Laurino Amos, Lena Ashkenazi und Guido Ostermai, allesamt ehemalige Steinerschul-Schüler, sind die neuen Vorstandmitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz. Wir stellen ihnen sieben Fragen.
Interview: Mathias Maurer | Fotos: privat
Was haben Sie sich für Ihre Arbeit im Vorstand konkret vorgenommen?
Laurino Amos: Es ist mir ein grosses Anliegen, die Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz zu stärken. Die Autonomie der einzelnen Schulen ermöglicht eine freie Gestaltung, gleichzeitig besteht die Gefahr der Vereinzelung. Grosse Aufgaben der Schulentwicklung werden meist individuell gelöst, mit grossem Aufwand und oft ähnlichen Resultaten. Gleichzeitig werden pädagogische und schulorganisatorische Angebote der Arbeitsgemeinschaft nur sehr zaghaft genutzt.
Ich werde mich dafür einsetzen, die Kooperation und den Austausch zwischen den Schulen zu stärken, sodass gemeinsame Treffen nicht als zusätzliche Last, sondern als echte Entlastung erlebt werden. Zudem setze ich mich dafür ein, dass wir in die Aus- und Weiterbildung unserer Lehrpersonen, in die physischen Lernräume sowie in die pädagogische Schulentwicklung und Initiativkraft investieren. Ich habe mir vorgenommen, fortlaufend die Hand auszustrecken, zum Dialog einzuladen und die gemeinsamen Aufgaben auch wirklich gemeinsam anzupacken.
Lena Ashkenazi: Ich möchte dazu beitragen, dass sich die Steinerschulen offen und zukunftsorientiert in die heutige Bildungslandschaft einfügen. Dazu gehört, dass wir uns didaktisch weiterentwickeln, ohne unsere pädagogischen Wurzeln zu verlieren. Mir ist wichtig, dass wir zeitgemässe Konzepte der Förderplanung, des Umgangs mit Heterogenität und der Inklusion aufgreifen – Themen, die heute selbstverständlich Teil von Schule sein sollten. Steiner war ein Visionär – wir sollten das wieder werden.
Guido Ostermai: Mein Anliegen als Vorstandsmitglied ist es unter anderem, dazu beizutragen, die Rudolf Steiner-Schulgemeinschaft in der Schweiz nach innen zu stärken und zu festigen. Die Bewegung der Rudolf Steiner Schulen fristet in der Schweiz immer noch ein Nischendasein. Mein Wunsch wäre, die Rudolf Steiner Schulen noch mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen und eine echte Schule für alle werden lassen zu können – dies, ohne den Kern unserer Pädagogik zu verleugnen. Dies geht meines Erachtens nur durch Einigkeit nach innen und Klarheit nach aussen.

Aus welcher beruflichen Erfahrung schöpfen Sie?
Laurino Amos: Nach meinem Bachelor in Biologie absolviere ich derzeit bis März 2026 einen Master in Biodiversität. Die Arbeit in und mit der lebendigen Umwelt lehrt einen, dass es nicht um Wissen an sich geht. Das Lebendige ist faszinierend, vielschichtig, miteinander verbunden, wunderschön, beeindruckend resilient und doch überraschend fragil. Als einzelner Mensch kann man diese Vielfalt niemals vollständig verstehen.
Durch genaues Beobachten, einen hingebungsvollen, forschenden Blick und durch das in Beziehung-Treten mit einzelnen Bereichen der Natur kann es jedoch gelingen, Zusammenhänge besser zu verstehen, was wiederum unser Handeln als Menschen beeinflussen kann. Schule ist ebenfalls ein lebendiger Organismus: weniger «pures Wissen», mehr suchendes Forschen und mehr Beziehung kann auch hier hilfreich sein.
Lena Ashkenazi: Ich bin Choreographin, Theaterwissenschaftlerin und Historikerin, habe fünf Jahre in der Kulturvermittlung (Booking), am Gymnasium und 13 Jahre an der Steinerschule unterrichtet. Im Moment mache ich einen Master für Special Needs am Institut für Heilpädagogik der PH Bern. Ich kenne den Alltag, die Herausforderungen und die grossen Potenziale dieser Schulform aus nächster Nähe. Ich schöpfe aus meiner praktischen Unterrichtserfahrung, aus meiner Beobachtung, wie Kinder und Jugendliche heute lernen, und aus meiner Auseinandersetzung mit aktueller Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Didaktik. Darüber hinaus ist mir der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulformen wichtig – ich sehe darin eine grosse Chance für gegenseitige Inspiration.
