Der Haagerkreis – Internationale Konferenz für Steiner Waldorf Pädagogik – engagiert sich in Frankreich
Text: Emmanuelle Bialas | Fotos: Fédération Pédagogie Steiner-Waldorf en France
Der Kongress «Anthroposophische Grundlagen und zeitgemäße Formen der Steiner-Waldorf-Pädagogik», der vom 17. bis 21. Oktober in Verrières bei Paris stattfand, bot die Möglichkeit, die Bedeutung des Beitrags der Anthroposophie für die Steiner-Waldorf-Pädagogik zu erleben. Es nahmen rund 260 Menschen und rund zehn Referentinnen und Referenten aus der Internationalen Konferenz – einer Gruppe von Waldorfpädagoginnen und -pädagogen, die weltweit für die Forschung und Förderung der Steiner-Waldorf-Pädagogik aktiv ist – teil. Auch wenn die Anthroposophie, verstanden als ein persönlicher Schulungsweg, die Unterrichtsinhalte nicht beeinflusst, spielt sie doch eine wesentliche Rolle: Sie ermöglicht den Lehrkräften pädagogische Kreativität und ein tieferes Verständnis der Entwicklung der ihnen anvertrauten Kinder. Der Verband dankt allen, die zu dieser erfolgreichen Veranstaltung beigetragen haben – dem Ergebnis eines ganzen Jahres Vorbereitung!
Die Freude, sich wiederzutreffen und Beiträge von hoher Qualität zu erhalten, hat den Pädagoginnen und Pädagogen in Frankreich neue Energie gegeben, die zunehmend restriktiven Inspektionen von Seiten der französischen Behörden ausgesetzt sind. Seit 2018 unterliegen alle freien Schulen strengen Kontrollen und Konformitätsauflagen, gelegentlich zum Nachteil ihrer pädagogischen Freiheit. Die Schule L’Arrosoir in der Ardèche ist derzeit von einer ungerechten Schließungsanordnung betroffen und hat im Eil-Verfahren den Staatsrat angerufen, der in den kommenden Tagen über ihr Schicksal entscheiden wird. Die Eltern, die ihre Kinder an einer Waldorf-Einrichtung anmelden, wählen eine alternative Pädagogik, die der Entwicklung des Kindes und der Entfaltung seiner Individualität in besonderer Weise Rechnung trägt – Keime unserer gemeinsamen Zukunft! Wir setzen innerhalb des Verbandes alles daran, ihnen diese Wahlfreiheit weiterhin zu garantieren.
Dieser außergewöhnliche pädagogische Kongress, der im zauberhaften Rahmen der Schule von Verrières-le-Buisson stattfand, hatte das Ziel, den Zusammenhang zwischen der Steiner-Waldorf-Pädagogik und ihren anthroposophischen Wurzeln zu beleuchten und den anthroposophischen Ansatz, der sowohl von seinen Verteidigern als auch von seinen Kritikern oft missverstanden wird, zu entmystifizieren.
Mitunter mit viel Humor wiesen die Referentinnen und Referenten aus Ländern, in denen die Steiner-Waldorf-Pädagogik meist ein selbstverständlicher Bestandteil der Bildungslandschaft ist, auf einige Besonderheiten des Landes von Condorcet hin, der das französische Bildungssystem in seiner öffentlich-laizistischen Ausprägung bis heute prägt.
Es wurde einhellig die Bedeutung betont, sich stets die Frage nach den Motiven zu stellen, um die pädagogische Praxis zu beleben. Hinterfragen wir die Traditionen: Aus globaler Perspektive beruhen sie oft auf Empfehlungen aus einem anderen kulturellen, historischen und geografischen Kontext. Aber genau darin liegt das Herz einer richtig verstandenen anthroposophischen Vorgehensweise: Das pädagogische Konzept einer Waldorf-Schule muss – ausgehend von den Ideen und Impulsen Rudolf Steiners – in der Gegenwart verankert sein, in beständigem Streben nach Anpassung und Innovation, mit einer dynamischen Herangehensweise, die auf die Bedürfnisse der Kinder von heute und die Herausforderungen der aktuellen Gesellschaft ausgerichtet ist.
Ziel der Erziehung ist es, dass die Kinder ihre Fähigkeiten voll entfalten können, um ins Leben zu treten. Damit sie, wenn sie erwachsen sind, nicht das Gefühl der Ohnmacht verspüren, sondern zu tätigen Menschen werden, ausgestattet mit inneren Ressourcen, um Schwierigkeiten zu begegnen, und fähig, gemeinsam mit anderen eine humanere Gesellschaft mitzugestalten.
Es ist unsere Aufgabe – als Eltern und Lehrpersonen –, die Voraussetzungen zu schaffen, die es dem Kind ermöglichen, sich selbst zu ergreifen. Diesen ureigenen Impuls jedes einzelnen Menschen wollen Waldorfpädagoginnen und -pädagogen vor allem fördern. Der Erfolg ihrer Bemühungen kann nicht an standardisierten Tests gemessen werden. Deshalb ist es entscheidend, dass das weltweite Netzwerk der Waldorf-Einrichtungen daran arbeitet, dieses Anliegen verständlicher und transparenter zu vermitteln, denn es handelt sich um eine besonders wichtige Aufgabe angesichts der zahlreichen Symptome, die von einem wachsenden Unwohlsein in unserer heutigen Gesellschaft zeugen. Es geht um die Zukunft unserer Menschheit.
Emmanuelle Bialas ist Präsidentin des Verbandes der Steiner-Waldorf-Pädagogik in Frankreich.

Waldorfschulen in Frankreich
Vor dem Tor des grossen Parkgeländes der Waldorfschule in Verrières-le-Buisson hat sich eine Besucherschlange gebildet. Jeder Besucher muss seine Anmeldung zur Tagung vorzeigen, wird persönlich begrüsst und darf erst dann auf das Schulgelände. Warum? Um Gegnern der Waldorfpädagogik den Zugang zur Tagung zu erschweren, die die Vorträge aufnehmen könnten, um anschließend aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zu veröffentlichen. Die 15 Waldorfschulen und zwei Kindergärten in Frankreich erfreuen sich einer außerordentlich häufigen Berichterstattung in den Medien, die von Pressemitteilungen der MILIVUDES (Mission interministerielle de vigilance et de luttes contre les dérives sectaires), einer staatlichen Agentur zur Bekämpfung sektiererischer Umtriebe, gespeist wird. Seit über 30 Jahren hat sie auch die Waldorfschulen im Visier, denen eine «mentale Manipulation der Schülerinnen und Schüler» unter dem Deckmantel einer Wohlfühl-Pädagogik vorgeworfen wird, die ihnen eine gefährliche esoterische Doktrin eintrichtere. Die Veranstalter der Tagung wollten in dieser Situation ganz gezielt Anthroposophie in den Mittelpunkt stellen, die in keiner Weise in die Unterrichtsinhalte einfliesst. Waldorfschulen sind keine Weltanschauungsschulen.
Philipp Reubke

