Vom Scheitern und Gelingen im pädagogischen Alltag
Text : Petra Hamprecht-Krause | Zeichnungen : Antoine de Saint-Exupéry
«Immer sind es die Menschen, du weißt es, Ihr Herz ist ein kleiner Stern, der die Erde beleuchtet. »
Diese Zeilen aus einem Gedicht von Rose Ausländer waren für mich als Klassenlehrerin manchmal mehr im Hintergrund, manchmal bewusster bei der Frage präsent : Wie kann ich die Kinder so begleiten, dass sie sich gesund und ihrer Individualität gemäß entwickeln ? Was ist von mir als erziehende Person gefordert, wenn ich bedenke, dass jedes, wirklich jedes Kind individuell und damit verschieden von jedem anderen Kind ist ?
Woran kann ich mich orientieren ? Wenn ich eine neue Klasse übernehme, erzähle ich den Eltern von der Waldorfpädagogik und davon, wie wir versuchen, die Kinder ihrem Wesen gemäß zu verstehen und spreche dann etwa in der folgenden Weise :
Jedes Kind hat seinen Stern, den es ins Leben hineinträgt. Dieser kleine Stern sucht sich seinen Weg auf der Erde. Jeder Stern leuchtet anders, der eine hell, der andere flackernd, einer zart, fast unscheinbar, ein anderer feurig-funkelnd – jeder möchte sein Licht verbreiten, jeder sucht seine Bestimmung.
Dieser Stern ist mitgebracht, mitgebracht aus einer anderen Welt, wir können sie die geistige Welt nennen oder die spirituelle Dimension. Auch das Licht, die Substanz, die Leuchtekraft des Sternes ist mitgebracht … « Ihr Herz ist ein kleiner Stern, der die Erde beleuchtet. »
Das Bild vom Stern verstehen und lieben die Eltern. Es knüpft an die spirituelle Dimension der Waldorfpädagogik an, denn mit dieser Dimension rechnen wir ja, das ist die Substanz, mit der wir umgehen, damit arbeiten wir.Paradiesische Zustände haben wir dadurch nun wahrlich nicht, wenn man die Weltpolitik, die sozialen und die Umwelt-Katastrophen anschaut.
Es geht wohl eher um das Potenzial, die mitgebrachte Möglichkeit, den mitgebrachten Willen, die Erde mit dem mitgebrachten Licht zu beleuchten, zu erhellen.
Ein weiterer Spruch stammt von Friedrich Hebbel,der mich seit langem begleitet und einen weiteren Aspekt betont :
«Kinder sind Rätsel von Gott und schwerer als alles zu lösen, aber der Liebe gelingt’s, wenn sie sich selber bezwingt. »
Jedes Kind ein Rätsel – jedes Kind ein Sternenrätsel. Begreifen wir Pädagogik von dieser Warte, dann steht das Kind mit seiner Individualität im Mittelpunkt, das Kind im Mittelpunkt der Pädagogik : Es gilt, das Sternenrätsel zu ergründen – welche Dimension !
Nun bringen die Erziehenden ebenfalls ihren Stern mit und treten zu dem Kind in Beziehung : Es ergibt sich eine Konstellation. Diese mag zufällig erscheinen. Ergibt sie sich einfach und muss hingenommen werden ? Oder lässt sich diese Konstellation gestalten ? Kann sie beeinflusst werden ? Kann man sie zu einer günstigen Konstellation verwandeln ? Was ist denn überhaupt eine günstige Konstellation ? Was zeichnet eine günstige Beziehung aus ? Woher nehmen wir den Maßstab, um zu beurteilen, ob eine pädagogische Beziehung unter einem glücklichen Stern steht ? Reicht es aus, wenn alle Beteiligten, zumindest die Kinder, sich wohlfühlen ? Wie ist das mit Krisen und Auseinandersetzungen ? Wäre es nicht praktisch, wenn die alle entfallen könnten, wenn wir ein Rezept hätten, nach dem wir sorgen- und unfallfrei pädagogisch arbeiten könnten ?
Lassen Sie mich die Sache von einer anderen Seite beleuchten : Dazu eine Passage aus dem Kinderbuch « Der Hoffnungsvogel » von Kirsten Boie.