Guido Ostermai: Ich bin dankbar, dass ich sowohl als Schüler als auch als Lehrer Erfahrungen im Steinerschul- und Staatsschulbereich sammeln durfte. Dies eröffnete mir verschiedene Perspektiven. Stark prägend waren für mich auch die vielen Jahre an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart als Lehrperson für Deutsch, Geschichte, Kunstbetrachtung und freie Religion sowie in der Schulführung. Sie zeigten mir, dass die Steiner-/Waldorfschule stets offen für Neues sein, sich bewegen und verändern muss, aber auch, dass Traditionen nicht nur schlecht sein müssen …
Was bedeutet Ihnen die Anthroposophie in der Waldorfpädagogik?
Laurino Amos: Da könnte ich mehrere Seiten schreiben! Ich versuche eine Kurzfassung: Die Anthroposophie ist für mich die Grundlage der Waldorfpädagogik: Nicht als Ansammlung von Wissen und Anweisungen, sondern als Methode der Welt- und Menschentdeckung. Sie lebt vom freien In-Beziehung-Treten mit anderen Menschen und Themen. Bei diesem freiheitlichen Ansatz besteht die Gefahr, zum einen in Dogmatismus, zum anderen in Beliebigkeit abzudriften. Es gehört zur Aufgabe der modernen Waldorfpädagogik, dieses Spannungsfeld immer wieder auszuhalten. Es ist eine Pädagogik, die sich im Tun, in der Begegnung miteinander weiterentwickelt.
Lena Ashkenazi: Für mich ist es vor allem die Waldorfpädagogik, die mir einen Zugang zur Anthroposophie ermöglicht hat. Diese ist für mich Inspirationsquelle, kein starres Dogma. Sie erinnert uns daran, den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen. Zugleich bedeutet sie für mich auch, dass wir entwicklungsorientiert und offen bleiben. Steiner selbst hat die Pädagogik als lebendige Bewegung verstanden, nicht als starres System. Sie ist Impuls für Weiterentwicklung, keine Grenze.
Guido Ostermai: Nach wie vor ist die Anthroposophie die Grundlage, auf der letztlich auch die Waldorfpädagogik, genauer: das ihr zugrunde liegende Menschenbild, beruht und aus der sie ihre Kraft, Inspiration und Zukunftsfähigkeit schöpft. Es ist dieser Hintergrund, der sie im Kern bis heute von anderen Schulen und Schulsystemen unterscheidet.

Was sagen Sie einem interessierten Elternteil, warum Steinerschulen besser sind als staatliche Schulen?
Laurino Amos: Ich würde diesem Elternteil sagen, dass die Steinerschulen eine echte Alternative sind. Die Unabhängigkeit von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen ermöglicht eine Pädagogik, die sich voll und ganz auf die Entfaltung der Individualität und auf Gemeinschaftsbildung konzentrieren kann.
Es sind Schulen, in denen Kinder und Jugendliche die Welt und das eigene Selbst entdecken können. Konkret bedeutet das auch: im Wald spielen, Lieder singen, eigenes Gemüse anbauen, Theater spielen, Songs komponieren, ein Boot bauen, etwas explodieren lassen, nichts tun und dabei kreativ werden, den eigenen Namen tanzen.
Ja, das ist eine heile Welt. Warum sollten wir Menschen in den ersten Lebensjahren eine heile Welt verwehren? Als ehemaliger Steinerschüler bin ich stolz darauf, dass ich Probleme mit der «echten Welt da draussen» habe. Das gibt Lust, sie verändern zu wollen.
Lena Ashkenazi: Ich würde nicht von «besser» sprechen und auch nicht von «staatlich», sondern von «ganzheitlicher» und «öffentlich». Wie an jeder Schule sind die Menschen wichtig. Die Eltern sollten den Mut haben, ihren Kindern Zeit zu geben. Wenn das passiert, kann alles gelingen. Gleichzeitig möchte ich aber auch betonen: Wir wollen nicht gegen die öffentlichen Schulen arbeiten, sondern einen Beitrag zu einer vielfältigen Bildungslandschaft leisten.
Guido Ostermai: Steinerschulen sind nicht automatisch besser als staatliche Schulen; letztlich ist jede Schule nur so gut wie die Lehrpersonen, die dort arbeiten. Was die Steinerschule jedoch grundlegend unterscheidet – und das kann im Idealfall vielleicht zu einer «besseren», im Sinne von «kindgerechteren» Schule führen – ist der Blick auf den Menschen und, daraus folgend, der methodisch-didaktische Ansatz. Die Vorbereitung auf das Leben, Ziel jeder Schule, geschieht nicht primär mit Blick auf die gesellschaftlichen Forderungen, sondern auf die individuellen Fähigkeiten jedes Kindes und Jugendlichen.
Was würden Sie an den Steinerschulen sofort ändern?
Laurino Amos: Ich würde gerne das Schulgeld abschaffen. Steiner Schulen sollten wirklich allen offenstehen. Schulgeld – auch einkommensabhängiges – stellt leider für viele Familien immer noch eine Hürde dar. Es ist ja nicht so, dass wir das gerne tun, sondern es ist leider im aktuellen Bildungssystem nicht anders möglich. Aber es sollte weiterhin unser moralisches Ziel bleiben. Bis es so weit ist, müssen wir auf Stipendienfonds, Spenden und die Solidarität der Schulgemeinschaft setzen.
