Fünf siebte Klassen, zwei vom Jakobsberg in Basel, jeweils eine aus Kreuzlingen, Langenthal und Winterthur, insgesamt 120 Schülerinnen und Schüler, begegnen sich Ende Oktober zu einem gemeinsamen Chortreffen und gaben Konzerte in Basel und Kreuzlingen. Gesungen wurde Chormusik aus verschiedenen Epochen und Kulturen – von Guido von Arezzo, über Bach bis zu ukrainischen, jüdischen und neueren Werken.

Text: Jana Taina Bidaut | Fotos: RSS Winterthur


In unserem Lehrerzimmer in Winterthur hat jemand an die Infotafel ein Zitat von Annie Heuser geschrieben, das ihm oder ihr offenbar sehr wichtig geworden ist in diesen Zeiten. Dort steht geschrieben:

«In Zeiten, in denen Niedergangskräfte dominieren, kommt es auf den ganzen Menschen an, auf den Entschluss: nicht mit dem Strom und nicht gegen den Strom zu schwimmen, sondern Neuland zu schaffen in sich selbst und in seinem Wirkungskreis.»

Solches Neuland hat das Organisationsteam des Chortreffens in diesem Jahr betreten. Es war viel Vorarbeit notwendig – vom Aufnehmen der Idee (solche Chortreffen der siebten Klassen der Steinerschulen gibt es in Italien seit vielen Jahren, wie Peter Appenzeller berichtet) über die Klärung der Frage «Was werden wir singen?» bis hin zur Organisation der Übernachtungen für die Gastklassen.

Es war ein Wagnis. Wie wird es sein, wenn fünf Klassen, die sich gegenseitig meist nicht kannten, zusammen musizieren?

Am Freitagmorgen fuhren wir los. Die Nachricht, dass die Mädchen im Basler Hostel in klassengemischten Zimmern würden schlafen müssen, hatte nicht unbedingt Begeisterung hervorgerufen; die Unsicherheit und die Scheu vor dem Unbekannten überwogen. Kaum am Jakobsberg angekommen, ging es auch schon mit den Proben los. Und die Schülerinnen und Schüler waren gefordert. Bis 18:30 Uhr ging das Üben – selbstverständlich inklusive wohlverdienter Pausen, in denen man sich kennenlernen und wahrnehmen konnte. Staunen bei einigen darüber, wie gross und weitläufig das Basler Schulgebäude und das gesamte Gelände sind – die anderen drei Schulen sind um Einiges kleiner …

Am Ende des Tages waren alle rechtschaffen müde – was jedoch nicht davon abhielt, in den Hostelzimmern intensive Gespräche miteinander zu führen – manchmal bis spät in die Nacht hinein.

Auch am nächsten Tag: Proben, Proben, Proben – schliesslich stand am Abend das erste Konzert auf dem Programm. Bis dahin musste der Ablauf sicher sein. Dank einer tollen Organisation war das auch der Fall.

Ab 19 Uhr stieg bei Vielen der Adrenalinspiegel. Würden viele Menschen kommen, um das Konzert zu hören? Würde alles gelingen? Die Ängste waren unbegründet. Die vielen verschiedenen Musiklehrerinnen und -lehrer steuerten Kapitänen gleich das Chor-Schiff sicher in den Hafen, die Besucherinnen und Besucher in der Kulturkirche Paulus in Basel dankten es allen Beteiligten mit langem Applaus.

Peter Appenzeller


Der Sonntag begann mit der Reise nach Kreuzlingen, wo eine neue Herausforderung auf uns wartete – die St. Stephans Kirche. Dort war die Akustik eine ganz andere, so dass auch der Gesang noch einmal angepasst werden musste – das war Physik in ihrer praktischen Anwendung. Auch dieses Konzert war gut besucht und die Reaktionen der anwesenden Eltern aus meiner Klasse waren eindeutig: Gänsehautmomente.

Es klingt eben doch anders, wenn ein Chor hundert Menschen umfasst statt 23, wenn nur eine Klasse singt. Die künstlerische Arbeit war der eine – grosse – Teil dieses Treffens. Es hatte aber auch noch andere Facetten. Die Schülerinnen und Schüler lernten sich kennen und schätzen und noch im Zug zurück trafen sie sich auf den Gängen und redeten. Meine Klasse jedenfalls ist nach diesem Wochenende sehr offen dafür, noch einmal etwas gemeinsam mit anderen siebten Klassen zu unternehmen.

Aber auch unter uns Lehrerinnen und Lehrern gab es spannende Gespräche. Es war interessant wahrzunehmen, wie wir am Gleichen und doch auf sehr unterschiedliche Art und Weise arbeiten. Und nichts ist bereichernder, als sich gegenseitig von den Fragen zu erzählen, die einen beschäftigen und Kolleginnen und Kollegen beim Arbeiten zuzuschauen und sich davon inspirieren zu lassen. Manche Idee wurde geboren und es ist zu hoffen, dass die eine oder andere davon auch umgesetzt werden kann und nicht vom Alltagsgeschäft «gefressen» wird.

Den Raum für dieses Neuland auf vielen Ebenen geschaffen zu haben, ist ein grosser Verdienst der Menschen, die dieser Idee eines gemeinsamen schulübergreifenden Siebt-Klass-Chores Leben eingehaucht haben. Ihnen, wie auch allen anderen Mitwirkenden, ob in der Küche (ein nicht zu unterschätzender Faktor – und wir wurden wunderbar verpflegt!), im Hausdienst oder anderswo, gilt ein riesengrosses Dankeschön! Alle gemeinsam haben die Jugendlichen in die Welt schauen lassen – in die Welt der Musik, in die Kompositionen verschiedener Jahrhunderte und verschiedener Länder.

Es war kein Schwimmen mit dem Strom und keines dagegen, es war etwas ganz Neues, was da geschaffen und zum Klingen gebracht wurde und es ist zu hoffen, dass diese Idee eine Fortsetzung im nächsten Jahr findet.

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