Es spielt im glücklichen Land, wo die Menschen Dank des Hoffnungsvogels glücklich, hilfsbereit und zufrieden miteinander leben. Aber es kommt, wie es kommen muss, der Hoffnungsvogel verschwindet auf unerklärliche Weise ganz unbemerkt und die Menschen im glücklichen Land wurden immer weniger glücklich, fangen an, sich zu streiten, ärgern sich über Kleinigkeiten – man kann es sich vorstellen. Das Land wird von der guten Königin regiert und diese sendet nun ihren Sohn, den freundlichen Prinzen Jabu aus, um den Hoffnungsvogel zu suchen. Selbstverständlich nimmt der freundliche Prinz diesen Auftrag an, macht sich auf den Weg und hat eigentlich keinen richtigen Plan, wie er den Auftrag bewerkstelligen soll. Da trifft er Alva, die Tochter der Leuchtturmwärterin und diese beschließt, ihm zu helfen, ihn bei der Suche nach dem Hoffnungsvogel zu begleiten. Als sie das ihrer Mutter, der Leuchtturmwärterin, sagt, ist diese gar nicht begeistert. « Du weißt, dass die Reise gefährlich werden kann, Alva, meine Tochter ? … Der Prinz ist ein Prinz, darum hat er keine Wahl. Aber du bist die Tochter der Leuchtturmwärterin. Warum solltest du dich der Gefahr aussetzen ? » Ihre Tochter starrte sie an. « Der Prinz ist ein Prinz, das ist wahr ! », sagt sie kämpferisch. « Aber ich bin ein Mädchen, das weiß, wann es gebraucht wird, und jetzt werde ich gebraucht : Darum habe ich auch keine Wahl ! Verstehst du das nicht ? Hast du mich nicht genau so erzogen ? » Ist das nicht wunderbar beschrieben ? Ein junger Mensch, der ein Gespür für die eigenen Aufgaben in der Welt entwickelt hat, ein junger Mensch, der durch eine bestimmte Situation berührt wird, in Resonanz geht und handelt, handelt gemäß dem, was er als in dieser Situation für richtig hält. Wünschen wir uns nicht alle zumindest unbewusst, dass unsere Kinder, unsere Schülerinnen und Schüler sich so entwickeln können, dass sie Anschluss finden an ihren Stern, an ihr eigenes Schicksal und mutig zugreifen, wenn es an die Tür klopft ?
Rudolf Steiner formuliert in einem pädagogischen Vortrag vom 17.8.1923 in Ilkley: «Dadurch allein ist der Mensch ja ein wirklich richtig erzogener, dass er seinen Mitmenschen am besten nach seinen Kräften dienen kann. »Nichts von Selbstverwirklichung, Work-Life-Balance, Selbstoptimierung, Fitness, Wellness usw. Es wird etwas Anderes angesprochen. Lassen Sie mich ein anderes Beispiel bringen, real aus dem Leben gegriffen : 8. Klasse, Jahresarbeit, ein Junge will ein Modellflugzeug restaurieren, recherchiert und merkt – das ist alles ziemlich teuer, die Zeit läuft, schließlich findet seine Mutter einen Modellflugzeug-Verein mit einer Telefonnummer für Interessierte und gibt sie ihrem Sohn; der ist erstmal skeptisch, ruft dann aber doch an, schildert sein Vorhaben, und stößt bei dem jungen Studenten der Luft- und Raumfahrtechnik am anderen Ende der Leitung auf Interesse und Hilfsbereitschaft. Nach dem Telefonat ruft der Junge freudig aus: « So ein Mensch will ich auch mal werden ! » In dieser Situation blitzt etwas auf, geht in Resonanz und der junge Mensch erlebt: Da will mir jemand uneigennützig helfen, ganz aus der Sache heraus und er nimmt sich diese Erfahrung zum Vorbild.
Ein drittes Beispiel, ein bereits gelebtes und vollendetes Leben : Dr. Ruth Pfau, eine Ärztin, die als junge, blitzgescheite hübsche Frau mit einem Medizinstudium in der Tasche den Entschluss fasst, als nicht Tracht tragende Nonne nach Pakistan zu gehen und dort ihr ganzes Leben lang der Bekämpfung der Lepra-Krankheit zu widmen. Sie starb am 10. August 2017 mit 87 Jahren. Sie beschreibt es in ihrem Buch mit dem Titel « Wenn du deine große Liebe triffst » und meint damit, das zu tun, was sie als gut und richtig erkannt hat.
Drei Beispiele, wo man sagen kann, hier blitzt das Schicksal auf, hier hört ein junger Mensch den Ruf und greift zu. Wenn wir Menschen begegnen, die ihre Aufgabe in dieser Weise ergreifen können, dann erleben wir, dass diese Menschen eine Ausstrahlung haben, ihr Stern leuchtet, sie sind mit ihrem Stern verbunden, ihr Herz ist ein Stern, der die Erde beleuchtet.