Lena Ashkenazi: Ich würde sofort die Offenheit nach aussen stärken: mehr Austausch. Jemand hat mal gesagt: «Steiner hat alles gelesen. Nur nicht Steiner.» Das sollten wir auch. Zudem würde ich die Fortbildungspflicht für Lehrpersonen ausbauen – besonders in Bereichen wie Inklusion, Diagnostik, Lernentwicklung und Digitalisierung. Und ich würde mehr multiprofessionelle Teams fördern: Lehrerinnen und Lehrer, Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Therapeutinnen und Therapeuten und die Schulsozialarbeit sollten gemeinsam wirken.
Guido Ostermai: Mehr Offenheit für Veränderung bei gleichzeitigem Bewusstsein für die eigenen Wurzeln. Nach aussen: Schärfung des Steinerschul-Profils statt allzu starker Anpassung an die Gegebenheiten der heutigen Bildungslandschaft.

Was nicht?
Laurino Amos: Oft wird kritisiert, dass an Rudolf Steiner Schulen nicht alles perfekt funktioniert. Ich möchte dieses «Unfertige» um jeden Preis beibehalten. Ich bin froh, dass nicht alles perfekt durchgeplant ist und der Unterricht nicht wie aus dem Lehrbuch abläuft. Das wäre langweilig. Gerade das Unperfekte, Improvisierte und Nicht-Standardisierte enthält einen wertvollen Funken Ungewissheit. Dieser Funken entfacht Kreativität, Anpassungsfähigkeit, Abwechslung und Neues.
Lena Ashkenazi: Ich würde den Kern – den künstlerisch-handlungsorientierten Unterricht, die rhythmische Struktur und das Vertrauen in die Entwicklungsprozesse des Kindes – unbedingt bewahren. Diese Werte müssen bleiben – aber sie dürfen sich in modernen Formen ausdrücken.
Guido Ostermai: Die Konferenzen als sinnstiftendes und gemeinschaftsförderndes Organ des Kollegiums. Die gemeinsame Arbeit an pädagogischen und anthroposophischen Fragestellungen empfinde ich nach wie vor als zentral. – Als Deutschlehrer: Die Parzival- und die Faustepoche.
Wie erlebten Sie Ihre eigene Schulzeit?
Laurino Amos: Meine eigene Schulzeit war wunderschön. Die ersten acht Jahre verbrachte ich an der RSS Schaffhausen in einer kleinen, familiären Klasse, immer mit dem gleichen Klassenlehrer. Wir haben viel gespielt, viel entdeckt und auch viel gelernt, mehrheitlich spielerisch und künstlerisch. Danach folgte ein Jahr an der RSS Winterthur, was den Übergang zur Atelierschule erleichterte. An der Atelierschule erlebte ich eine tolle Schulgemeinschaft, Lehrpersonen auf Augenhöhe, ein höheres Level an Fachwissen und dennoch die nötige Menge Praxis. Ich habe gelernt, Dinge und Meinungen – auch meine eigenen – kritisch zu hinterfragen, und schätzen gelernt, dass das Fragenstellen oft mehr Wert hat, als Antworten zu wissen. Und ich habe meine Schule wirklich geliebt.
So sehr, dass ich mich seither im Vorstand des Schulvereins engagiere und voraussichtlich ab kommendem Jahr auch für die Arbeitsgemeinschaft. Für mich ist es ein Gütesiegel, wenn unsere Schulen Menschen so prägen und sie so umfassend erreichen, dass sie sich auch später ehrenamtlich für die Schulbewegung einsetzen.
Lena Ashkenazi: Ich erinnere mich gerne an meine Schulzeit. Sie war geprägt von einer engen Beziehung zu Kolleginnen und Kollegen, von Kreativität, Gemeinschaft und Projekten, die uns nachhaltig bewegt haben.
Gleichzeitig sehe ich heute, dass vieles noch stärker auf Selbstständigkeit, Reflexion und Zusammenarbeit ausgerichtet sein könnte. Einige Jugendliche wurden «mitgeschleppt» und definitiv nicht in ihren Potentialen gefördert, was ich heute in der Ausbildung als Heilpädagogin sehr kritisch betrachte. Diese Mischung – aus Dankbarkeit und kritischer Weiterentwicklung – prägt meinen Blick auf Schule bis heute.
Guido Ostermai: Ein Gefühl von Geborgenheit und Freiheit, verbunden mit dem Eindruck einzelner prägender Lehrerinnen- und Lehrerpersönlichkeiten sowie einer starken, bis heute anhaltenden Klassengemeinschaft.

