Agnes Zehnter, zu Gast bei der FPV, im Portrait
Text: Anna Ryter | Foto: fpv.ch

«Meine Lebensaufgabe sehe ich darin, Menschen für das Wunder ‹Sprache› zu begeistern, die Sprachgestaltung in die Welt zu tragen, ihre Möglichkeiten und Wirkungsweisen zu erforschen, zu ihrem Weiterleben und ihrer Weiterentwicklung beizutragen. Hilfreich sind mir dabei die anthroposophische Menschenkunde und der anthroposophische Schulungsweg sowie der Austausch mit anderen Menschen.» Agnes Zehnter
Jedes Jahr in den Herbstferien veranstaltet die Freie pädagogische Vereinigung (FPV) in Trubschachen eine Fortbildungswoche für Lehrpersonen und pädagogisch Interessierte. In diesem Herbst hält die Sprachgestalterin Agnes Zehnter den Eröffnungsvortrag, und es gibt auch die Möglichkeit, bei ihr während der ganzen Woche einen praktischen Kurs zu besuchen.
Agnes Zehnter wurde 1966 geboren und wuchs als zweites von vier Geschwistern in Heidelberg auf.
Schon als Agnes ein Kind war, fiel auf, dass sie ein besonderes Ohr für die Sprache hat. Sie liebte es, Gedichte und Lieder mit vielen Strophen auswendig zu lernen, und sie interessierte sich für Wörter und ihre Vieldeutigkeit.
Wenn die Mutter zu ihr sagte: «Agnes, jetzt reiss dich zusammen» belehrte sie die Mutter, dass das nicht gehe, weil «reissen» immer auseinander sei, nie zusammen.
In ihrer Schulzeit an der Waldorfschule in Mannheim hatte sie das Privileg, einmal die Sprachgestalterin und Schauspielerin Dora Gutbrod zu erleben.
Mit 17 Jahren litt Agnes Zehnter an einer schweren Herzkrankheit, die sie für ein halbes Jahr ans Spitalbett fesselte. Durch diese Zeit begleitete sie ein Gedichtband ihrer Grossmutter, und die Worte darin sollten für ihren künftigen Lebensweg wegweisend sein.
Die letzten Zeilen aus dem Gedicht «Der Möwenflug» des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer haben Agnes Zehnter damals gepackt, und nicht mehr losgelassen. Dort heisst es:
«Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?»
Jetzt war klar: Agnes Zehnter wollte ihr Schaffen und Wirken der Sprache widmen. Zuerst absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie wollte die pädagogischen Grundlagen dieses Berufs auf ihren weiteren Weg mitnehmen. Danach nahm sie Kontakt auf zu Dora Gutbrod. Durch sie kam Agnes nach Dornach ans Goetheanum, wo sie bei Ursula Ostermai den Lehrgang zur Sprachgestalterin und Sprachtherapeutin antrat und dort ihre Berufung fand. «Für mich war der Weg immer gerade, ich hab nie daran gezweifelt», sagt sie.
Gerade, aber unendlich vielfältig. Agnes Zehnter ist heute sechzig Jahre alt. Sie ist Dozentin, Künstlerin, Therapeutin und Ausbilderin. Sie leitet einen Sprechchor, ist Schulleiterin von «amwort» und doziert an verschiedenen Fachschulen und Fachhochschulen.
Sprache als Kunst: Hörbar machen, was zwischen den Zeilen vibriert, es einfangen und schöpferisch zu neuem Leben erwecken
Die Arbeit einer Sprachgestalterin vergleicht Agnes Zehnter mit der eines Musikers. Die Partitur ist da, der Musiker macht sie sich zu eigen und spielt sie in seiner Interpretation neu. Durch das Erleben des Geschriebenen wird jede Facette der Texte neu geschöpft. Jeder Laut hat seine eigene Wesenheit, hinzu kommen Satzstruktur, Versmass, Rhythmus und vieles mehr. Zudem ist jede Sprache zu verstehen wie ein besonderes Kleid, welches die tiefere Bedeutung eines Textes ziert und unterstreicht. All das wird von der sprachgestaltenden Person erkannt, durchlebt und in eigener, neuer Form wiedergegeben.
Sprache kann auch heilen
Neben dem künstlerischen Ausdruck arbeitet Agnes Zehnter auch in ihrer eigenen Praxis in der therapeutischen Sprachgestaltung. Dort ist ihr Ziel, einseitige Tendenzen und Blockaden aller Art durch Sprache auszugleichen. Durch Üben kleiner Sätze oder von Gedichten verändert der Patient etwas in sich. Jüngere Kinder üben über Bewegung, die Sprache kommt für sie unbemerkt dazu.
So behandelt Agnes Menschen mit Hyperaktivität, Stottern, Schüchternheit, Hörproblemen, Asthma und begleitet Jugendliche mit Veränderungswünschen. Auch Menschen kurz vor der Todesschwelle nehmen ihr Wissen in Anspruch, um ihre letzten Schritte zu gehen.
Die Trubschachenwoche vom 4.–9.Oktober 2026 in Trubschachen trägt den Titel «Der Mensch im Spannungsfeld von Beziehung und Entfremdung». Agnes Zehnter sagt: «Um im sozialen Zusammensein weiterzukommen, sind wir dazu aufgefordert, von Herz zu Herz miteinander zu sprechen. Wir sollen uns nicht hinter den Worten verstecken, sondern durch die Worte hindurch das ausdrücken, was wir wirklich sagen wollen.»
Sie wird zwei Vorträge halten, am Sonntag spricht sie über «Das Phänomen Sprache und ihre menschenkundlichen Bezüge». Der zweite Vortrag am Montagvormittag trägt den Titel «Wirksamkeiten und Dimensionen der Sprache».
Wer sich in der Trubschachenwoche schöpferisch mit Sprache auseinandersetzen will, kann bei ihr den Kurs «Poesie sprechen» besuchen. Mehr Infos unter www.fpv.ch
(Quelle: Ichwege.ch)