Jedes Kind bringt seinen Stern, seinen Zukunftskeim mit, der sich auf der Erde entfalten will. Wenn die heranwachsende Persönlichkeit sich im Verlauf der Kindheit und Jugend so entwickelt, dass sie sich mit ihrem Lebensimpuls verbinden kann, dann würde ich von gelungenen Entwicklungsbedingungen sprechen, von gelungenen Konstellationen. Damit sind wir der Frage, wohin man in der pädagogischen Beziehung steuern möchte, etwas nähergekommen. Aber wie man das macht, woran man sich als erziehende Person orientieren kann, mit welcher Substanz man arbeitet und was die pädagogische Beziehung ausmacht, das steht noch aus. Zunächst hilft es, zwischen Individualität und Persönlichkeit zu unterscheiden. Mit Individualität, dem Ich, ist hier das gemeint, was, bildlich gesprochen, aus dem Himmel kommt, was einen geistigen Ursprung hat, und in den irdischen Verhältnissen als die Persönlichkeit erscheint, als die sie sich durch Vererbung, Schicksalsverbindungen, Erziehungsumgebung, Umwelteinflüsse und eigene Lebensbedingungen zeigt.
Beziehungen bestehen also zwischen Persönlichkeiten. Jede Persönlichkeit ist Ausdruck einer Individualität und jede Beziehung ist individuell. Manche gehen vorbei, flüchtig wie ein Hauch, hinterlassen kaum eine Spur, andere schlagen ein wie ein Blitz – kurz, aber kräftig und nachhaltig. Manche beginnen fast unbemerkt, keimen, wachsen und vertiefen sich, dauern an; andere lösen sich wieder. Von besonderer Art ist jede pädagogische Beziehung, denn sie ist asymmetrisch. Das Kind ist dem Schutz der Erziehungsperson anbefohlen. Die Erziehungsperson übernimmt die Verantwortung für diese Beziehung und da kann – wie wir immer wieder erleben – so einiges schiefgehen.
Woran kann sich die erziehende Person orientieren ? Als erziehende Person hat man es mit jungen Menschen zu tun, die ihrer Zukunft entgegenwachsen wollen. Wie können wir die Kinder gemäß ihrer Zukunft erziehen und nicht gemäßunserer Vergangenheit ? Wie kann man auf das Noch-nicht-Gewordene vorbereiten ? Wenn wir uns in den chaotischen Gegenwartserscheinungen der Welt umsehen, ergibt sich wohl eher ein bedrückendes Bild : Umweltzerstörung, egoistische Kapitalanhäufungen, Abkehr vom Gemeinwohlprinzip, Kriegstreiberei in den Medien und der Politik … Ich habe mich gegenüber meinen Schülerinnen und Schülern, Kindern und Enkeln noch nie so ratlos und erschüttert gefühlt wie im Verlauf der vergangenen Jahre … Ich erlebe die Diskrepanz zwischen dem, was ich versuche, pädagogisch zu wecken und dem, was sich auf der politischen Weltbühne abspielt als geradezu absurd …
Wie also kann eine pädagogische Beziehung gedeihlich gelebt und gestaltet werden? Da müssen wir im Wesentlichen drei Gesichtspunkte berücksichtigen : Zum einen das Kind in seiner individuellen Entwicklungssituation, zum anderen die Zeit, in der wir leben, und drittens sind wir gut beraten, wenn wir darüber reflektieren, welche Motive uns als erziehende Person leiten.
Man kann das in drei pädagogische Grundfragen fassen :
• Kind, wer bist Du ?
• Kind, in welcher Zeit leben wir ?
• Kind, woran muss ich mich orientieren, damit ich Dir bei Deiner Entwicklung zur Seite stehen kann ?
Kind, wer bist Du ?
Hier muss zunächst auf die Entwicklungssituation des Kindes geschaut werden, die zunächst wesentlich vom Alter des Kindes abhängt und in engem Zusammenhang mit den Inkarnationsbedingungen der Individualität steht.

