«Das Phänomen Steiner bleibt erstaunlich und leicht angreifbar. Nur diejenigen werden es für relevant halten, die wenigstens in Teilbereichen den klaren Eindruck gewinnen, dass hier grosse Durchblicke gelungen sind, die unserer Zeit bitter fehlen; und die bereit sind anzuerkennen, dass Bedeutendes nicht immer auf die Weise in die Welt tritt, wie man das nach den gewohnten Kategorien erwarten würde.»
So führt Wolfgang Müller in seinem Buch «Zumutung Anthroposophie» seine elf aphoristisch gehaltenen Kapitel mit interessanten Überschriften aus, wie «Paralleluniversum Anthroposophie»; «Der Blinde Fleck der Neuzeit»; «Eine Anthroposophie, die keine mehr ist?»; «Rassistische Tendenzen?» und «Demut zum Mut».
Rücksichtsvoll, aber schonungslos schildert der Autor die verschiedenen Wege und Umwege, die zur Auseinandersetzung mit dem Werk von Steiner führen können. Ohne Scheuklappen fokussiert er auf das Wesentliche, wenn es um die zentrale Frage der Geisteswirksamkeit geht. Es geht ihm nicht um die zahlreichen Nebenschauplätze, auf welche wir uns gern leiten lassen (die unreflektierten Clichés: Guru, Sekte, esoterisch, abgehoben, rassistisch, technologiefeindlich, theosophische Ausdrücke …), und dabei der Bezug zur Sache verschwindet, sondern um Grundsätzliches. Skepsis gegenüber der Anthroposophie kann eine gesunde und konstruktive Haltung sein, wenn man die Auseinandersetzungen mit ihr nicht scheut oder verdrängt. «Die Welt ohne den Geist ist für den Menschen wie ein Buch, abgefasst in einer Sprache, die er nicht lesen kann, doch von dem er weiß, dass sein Inhalt lebensbestimmend ist. Und Geisteswissenschaft will erstreben die Kunst des Lesens», so Steiner. Wie bei allen wissenschaftlichen Forschungen sind auch bei der Geisteswissenschaft Fehlinterpretationen immanent möglich, es geht aber um die Grundaussagen des Ganzen: die menschliche Freiheit und das zukünftige Potential des Menschentums. Die blinden Flecken unserer Zeit wurden von dem Philosophen Paul Feyerabend in seinem Hauptwerk «Against Method» charakterisiert. Er argumentiert, dass es keine allgemeingültige wissenschaftliche Methode gibt (Monopol), sondern eine Vielfalt («Anything goes»); ein übergeordnetes Anliegen ist intellektuelle und kulturelle Freiheit: kein Dogmatismus, weder religiöser noch wissenschaftlicher Art. Diese Grundhaltung im Zeitalter des «Angriffs auf die Wirklichkeit» (Gérald Bronner) ist gegenüber der Herausforderung der Gegenwart massgebend. Es ist an der Zeit, gründlich und individuell zu überprüfen, was der Wahrheitsgehalt einer Erfahrung, einer Begegnung, eines Gedankens, einer Aussage ist. Eine Zumutung tut uns Menschen des Jahren 2025 gut, wenn Offenheit und Unvoreingenommenheit konsequent praktiziert und geübt werden, dabei muss man nur ein Genie des Interesses werden und wach bleiben. Müller zitiert Ludwig Wittgenstein: «Ein Mensch ist in einem Zimmer gefangen, wenn die Tür unversperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu ziehen, statt gegen sie zu drücken.»
Robert Thomas
Wolfgang Müller: Zumutung Anthroposophie. Rudolf Steiners Bedeutung für die Gegenwart. Klappenbroschur, 192 S., Verlag Info3, 2023.

