Ausbildung an der Akademie für Anthroposophie Pädagogik heute

Auch die Akademie für anthroposophische Pädagogik (AfaP) stellt sich den Fragen der Gegenwart und entwickelt ihre Ausbildung Schritt für Schritt weiter. Sie sucht Antworten darauf, wie Lehrerinnen und Lehrer heute ausgebildet werden müssen, damit sie Kinder in einer sich ständig verändernden Welt begleiten können. Es geht darum, Bewährtes zu bewahren und gleichzeitig neue Zugänge zu finden, die auf die Herausforderungen der Zeit reagieren.

Text: Gerwin Mader | Fotos: AfaP


Was ist eine zeitgemässe Ausbildung?
Keine abgehobene Theorie, sondern ein Lernen, das mitten in der Zeit steht: So versteht sich die Ausbildung an der AfaP. Begegnungen, persönliches Coaching und gemeinsames Studieren haben Vorrang – digitale Formate sind nur Ergänzung. Das reale Miteinander, das Erleben und das gegenseitige Wertschätzen prägen den Alltag.

Das dreijährige Curriculum ist klar strukturiert, gleichzeitig aber so gestaltet, dass es sich am Lebensrhythmus der Studierenden orientiert. An Seminarwochenenden werden Themen vertieft, und künstlerische Elemente sind fest verankert. Die darstellende Kunst, die abends und am folgenden Morgen geübt wird, macht das Nachtlernen am eigenen Leib erfahrbar – eine Erfahrung, die von Studierenden wie Dozierenden als besonders wertvoll beschrieben wird.

Die jungen Menschen, die an die AfaP kommen, haben klare Erwartungen. Sie wollen nicht nur fachlich qualifiziert werden, sondern auch an ihrer Persönlichkeit arbeiten. Sie suchen eine Ausbildung, die das Kind ins Zentrum stellt und ihnen zugleich einen zeitgemässen Zugang zur Anthroposophie eröffnet. Im Vergleich zu früheren Generationen zeigt sich heute eine stärkere Sensibilität für eigene Gefühle und Bedürfnisse. Teamarbeit spielt eine grössere Rolle, und das Soziale – sowohl in der Klasse wie im Kollegium – rückt deutlicher in den Vordergrund.


Faust als Spiegel der Zeit
Gesellschaftliche Strömungen hinterlassen auch in der Lehrerbildung ihre Spuren. Zunehmende Orientierungslosigkeit, Kraftlosigkeit und Empfindlichkeit sind Phänomene, die weltweit zu beobachten sind. Der Sommerblock 2025 griff diese Entwicklung auf: Unter dem Motto «Im Strudel der Zeit» wurde das Faust-Motiv zum Leitfaden unserer Arbeit.

Warum gerade Faust? Weil sich darin existenzielle Fragen bündeln: das Ringen mit den eigenen Schatten, die Konfrontation mit dem Bösen und die Suche nach Orientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Viele Studierende hatten bisher kaum Berührung mit diesem Werk. Erst in der Auseinandersetzung mit der Sprachgewalt der Texte und dem eigenen Theaterspiel begannen die darin angeschlagenen Themen zu wirken. Es entstanden Fragen, die tief in die eigene Biografie hineinreichen: Wie gehe ich mit inneren Widersachern um? Wie kann ich als Lehrperson Vorbild sein? Bin ich in der Lage, Kindern Halt zu geben in einer Zeit voller Unsicherheiten?

Die Reaktionen waren intensiv. Staunen über die Grösse und Zeitnähe des Werkes, Nachdenklichkeit und Begeisterung prägten die Atmosphäre. Der Abschluss auf der Bühne im Grossen Saal wurde für viele zu einem unvergesslichen Erlebnis.


Motivation für den Beruf als Lehrkraft
Mut, Lehrer oder Lehrerin zu werden, entsteht an der AfaP aus dem Zusammenspiel von Selbstgestaltung und Praxiserfahrung. Wer die Möglichkeit hat, das Studium aktiv mitzugestalten und Freiräume schöpferisch zu nutzen, fühlt sich gestärkt. Besonders deutlich zeigt sich das, wenn die Studierenden ihre ersten Schritte in der Praxis tun. Der Kontakt mit den Kindern, das Meistern kleiner und grosser Herausforderungen – hier wird spürbar, dass man nicht durch das Studium, sondern durch die Begegnung mit den Kindern zur Lehrperson wird. Natürlich bleibt der Weg nicht ohne Zweifel. Kunst, Praxis und enges Coaching führen zu starken Eindrücken, die auch an die Grenzen der Belastbarkeit gehen. Finanzielle Sorgen, biografische Krisen oder Erschöpfung bringen manchen Moment der Unsicherheit. Wichtig ist dann die Begleitung, die das Vertrauen in die eigene Persönlichkeit stärkt. Und immer wieder sind es die Kinder, deren positive Resonanz den entscheidenden Ausschlag geben, den pädagogischen Weg weiterzugehen.


Bildungspolitischer Kontext
Die AfaP bewegt sich im Dialog mit der Bildungslandschaft. In den letzten Jahrzehnten wurde gezielt in Praxisforschung und Lebenslernen investiert. Mit der Einführung des dualen Praxisstudiums tragen die Schulen selbst Ausbildungsverantwortung. Seit 2012 sorgt die Funktion der Praxisleitung für ein klares Mentorenprofil.