Der « Stern » sucht sich seinen Weg in die Inkarnation, dann umkleidet er sich mit einer Leiblichkeit, die ihm das Leben auf der Erde ermöglicht und die Bedingungen schafft für Erfahrungen und Erlebnisse, die so nur auf der Erde möglich sind. Dieser Verleiblichungs-Prozess braucht die gesamte Zeit der Kindheit und Jugend. Das Kind entwickelt seine Fähigkeiten, indem es sich in seinen Leib hineinlebt und ihn dabei möglichst passend gestaltet. Je passender die Leiblichkeit, desto besser kann sich die Individualität in der Persönlichkeit entfalten. Dabei sind wir als Erziehungs- und Lehrpersonen permanente Geburtshelfer, Entwicklungshelfer im Prozess der Verleiblichung. Die Leiblichkeit, um die es geht, hat mehrere Schichten, die nach und nach in Erscheinung treten, geboren werden. Augenscheinlich tritt der sogenannte physische Leib, also der anfassbare Körper, bei der Geburt in Erscheinung. Vor der Geburt ist er im mütterlichen Leib von schützenden Hüllen umgeben, dem Chorion und dem Amnion, und versorgt sich mit Nährstoffen über die Plazenta. Diese schützenden Hüllen werden vom Embryo selbst gebildet. Der Embryo bildet sich im mütterlichen Organismus einen eigenen Schutzraum. Das Erstaunliche ist, dass dieser lebendige Fremdkörper vom mütterlichen Organismus und seinem Immunsystem nicht abgestoßen wird – das stellt eine Ausnahmesituation in der Natur dar. Mit der Geburt werden diese schützenden Hüllen, Chorion, Amnion und Plazenta, abgelegt, der physische Schutzraum wird verlassen. Das Leben des Kindes beginnt mit dem ersten Atemzug. Das Kind wird abgenabelt und muss nun selbst mit den physischen Erdenverhältnissen klarkommen : atmen, sich ernähren, seine Wärme regulieren usw. Es ist aber zunächst weiterhin absolut schutzlos und so wie es zuvor im Mutterleib von einer schützenden Hülle umgeben war, muss es nun im Schutz der Erziehungspersonen leben. Es tritt in eine pädagogische Situation ein. Welcher Art ist nun diese pädagogische Beziehung ? Welcher Bedingungen bedarf sie ? Wir können drei nicht-physische Grund-Qualitäten unterscheiden :
• Da gibt es die lebendige Atmosphäre, die mit der gefühlten Lebensqualität zu tun hat : Fühlt man sich bei den Erziehenden, den Eltern, den Lehrern und Lehrerinnen wohl in seiner Haut und willkommen ? Kann man entspannen oder will man gleich weg, weil es ungemütlich ist ? Greift einen die Atmosphäre an oder schenkt sie Geborgenheit ? – Wir sprechen von ätherischer Qualität, ätherischer Substanz, man könnte auch ganz allgemein von Lebens- oder Wohlfühlqualität sprechen.
• Dann haben wir als weitere Qualität die emotionale Gestimmtheit. Wie differenziert ist der emotionale Umgang ? Wird jede Stimmung von den Eltern, Erzieherinnen oder Lehrern ausagiert? Können sie ihre Stimmungen regulieren ?Oder wird jede Gefühlsregung gleich im Keim erstickt ? – Welche webt seelisch in der Umgebung zwischen den Menschen ? Wir sprechen von der emotionalen bzw. astralischen Hülle.
• Und schließlich gibt es etwas, das man als geistige, sinngebende Umgebung charakterisieren kann. Womit beschäftigen sich die Erziehenden ? Erleben sie ihr Leben als sinnerfüllt ? Haben auch sie Anschluss an ihren Stern gefunden ? Wir sprechen von der sinngebenden bzw. geistigen Hülle.
• Alle drei Qualitäten bilden jeweils eine eigene Hülle für das Kind, und zwar als Substanz, die am Leib des Kindes mitschafft, die aber nur durch die Erziehungspersonen realisiert werden kann. Alle drei Qualitäten – ätherische, emotionale und geistige bzw. sinngebende Gestimmtheit – haben enormen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, können seine Entwicklung fördern oder auch hemmen. Je stimmiger sie für das Kind sind, desto gesünder kann es sich entfalten.
Alle diese Hüllen sind auch schon während der physischen Schwangerschaft bedeutsam und für die gesunde Entwicklung des Kindes maßgebend. Untersuchungen aus der Psychoneuroimmunologie, wie sie z. B. von Christian Schubert zusammengetragen und durchgeführt wurden, belegen eindrucksvoll, wie die Ausbildung des kindlichen Immunsystems durch mütterlichen Stress während der Schwangerschaft negativ beeinflusst wird (Christian Schubert : Was uns krank macht, was uns heilt). Jede dieser Hüllen streift das Kind im Laufe seiner Entwicklung ab, das heißt, es internalisiert sie. Die Substanz der jeweiligen Hülle wird verinnerlicht und es lernt immer selbstständiger, damit umzugehen. Jedes Mal, wenn eine dieser Hüllen abgestreift bzw. verinnerlicht wird, können wir von einer Geburt sprechen.

