Ausgehend von eindrücklichen Alltagsbeispielen zeigt Hartmut Rosa, «dass wir in zunehmendem Masse von Handelnden zu Vollziehenden werden oder vielmehr uns selbst dazu machen». Rosa nennt Beispiele, wie den Schiedsrichter, der sich im Fussballspiel auf den Video-Assistant Referee anstatt auf das selbst Gesehene beziehen muss, er weist auf die Bewertung von Klausuren im Studienzusammenhang hin, die keiner menschlichen Einschätzung mehr bedürfen und nennt das Übermass an Berichtspflicht.
Handelnde Menschen prägen und verändern Situationen fortwährend, sie sind Akteure innerhalb Spielräumen, während Vollziehende sich einem gegebenen System, einer Konstellation gegenübergestellt erleben. Den Begriff Konstellation benutzt Rosa in diesem Zusammenhang «als eine Anordnung von eindeutig identifizierbaren Einzeldingen, die zueinander in einer festgelegten, messbaren und oft binär codierten Beziehung stehen».
Rosa betrachtet den Wandel vom Handeln zum Vollziehen aus den Perspektiven der Philosophie, der Wissenschaft und der Politik und stellt auf allen Ebenen das Verschwinden der menschlichen Urteilskraft fest. Vermehrte Bürokratie und die Digitalisierung nehmen uns Verantwortung für entstehende Situationen ab. Selbstwirksamkeitserfahrungen und Ermessens- und Handlungsspielräume machen der Sicherung von Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Genauigkeit und Effizienz in unserer Gesellschaft Platz. Situatives Handeln weicht linearen Vollzügen, praktische Erfahrungen weichen einem Kriterienkatalog und komplexe Lebenssituationen werden zu Ja-Nein-Optionen.
Dabei setzt Rosa sein formuliertes Anliegen, das Thema nicht einseitig darzustellen, in vielfältiger Weise um und bleibt in seiner Darstellung bei einer vorwiegend fragenden, forschenden Haltung und regt den Leser durch alltägliche Beispiele an, die eigene Situation daran abzugleichen.
Dennoch zeigt er, dass der situationsangemessen Handelnde sich lebendig im Dialog mit der Welt erleben und sich mit Augenmass und Fingerspitzengefühl in einem individuellen Spielraum entscheiden und handeln kann. Das Verschwinden dieser Spielräume durch konstellatives Vollziehen löst Verunsicherung und Ängste aus.
Ein Plädoyer für das Handeln ist für Rosa ein Plädoyer für das Leben. Rosa nennt an dieser Stelle das Verhindern der kindlichen Kreativität beispielsweise im heutigen Legospiel, das oft nur noch aus dem einmaligen Erstellen von komplizierten Objekten besteht.
Kinder lernen durch das Entdecken individueller Handlungsspielräume, indem sie Spiele eigenständig erproben, Spielregeln selbst aushandeln und Konflikte selbst bearbeiten, indem sie aktiv in die Selbst- und Weltbeziehung eintreten und angstfrei Resilienz entwickeln. Anstatt vorgegebenen Spielabläufen, Sicherheitskult (safetyism) und körperliche Optimierung sieht Rosa die Notwendigkeit, gerade Kindern Spielräume und Risiken zu ermöglichen, um sich in einer lebendigen Resonanz mit der Situation zu erleben.
Ein leicht zu lesendes Buch mit einer Vielzahl an Anregungen für ganz unterschiedliche Bereiche des Lebens, das aufweckt, bewusst macht und richtungsweisende Handlungsperspektiven eröffnet.
Susanne Vieser
Hartmut Rosa: Situation und Konstellation, Vom Verschwinden des Spielraums, 224 S., geb., EUR 25,–, Berlin 2026.

