Text: Michaela Ecknauer | Foto: begleitkunst-ausbildung.ch
Es ist eine Idylle. Monate haben sich alle auf das erste Kind gefreut. Nun ist es da – und nichts ist mehr, wie es war! Irgendwie haben wir das ja gewusst. Aber wie es sich anfühlt, ohne genügenden Schlaf, konnte uns niemand vermitteln. Oder haben wir es einfach überhört?
Durchwachte Nächte, Unsicherheit, der hohe Anspruch, es allen Recht machen zu wollen und das unweigerlich folgende schlechte Gewissen sind die ungebetenen Begleiter von frisch gebackenen Eltern.
Kaum etwas verändert die Biografien von zwei Menschen so abrupt und tiefgreifend, wie die Ankunft des ersten Kindes. Was vorher vielleicht ein harmonisches Team war, eingespielt zwischen Beruf und Freizeit, wird hart auf die Probe gestellt. In den fast zwei Monaten «Wochenbett» gibt es noch Unterstützung und viel Verständnis von allen Seiten. Aber mit der Zeit schleichen sich Zweifel ein, ob wir jemals wieder durchschlafen oder uns mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen werden. Und dabei liegt der Säugling doch gerade selig schlafend im Bett und wir wollen nur das Allerbeste: dass er in Liebe und Geborgenheit zu einem freien Menschen heranwachsen kann.
Bloss, wie kommen wir dahin? Werden unsere Kräfte reichen, wenn wir schon zu Beginn dieses Abenteuers an unsere Grenzen kommen – scheinbar?
Im Beruf konnte Vieles von uns kontrolliert oder auch erfolgreich angestrebt werden. Doch jetzt stehen wir völlig am Anfang.
Ja, das Elternsein verändert uns bis ins Innerste! Es verlangt ungeahnte Wandlungsbereitschaft, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf ebenso Unbekanntes wie Unbequemes einzulassen. Alles ist neu: die Verantwortung, die Bedürfnisse des Kindes, die vielen Ratschläge von aussen. Das kann grosse Verunsicherung und auch Einsamkeitsgefühle hervorrufen, wenn draussen «das Leben sprudelt», während wir seit Stunden versuchen, das Kind zum Schlafen zu bringen. Die meisten Eltern denken, dass es nur ihnen so ergeht.
Da ist es eine grosse Erleichterung zu erleben, wie eine Eltern-Kind-Gruppe mit Humor und Offenheit diese Selbstzweifel zerstreuen kann. Denn, das wird rasch klar, allen Eltern geht es ähnlich und es ändert sich auch alles wieder schneller als gedacht! Da wird niederschwellig Kontakt geknüpft, Hilfe angeboten und – oft noch schwerer für einen selbst – angenommen. Ein kleines «Dorf» entsteht, in vielen Fällen ein Ersatz für die Verwandtschaft, die weit entfernt wohnt. Zwischen Freude und Erschöpfung, Liebe und Zweifel suchen die Eltern nach Orientierung und nach einem Ort, an dem sie einfach einmal sein dürfen – mit ihrem Kind, mit anderen, mit sich selbst.
Doch was ist eigentlich eine Eltern-Kind-Gruppe?
Sie bietet genau diesen Raum der Ruhe, des Gesehen- und Gehörtwerdens. Hier kommen Eltern mit ihren Babys und Kleinkindern vor dem Spielgruppenalter zusammen, um in einer vorbereiteten Umgebung zu entschleunigen, zu staunen und in Kontakt zu kommen, auch mit sich selber.
Das Besondere der Gruppen liegt in der Haltung: Es geht nicht um Leitung oder Belehrung. Begleiterinnen oder Begleiter mit Erfahrung in frühkindlicher Entwicklung schaffen eine Insel der Achtsamkeit und des Respekts. Da spielt es keine Rolle, wie lange der letzte Blick in den Spiegel oder die letzte Dusche zurückliegt, wie quengelig das Kind heute ist und ob es die Hälfte des Treffens verschläft, genau hier ist auch all das richtig und willkommen.
Für die Kinder ist es eine Welt des freien Spiels: mit natürlichen, die Sinne nährenden Materialien, vertrauten Liedern und wiederkehrenden Ritualen. Im freien, selbsttätigen Spiel entfaltet sich etwas Kostbares: Das Kind findet seinen eigenen Rhythmus in Bewegungen und Begegnungen, in Willensäusserungen und neuen Eindrücken. Eine tiefgreifende, körperliche Erfahrung, die es Selbstwirksamkeit spüren lässt und damit sein Vertrauen in sich und die Welt stärkt.
Für die Eltern ist es eine Gelegenheit, ihr Kind bewusst wahrzunehmen, fernab von Alltag und Haushalt, ohne ständig etwas tun zu müssen. Sie entdecken, wie viel ein Kind aus eigener Kraft vermag, wenn ihm Zeit und Raum gegönnt wird. Aus dieser Erfahrung wächst ein neues Vertrauen – in das Kind und in die eigene elterliche Kompetenz. Auch Fragen, die im stürmischen Alltag oft untergehen, dürfen hier gemeinsam bewegt werden: Wie begleite ich Wutanfälle? Wie gestalte ich Übergänge im Tageslauf? Wie finde ich als Mutter oder Vater meinen eigenen Weg zwischen meist ungefragten Ratschlägen und eigenen Erwartungen?
Die ersten 1000 Tage des Lebens sind die prägendsten, weiss die Hirnforschung zu berichten.
Alles, was das Kind umgibt – der Tonfall der Stimme, der Rhythmus des Tages, die Stimmung in der Familie – wird aufgenommen und bildet das Fundament seines späteren Lebensgefüges. Das Kind ist ganz Sinnesorgan, ganz Offenheit. Alles, was es erlebt, wirkt gestaltend an seiner leiblichen, seelischen und geistigen Entwicklung mit.
Eltern-Kind-Gruppen sind also kein Kurs im herkömmlichen Sinn. Sie sind Lebensräume im Kleinen, Orte der Erfahrung und der Verbundenheit, getragen durch die gemeinsame Frage: Was braucht mein Kind und was brauchen wir für unsere Entwicklung? So entsteht etwas, das über die Treffen hinausreicht: ein neues Gefühl von Sicherheit im Umgang mit dem Kind, ein tieferes Verständnis für seine Entwicklung und oft auch ein tragendes Netz von Beziehungen, das Familien weit über die ersten Jahre hinaus trägt.
Wunderbar, wenn es mit der Zeit immer mehr Eltern-Kind-Gruppen an unseren Schulen geben kann!
Michaela Ecknauer arbeitet seit vielen Jahren im Raum Basel als Begleiterin von Eltern-Kind-Gruppen, ist Eurythmistin, Mitbegründerin und Dozentin der Begleitkunst-Ausbildung für Eltern-Kind-Gruppen, Spielgruppen, Kita-Mitarbeitende und Tageseltern.