• Das Kind braucht also die ätherische Hülle : Nahrung, Lebensrhythmus, Wärme, Geborgenheit, Kleidung etc., eine Atmosphäre, in der es sich geborgen und wohl fühlt, in der es sich vertrauensvoll entfalten kann. Wenn es sich weh tut, ist jemand da, den es gut kennt und der es liebevoll auf den Schoß nimmt und tröstet.
• Dann gibt es die emotionale, die astralische Hülle : Das Kind hat Menschen in seiner Umgebung, die ihre Stimmungen regulieren und den Bedürfnissen des Kindes entsprechend agieren.
• Und schließlich die geistige, die sinngebende Hülle, in der das Kind mehr oder weniger bewusst oder unbewusst erlebt : Meine Erziehungspersonen interessieren sich für mich, für die Welt und für andere Menschen und sie handeln entsprechend. Je kleiner das Kind, desto mehr sind die Hauptbezugspersonen zugleich die hauptsächlichen Erziehungspersonen. Nun weiß man durch diePsychologie mittlerweile sehr genau, dass die Erziehungsbeziehung absolut individuell und personengebunden verläuft. Je kleiner das Kind, desto wichtiger sind stabile Hauptbeziehungspersonen.
Die Mutter eines fünfzehn Monate alten Mädchen muss wegen einer Operation ins Krankenhaus. Der Vater und die Familie umsorgen das kleine Mädchen liebevoll und umsichtig, es ist in seiner gewohnten Umgebung, es kennt die Menschen, die es umsorgen, gut, ist mit ihnen vertraut. Bevor die Mutter ins Krankenhaus kam, war die Kleine kurz davor, die ersten Schritte zu machen. Nun ist die Mutter nicht da, die Entwicklung stagniert, das Kind muss die ungewohnte Situation bewältigen. Kaum ist die Mutter wieder zu Hause, macht es die ersten Schritte.Das Kind kann sich nur entwickeln, wenn andere Menschen für es da sind. Sie bilden die schützen-den Hüllen, bildlich gesprochen drei konzentrische schützende Kreise, in denen es heranwächst und die es eine nach der anderen abstreift, abernur abstreifen kann, wenn es die pflegende, schützende Substanz von außen her erfahren durfte. Was es von außen erfahren durfte, kann es nun immer selbstständiger ergreifen und ausformen.
Diese Vorgänge vollziehen sich einerseits allgemein, andererseits total individuell : Jedes gesunde Kind lernt sprechen. Aber wie es in diesen Prozess des Sprechenlernens oder besser gesagt Sprechenwollens einsteigt, ist individuell. Darauf gilt es zu achten, wenn man einem Verständnis für die jeweilige Individualität näherkommen will.
Wenn noch alle drei Hüllen erforderlich sind – lebendige, emotionale und sinngebende Hülle, also in den ersten ca. 7 Lebensjahren –, ist das Haupterziehungsprinzip Vorbild sein – auf allen drei Ebenen, denn das Kind ahmt alles nach. Der Opa sagt zu seiner schon erwachsenen Tochter beim Abschied : « Ruf mich an, wenn Du mich brauchst ! » Eines Tages ruft der vierjährige Enkel beim Abschied : « Tschüss Opa, ruf mich an, wenn du mich brauchst ! »
Diese Vorbildfunktion bleibt auch weiterhin bestehen, wandelt sich aber um das siebte Lebensjahr. Steiner benutzt als Haupterziehungsprinzip den Begriff der « geliebten Autorität », an dem man sich in unserer Gesellschaft meist stößt, weil man an eine erzwungene Top-down-Autorität denkt. Die ist nicht gemeint und auch klar abzulehnen. Verständlicher wird es, wenn man Autorität im Sinne von Haim Omer als « neue Autorität » fasst, er nennt es « Autorität durch Beziehung », ich möchte es nennen : Vorbild werden.
