«Das Schreckliche ist, dass, wenn die Seele in diesen Finsternissen, wo nichts ist, was sie lieben könnte, aufhört zu lieben, und dann die Abwesenheit Gottes endgültig wird.» Simone Weil[1]

Text: Henrik Löning | Foto: Atelierschule Zürich

In den ersten Jahren meines Lehrerlebens hat mich wiederholt ein Traum eingeholt. Die Szenerie war jedes Mal anders, die Thematik aber gleich: Die Schülerinnen und Schüler taten, was sie wollten. Ich war nicht in der Lage, mich durchzusetzen. Die Träume waren unangenehm. Und sie hatten wenig mit meinem Schulalltag zu tun. Der lief gut. Dennoch wiederholten sich diese Träume.
Jahre später habe ich anderen davon erzählt und zu meinem Erstaunen war die häufige Antwort: «Ja, das kenne ich!»

Dennoch wird wenig darüber gesprochen. Und mit «darüber» meine ich Folgendes: Pädagogik ist vor allem Beziehungsarbeit. Jeden Morgen steht man vor der Klasse und stellt sich die Frage: Kann ich sie für die Inhalte und die Arbeit, die sie machen müssen, gewinnen? Die Beziehungsaufnahme beginnt in der Regel einseitig. Das setzt die Lehrperson unter Stress. Läuft es nicht gut, kommen leicht Langeweile und Trägheit auf, die wiederum auf die Lehrperson zurückschlagen können. Im schlechteren Fall wird Druck aufgebaut, sei es durch Schüler oder Schülerinnen, die den Unterricht stören oder provozieren. Oder durch die Lehrperson, die sich selbst verhärtet und «andere Seiten» aufzieht. Aus dieser Spur kommt man, wenn man einmal hineingerutscht ist, nicht so einfach wieder heraus.

Zugleich wächst das Bedürfnis nach Anerkennung, die häufig nicht im Verhältnis zum geleisteten Engagement erfolgt.

Was hilft, um aus dieser Misere herauszukommen?

Es klingt einfach, scheint mir aber tatsächlich das Nachhaltigste zu sein. Interesse!

Ich möchte das im Folgendem kurz erläutern.

Mein Vater, der vor über 80 Jahren eine kleine Dorfschule am Rande der Nordsee besuchte, erzählte mir vom Stundenbeginn seines Mathematiklehrers. Dieser begann damit, dass er sich in Ruhe, in einem bequemen Stuhl sitzend, seine tiefgeschwungene, altmodische Pfeife stopfte, anzündete und auf die Klasse schaute. Nach einiger Zeit begann er dann langsam und sehr gemütlich. Vielleicht so: «Heute möchte ich euch vom Quadrat erzählen.»

Dieses Erlebnis, an das sich mein Vater gerne erinnert, ist ihm nach all den Jahren noch präsent. Für meinen Gedanken ist es nicht wegen der dampfenden Pfeife im Klassenzimmer interessant, sondern wegen der Grundgeste, sich auf den Unterricht einzustellen. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass es dieser Lehrperson gelang, sich der Klasse entspannt und zurückgelehnt gegenüberzustellen und zu betrachten, was da vor einem ist.

Als Lehrperson bin ich in der Regel sehr aktiv. Ich führe die Klasse durch den Unterricht. Ich bin wach, vorbereitet, mit Materialien bestückt, habe einen Fahrplan und den Willen, jetzt Lernziele zu erreichen. Das ist eine ganz andere Stimmung und Haltung.

In der Geschichte von dem Lehrer spricht mich etwas an. Mir ist bewusst, dass das nur ein romantisierendes Bild ist. Ich möchte nicht die Vergangenheit an dörflichen Schulen im norddeutschen Watt verklären. Aber was ist das für eine Haltung, die sich in den Erinnerungen meines Vaters ausdrückt? Welche so andere Haltung kommt mir da entgegen, verglichen mit meiner eigenen Unterrichtspraxis?

In dieser kleinen Erinnerung klingt etwas nach, das weit über den Schulraum hinausweist – eine Haltung, die sich einem Geschehen öffnet, statt es kon­trollieren zu wollen.

«In Ehrfurcht empfangen»[2] ist eine der drei Haltungen für Lehrpersonen von denen Rudolf Steiner spricht. Ehrfurcht ist für mich mit Staunen verbunden. Eine gesteigerte Form des Interesses, dass einen das, was einen Staunen lässt, ganz einnimmt. Und mit dem Eingenommen-Werden stellt sich eine tiefe innere Ruhe und vor allem Dankbarkeit ein.

Vielleicht verbirgt sich dahinter die Haltung, dass der Unterricht mit einem Moment des Empfangens seinen Anfang nimmt. Mit einem Lauschen, bevor das Tun einsetzt. Mit einem interessierten Wahrnehmen, wie die Schülerinnen und Schüler eintreffen, wie sich der Raum füllt, wer mit wem wie spricht, welche Kleider jemand trägt, wie sich jemand setzt. Staunen, wie und welche gemeinsame Gegenwart gerade entsteht.

Unterricht ist weniger ein Vermitteln als ein Begegnen. Und jede Begegnung beginnt mit einer empfangenden Haltung.


  1. Simone Weil: Warten auf Gott. München 1952. ↩︎

  2. Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, Dornach 1992. ↩︎

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