlichen oder methodologischen Bezüge von zahlreichen namhaften Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Wissenschaft, Politik und Kunst zur Anthroposophie. Vielleicht komme ich dazu, etwas zu schreiben; es soll sich aber ergeben. Die Lehrerbildung in Lausanne bzw. Genf bleibt vorläufig noch eine Verpflichtung, die ich gern wahrnehme, wie auch die Betreuung des internationalen Markenrechts: Waldorf/Steinerschule. Meine liebe Frau, meine Kinder und mein Enkelkind werden weiterhin meinen Weg mitgestalten.

Robert Thomas 2021
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