Das unbedingte Vertrauen, das die Kinder ihren Lehrpersonen in den ersten Klassen entgegen- bringen, es ist ein Geschenk für die pädagogische Beziehung, das wir würdigen sollten. Wird mit der Pubertät das emotionale Gefüge verinnerlicht und zunehmend selbstständig gegen- über der Außenwelt, bleibt noch die sinngebende Hülle. Die Jugendlichen ringen mit ihrer Individuation, suchen ihre Identität, suchen ihren Platz in der Welt – und das ist bei unseren chaotischen Weltverhältnissen schwer. Wer taugt denn noch zum selbstgewählten Vorbild ? Es geht darum zu lernen, wie man Urteile differenziert ausbildet, wie Fakten von Fake-News unterschieden werden können, ein Gespür für Echtheit und Authentizität zu entwickeln. Die pädagogische Aufgabe nenne ich hier : Vorbilder suchen, die eigene innere Suchbewegung erfahren lassen, Dilemmata aufzeigen und durchdiskutieren …
Drängende Fragen in der Oberstufe angesichts von Kriegskatastrophen und Umweltzerstörung sind : « Warum tun wir Menschen uns und der Welt das an ? » – Und wenn wir ehrlich sind, können wir nur die Gegenfrage stellen : « Ja, warum? »
Kind, in welcher Zeit leben wir ?
Damit sind wir bei der zweiten Frage angekommen. Wir erleben, wenn wir ehrlich sind, ein Gefühl der Ohnmacht. Warum führen wir Krieg, warum zerstören wir die Umwelt, warum tun wir Menschen uns das an ? Kann es darauf überhaupt eine Antwort geben ? Muss sie nicht immer zynisch ausfallen angesichts des millionenfach erlebten Leids ? Aber es appelliert auch an uns : Wollen wir das so haben ? In welcher Welt wollen wir leben ? Warum machen wir es nicht einfach besser ? Wer hindert uns daran ? Sind es immer nur die Anderen, sind es die Verhältnisse ? Wir leben in einer Zeit voller Widersprüche, voller Diskrepanzen … Wenn wir in der pädagogischen Beziehung an diesen Punkt kommen, dann sind wir im Hier und Jetzt, dann sind wir auf der Erde in unserer Zeit angekommen und hier wird die Frage nach der pädagogischen Beziehung plötzlich eine ganz intime Frage an die Erzieherpersönlichkeit, nach der eigenen Positionierung, letztlich nach der eigenen moralischen Orientierung und Selbsterziehung.
Oft weicht man dieser Frage aus, denn Ohnmacht tut weh. Trotzdem kommen wir aus dieser Nummer nicht heraus. Wir Menschen sind es, die die Welt in den heutigen Zustand gebracht haben mit allen schrecklichen, aber auch allen wunderbaren und schönen Erscheinungen …
Kind, woran muss ich mich orientieren ?
Kind, woran muss ich mich orientieren, wenn ich Dir bei Deiner Entwicklung zur Seite stehenwill ? Hier setzen Waldorfpädagogik und Anthroposophie an : Sie zeigen uns auf, dass wir ohne ein Verständnis für die geistige Seite des Menschseins keine Möglichkeit haben, moralische Qualitäten zu begreifen und ein positives Entwicklungsziel zu formulieren. Ich meine, dass wir uns dafür an den höchsten Idealen des Menschseins orientieren sollen. Auch wenn uns nicht immer alles gelingt, wenn wir mit unseren Bemühungen regelmäßig auch scheitern, die Frage, wohin wir als Menschen, als Menschheit uns entwickeln wollen, die muss leitend sein und dafür haben wir in der Waldorfpädagogik Arbeitenden die Anthroposophie mit ihren zahlreichen Anleitungen und Übungen zur Selbsterziehung und wir haben die Schilderungen Rudolf Steiners zur Weltenentwicklung, wie er sie ausführlich in seiner « Geheimwissenschaft » be-schreibt. Das muss man nicht gleich alles wissen, können und verstehen, aber es ist ein Weg, der einen innerlich beweglich macht, der Perspektiven eröffnet, Gewohntes infrage stellt, noch nicht Gewordenes denken oder zumindest für möglich halten lässt. So jedenfalls habe ich es erlebt und erfahre es tagtäglich. Das bedeutet nicht – und das finde ich wichtig und ehrlich zu betonen –, dass das Leben nun leichter und weniger kompliziert wird – im Gegenteil. Wir wollen den Kindern helfen, sich auf der Erde gesund zu entwickeln und sich dort zurechtzufinden. Dazu haben wir aber nur ein Recht, wenn wir auch an uns arbeiten. Selbsterziehung als grundlegendes Prinzip aller Erziehung ! Selbsterziehung bedeutet ja in unserem Kontext zugleich, sich mit seinem Stern zu verbinden, mit seiner eigenen Lebensaufgabe, mit dem eigenen Lebensmotiv. Im vierten Vortrag der « Allgemeinen Menschenkunde » schildert Rudolf Steiner, wie wir aufmerksam werden müssen auf die kleinen und großen Wünsche, die leise, fast unbewusst anklingen, wenn wir uns bemühen, gemäß unserem inneren Lebensmotiv zu leben, wie nach jeder mehr oder weniger gelungenen Aufgabe leise willensmäßig etwas anklingt – willensmäßig, nicht vorstellungsmäßig : Es bleibt immer ein leises Unbehagen, … «was du da ausgeführt hast, das könntest du noch viel besser ausführen »… Es bleibt der Wunsch, es zu verbessern. Dieses beständige Streben auf allen Ebenen des Menschseins ist es, auf das es ankommt. Dadurch entwickeln wir uns weiter und das ist es, was den Kindern Orientierung gibt : Sie erleben den Erwachsenen, der an sich arbeitet. Wo aber blicken wir hin ?