Die Zusammenarbeit mit dem Verband der Rudolf Steiner Schulen Schweiz & Liechtenstein bildet eine tragende Säule. Gleichzeitig öffnen sich Türen zu staatlichen Schulen, die als Praxisplätze dienen und die Zusammenarbeit schätzen. Nicht selten empfehlen Schulleitungen die AfaP als alternative Ausbildungsmöglichkeit. Statt Konkurrenz entsteht hier Ergänzung. Die Kreativität und Kindesnähe der Waldorfpädagogik werden dabei oft besonders hervorgehoben.


Brücken und Anerkennung
Eine Besonderheit ist die Passerelle zur Pädagogischen Hochschule FHNW. Sie ermöglicht es, bis zu zwei Drittel der AfaP-Ausbildung anrechnen zu lassen und in kurzer Zeit eine Doppelqualifikation zu erwerben.

Das eröffnet gleich mehrere Chancen: einerseits einen staatlich anerkannten Abschluss, der auch international Türen öffnet, andererseits das Diplom der AfaP als Nachweis einer spezifischen pädagogischen Ausbildung. Diese Kombination stärkt die fachliche Sicherheit und bereichert den pädagogischen Alltag.

Dass Diplomarbeiten der AfaP von der PH anerkannt werden, zeigt das wissenschaftliche Niveau der Ausbildung. Rund 95 Prozent der Arbeiten erreichen BA-Standard. Für die Studierenden bedeutet das zwar hohe Anforderungen, zugleich aber auch die Erfahrung, auf einem stabilen Fundament zu stehen.


Identität und Kern
So sehr sich die Ausbildung auch öffnet und weiterentwickelt – der Kern bleibt unverändert. Praxisforschung von Beginn an, das anthroposophische Menschenbild und der Blick auf das Kind stehen im Mittelpunkt.

Gleichzeitig fordert jede neue Generation andere Zugänge. Kommunikation, Medienpädagogik und Elternarbeit sind Felder, die ständige Aufmerksamkeit brauchen. Sie verlangen, immer wieder neu gestaltet zu werden.

Der Kern lässt sich in einem Satz verdichten: geistgenährte Forschung mit dem Blick auf das Kind. Und als Bild dafür dient die immerwährende Morgenröte – ein Symbol für Aufbruch, Offenheit und Zukunft.


Orientierung und Zugänge
Die Wege zur AfaP sind vielfältig. Eine neue Website, die in Kürze online sein wird, ergänzt Social Media, Newsletter, Broschüren und Flyer. Doch die wirksamste Werbung bleibt die Mundpropaganda – die Begeisterung der Studierenden selbst.

Digitale Informationen helfen bei der ersten Orientierung. Doch die entscheidenden Momente entstehen im persönlichen Gespräch. Vor Ort, im Austausch mit Dozierenden und Studierenden, klärt sich oft die Frage, ob dieser Ausbildungsweg der richtige ist.

Forschung und Weiterentwicklung
Die Praxisforschung ist Herzstück und Motor zugleich. Studierende nehmen konkrete Situationen aus ihrem Unterricht auf, reflektieren sie systematisch, entwickeln Verbesserungen und erproben diese in der Praxis.

Besonders eindrücklich war das Projekt des jahrgangsübergreifenden Unterrichtens auf der Primarstufe. 20 Kinder aus den Klassen 1 bis 4 wurden gemeinsam unterrichtet – die Erfahrungen wurden sorgfältig ausgewertet und in Diplomarbeiten dokumentiert. Dabei tauchten grundlegende Fragen auf, etwa wie individuell auf die Entwicklungsstände der Kinder eingegangen werden kann.

Am wirksamsten entfaltet sich Forschung, wenn sie ins Kollegium zurückspiegelt. Kleine Teams, die sich über einen längeren Zeitraum einer Frage widmen, entwickeln neue Ansätze für den Unterricht. Forschungshaltung statt Sitzungshaltung – so könnte das Motto lauten.


Waldorfpädagogik und Wissenschaft
Theorie und Praxis lassen sich in der Pädagogik nicht voneinander trennen – Rudolf Steiner hat dies immer wieder betont. An der AfaP wird dieser Grundgedanke lebendig umgesetzt: Pädagogische Theorie bleibt nur dann menschengerecht, wenn sie aus der Praxis erwächst und zugleich wissenschaftlich reflektiert wird. Darauf baut auch die Kooperation der AfaP mit dem Institut für Praxisforschung (www.institut-praxisforschung.com). Gerade in dieser Verbindung liegt die grosse Chance. Sie macht eine Pädagogik möglich, die sich nicht an fertigen Ergebnissen orientiert, sondern an der Zukunft. Doch Spannungsfelder sind unvermeidlich. Zu viel wissenschaftliche Strenge kann die spirituelle Dimension verdrängen, ein Übermass an anthroposophischer Innerlichkeit kann weltfremd wirken. Die Kunst besteht darin, beides auszubalancieren: Anthroposophie als Kraft, die innere Stärkung ermöglicht und den Blick weitet – Wissenschaft als systematische Basis für pädagogisches Handeln. Zusammen entsteht ein ganzheitlicher Erkenntnisweg, wie er im Kreismodell «Pädagogische Entwicklung durch Praxisforschung» (Stöckli 2012) beschrieben ist.

Literatur:
Thomas Stöckli: Pädagogische Entwicklung durch Praxisforschung, edition waldorf, Stuttgart 2012
www.afap.ch

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