• Die große Erdenaufgabe für den Menschen ist es, die eigene Freiheit zu entwickeln, selbstverantwortlich handeln zu lernen.
• Dazu braucht es zusätzlich die Kraft der Liebe, denn Freiheit ohne Moralität führt in die Katastrophe, wie wir z. B. im ungezügelten Egoismus des Neokapitalismus erleben mit all seinen Absurditäten.
Wir alle sind, jeder von uns ist gefragt, die eigene Freiheit zu nutzen und mit fruchtbaren Zukunftskeimen zu durchsetzen. Fruchtbar ist aber nur, was unsere moralischen Kräfte erweitert, unser selbstloses Interesse für und unsere selbstlose Hinwendung zu unserer Umgebung steigert. Auch für die Lehr- und Erzieherpersönlichkeiten gilt : « Dadurch allein ist der Mensch ja ein wirklich richtig erzogener, dass er seinen Mitmenschen am besten nach seinen Kräften dienen kann. » Das mag jetzt sehr idealistisch klingen – ist es auch und muss es sein. Denn die Kinder, egal aus welchem sozialen Umfeld sie stammen, erwarten von uns, dass wir sie ihrem Wesen gemäß, ihrem Stern gemäß in Empfang nehmen und begleiten. Und wenn wir das kraftvoll und zugleich in aller Bescheidenheit tun, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass wir zumindest kleine Samenkörner für die Zukunft legen.
Zur Selbsterziehung gehört immer auch das Scheitern. Ich meine damit nicht nur, die großen Brüche, wenn es beispielsweise nicht gelingt, einen Resonanzraum zwischen sich und dem Kind bzw. seinen Eltern zum Klingen zu bringen, wenn es knirscht und man keinen gemeinsamen Weg findet. Nein, ich meine auch das tägliche Scheitern, das tägliche Gefühl – ja, das war ganz gut, könnte aber noch besser gelingen. Oder die Frage : Warum steigt dieses Kind nicht ein ins gemeinsame Tun ?

Das Ringen mit dieser Frage und die Suche nach neuen, individuellen Wegen, wofür interessiert sich das Kind ? Glücklicherweise gibt es für diese Aufgabe ein paar sehr hilfreiche Unterstützer und Korrektive, die allerdings nicht immer ausreichend berücksichtigt und gewürdigt – im Gegenteil oft sogar als Hindernis erlebt – werden. Das ist zum einen die Zusammenarbeit mit den Eltern. Die unbedingte Notwendigkeit und den Mehrwert dieser Zusammenarbeit hat Christof Wiechert ausführlich beschrieben und dafür den Begriff des goldenen Dreiecks geprägt (Erziehungskunst, Dezember 2018). Also die Dreiecksbeziehung zwischen Kind, Eltern und Lehrern bzw. Lehrerinnen.
Ich möchte ein anderes Korrektiv ins Bewusstsein heben, und das ist die kollegiale Zusammenarbeit. Das Kollegium ist ein unverzichtbares Unterstützersystem, eine Hülle für die pädagogische Beziehung. Wie oft kann man hören : Ja, mit den Schülern ist alles gut, wenn nur die Eltern und Kollegen nicht wären. Ja, es gibt Eltern, die man als schwierig erlebt und ja, es gibt Kolleginnen und Kollegen, die man nicht primär im Freundeskreis hätte. Aber genau diese sind es, die uns aufrufen, an uns zu arbeiten und sich in der gemeinsamen Arbeit ins Einvernehmen zu setzen. Manchmal gelingt das nicht – Scheitern ist möglich. Oft aber bringen Kolleginnen oder Kollegen überraschende und wesentliche Gesichtspunkte. Wie erquicklich sind Kinderbetrachtungen, in denen es ganz um das Kind geht, wo jeder und jede sich übt, das Eigene alltäglich Persönliche außen vor zu lassen, wie erweitert es die eigene Wahrnehmungsfähigkeit, wenn eine andere Persönlichkeit aus dem Kollegium etwas äußert, das man selbst so noch nicht bemerkt hat oder nicht so schön und treffend formulieren konnte. Wenn man sich fragt : « Wie lebt das Kind in dir ? » Wenn das Kollegium in der gemeinsamen Konferenz-Arbeit verbunden ist, dann entsteht eine Substanz, in der die Kinder gedeihen, dann verdichtet sich die pädagogische Hülle um das Kind. Das ist mittlerweile auch nicht mehr bloß waldorfpädagogische Hoffnung, sondern zum einen erlebbar, wenn man es tut, und zum anderen legen es Untersuchungen wie die Hattie-Studie nahe. Im « Spickzettel für Lehrer » mit dem schönen Titel « Neue Autorität in der Schule – Präsenz und Beziehung im Schulalltag » von Martin Lemme und Bruno Körner heißt es zur kollegialen Zusammenarbeit : « Das bedeutet im Alltag, dass Gesprächsräume eingerichtet werden, in denen man sich konstruktiv … austauschen kann. Erst unter dem Eingeständnis von Fehlern und erlebter Hilflosigkeit ist es möglich, sich konstruktiv gegenseitige Unterstützung anzubieten. »
Wir sprechen von Fehlerkultur, lernen aus Fehlern … Aber nur, wenn wir im Kollegium transparent und konstruktiv mit Fehlern und Ungeschicklichkeiten umgehen, können Schüler und Schülerinnen und die Eltern uns als authentisch erleben und daran anknüpfen. Wenn wir wirklich zusammenarbeiten und uns immer aufs Neue um ein kollegiales gutes Miteinander bemühen, dann bildet sich eine Substanz, die mehr ist als jeder Einzelne. Als Rudolf Steiner im August 1919 mit dem Vorbereitungskurs für die Lehrer und Lehrerinnen der ersten Waldorfschule begann, ließ er diese zwölf Persönlichkeiten etwas erleben. Dieses Erlebnis –eine Meditation – wurde erst viele Jahre später von einzelnen Anwesenden niedergeschrieben. Die Berichte liegen uns vor, sind weitgehend bekannt und werden auch in vielen Kollegien bewusst herangezogen, um die kollegiale Zusammenarbeit und damit den pädagogischen Resonanzraum zu stärken.Es geht ganz konkret darum, sich in der gemeinsamen Arbeit wahrzunehmen und unterstützt zu erleben durch geistige Wesenheiten, die jedem Einzelnen und der Gemeinschaft in ihrem Streben nach pädagogischer Wirksamkeit helfen, die eine schützende Hülle um die im gemeinsamen pädagogischen Streben verbundenen Kolleginnen und Kollegen weben. Diesen Schutz können wir uns aneignen. Die kollegiale Arbeit auf Augenhöhe erwarten wir. Zukunftsweisend ist der gemeinsame Blick nach oben.
Zwei Kinder einer 3. Klasse verfassten bei dem Auftrag, eine kleine Erzählung zu schreiben, den folgenden Text :
Der kleine Stern
Es war einmal ein kleiner Stern. Er lebte hoch oben am Himmel. Er leuchtete strahlend hell und seine Eltern waren sehr glücklich. Irgendwann ging er zur Schule und lernte, wie man sehr hell strahlt.
Petra Hamprecht-Krause besuchte die Rudolf Steiner Schule Berlin Dahlem, studierte Medizin in Berlin, Freiburg und London, erlangte die Approbation und widmete sich im Anschluss der Erziehung ihrer vier Töchter. Während dieser Zeit besuchte sie das berufsbegleitende Waldorflehrerseminar in Freiburg, welches sie mit der Ausbildung zur Klassenlehrerin abschloss. Seit 2007 ist sie als Klassenlehrerin an der Rudolf Steiner Schule Nürtingen tätig und engagiert sich auch in der Selbstverwaltung der Schule. Der Text ist die überarbeitete Mitschrift eines Vortrages, der auf der Sommerakademie 2024 in Stuttgart gehalten wurde.

